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SPANIEN Dank göttlicher Fügung

aus DER SPIEGEL 16/1952

Mit erstaunlicher Leichtigkeit wuchtete Spaniens Außenminister Don Alberto Martin Artajo (sprich: Artachó) seine massigen Einmetersiebenundachtzig aus der Passagierluke des Sonderflugzeuges, das ihn am Sonnabend von Madrid via Rom nach Beirut gebracht hatte.

Während hinter der imposanten Erscheinung des jungen Außenministers (46 Jahre alt) sein Gefolge eine respektvolle Kulisse bildete, hörte er in würdiger Haltung die wohlgewählten Begrüßungsworte seines libanesischen Kollegen Philip Tackla an.

Beiruts Presse freute sich über das feierliche Gepränge. Spanische »cortesia« - Höflichkeit nahezu im ursprünglichen Sinne des Wortes von »höfischem« Benehmen - entflammte die libanesischen Redakteure zu begeisterten Schilderungen der Banketts und Empfänge, der goldbestickten Diplomaten-Uniformen und seiden - knisternden Roben.

Sechs arabische Länder - außer Libanon sind es Syrien, Irak, Saudi-Arabien, Jordanien und Aegypten - wird Don Artajo in den nächsten beiden Aprilwochen besuchen. 37 483 000 Einwohner*) zählen diese Staaten zusammengerechnet. Aber das erschöpft bei weitem nicht ihre Bedeutung.

Die Besorgnis, mit der man in der Londoner Downingstreet und am Pariser Quai d''Orsay die Reise des spanischen Außenministers verfolgt, hat ihre Gründe. Ebenso das teils wohlwollende, teils verlegene Interesse des Washingtoner State Departments.

* Artajos Gastgeber-Länder beherbergen rund 13 Prozent der Rohölproduktion der Welt.

* Sie bilden zusammen mit neun anderen islamischen Mächten unter Führung des pakistanischen Außenministers Sir Zafrullah Khan einen der geschlossensten und zahlenmäßig stärksten Stimmblocks in der UNO.

* Sie repräsentieren eine rassisch-religiöse Völkerfamilie, deren Mitglieder strategisch bedeutsame Zonen der östlichen Hemisphäre bewohnen. Sie sind mittel- oder unmittelbare Akteure der Politik an der Straße von Gibraltar, am Suez, am Golf von Aden und - durch die islamischen Indonesier - an der Straße von Singapur. Sie bilden und bewohnen den Völker- und Landriegel zwischen der Sowjetunion und dem freien Meer, das für die Russen mit dem Persischen Golf beginnt.

* Sie sind der äußerste Vorposten des islamischen und farbigen Anti-Kolonialismus.

Das arabische Oel interessiert Artajo nur am Rande. Wichtiger als das Oel sind für Franco die politischen und strategischen Schwergewichte des arabischen Blocks.

Im Sommer vorigen Jahres veröffentlichte Artajo in der Madrider Zeitung »Ya« einen außenpolitischen Aufsatz. Dreimal fand sich darin das Wörtchen »dank« in folgenden Verbindungen:

* dank göttlicher Fügung,

* dank der freundschaftlichen Unterstützung fast aller Völker unseres Blutes,

* dank der islamischen Welt.

Mit diesen drei, für die spanische Außenpolitik programmatischen »dank« begründete der Zögling der Jesuitenschule in Madrids Calle Aberto Aguilera die Erfolge, die ihm das Jahr 1951 beschert hatte.

Als Artajo im Jahre 1945 als eben Vierzigjähriger in den Palacio de Santa Cruz an der Plaza de la Provincia (Spaniens Außenministerium) einzog, zählte Madrid sehr bald nur noch drei ausländische Botschafter. 1946 hatte die UNO auf Anregung Sowjetrußlands über Spanien das verhängt, was Artajo damals den »diplomatischen Belagerungszustand« nannte. Jetzt umfaßt das diplomatische Korps in der spanischen Hauptstadt nicht weniger als 24 Botschafter.

Seit Anfang 1951 gibt es auch wieder Spanier in den verschiedensten internationalen Organisationen. »Leitende Aemter nehmen wir«, wie Artajo voller Stolz kürzlich feststellte, »in der ICAO (Organisation für Zivilluftfahrt) und der FAO (Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation) ein.«

In allen solchen Fällen stimmten die südamerikanischen Staaten ("Völker unseres Blutes") und die des islamischen Blocks für Spanien.

Artajos Reise in den Nahen Osten hat nicht zuletzt den Zweck, den Mohammedanern einen Dankesbesuch abzustatten.

In seinem Gefolge befindet sich die bildschöne Gräfin Villaverde, Tochter des spanischen Staatschefs. Schon das allein ist

*) Libanon 1 238 000, Syrien 3 400 000, Irak 4 800 000, Saudi Arabien 6 500 000, Jordanten 1 500 000, Aegypten 20 045 000. eine Geste spanischer »cortesia«, die in Beirut und in der gesamten arabischen Presse gewürdigt wurde. Aus der Hand ihres Gatten wird König Talal im jordanischen Amman einen Roß-Schweif in Empfang nehmen, den der fränkische Hausmeier Pipin der Kurze in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) den Vorfahren Talals abnahm.

Talals Vater - der im vorigen Jahre ermordete König Abdullah - hatte 1949 Staatschef Franco einen Hausschlüssel überreicht, den sein Ahne aus dem Omajidengeschlecht, Kalif Abu Abdallah, einst nach seiner bedingungslosen Kapitulation in Granada (1492) mit nach Mauretanien genommen hatte. Symbolisch bedeutete König Abdullahs Geschenk die Beendigung der jahrhundertealten Feindseligkeit zwischen Arabien und Spanien.

Artajo hat in der Muße seines diplomatischen Belagerungszustandes durch den europäischen Westen gelernt, mit solchen Symbolen umzugehen. In Kairo wird er dem exilierten Führer der Nationalisten Französisch-Marokkos, Allal El Fassi, das von Alfons I. von Kastilien eroberte Schwert des Kalifen von Cordoba, Hisam III. (1027-31), zum Geschenk machen.

El Fassi ist heute der gefährlichste Gegner Frankreichs in Nordafrika. Seine Agenten wühlen nicht nur in Französisch-Marokko, sondern auch in Algier, Senegal und sogar in der britischen Kolonie Goldküste, zu dessen Neger-Ministerpräsidenten Kwame Nkrumah (Der große Befreier) er einen ständigen Liaison-Offizier entsandt hat. El Fassi hält sich mal in Kairo, mal in Tanger auf. Neuerlich sieht man ihn auch gelegentlich in Ceuta oder Tetuan (Spanisch-Marokko).

Der seit einiger Zeit so freundliche Kontakt zwischen El Fassi und den Spaniern ist einer der Punkte, die die Pariser Zeitung »Le Monde« am 5. 4. veranlaßte, an einer normalerweise für offiziöse Aeußerungen des Quai d''Orsay offen gehaltenen Stelle zu bitten: Spanien möge doch bedenken, daß seine Freundschaftspolitik gegenüber den Arabern auch Konsequenzen »für sein gutes Bündnis mit Frankreich haben werde - einem Bündnis, das in wohlverstandenem Interesse der beiden Protektorats-Staaten (Spanien und Frankreich) so notwendig ist.«

»La bonne entente avec la France« ist für Franco''s Außenminister ein überraschend neuer Begriff. Bisher galt Robert Schuman - schon aus Rücksicht auf die 106 Mann starke Fraktion der Sozialisten im Palais Bourbon, auf deren Unterstützung bis einschließlich Edgar Faures Kabinett alle französischen Regierungen der letzten Jahre angewiesen waren - als einer der entschiedensten Gegner der Aufhebung des diplomatischen Belagerungszustandes gegen Spanien. Inzwischen hat sich die spanische Außenpolitik aus Mangel an anderen Partnern auf die Mohammedaner festgelegt.

Seit einiger Zeit herrscht in der Barackenstadt in der Nähe des andalusischen Bergstädtchens Durcal südlich Granada ungewohnte Stille. Noch vor drei Monaten beherbergten die Hütten 2000 Tunesier, durchweg Mitglieder von Habib Burgibas Neo-Destour.

Ende 1950 hatte der tunesische Freiheitskämpfer vor den angetretenen Formationen des Lagers eine Rede gehalten. Er feierte die »liberale Gesinnung des spanischen Staatschefs Franco« und verurteilte »den finsteren Despotismus Frankreichs«.

Wenige Monate zuvor hatte er in einem Brief an seinen »Beobachter« beim UNO-Hauptquartier in Lake Success die Prophezeiung gemacht, die Vereinten Nationen würden nur »im Falle von schweren Zusammenstößen in Tunesien« die tunesische

Frage auf die Tagesordnung setzen. Er brauche daher »leichte Waffen - in erster Linie für Guerilla-Sabotage und in zweiter Linie zur erbarmungslosen Liquidierung von Verrätern.« Für die Anschaffung seien zunächst mal 300 Millionen Francs notwendig. »Wenn wir sie nicht aus Tunesien erhalten, müssen die arabischen Staaten einspringen.«

Seit drei Monaten gibt es in Durcal nur noch knapp 500 tunesische Rekruten, dafür in Susa, Tunis, Karthago und Bizerta »Guerilla-Sabotage« und »erbarmungslose Liquidierungen«. Wie von Burgiba vorausgesagt, haben sie die UNO aufgeschreckt. Der Vertreter des pakistanischen Außenministers Sir Zafrullah Khans in Lake Success, Ahmed Bokhari, schrieb an sich selber einen Brief. indem er sich - in seiner Eigenschaft als Vorsitzenden des Weltsicherheitsrates - aufforderte, die tunesische Frage zu behandeln.

Unter Zafrullah Khans Protektorat fand kürzlich im pakistanischen Karachi eine Versammlung der Arabischen Liga statt. Hauptsprecher war Hadsch Amin el Husseini, Groß-Mufti von Jerusalem. Er sprach von »der schrecklichen und blutigen Gewaltherrschaft der Franzosen und Engländer in Marokko, Algier, Tunis, Aegypten und dem Sudan«. Von den Spaniern und ihrem Protektorat in Nord-Marokko war nicht die Rede.

Im Gegenteil: Sir Zafrullah Khan empfahl eine »möglichst enge Allianz zwischen den Staaten des arabischen Verteidigungspaktes und Spanien«.

Husseinis und Zafrullahs Zurückhaltung gegenüber Spanien hat historische und aktuelle Gründe. Die besten Führer in den militärischen Verbänden der Moslem-Bruderschaft sind ehemalige Spanienkämpfer. An allen größeren Orten des Nahen Ostens, die Don Artajo auf seiner Reise berühren wird, werden sich die arabischen Kameraden der deutschen »Legion Condor« zu Gedenkfeiern zusammenfinden. Artajo bringt für die »alten Kämpfer« in seinem Gepäck blitzende Orden mit.

Zu der sorgfältig ausgewählten Begleitung des Außenministers gehört neben dem Grafen und der Gräfin Villaverde ein Verwandter des Großwesirs von Spanisch-Marokko, Muley Ahmed Arafa.

Arafa war einstmals Mitkämpfer des »Rif-Löwen« Abd el Krim. Vielleicht gelingt Artajo durch seine Vermittlung endlich die Aussöhnung mit diesem grimmigen Gegner Spaniens und Frankreichs. Schon jetzt hat Abd el Krim seine revolutionäre Propaganda auf Französisch-Marokko und Algier beschränkt. Im spanischen Marokko sind die Flugblätter seiner Kairoer Agitationszentrale nicht mehr zu haben.

Dazu wäre nach Lage der Dinge tatsächlich auch kaum Veranlassung.

Mit dem Khalifa von Tetuan (Spanisch-Marokko), Muley Hassan Ben El Mehdi, ist Staatschef Franco seit vielen Jahren eng befreundet. Seitdem beide im Januar dieses Jahres im Prado, dem Wildpark der früheren Könige von Spanien, zusammen jagten, weiß man am Quai d''Orsay, daß Franco und Artajo mit dem Kalifa einen Geheimvertrag geschlossen haben, der im Endeffekt auf die völlige Wiederherstellung der Souveränität der Araber in Spanisch-Marokko hinausläuft. Nur Ceuta mit einer kleinen Zone soll in spanischem Besitz verbleiben. In Frankreich ist man sich darüber im klaren, daß die Verwirklichung dieses Paktes das Signal für Aufstände in Französisch-Marokko, Algier und Tunis sein würde.

Schon jetzt ist die Lage für Frankreich prekär genug. Als im Dezember vorigen Jahres General-Gouverneur im marokkanischen Rabat, General Guilleaume, seinen spanischen Kollegen, Hochkommissar General

Rafael Garcia Valino, bat, er möchte die Hitzköpfe der marokkanischen Nationalistenpartei (Istigulal) ausweisen, lehnte dieser brüsk ab.

Schlimmer noch: Spanien gestattete seinem eigenen alten Erzfeind - dem Nationalistenführer Abd El Khalek Torres - die Rückkehr nach Tetuan. Khalifa Muley Hassan hat inzwischen - offenbar in Vollzug seiner Jagd-Gespräche mit Franco - Presse- und Organisationsfreiheit gewährt. Kommentierte ''Le Monde'' giftig: »Das hat sicher die Landsleute Francos sehr überrascht. Sie sind weit davon entfernt, ähnliche Vorzüge zu genießen.«

Spaniens Verhältnis zu Aegypten hat sich in den Monaten des britisch-ägyptischen Konfliktes bis zu ausgesprochener Herzlichkeit erwärmt.

In Kairo wird Artajo nicht nur dem König von Aegypten, sondern dem »König von Aegypten und des Sudan« seine Aufwartung machen. Spanien ist das einzige Land Westeuropas, das Faruk I. Anspruch auf den oberen Nil anerkannt hat. Im kommenden Sommer wird Faruk seine Ferien nicht wie bisher an der französischen, sondern an der spanischen Riviera von San Sebastian verbringen.

Schon jetzt liegen die Paragraphen des Kultur-Vertrages fest, den Artajo in Kairo abzuschließen gedenkt. Hauptpunkt dieses Vertrages ist das Instituto de Estudios Musulmanes in Madrid: Von 700 Freiplätzen sind 260 für ägyptische Studenten reserviert. Als Gegenleistung erwartet Artajo die Einrichtung von spanischen Lehrstühlen an den Universitäten der Arabischen Liga.

Stärke und Schwäche von Außenminister Artajos Politik ist die Tatsache, daß Spanien - außer dem Ausverkauf seiner Rechte im Protektorat in Marokko - den arabischen Staaten nicht viel mehr als »cortesia« zu bieten hat. Und umgekehrt die arabischen Staaten den Spaniern nicht viel mehr als kulturelle Freundschaft.

Die bare Münze unmittelbarer militärischer oder wirtschaftlicher Vorteile kann Artajo sich kaum von seiner Nahost-Reise

erhoffen. Ihr Sinn ist denn auch ein mittelbarer: die Kreditwürdigkeit Spaniens in den Augen Washingtons durch die Freundschaft mit dem islamisch-arabischen Block anzureichern.

In dem monatelangen harten Feilschen zwischen Madrid und Washington um großzügige Kredite für Spanien einerseits und Militärbasen für Admiral Carneys 6. Flotte andererseits spielt Artajo mit seiner Nahost-Reise einen neuen Trumpf aus: seine guten Beziehungen überall dort, wo man seit einiger Zeit dem amerikanischen Anti-Kolonialismus keinen Glauben mehr schenkt, in Beirut, Bagdad, Amman, Kairo bis herunter nach Karachi und dem indonesischen Djakarta.

Im Dezember vorigen Jahres gebar der kreißende Berg der amerikanisch-englisch-französisch - türkischen Nahostkommando-Verhandlungen die mißgebildete Maus einer »Nahost-Verbindungsstelle«. Seitdem war von dieser Einrichtung nicht mehr die Rede.

Wichtigste Frage von Artajos Besprechungsprogramm mit seinen arabischen Freunden ist daher, ob und wie man die festgefahrenen Nahost-Verhandlungen wieder in Gang bringen oder aber durch andere Vereinbarungen ersetzen kann.

Wenn es Artajo gelingen sollte, das amerikanisch-arabische Gespräch über eine Verteidigungsorganisation gegen die Sowjetunion und den Kommunismus neu zu beleben, dann dürfte das dem State Department einige hundert Millionen Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe für Spanien wert sein.

In seiner Antwort auf Philip Tacklas Begrüßungsworte in Beirut am vergangenen Sonnabend sprach Don Artajo von der »natürlichen Vermittlerrolle Spaniens zwischen dem Islam und dem Westen.«

Einen Tag später bestätigt ihm das Oberhaupt der syrischen Maroniten-Kirche Patriarch Mar Anton Arida »die geheiligte Mission Spaniens, die Europa und den Orient vor der Gefahr des Kommunismus rettete.«

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