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»Da wird gemauert«

aus DER SPIEGEL 31/1994

Kirill Sidorow, 46, ist als Abteilungsleiter beim Föderalen Spionageabwehrdienst Rußlands, hervorgegangen aus dem ehemaligen KGB, zuständig für den Schutz strategischer Rüstungsbetriebe.

SPIEGEL: Wenn die russischen Behörden mitspielen würden, sagen Atomexperten, ließe sich genau feststellen, woher das Plutonium stammt, das in der Bundesrepublik gefunden wurde. Haben Sie von den Deutschen schon eine Materialprobe bekommen?

Sidorow: Die haben uns leider keine Proben zukommen lassen. Dabei sind wir sehr daran interessiert, Analysen im Moskauer Kurtschatow-Institut oder in anderen Atomzentren anfertigen zu lassen, um den Fall aufzuklären. Wenn wir die Isotopen-Zusammensetzung genau analysieren könnten, ließe sich die Plutonium-Quelle sicher feststellen. Wir kennen - von Fotos her - lediglich den Behälter, in dem das Plutonium aufbewahrt wurde. Solche Behälter aber werden bei uns in Rußland nicht verwendet.

SPIEGEL: Nach Ansicht westlicher Experten führt die Spur nach Rußland.

Sidorow: Dafür gibt es keinen Beweis. 95 Prozent aller Meldungen über Atomdiebstähle bei uns sind schlichtweg falsch. Das hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEO in Wien bestätigt. Bei den restlichen 5 Prozent handelt es sich um Materialien, die nicht zur Waffenproduktion taugen.

SPIEGEL: Bundeskanzler Helmut Kohl soll Ihrem Präsidenten Boris Jelzin bereits beim G-7-Gipfel Anfang Juli in Neapel Informationen zum Plutonium-Fund in Deutschland gegeben haben.

Sidorow: Es gibt keinerlei Bestätigung, daß ein derartiger Informationsaustausch stattgefunden hat. Dabei brauchen wir dringend Kooperation. Wir würden auch in diesem Fall eng mit den Geheimdiensten Deutschlands und der USA zusammenarbeiten.

SPIEGEL: Es gibt in Moskau eine Vertretung des Bundesnachrichtendienstes (BND), mit der Sie reden könnten.

Sidorow: Ach, die Vertretung ist doch wohl noch ganz neu hier.

SPIEGEL: Welche Informationen haben Ihnen die Deutschen bislang gegeben?

Sidorow: Ganz, ganz wenig. Mit diesen Fakten können wir den Herkunftsort des Materials nicht bestimmen. Weitergehende Einzelheiten werden uns vom BND vorenthalten mit der Begründung, man müsse die eigenen Agenten schützen. Auf politischer Ebene wird über Zusammenarbeit gesprochen, unten dagegen wird gemauert und zugleich Propaganda gegen uns gemacht.

SPIEGEL: Welchen Sinn könnte das haben?

Sidorow: Wir beobachten, daß deutsche Behörden zunehmend nach der Musik jener Leute tanzen, die Gerüchte über Schwarzhandel mit russischem Nuklearmaterial erst richtig anheizen wollen. In Deutschland und in anderen Staaten wird verbreitet, daß etwa angereichertes Uran 60 000 Dollar pro Kilogramm bringt. Die Öffentlichkeit soll glauben, Rußland sei nicht mehr in der Lage, Produktion, Lagerung, Einsatz und Transport von Kernwaffen zu kontrollieren - was eine Verletzung des Atomwaffen-Sperrvertrages wäre. Einerseits drängt man auf überstaatliche Aufsicht über den russischen Nuklearkomplex, andererseits wird im kriminellen Milieu die Nachfrage geschürt.

SPIEGEL: Wird die nun heftiger?

Sidorow: Die Leute, die da bisher mitmischen, scheinen blauäugige Laien zu sein. Glauben Sie mir: Wenn sich wirklich schon die Mafia darum kümmern würde, dann würde die zielstrebig genau das zutage fördern, was man wirklich für ein Bömbchen braucht.

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