Zur Ausgabe
Artikel 64 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schweiz Dä Cheib

Wegen Mordes an seiner Ehefrau sitzt Bruno Zwahlen im Zuchthaus - unschuldig, beteuert er. Eine Dorftragödie wurde zum Justizskandal.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Ds Füdli i dr Luft u dr Chopf im Iis«, den Hintern in der Luft und den Kopf im Eis: So fand das Rentnerpaar Alice und Paul Etter aus Kehrsatz bei Bern am frühen Abend des 1. August 1985 die steifgefrorene Leiche seiner Adoptivtochter Christine, 24. Unbekleidet steckte sie in der Tiefkühltruhe im Keller ihres Hauses, nur wenige Meter vom Eigenheim der Eltern entfernt.

Fünf Tage lang, vom Samstag bis zum Donnerstag, hatte Bruno Zwahlen zuvor seine vermißte Ehefrau »Chrigi« gesucht - zum Schein, behaupteten die Eltern sofort, denn ein anderer kam als Mörder für sie nicht in Frage. Die Polizisten, die den Fall untersuchten, schlossen sich schnell dieser Meinung an, zumal der leitende Beamte Alice Etter seit ihrer Jugend kannte.

Denn Bruno Zwahlen hatte heimlich eine Freundin. Das, fand das fromme Ehepaar Etter, sei doch wohl ein klarer Hinweis auf die verbrecherische Gesinnung des Schwiegersohns, dem die Etters einen dämonischen Einfluß auf ihre Tochter unterstellten. »Wenn wir alles gewußt hätten«, sagte Paul Etter, der in dem späteren Prozeß als Nebenkläger auftrat, »hätten wir ihm unsere Tochter nicht gegeben.«

Die gleiche Formulierung hatte er zwei Wochen vor dem Verschwinden seiner Tochter »in aller Ruhe und keinesfalls heftig« gegenüber Zwahlen gebraucht, als er sich mit ihm über die wachsenden Spannungen zwischen ihnen aussprach. Der Streit entzündete sich immer wieder an Nebensächlichkeiten, hatte aber seine Ursache im zunehmenden Unmut der Jungen über die pausenlose Gängelei durch die Eltern.

Auch die Weigerung Zwahlens, der Religionsgemeinschaft Etters, den »Evangelisch Taufgesinnten«, beizutreten, bot immer wieder Anlaß zu Auseinandersetzungen.

Vor Freundinnen hatte sich Christine Zwahlen in den Monaten vor ihrem Tod mehrmals über die stete Einmischung der Eltern in ihr Familienleben beklagt. Die Mutter komme täglich viele Male zu ihr und lasse sie kaum aus den Augen.

Noch intensiver als der Tochter, bisweilen auch nachts und mit Feldstecher, forschten Alice und Paul Etter ihrem Schwiegersohn nach. Mit Beweisen für eine außereheliche Beziehung hofften sie Christine zurückzugewinnen. Als dörfliche Familientragödie ging der »Mord in Kehrsatz« gleichwohl nicht in die Rechtsgeschichte der Schweiz ein, vielmehr als einer der größten Justizskandale.

Denn Bruno Zwahlen, ein gelernter Sanitärzeichner, wurde Anfang Dezember 1987 nach einem turbulenten Verfahren zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, obwohl *___weder die Todeszeit des Opfers noch der Tatort je ____zweifelsfrei festgestellt wurden; *___gegen die Eltern der Ermordeten, die als einzige ____dauernd Zugang zum mutmaßlichen Tatort hatten, nie ____ermittelt wurde; *___Zeugen in der Voruntersuchung und im Prozeß ____eingeschüchtert und mit Suggestivfragen traktiert ____wurden; *___entlastende Indizien unberücksichtigt blieben.

Der skandalöse Prozeßverlauf veranlaßte vier der acht Geschworenen, die zusammen mit drei Berufsrichtern über Bruno Zwahlen urteilten, sich öffentlich vom Schuldspruch zu distanzieren. Eine Ersatzgeschworene, die am Urteil nicht mitwirkte, aber den ganzen Prozeß mitgemacht hatte, schloß sich ihnen an. Die Schöffen protestierten - einmalig in der Schweizer Rechtsgeschichte - beim Kantonsparlament gegen das Verhalten der Berufsrichter. Trotz allem stellte der Kassationshof als Aufsichtsorgan die Rechtmäßigkeit des Verfahrens fest.

Doch dabei blieb es nicht. Eine Serie in der Weltwoche, verfaßt von Hanspeter Born, wurde als Buch zum Bestseller*. Aufgrund monatelanger Recherchen weist der Autor nach, wie schwach die Indizienkette ist, die Bruno Zwahlen zum Mörder stempelt: »Ich bin sicher, daß er es nicht war.« Inzwischen bemüht sich ein Verein »Fairness im Fall Zwahlen« um ein neues Verfahren und eine Revision des Urteils.

Verteidiger Bernhard Rüdt und der Unterstützungsverein setzen ihre Hoffnung vor allem auf zwei deutsche Gerichtsmediziner, den Bremer Professor und Lehrbuchverfasser Hans Dieter Tröger und den Ost-Berliner Emeritus Otto Prokop, einen international anerkannten Experten. Sie sollen die Arbeit * Hanspeter Born: »Mord in Kehrsatz. Wie aus einer Familientragödie ein Justizskandal wurde«. Weltwoche-ABC-Verlag, Zürich, 1989; 380 Seiten; 39 Mark. ihrer Berner Kollegen überprüfen, deren Untersuchung für den Schuldspruch ausschlaggebend war.

Einer der Schlüssel zur Aufklärung des Verbrechens liegt in der Festlegung der Todeszeit: Bruno Zwahlen sagt, er habe die Nacht vom Freitag, dem 26., auf Samstag, den 27. Juli 1985, mit seiner Frau zu Hause verbracht. Am Samstag morgen nach dem Frühstück, kurz nach acht, habe er vor dem Haus Christines Mofa gestartet, weil es nicht anspringen wollte. Anschließend habe er Besorgungen gemacht. Um zehn Uhr wollte er seine Frau in Bern in einem Cafe treffen. Dort kam sie aber nicht an. Später fand er ihr Fahrzeug an einer Straßenbahnhaltestelle am Stadtrand.

Das Gericht hielt diese Darstellung für unwahr. Es war überzeugt, daß Zwahlen in der Nacht vom Freitag zum Samstag im Ehebett mit einem Hammer oder einem ähnlichen schweren Gegenstand auf seine Frau eingeschlagen hat. Der Tod trat durch Ersticken ein, mutmaßlich durch den Müllsack aus Plastik, der über ihren Kopf gestülpt war, als sie gefunden wurde.

Beweise für diesen Tathergang gibt es nicht. Im Haus fanden sich keine Blutspuren, verschwunden blieben auch die Kleider der Getöteten. Nur ein Blutfleck auf der Matratze im Ehebett spricht für die Vermutung, das Verbrechen sei im Schlafzimmer verübt worden.

Gestützt wird die Todeszeit-Version des Staatsanwalts und des Gerichts allein durch die Ergebnisse einer Mageninhalts-Analyse. Denn wegen der Tiefkühlung der Leiche blieben die konventionellen Verfahren - Leichenstarre, Totenflecken, Körpertemperatur - außer Betracht.

Bei ihrer ersten Untersuchung fanden der Berner Gerichtsmediziner Professor Peter Zink und seine Mitarbeiter den Magen »nicht sehr voll«. Sie schlossen auf eine »kleinere Mahlzeit oder größere vor einer längeren Zeitspanne . . . Im Mageninhalt fanden sich Spuren von Koffein« sowie einige »schwarze verkohlte Partikel«. Die könnten, so der Staatsanwalt in der Anklageschrift, zu »Anteilen eines verkohlten Toasts passen«, den die Ermordete vor ihrem Tod gegessen habe.

Tatsächlich hatte Bruno Zwahlen berichtet, seine Frau habe sich am Freitag abend zwischen halb acht und acht einen Käsetoast zubereitet, ähnlich einem »Toast Hawaii«.

Schon während der ersten Prozeß-Phase bezweifelte eine Geschworene gegenüber dem Gerichtsvorsitzenden, daß es an einem Toast Hawaii, der ja gar nicht aus dem Toaster kommt, verkohlte Stellen geben könne. Im Hauptverfahren, erneut zum Freitagabend-Essen seiner Frau befragt, sagte Zwahlen laut Protokoll: »Sie aß einen Käsetoast, ähnlich Toast Hawaii, mit Ananas. Manchmal aßen wir solche Toasts auch mit Birne.«

Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Denn zwei Wochen später, am zwölften Verhandlungstag, gab der Vorsitzende überraschend dem Gerichtsmediziner Zink das Wort für ergänzende Ausführungen zum Mageninhalt der Toten. Von den ursprünglich vorhandenen 150 Gramm standen dem Laboranten für diese zweite Untersuchung noch 29 Gramm des Rests der bereits mit dem Stabmixer bearbeiteten ersten Probe zur Verfügung. Mikroskopisch fanden sich nun Ananas, Birne sowie Stärkekörner und Zellen, die tierischen Muskelfasern entsprechen. Serologische Befunde mit Antirinder-Molkeprotein und Antirinder-Kasein, so Zink vor Gericht, deuteten »auf das Vorhandensein von Käse im Magen hin«.

Mit dieser zweiten Vernehmung des Experten galt Zwahlen endgültig als überführt - wie Born in seinem Buch einen der zufriedenen Berufsrichter zitiert: »Jitz hei mer ne, dä Cheib!« (Jetzt haben wir ihn, das Aas!)

Doch als die Geschworenen den schriftlichen Bericht des Gerichtsmediziners mit dem ersten Gutachten vergleichen konnten, fielen einigen von ihnen sofort Widersprüche auf. In der ersten Untersuchung war von einer dünnflüssigen Brühe die Rede, im zweiten Bericht von »größeren Brocken«. In seinen mündlichen Ausführungen hatte Zink zudem von »Birnenschalenteilen« gesprochen, die man gefunden habe. Dafür war von »schwarzen Partikeln« jetzt nicht mehr die Rede.

Das kam zwei der Hausfrauen, die über Bruno Zwahlen zu Gericht saßen, merkwürdig vor. Konservenfrüchte haben keine Schale, und keine Köchin käme auf die Idee, eine Käseschnitte mit einer rohen Birne zu belegen. In der Bratröhre würde das Obst nicht rechtzeitig weich.

Um ganz sicher zu sein, kaufte eine der Geschworenen vier Dosen Birnen. Auf keiner der Früchte fand sich die kleinste Spur einer Schale. Merkwürdig erschien auch, daß im Haushalt Zwahlen neben einer leeren Birnendose nur eine ungeöffnete Dose Ananas gefunden wurde. Woher kamen dann Ananas-Fasern in die Magenprobe?

Eine mögliche Erklärung für die Widersprüche fanden die Frauen in Zinks überraschender Aussage, sein Laborant habe »zum Zwecke eines Vergleichsversuchs einen ähnlichen Toast gegessen und wieder erbrochen, und es ergaben sich die gleichen Feststellungen«. Tatsächlich verzehrte der Assistent in einer Gaststätte einen Toast Hawaii und aß später auch noch eine rohe Birne.

Die beiden Schöffinnen schlossen daraus, daß die beiden Proben, absichtlich oder unabsichtlich, vertauscht worden waren. Anders waren die Widersprüche zwischen den beiden Befunden nicht zu erklären. Zwahlens Verteidiger verlangte sofort ein Obergutachten über den Mageninhalt - vergeblich. Bei der Beratung des Begehrens wies der Vorsitzende die Geschworenen eindringlich darauf hin, daß ein solches Zugeständnis unabsehbare Folgen für das Verfahren haben würde. Der Prozeß könne sogar platzen, und die Kosten könnten damit »ins Unermeßliche« steigen, warnte er.

In der Urteilsbegründung kommt Zinks fragwürdigem - Verteidiger Rüdt und andere meinen: gefälschtem - Magengutachten aber entscheidende Bedeutung zu. Dieses allein stützt die Annahme, daß Christine Zwahlen in der Nacht vom Freitag auf den Samstag den Tod fand - zwischen einer und drei Stunden nach ihrer letzten Mahlzeit, die sie zwischen 19.30 und 20 Uhr eingenommen hatte. Laut Lehrbuch von Professor Tröger beträgt die Verdauungszeit eines leichten Imbisses etwa diese Zeitspanne.

Doch das ist gar nicht möglich: Um 21.35 Uhr an jenem Freitag abend holten Polizisten bei Bruno Zwahlen einen zugelaufenen Hund ab. Darauf fuhr Zwahlen mit dem Auto zum Joggen weg und traf danach, etwa um halb elf, in einer Gaststätte einige Kollegen. Etwa um 23 Uhr war er wieder zu Hause. Außerdem sahen Alice und Paul Etter um 21.45 Uhr ihre Tochter auf dem Schlafzimmerbalkon. Sie nahm wegen eines Gewitters Wäsche von der Leine.

Alle diese Einwände waren den Richtern Bruno Zwahlens bekannt, als sie ihn im Dezember 1987 zu lebenslanger Haft verurteilten.

Was Bruno Zwahlen widerfuhr, könnte in der Schweiz auch anderen passieren. Das Strafrecht ist zwar seit 1942 im ganzen Land einheitlich geregelt, nicht aber die Strafprozeßordnung. So stehen jedem Kleinkriminellen in der ganzen Schweiz zwei Instanzen zur Verfügung, welche die Beweise frei würdigen können. Ein nicht geständiger Mordverdächtiger, dem lebenslang droht, muß sich dagegen in einigen Kantonen mit einem Geschworenenurteil begnügen. Eine Berufung steht ihm nicht zu.

Aber selbst dort, wo sich die Einrichtung des Geschworenengerichts erhalten hat - in Bern und Zürich -, gilt verschiedenes Recht. Im Kanton Zürich ist zur Verurteilung eine Zweidrittelmehrheit nötig, im obrigkeitsgläubigen Kanton Bern genügt die einfache Mehrheit. Nicht jeder Schweizer ist also, wie die Verfassung vorgibt, »vor dem Gesetz gleich«. Pech für Zwahlen, daß er in Bern vor Gericht gestellt worden ist und nicht etwa in Zürich.

Unterschiede macht die Schweizer Rechtsordnung auch bei der Strafuntersuchung: In einigen Kantonen gibt es Untersuchungsrichter, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft, aber unabhängig von ihr die Recherchen leiten, in anderen erledigen dies Polizeibeamte.

Im Fall Zwahlen war Staatsanwalt Markus Weber, der später vor Gericht die Anklage vertrat, der eigentliche Untersuchungsleiter - entgegen den einschlägigen Bestimmungen der Berner Strafprozeßordnung. Er saß bei allen wichtigen Verhören neben dem Untersuchungsrichter am erhöhten Richtertisch und griff in die Befragung ein, wenn es ihm passend erschien.

Weil die ersten polizeilichen Ermittlungen ohne klare Ergebnisse blieben und Zwahlen kein Geständnis ablegte, versuchte es der Untersuchungsrichter mit Schockmethoden. Im gerichtsmedizinischen Institut ließ er ihm fünf Polaroid-Bilder der Toten zeigen, eins gräßlicher als das andere.

Als Zwahlen beim Betrachten der ersten Fotos kaum erschüttert reagierte, sondern erst am Ende leise vor sich hinweinte, wurde ihm dies als »besondere Gefühlskälte« angekreidet. Ein halbes Jahr später brachte ein Polizeibeamter den Gefangenen zum psychiatrischen Gutachter, mit Handschellen gefesselt, an denen eine Hundeleine befestigt war.

Auf Staatsanwalt Weber ging wahrscheinlich die Idee zurück, den Gerichtsmediziner ein zweites Gutachten anfertigen zu lassen, das den angenommenen Todeszeitpunkt bestätigen würde. Jedenfalls kündigte der Staatsanwalt einigen Berichterstattern während des Prozesses geheimnisvoll »eine Bombe« an, die alle Zweifel beseitigen werde.

Das Gegenteil war der Fall. Für den Zwahlen-Hilfsverein beschrieb der Ost-Berliner Gerichtsmediziner Prokop die Erkenntnisse des Berner Kollegen Zink und seiner Helfer als »ein hoffnungsloses Konvolut gutachterlicher Äußerungen«. Das Obduktionsprotokoll verrate »nur geringe gerichtsmedizinische Praxis des Untersuchers«, der serologische Nachweis von Käse im Mageninhalt sei nicht gelungen, da das mehrfach aufgetaute Material »zweifellos bakteriell kontaminiert« gewesen sei.

Und das Schlafzimmer sei niemals der Tatort, weil ein Mord mit einem Hammer dort und das Verfrachten der Leiche ins Untergeschoß auf jeden Fall so viele Spuren hinterlassen hätte, daß sie auch ein pedantischer Täter nicht ganz hätte beseitigen können.

Damit dreht und wendet Autor Born die Frage, wer, wenn nicht Bruno Zwahlen, der Mörder sein könnte. Nach übereinstimmender Ansicht aller Kenner der Untersuchung muß der Täter ungehinderten Zugang zur Wohnung des Opfers gehabt haben. Die Leiche war mit Bindfaden verschnürt, der dort vorhanden war; auch der Plastiksack, der dem Opfer über den Kopf gestülpt wurde, stammte aus dem Haushalt Zwahlen.

Die einzigen Menschen, die neben dem Ehemann als Täter in Frage kämen, wären demnach die Adoptiveltern Etter. Autor Born, in Übereinstimmung mit einigen Geschworenen und Verteidiger Rüdt, hält es für erwiesen, daß Ende Juli 1985 nicht in erster Linie zwischen Zwahlen und seiner Frau, sondern zwischen den Eltern Etter und ihrer Tochter eine hochexplosive Spannung geherrscht habe.

Die Etters verbitterte, daß ihre Tochter sich nicht dauernd bevormunden lassen wollte, zumal sie den Schwiegersohn für einen windigen Betrüger hielten. Paul Etter, ein autoritärer Mann, der die Befreiungsversuche seiner Tochter nur schwer verkraften konnte, wäre laut Born durchaus fähig gewesen, Christine im Streit zu schlagen.

Born stellt sich vor, daß ein solches Handgemenge am Samstag morgen, dem 27. Juli, im Haus der Eltern stattgefunden haben könnte - zu einem Zeitpunkt, als Bruno Zwahlen im Dorf Besorgungen machte. Christine, von den Eltern zu einer Aussprache über die Untreue ihres Gatten geladen, wäre demnach zunächst nicht Richtung Bern, sondern heimlich um zwei Ecken zum Haus ihrer Eltern gefahren.

Doch Chrigi, so Borns Hypothese, hält die von den Eltern gesammelten Beweise für wenig stichhaltig. Kurz nach neun fährt sie wieder weg, Richtung Stadt. Auf dem Weg wird sie von einer Zeugin, einer langjährigen Bekannten, erkannt. (Die Aussage war im Prozeß als unglaubhaft unberücksichtigt geblieben.) Im Hause Etter bricht inzwischen Panik aus; der Bruch zwischen Eltern und Tochter, ihr Wegzug aus dem Nachbarhaus, scheint unvermeidlich, wenn Chrigi nun Bruno alles erzählt.

Da fällt den Etters ein letzter Trumpf ein: Bei einer ihrer heimlichen »Schnüffelgänge« (Born) im Haus der Jungen stieß Paul Etter auf Aufzeichnungen Brunos, die einen Seitensprung beweisen könnten. Alice Etter fährt daraufhin Richtung Bern, um Christine zurückzuholen, während Paul Etter aus dem Tagebuch des Schwiegersohns die verräterischen Seiten beschafft.

Doch Christine, widerstrebend zurückgekehrt, reagiert auf die Enthüllungen anders als erwartet: Sie ist wütend über die Belästigungen der Eltern, sie beleidigt sie und wiederholt, was sie früher schon einer Nachbarin gesagt hatte: »Mein Leben gehört Bruno.«

Paul Etter gerät in Wut und schlägt auf seine Tochter ein. Sie stürzt und bleibt wie tot liegen. Beim ungeschickten Versuch der Eltern, die heftige Blutung am Kopf zu stillen, erstickt Christine.

Borns holzschnittartige Hypothese, so abenteuerlich sie scheint, kann zwar nicht beweisen, daß der Vater der Täter war. Aber sie zeigt Elemente auf, die Bruno Zwahlen entlasten.

Nach Borns Hypothese haben die Eltern Etter den leblosen Körper ihrer Tochter sofort in einen Teppich eingerollt und über den Gartenweg zum Hintereingang des Zwahlen-Hauses getragen, um ihn dann in der Tiefkühltruhe zu verstauen. f

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.