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Briefe

Dadap-Dadap
aus DER SPIEGEL 4/1995

Dadap-Dadap

(Nr. 2/1995, Hörfunk: Jurek Becker über den Niedergang der öffentlich-rechtlichen Programme)

Ihr Artikel hat mir aus der Seele gesprochen. Bis auf eine Ausnahme (SWF 3) langweile ich mich vor dem Radio zu Tode. Ich habe den Anspruch, daß ein Sender informiert, und zwar nicht nur durch absolut dämliches Wettergequatsche oder durch sinnlose Gewinnspiele mit anschließender Grußorgie. *UNTERSCHRIFT: Frankfurt am Main SVEN ASMUSSEN

Unerfindlich, woher der unerschütterliche Glaube von Mittagsmagazin-Machern kommt, ein Hörer müsse sich nach einem kurzen Wortbeitrag von der gerade gemachten geistigen Anstrengung erst einmal durch Anhören eines Blabla-Musiktitels für den nächsten Beitrag regenerieren. Ebenso unergründlich, wieso die Ankündigung der folgenden Themen bei TV-Nachrichtensendungen mit stupiden Drum-Computer-Rhythmen unterlegt werden muß, wie etwa: . . .Grosny sturmreif geschossen (Dadap-Dadap). *UNTERSCHRIFT: Köln PETER HERBOLZHEIMER Jazz-Musiker

Was Becker beschreibt, ist leider nur zu wahr, und Hörer werden sich zunehmend fragen, ob die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Auftrag noch gerecht werden und dafür Gebühren erheben dürfen. Die aufsichtsführenden Gremien tun dies leider nicht, und die Redakteure, die Hörfunk nicht nach der Meßlatte des kürzestmöglichen Beitrags ausrichten wollen, stehen inzwischen mit dem Rücken an der Funkhauswand. *UNTERSCHRIFT: Hamburg CARL-WILHELM LOHMANN

Die Deklassierung aktueller Musik als »Musikmüll« entlarvt Becker als arroganten und überheblichen Intellektuellen, der seinen eigenen Geschmack verabsolutiert. Vielleicht ist es ja gerade das Verdienst des Privatfunks, daß nicht mehr monopolistische Programmacher, sondern die Hörer selbst bestimmen, was ihnen am besten gefällt. *UNTERSCHRIFT: Berlin PETER NEUMANN

Ich vermute, daß die Verflachung im Hörfunk zu gravierenden sozialen und politischen Erosionen führen wird, weil es sich hier um einen selbstverstärkten Rückkopplungsprozeß zwischen Akteuren und Claqueuren handelt. Wenn wir uns auf diese Weise nicht »zu Tode amüsieren« und in kollektiver Verblödung enden wollen, müssen wir schnellstens alles tun, um jene Journalisten zu stärken, die die Schnipselschere in ihrem Kopf und ihren Arbeiten noch nicht angesetzt haben. *UNTERSCHRIFT: Berlin PROF. ROLF KREIBICH

Jurek Becker hört einfach die falschen Sender. Wer den Musikmüll und den Rausschmiß der Wörter aus den Rundfunkprogrammen beklagt, hat eine klare Alternative: Das von ARD und ZDF getragene DeutschlandRadio bietet mit dem Deutschlandfunk aus Köln und dem DeutschlandRadio Berlin bewußt ein Kontrastprogramm in der Medienszene. *UNTERSCHRIFT: Berlin ERNST ELITZ DeutschlandRadio

Becker kritisiert, wie er vorgibt, das Hörfunkprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender, wendet sich jedoch in Wirklichkeit gegen die Interessen sehr vieler Hörerinnen und Hörer. Längst ist nämlich durch die Medienforschung belegt, daß eine Mehrheit das Radio gerade wegen seiner Musik einschaltet, da vor allem sie die Phantasie anregt. *UNTERSCHRIFT: Baden-Baden DR. REIMUND HESS Südwestfunk

Natürlich kann sich einem das Herz zusammenziehen, denkt man verklärend an die gute alte Radio-Zeit zurück, wo angeblich jung und alt in trauter Eintracht audiophonen Hörstücken lauschte. Wie viele andere moderne Errungenschaften hat sich auch das Dampfradio weiterentwickelt, um sich auf verschiedene Publikumsinteressen einzustellen. Sollen wir nostalgischer Träume willen am Tante-Emma-Programm festhalten, in dem das Schlagerkarussell dem Kirchenfunk folgte und das immer weniger Hörer fand? Oder dürfen wir nicht auch von Jurek Becker, einem so klugen Schriftsteller und Fernsehautor, erwarten, daß er sein eigenes Radiogerät bedienen kann? *UNTERSCHRIFT: München PROF. ALBERT SCHARF ARD-Vorsitzender

Bravouröse erste Runde für den »Boxer« Jurek Becker. Lassen Sie ihn in der zweiten Runde gegen das Fernsehen antreten. Das erhielte denselben K.-o.-Schlag wie der Hörfunk. Schade nur, daß Beckers toller Fight für das Wort bei den Verantwortlichen kein Gehör finden wird. *UNTERSCHRIFT: Lindenberg (Bayern) BRIGITTE MAUDERER

Nostalgiker wie Becker verkennen, daß das Radio längst zum Begleitmedium verkommen ist: Unter der Dusche oder hinterm Steuer ist der Durchschnittshörer mit langen Kommentaren schlicht überfordert. *UNTERSCHRIFT: Lissabon THOMAS NEUKIRCHEN

Die neue Seichtigkeit des öffentlichrechtlichen Hörfunks in Nordrhein-Westfalen hat keine Vorbilder im Privatfunk. Die WDR-Programmreform '95 hat einen Vater und trägt dessen Namen: Pleitgen, Pech und Pannen. Selbst öffentlich-rechtliche Fundi-Hörer werden durch fröhliche Minus-Moderatoren verprellt, die in manch kleiner Lokalstation eine Weile off-air üben dürften. *UNTERSCHRIFT: Mülheim (Nrdrh.-Westf.) ACHIM MARTEN Antenne Ruhr

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