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»Da war nichts arrangiert«

Wolfgang Bonte, 47, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Uni Düsseldorf, war in Teheran, um Opfer des Blutbades von Mekka zu untersuchen. Der Iran wirft Saudi-Arabien vor, auf Demonstranten geschossen zu haben, was die Saudis abstreiten.
aus DER SPIEGEL 36/1987

SPIEGEL: Professor Bonte, sind die Pilger, die bei den Unruhen in Mekka am 31. Juli umkamen, erschossen oder totgetrampelt worden?

BONTE: So pauschal kann ich das nicht sagen. Nach islamischem Recht müssen Leichname ja innerhalb von drei Tagen bestattet werden. Ich konnte daher nur einen Toten untersuchen. Er hatte eine tödliche Schußverletzung.

SPIEGEL: Haben Sie die Leiche obduziert?

BONTE: Nein, auch das ist nach islamischem Recht nicht gestattet. Ich durfte aber mit dem Sezierbesteck Schnitte legen. Der Schuß war die Todesursache. Es gab eindeutige Anzeichen einer sogenannten vitalen Reaktion. Die Einschußöffnung und der Gaumen waren eingeblutet. Das kann man beides postmortal nicht machen.

SPIEGEL: Können Sie mit Sicherheit sagen, daß der Mann zum Zeitpunkt der Zusammenstöße in Mekka, also am 31. Juli, verstorben ist?

BONTE: Der Mann muß schon längere Zeit tot gewesen sein. Die Leiche war eiskalt. Es hingen auch noch Eisstückchen im Bart. Man hat mir einen Pilgerpaß gezeigt, der eindeutig dem Toten gehörte. Das Bild war echt. Ich habe keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, daß der Paß manipuliert war. Aber theoretisch ist das natürlich nicht unmöglich. In dem Paß war ein saudiarabisches Visum, ausgestellt von der Saudi-Botschaft in Teheran, außerdem ein Einreisestempel. Danach muß der Mann am 29. Juli, also zwei Tage vor dem Vorfall, eingereist sein. Einen Ausreisestempel gab es nicht.

SPIEGEL: Haben Sie ein Honorar bekommen?

BONTE: Nein. Ich war Gast der Regierung in Teheran, aber ich habe kein Geld erhalten. Ich habe auch noch fünf Verletzte untersucht. Bei vier liefen die Schußkanäle alle horizontal von links nach rechts in der gleichen Höhe. Die vier Leute sind offenbar ganz kurz nacheinander in einem räumlich eng begrenzten Bereich getroffen worden. Das waren keine Kriegsverletzungen.

SPIEGEL: Was gibt Ihnen die Sicherheit, daß das alles nicht eine Show war?

BONTE: Es war alles viel zu chaotisch. Die Auswahl der Verletzten war zufällig. Die Papiere und die Röntgenbilder mußten zum Teil auf meine Aufforderung erst gesucht werden. Die Leute machten keine einheitlichen Aussagen über den Hergang der Schießerei. Nein, da war vorher nichts arrangiert.

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