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»Da wohnt böser Mann«

aus DER SPIEGEL 52/1977

Im Schatten der Pyramiden von Gise, dem einzigen voll erhalten gebliebenen Weltwunder des Altertums, bahnt sich -- vielleicht? -- wieder ein Wunder an. Ägypter und Israelis verhandeln, abgeriegelt zwar vor neugierigen Beobachtern durch einen Kordon von 2000 kampfbereiten Soldaten mit Schnellfeuergewehren und aufgepflanzten Bajonetten, aber immerhin, sie verhandeln über den Frieden.

»Willkommen in der Stadt des Friedens«, wurden wir am Kairoer Flughafen empfangen, Passagiere des ersten kommerziellen Fluges. der je Israel mit Ägypten verband: 4000 Jahre nach Josephs Brüdern sind Israelis wieder gern gesehene Gäste im Nil-Land.

Kairo hat sich für die Konferenz festlich herausgeputzt. Unzählige Lichterketten schmücken die Innenstadt, entlang kilometerlanger Alleen hängen riesige Fest-Teppiche, die normalerweise Hochzeitszelte zieren. Selbst unser ägyptischer Begleiter staunt:,. So sauber habe ich die Stadt noch nie gesehen.« Und, meint ein ägyptischer Kollege, »die setzen Straßenkehrmaschinen ein, von deren Existenz hier ich bislang gar nichts wußte«.

Jedem, der sich in diesen Tagen in Kairo als Israeli zu erkennen gibt, stehen sämtliche Türen offen. Immer wieder werden wir von Ägyptern zum Kaffee eingeladen, stets mit der wohl unvermeidlichen Frage verbunden, ob Präsident Sadat denn nicht wirklich ein großer Mann sei. »Sadat Superstar« ist allgegenwärtig, wird endlos als Held des Friedens gepriesen.

Die »Maariv«-Korrespondentin Tamar Golan schwärmte, in Kairo fühle sie sich wie die Königin von Saba. Die weit zurückliegende gemeinsame Geschichte beider semitischen Völker wird bemüht, dieser Atmosphäre plötzlicher Verbrüderung gerecht zu werden. Denn vielleicht, meint einer unserer Gastgeber, war »unsere Abneigung gegen die Juden deshalb so groß, weil wir ihnen so ähnlich sind«. Tatsächlich spürt man einen fast arroganten Stolz bei Israelis und Ägyptern gleichermaßen. Eine semitische Sternstunde? Die ersten Biographien von Golda Meir und Mosche Dajan liegen in Kairos Buchläden.

Die Israelis zeigen sich in Kairo ganz anders als zu Hause. Nichts ist mehr spürbar von ihrer sprichwörtlichen Chuzpe, nur eine erstaunlich zuvorkommende Höflichkeit. Jeder bemüht sich, den Eindruck zu vermeiden, er sei ein fremder Effendi.

Auf dem Bahnhofsvorplatz entlockt die Statue Ramses' II. den Gästen aus dem Judenstaat die unernste Bemerkung: »Das war doch auch unser König, für den unsere Vorväter eine Pyramide gebaut haben.« Begeisterung macht sieh bei den Israelis sogar breit, wo sie gar nicht angebracht ist: Auf etlichen Autoschildern meinten sie freudig, das Wort Pax zu entdecken -- dabei hieß es Tax, für Taxi.

Glücklich lächelnde Israelis, wenn sie lesen, wie nun die »Egypttian Gazette« die Radikalen der PLO als » Lakaien des Kreml« abkanzelt. Genauso hätte das auch in der hebräischen Presse stehen können. Moskau ist nicht mehr gut gelitten. Als er an der sowjetischen Botschaft, nahe einem Wohnhaus Sadats vorbeifährt, zügelt der Taxifahrer nur mühsam in gebrochenem Deutsch seine Wut: »Da wohnt böser Mann« Jetzt, wenn Frieden kommt, wird alles besser werden.

Eine gefährliche Euphorie hat Ägypten erfaßt und so manchen seiner Gäste auch. Als zu Beginn der Konferenz der erste Regen des Jahres fiel, werteten die Israelis das als gutes Omen; die Kairoer Zeitung »Le Progrès Egyptien« schrieb sogar vom »Friedenswetter«.

»30 Jahre lang haben wir unser Geld sinnlos verpulvert. Jetzt brauchen wir endlich Schuhe und Schulen«, bekräftigte ein Kaufmann den Willen zum Frieden, und eine Hotelangestellte namens Arafat beteuert: »Wir wollen Ruhe, Arbeit und endlich Frieden.«

Doch Zweifel bleiben. Auf Fragen nach der doch schier unüberwindlich scheinenden Diskrepanz der Verhandlungspositionen beider Länder sind schnell die Israelis mit frommen Wünschen anstelle großzügiger Gesten zur Hand. Und die Ägypter spenden sich selbst den Trost, Sadat oder Allah (meist in dieser Reihenfolge) würden schon alles zum Guten wenden.

* Ben-Ellisar

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