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VERLAGE »Dagoberta« sieht rot

Die Schatzmeisterin der SPD herrscht über ein Medienimperium, das sich durch Vetternwirtschaft und eine ungeheure Machtfülle der Spitzengenossin auszeichnet. Doch Inge Wettig-Danielmeier hat auch ein Problem: die miese Bilanz ihrer angeschlagenen Buchverlage.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Egal zu welchem Anlass - die Festreden auf die Jubilarin klangen immer euphorisch. Rita Süssmuth von der konkurrierenden CDU pries die gleichaltrige SPD-Kollegin zu ihrem parlamentarischen Abschied als »Pionierin der Gleichberechtigung«. Parteifreundin und Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul nannte sie die »beste Bundesschatzmeisterin in der Geschichte der SPD«.

Inge Wettig-Danielmeier, Genossin seit 48 Jahren, schaffte es zu ihrem 70. Geburtstag im vergangenen Jahr gar auf die Seite drei der zum SPD-Medienimperium gehörenden »Frankfurter Rundschau« ("FR"). Deren Chefredakteur, Uwe Vorkötter, verstieg sich in seiner Jubelarie sogar zu dem Satz: »Sie hat die 'FR' gerettet.« So viel Pathos sei »in diesem Fall durchaus angemessen«.

Mit weit weniger Emphase sehen dagegen Teile ihrer eigenen Partei mittlerweile

Leben und Wirken der großen alten Dame der deutschen Sozialdemokratie. Denn mit jedem Wechsel an der Parteispitze wurde sie selbstbewusster. Die studierte Sozialwissenschaftlerin hat Björn Engholm politisch überlebt, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Franz Müntefering und Matthias Platzeck sowieso.

Einigen in der Partei ist sie einfach zu mächtig. Und diese Macht verdankt die Frau, die von Mitarbeitern bisweilen mit dem Spitznamen »Dagoberta« tituliert wird, in erster Linie ihrer Kontrolle über das verzweigte Medienimperium der Partei. Jährlich spülten die Beteiligungen, vor allem Dank etlicher Zeitungen, einige Millionen in die Kassen der klammen Genossen. Das verschafft Macht und Einfluss.

So schuf sie sich ihr eigenes Reich und frönte augenscheinlich ihren eigenen Interessen - umgeben von Getreuen und ihrem Ehemann Klaus Wettig. Ein Reich, das die SPD offenbar Millionen kostet. Interne Dokumente und Bilanzen belegen: Die drei Buchverlage Parthas, Vorwärts-Buch und Verlag für Berlin-Brandenburg, die der Medienholding DDVG gehören, haben in den vergangenen Jahren Millionenverluste angehäuft.

Besonders pikant: Geschäftsführer von zwei dieser Unternehmen ist Klaus Wettig, Inges Mann. Ein früherer Europaabgeordneter mit künstlerischer Ader, der für die SPD-Verlage gern selbst mal zur Feder greift, auch wenn er dafür kein Geld kriegt. Als Verleger ist sein wirtschaftlicher Erfolg bislang eher bescheiden. Allein der von Wettig seit 1999 geführte Parthas Verlag in Berlin hat von 1999 bis 2005 nur in einem Jahr den lächerlichen Gewinn von 7136,80 Euro ausweisen können - insgesamt in dieser Zeit aber 2,6 Millionen Euro Verlust eingebracht. Nach internen Planungen vom November 2006 werden es bis Ende des Jahres fast 4 Millionen Euro sein.

Für das Geschäftsjahr 2006 sahen alle drei Verlage einen Verlust von insgesamt 562 700 Euro vor - bei gerade mal 1,01 Millionen

Euro Umsatz. Im Jahr zuvor waren gar 886 600 Euro Miese aufgelaufen - bei einem Umsatz von lediglich 804 000 Euro.

Millionenverluste für die ehrgeizigen verlegerischen Pläne ihres Mannes, wie einige Genossen meinen. Mit Geld, das die chronisch klamme Partei wohl besser in die Wahlkämpfe gesteckt hätte. Eine Anfrage an den Bundesvorstand der SPD, ob die Verluste der Buchverlage dort bekannt seien, blieb unbeantwortet. Stattdessen wurde auf die Schatzmeisterin verwiesen.

Die Geschichte um das Power-Paar beginnt 1987. Zu dieser Zeit wollte eigentlich Klaus Wettig, damals Europaabgeordneter und seit den sechziger Jahren Inges Gatte, Schatzmeister der SPD werden. Doch Hans-Ulrich Klose schnappte ihm das Amt vor der Nase weg. Ein Jahr später beschloss die SPD die Frauenquote. So bekam Inge 1991 die Chance, die einstige Niederlage ihres Mannes in einen familiären Sieg umzumünzen. Bei der Wahl waren zwar nur 27 von 45 stimmberechtigten Vorstandsmitgliedern anwesend, und nur von 18 bekam sie die Stimme. Trotzdem war sie gewählt - und stieg allmählich zur grauen Eminenz ihrer Partei auf.

In der Öffentlichkeit wenig bekannt, hält die DDVG Anteile an 17 Zeitungen, darunter neben der »Frankfurter Rundschau« auch an der »Sächsischen Zeitung«, der »Frankenpost«, dem »Nordbayerischen Kurier«, der »Neuen Westfälischen«, der »Hannoverschen Allgemeinen« und am »Göttinger Tageblatt«. Zusammen kommen die Titel auf eine tägliche Gesamtauflage von mehr als 1,1 Millionen Exemplaren.

Hinzu kommen Druckereien und Buchverlage - bei denen der gelernte Schriftsetzer Wettig seine verlegerischen Ambitionen beweisen darf.

In den vergangenen Jahren versuchte Parthas, das größte der drei SPD-Buchhäuser, unter seiner Leitung den Sprung vom Kleinverlag hin zum mittelständischen Publikumsverlag mit belletristischen Titeln. Doch die Strategie bescherte dem Unternehmen bislang nur rote Zahlen.

Die Ursache für die Verluste lägen »im Wesentlichen in der noch andauernden Aufbauphase«, lässt Wettig-Danielmeier wissen. »Die Etablierung eines Buchverlages in einem stagnierenden Markt setzt hohe Ingangsetzungsinvestitionen voraus.« So seien mit der Entwicklung der Programmlinien von Parthas »beträchtliche Vorkosten für Lizenzen« verbunden. Immerhin: Der 2004 gegründete Vorwärts-Buchverlag soll 2007 »erstmals verlustfrei« sein.

Wie kann es aber überhaupt sein, dass die SPD-Schatzmeisterin ihren eigenen Gatten als Geschäftsführer kontrolliert? Für Wettig-Danielmeier ist ihr Mann einfach der richtige Mann für den Verlagsjob - nicht nur, weil »er aus seinen früheren beruflichen Tätigkeiten Fachkenntnisse in der Verlagsarbeit« hat. Seine Aufgabe sei es, »die notwendige Anbindung an die SPD und befreundete Organisationen herzustellen und für die Verlage seine politisch-gesellschaftlichen Verbindungen zu nutzen«. Zudem legt die Schatzmeisterin Wert darauf, dass ihr Mann in seiner Geschäftsführerfunktion »kein Gehalt und kein Honorar« erhalte und dass ihm lediglich die Reisekosten erstattet würden.

Man kennt sich, man schätzt sich eben. So hat der Parthas Verlag unter Wettigs Führung zu Inges 70. Geburtstag auch schon mal die Schriften der französischen Feministin Olympe de Gouges neu herausgegeben - und Inge gewidmet.

Zum familiären Verlagsidyll gehört auch Tochter Hannah. Die gelernte Journalistin durfte im Vorwärts-Buchverlag im Jahr 2005 nicht nur einen Band mit Reportagen aus der libanesischen Hauptstadt Beirut veröffentlichen, sondern kassierte im vergangenen Jahr auch noch für die Übersetzung des Vorwärts-Buchs »Elly und Alexander«, in dem die US-Autorin Hanna Papanek über ihre aus Nazi-Deutschland emigrierten Eltern berichtet.

Für das Buch sei ein »branchenüblicher Autorinnenvertrag geschlossen worden«, hält die Mutter dem Vorwurf der Vetternwirtschaft entgegen. Das gelte auch für das Übersetzungshonorar.

Wer sich für die finanzielle Situation der SPD-Buchverlage interessiert, muss neuerdings schon genauer hinschauen. Laut Handelsregisterunterlagen sind die Verlage

seit 2005 von der »Pflicht zur Offenlegung ihrer Jahresabschlüsse befreit«.

Kleine Geschichte am Rande: Als der Parteienforscher Franz Walter sein Buch über die Geschichte der SPD auf den Markt bringen wollte, trafen er und sein Verleger Alexander Fest sich mit dem damaligen Generalsekretär Müntefering. Ob es nicht eine gute Idee sei, dass die Partei ein- bis zweitausend Bücher über die eigene Historie kaufe, um sie bei Gelegenheit an verdiente Genossen zu verschenken, fragten Autor und Verleger. Müntefering stimmte zunächst zu.

Doch auf dem Geld sitzt die Schatzmeisterin. Und die sperrte sich gegen das Projekt: zu teuer. Dann müsse man eben bei einer Wahlveranstaltung auf Wurst und Bier verzichten, meinte Müntefering. Die Schatzmeisterin blieb stur. Das Werk müsse erst von der Historischen Kommission abgesegnet werden. Im Übrigen habe die SPD ja schließlich eigene Verlage. Basta!

Wie Müntefering haben längst sämtliche Partei-Granden vor der Dame kapituliert. Auch weil wichtige Positionen in ihrer Umgebung mit Freunden besetzt sind.

Als Geschäftsführer der Konzentration GmbH, in der die Immobilien der SPD zusammengefasst sind, fungiert etwa seit Jahren der Rechtsanwalt Christoph Lehmann, mit dem das Ehepaar Wettig befreundet ist. Auch Gerd Walter, einer der DDVG-Geschäftsführer ist insbesondere Klaus Wettig aus Brüsseler Zeiten wohlvertraut. Der war damals Chef der deutschen SPD-Gruppe.

Eingespannt in die Phalanx der Unterstützer sind ehemalige und amtierende Europaabgeordnete ebenso wie Parteilinke und Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), der Wettig-Danielmeier lange vorstand.

Eine ihrer wichtigsten Verbündeten: die frühere Europaabgeordnete Christa Randzio-Plath, seit 1993 Vorsitzende jener Kontrollkommission, die eigentlich die Schatzmeisterin kontrollieren soll. Wie viel Aufsicht musste Wettig-Danielmeier von dieser Kommission eigentlich fürchten?

Ein weiterer Hebel ihrer Macht: Bis auf ganz wenige Landesverbände der Partei stehen alle bei der Schatzmeisterin in der Kreide. Mit den meisten hat sie mehr oder weniger großzügige Ratenzahlungen vereinbart. Besonders tief in der Schuld der Bundes-SPD: Nordrhein-Westfalen. Auch die finanziellen Abhängigkeiten gehören allem Anschein nach zur Strategie der Machtabsicherung.

Dabei kann sich die Partei das teure Engagement mit den Buchverlagen gar nicht leisten: Die finanzielle Lage der Partei ist nicht gerade rosig, wie die SPD-Kassenwartin selbst einräumt. Die alten Genossen sterben der Partei weg. Und die Mitgliedsbeiträge der wenigen, die neu in die SPD finden, fangen die Verluste bei weitem nicht auf. In den zurückliegenden Jahren hatte die SPD mit Einnahmeausfällen bis zu 700 000 Euro pro Jahr zu kämpfen.

Die Wettigs proben indes nicht allein im Verlagswesen den Paarlauf. Auch den bildenden Künsten ist man allzeit zugewandt. Seit 1995 existiert in Berlin der »Freundeskreis Willy-Brandt-Haus«. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die neue SPD-Zentrale in der Kreuzberger Wilhelmstraße zu einem Ort für »allgemein zugängliche kulturelle Veranstaltungen« zu machen. Und auch hier stößt man wieder auf die Familie: Während sie den Vorsitz über den Verein hat, führt Gatte Klaus ehrenamtlich die Geschäfte - mit eigenem Büro im Willy-Brandt-Haus versteht sich.

Der Freundeskreis, finanziert aus Spenden, organisiert nicht nur Ausstellungen, Lesungen und Diskussionsveranstaltungen. Er sammelt auch Bilder, vorzugsweise deutscher Künstler der klassischen Moderne und zeitgenössischer Maler. Unter den rund 2000 Werken, deren Wert die Schatzmeisterin aus Sicherheitsgründen nicht nennen will, befinden sich unter anderem Bilder des Leipzigers Neo Rauch sowie solche moderner Klassiker wie Otto Dix, George Grosz oder Max Beckmann.

Kritiker fürchten, dass der Partei durch die Kunstliebhaberei hohe Summen verlorengegangen sein könnten, weil es sich bei den Kunstmäzenen natürlich um Menschen und Firmen handeln könne, die womöglich auch sonst schon mal die Parteikasse unterstützen würden.

Im Herbst will Inge Wettig-Danielmeier den Schlüssel der SPD-Schatzkiste in jüngere Hände geben. Eine mögliche Kandidatin neben der früheren Mainzer Umweltministerin Klaudia Martini: Barbara Hendricks, derzeit Staatssekretärin im Finanzministerium.

Die sollte den Job schon vor zwei Jahren übernehmen. Doch damals wollte die Amtsinhaberin ihren Schreibtisch im Willy-Brandt-Haus noch nicht räumen. Und so halten es manche Genossen auch nicht für ausgeschlossen, dass »die Inge es sich ganz plötzlich wieder anders überlegt« - und vielleicht doch noch mal antritt. MARKUS BRAUCK, JÖRG SCHMITT

* Mit den Partei-Granden Peter Struck, Franz Müntefering, Kurt Beck und Hubertus Heil.

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