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VERLAGE Dallas an der Ruhr

Im Essener Konzern der »Westdeutschen Allgemeinen Zeitung« geht es zu wie in einer amerikanischen Seitenoper: Ein Sozi-Manager wurde jetzt vom Großverleger adoptiert. *
aus DER SPIEGEL 25/1987

Der Aufstieg des Advokaten verlief wechselhaft und wohl deshalb auch unaufhaltsam - eine Sprosse über die Politik, die andere über die Wirtschaft.

Erst war er Rechtsberater der SPD in Bonn, stand prominenten Sozialdemokraten vor Gericht und in Untersuchungsausschüssen bei, pflegte selbst den Ruf, »Anwalt des Kanzlers« Willy Brandt zu sein. Dann wurde der Jurist Top-Manager beim Medienriesen »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« ("WAZ") und strich, Sondertantieme inklusive, ein Jahresgehalt von 1,9 Millionen Mark ein - mehr als die Chefs der Deutschen Bank.

»Was will man da«, fragte sich manchmal Geschäftsführer Erich Schumann »noch mehr werden?«

Er konnte noch Sohn werden. Und dieser Karriereschritt, der ihm als Verleger-Sprößling ein Multimillionenerbe garantiert, beschäftigt seit Wochen die Verlagsbranche. »WAZ«-Mitbegründer Erich Brost, 83, so geht die Kunde, hat den gebürtigen Franken Schumann, 56, adoptiert. »Ich weiß gar nicht«, spöttelt Schumanns Geschäftsführer-Kollege Günther Grotkamp, »mit welchem Namen ich ihn anreden soll.« Auch der nordrheinwestfälische Ministerpräsident Johannes Rau zeigt sich irritiert: »Ist er nun, oder ist er nicht?«

Schumann ("Ich sage immer die Wahrheit"), vom SPIEGEL darauf angesprochen, dementiert energisch: »Das ist absoluter Quatsch. Falsch, einfach falsch.«

So falsch auch wieder nicht. Immerhin ist der Vorgang beim Amtsgericht Essen aktenkundig. Unter dem Zeichen 78/ XVI 11/85 hat Erich Brost, eine »legendäre Figur des westdeutschen Zeitungsgewerbes« ("Frankfurter Allgemeine"), den leitenden Mitarbeiter an Sohnes Statt angenommen. Mit der Adoption einverstanden erklärt haben sich Martin Brost, 41, einziger leiblicher Sohn der Familie und Erich Brosts Ehefrau Anneliese, geborene Brinkmann.

Der kinderlos verheiratete Manager Schumann bekam, was ungewöhnlich ist, die Ausnahmegenehmigung, seinen alten Namen ohne Zusatz weiterführen zu dürfen. Auf diese Weise sollte die Aktion geheimgehalten werden.

Die diskret behandelte Familiensache krönt, als bislang letztes Kapitel, einen jahrelangen Machtkampf, der reichlich Stoff für eine Seifenopern-Serie a la Denver oder Dallas bieten würde. Manager Schumann, aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen, der als junger Mann noch »Sympathien für Teile der kommunistischen Theorie hatte« (Schumann), wird voraussichtlich ein Erbe

antreten, das Eingeweihte auf mindestens 500 Millionen, möglicherweise sogar eine Milliarde Mark schätzen.

Den Machtkampf verloren hat Verleger-Sohn Martin, der Anfang der siebziger Jahre vom Vater im vorgezogenen Erbgang dessen Fünfzig-Prozent-Anteil an dem - nach dem Axel Springer Verlag - zweitgrößten Zeitungstrust in der Bundesrepublik bekommen hatte. Martin hatte, auf Wunsch des Alten, 1978 auch den Gesellschafter Schumann in die Firma geholt. Doch das Verhältnis zum Vater litt unter schleichender Zerrüttung, der Entfremdung folgte die Trennung. Martin gab seine Erbanteile wieder zurück, kassierte eine Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe und behielt lediglich das Kommanditistenkapital bei einigen Industrie- und Handelsbeteiligungen wie Otto-Versand (12,5 Prozent).

Gegensätzlicher als bei Brost junior und Schumann hätten die Charaktere gar nicht sein können. Der Genosse Erich Schumann ging im Kapitalismus auf die Überholspur, zeigte früh den Willen, nach oben zu kommen. Er bevorzugt schnelle Autos wie BMW und Jaguar, geht gern zur Jagd und trägt mit Stolz das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Emporkömmling Schumann steuerte mit wachem Kopf und viel Durchsetzungswillen meist den kürzesten Weg zum Ziel. Ein beträchtliches Maß an Charme und seine Kontaktfreude beim Umgang mit Menschen haben ihm den Zugang zu den Mächtigen der SPD erleichtert. Schnell fand er das Vertrauen von Parteikassierer Alfred Nau, der Schumann protegierte.

Martin Brost hingegen, Sohn reicher Eltern, wirkte nie zielbewußt und entschlossen. Geprägt von Leitbildern der 68er Studentengeneration, fand er es unschicklich, andere niederzukonkurrieren und nur auf eigene Karriere zu setzen. Insignien der Macht waren ihm von jeher ein Greuel.

Erst hat er Philosophie studiert Abschluß: Magister), sich dann als Öko-Gärtner versucht. Beim Psychologie-Professor Graf Dürkheim im Schwarzwalddörfchen Todtmoos-Rütte lernte er die buddhistische Zen-Meditation.

Schließlich bereitete er sich doch, wie es der alte Brost wollte, auf die Tätigkeit eines Verlegers vor. Martin volontierte bei Zeitungshäusern in Kassel und München, büffelte mit Hilfe eines Wirtschaftsprüfers die Grundlagen des Verlagsgeschäfts. Doch der Wille zur Nachfolge schien ihm zu fehlen.

Das machte dem Vater Sorgen, zumal er eine publizistische Machtstellung innehat, die es mit den Bauers und Burdas aufnehmen kann. Die »WAZ«, Deutschlands größtes Regionalblatt, schafft mit den zugekauften Blättern »Westfälische Rundschau«, »Neue Rhein/Ruhr-Zeitung«, »Westfalenpost« und »Essener Tageblatt« täglich 1,24 Millionen Auflage und jährlich einen Umsatz von über 600 Millionen Mark.

Die Essener Zeitungsgruppe unterhält auch den größten Verlag für Anzeigenblätter, gibt rund fünfzig Titel mit einer Gesamtauflage von etwa zwei Millionen Exemplaren heraus und hält Anteile an 16 weiteren Blättern. Gegen regionale Konkurrenten ging das übermächtige Unternehmen mit harten Bandagen vor. Fremde Zeitungen gingen in die Knie, nachdem in ihren Verbreitungsgebieten die »WAZ« ihre eigenen Abo-Preise niedrig gehalten und die Rivalen dadurch am Erreichen kostendeckender Preise gehindert hatte. In einem Landtagshearing beklagte sich ein Konkurrent, »daß das ,WAZ'-Reich ohne jeden Zweifel nur durch brutalen Machtmißbrauch zusammengeschmiedet worden ist«. Ein Unterlassungsbegehren der »WAZ« gegen diese Äußerung wies der Bundesgerichtshof ab.

Der jährliche Konzerngewinn auf dem Zeitungsmarkt wird auf 100 Millionen

Mark geschätzt. Außerdem mischt das Unternehmen im Illustrierten- und Fachzeitschriften-Geschäft mit. Die Tochterfirmen »Allianz« und »Westfilm« produzieren und handeln Filme, beim privaten Fernsehsender RTL-plus gehören der »WAZ«-Gruppe zehn Prozent. Auch in branchenfremden Unternehmen wie Otto-Versand (25 Prozent) oder der Papierfabrik Holtzmann (34 Prozent) bestimmt das Zeitungshaus mit. Für Außenstehende, räumt »WAZ«-Gesellschafterin Renate Schubries ein, sei es »schwierig, sich mit den besonderen Verhältnissen der ,WAZ'-Zeitungsgruppe vertraut zu machen«, immerhin handele es sich um eines der »schwerst zu führenden Verlagsunternehmen«.

Diese Aufgabe teilen sich im Stile der Ewings und Carringtons zwei miteinander verkrachte Familienclans die je 50 Prozent des Kapitals halten. Eine Hälfte gehört den Nachkommen des »WAZ«-Mitbegründers Jakob ("Köbes") Funke, der sein Erbe auf seine vier Töchter verteilte. Die »Funke-Familien-Gesellschaft« führt der strategische Kopf des Unternehmens, der Jurist Günther Grotkamp, der 1960 bei der »WAZ« als Justitiar begann und 1986 die jüngste Funke-Erbin Petra Charlotte heiratete.

Die anderen 50 Prozent hält derzeit wieder Senior Erich Brost, der argwöhnisch darauf achtet, daß der 1970 vereinbarte »eherne Paritätsgrundsatz« (Brost) strikt eingehalten wird. Seinen Anteil verwaltet und vertritt seit Jahren Erich Schumann, und zwar so, als sei die Erbfolge nie strittig gewesen.

Die Blattgründer Funke und Brost, die 1948 von den Briten gemeinsam die Lizenz für die »WAZ« bekamen, teilten sich anfangs die Arbeit. Alt-Sozialdemokrat Brost, der für die SPD im Danziger Parlament saß und 1936 vor den Nazis nach Polen, Skandinavien und England floh, wurde erster »WAZ«-Chefredakteur. Funke, ein Konservativer, der in der Nazizeit als Hauptschriftleiter beim »Essener Anzeiger« arbeitete, kümmerte sich um den Verlag.

In den sechziger Jahren gerieten die beiden heillos über Kreuz, politisch und auch geschäftlich. Er habe, sagt Brost noch heute stolz, in dieser Zeit »mit Funke weder vertragliche noch sonstige Gespräche geführt«. Mit den Erben ging der Streit weiter - etwa um die politische Linie der »WAZ«, die den Funke-Töchtern zu SPD-nah erschien. Als »langjähriger Funktionär«, teilte Brost der Funke-Familie neulich schriftlich mit, stelle er fest, daß es sie ohne die SPD nicht gäbe - unklar war nur, ob er die »WAZ« oder die Funkes überhaupt meinte.

Zum offenen Streit kam es, als Brost 1978 als »verdienter Mitbegründer in verdiente Pension« (ein Brost-Anwalt) gehen wollte. Der Alte hatte bis zum 75. Lebensjahr die Geschäftsführung behalten, um dem Sohn beizustehen. Auf den Manager-Posten berief er den Sozialdemokraten Schumann, bei dem er den richtigen Stallgeruch vermutete.

Außerdem war Schumann mit Geschäften, bei denen es um viel Geld geht bestens vertraut. In der Flugzeugaffäre Pan International stand Schumann dem langjährigen Wehner-Vertrauten Karl Wienand bei, in einer Parteispendenaffäre betreute er hessische Genossen als Rechtsberater von Abschreibungsgesellschaften wie dem »Institut für Vermögensplanung« und der schillernden »Gran Canaria Contigrund« verdiente er Hunderttausende.

Der alte Brost förderte ihn schon deshalb, weil sich die Funkes seiner Berufung vehement widersetzten. Sie attestierten Schumann in Briefen »einen vollständigen Mangel an Sach- und Fachverstand« und verlangten vom »lieben Martin« einen Notgeschäftsführer. Die Brosts sahen in der Attacke einen »Frontalangriff gegen den ehernen Paritätsgrundsatz«, Schumann blieb.

Ganz im Sinne seines Förderers hielt der agile Anwalt Kontakt zur SPD. Er bastelte sogar an einem Plan, die Mitgliederzeitung der Partei verlegerisch zu betreuen. Das scheiterte zwar am Geld, aber zugute kam ihm, daß Bonner Alt-Sozis wie Alfred Nau und Fritz Heine dem jungen Brost mißtrauten. Er hatte die SPD wieder verlassen und mußte sich gegen Gerüchte wehren, er sei Mitglied einer Sekte.

Durch spleenige Ideen weckte der Jung-Verleger Argwohn auch im eigenen Haus. Mit einer neuen Unternehmensverfassung wollte er die Zerstrittenheit unter den Erben beenden und führte - zum Mißvergnügen des Alten - Geheimgespräche mit den Funke-Töchtern.

Dann trennte sich Martin Brost, Anfang der achtziger Jahre, von einem Wirtschaftsprüfer, dem der Senior jahrelang verbunden war. Der Vater, erinnert sich ein Vertrauter, habe zwar »in der Sache nichts dagegen gehabt«, jedoch »gefürchtet, die Funkes könnten den Wechsel für Schwäche halten«.

Die Entfremdung zwischen Vater und Sohn wuchs. Martin warnte, dem mächtig gewordenen Schumann »nicht zu sehr zu vertrauen«, sich von ihm »nicht einwickeln zu lassen«. Doch über Mittelsmänner wurde an den jungen Brost herangetragen, er solle sein Erbe zurückgeben. Schließlich teilte ihm der Vater diesen Wunsch auch schriftlich mit.

Nach Ansicht von Erich Brost war sein Stammhalter weder imstande, die Auseinandersetzungen mit den Funkes durchzustehen, noch geeignet, das »publizistische Erbe« nach außen zu vertreten. Er habe, bedeutete er Genossen in Bonn, mehr Vertrauen zu dem robusten Parteimann Schumann - eine Art Wunschsohn.

Martin Brost weigerte sich zunächst, dem Widersacher das Feld zu überlassen. Seine Berater schalteten SPD-Krisenmanager Hans-Jürgen Wischnewski als Vermittler ein, doch dann bat der Verlegersohn, nichts zu unternehmen. Die genervten Brost-Anwälte beauftragten

schließlich die Frankfurter Wirtschaftsdetektei Klaus-Dieter Matschke, Material gegen Schumann zu finden.

Da kam auch einiges zusammen, etwa über Schumanns Freundschaft zum Bankrotteur und Betrüger Horst-Dieter Esch, bei dessen Internationaler Baumaschinen Holding (IBH) der Genosse im Aufsichtsrat saß.

Auch die Vorbehalte, die der frühere SPD-Schatzmeister Friedrich Halstenberg gegen Schumann hatte, wurden Brost zugetragen: Gemeinsam mit Grotkamp schützte Schumann einen unehrlichen SPD-Geschäftsführer vor dem Zugriff der Staatsanwaltschaft. Der Mann, ein früherer SPD-Verleger hatte der Partei ein angeblich defizitäres Unternehmen für 500000 Mark abgekauft und kurz darauf für mehr als 1,5 Millionen Mark weiterverkauft.

Als Halstenberg den Staatsanwalt einschalten wollte, wertete Schumann dies so der Ex-Kassierer, als »unfreundlichen Akt« gegen den Konzern. Die Justiz blieb draußen, die Partei holte sich von dem Profiteur die entgangene Differenz in Sachwerten zurück.

Halstenberg jedenfalls ist seitdem davon überzeugt, daß bei dem »Genossen Schumann in Sachen SPD Ansprüche und Wirklichkeit auseinanderklaffen«. »Was«, so fragt er sich, »hat der denn für uns getan?«

Doch Martin Brost wollte auf das detektivisch erstellte Beiwerk über Privates und mancherlei Geschäftliches aus dem Arbeitsalltag Schumanns nicht zurückgreifen. »Mit solchem Material arbeitet der nicht«, verriet ein Brost-Berater.

Der Verlegersohn reichte seine »WAZ«-Anteile freiwillig zurück. Schließlich habe der Vater, begründete er seine Entscheidung, einen Anspruch darauf, da er sie ihm geschenkt habe.

Auch seinen Münchner Spezial Zeitschriften Verlag hat Martin Brost inzwischen für rund zwölf Millionen Mark an den »WAZ«-Konzern verkauft. »Ich will«, sagt er, »den Frieden mit meinem Vater.«

[Grafiktext]

WAZ DER MEDIENRIESE VON DER RUHR Die wichtigsten Beteiligungen des WAZ-Konzerns FUNKE-GRUPPE Holding der Funke-Töchter Ute de Graffenried, Gisela Holthoff, Renate Schubries, Peter Grotkamp; Geschäftsführer: Günther Grothkamp BROST-GRUPPE Alleininhaber: Erich Brost; Geschäftsführer Erich Schumann 1985 aus der Brost-Gruppe ausgegliedert und auf Martin Brost übertragen Westdeutsche Allgemeine Zeitungsverlagsgesellschaft Westdeutsche Allgemeine Zeitung 100% Zeitungsverlag Niederrhein GmbH & Co KG 89,4% Gesellschaft für Breitbandkabelkommunikation Kiekert GmbH & Co KG 50% Zeitungsverlag Westfalenpost Westfalen-Post 100% Zeitungsverlag Westfalen Westfälische Rundschau 86,9% Zeitungsverlag Iserlohn Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung 24,8% RTL plus 10% Langenberg Kupfer- und Messingwerke GmbH & Co KG 50% Tack & Gabel GmbH & Co KG 50% Welt am Sonnabend GmbH Echo der Frau- Neue Welt Frau aktuell 100% Media Zeitschriften GmbH Reise Magazin BWZ-TV-Magazin 100% Spezial Zeitschriften Verlag Video Magazin Musik Magazin - Sport Markt Stereo-Fono Forum Hifi und Video Markt 100% Otto Versand 12,5% Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft (ORA) 50% Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft (wvw), Anzeigenblätter 100% Westfilm Medien GmbH 100% Allianz-Film-Produktions GmbH 100% Papierfabrik Holtzmann und Cie AG 34%

[GrafiktextEnde]

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