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AFGHANISTAN »Dann begann der Berg zu qualmen«

Mit kümmerlichen Mitteln versuchen Hilfstrupps der Uno und des Internationalen Roten Kreuzes, im Erdbebengebiet am Hindukusch die Folgen der Katastrophe zu lindern, die 5000 Menschen das Leben gekostet hat. Von Reinhard Krumm
aus DER SPIEGEL 25/1998

Das schlammverschmierte Gesicht der kleinen Bibiko ist wie versteinert. Dabei hätte sie allen Grund, laut aufzuschreien. Denn Dr. Saijed Habib ist dabei, ihr zwei kirschkerngroße Eiterblasen mit sterilen Pinzetten zu öffnen. Nachdem er den von Blut und Jod tropfenden rechten Handballen verbunden hat, gibt er einem der beistehenden vollbärtigen Männer aus dem Bergdorf Robat-i-Gardan rasch drei Antibiotikum-Ampullen, ein paar Spritzen, Nadeln und Mullbinden. Die Nachbehandlung müssen sie selbst übernehmen.

Dem Doktor laufen in der prallen Sonne Schweißbäche am Körper hinab. Im Hintergrund rauschen die Rotorblätter des russischen Mi-8-Hubschraubers, der auf einem schlammigen Plateau in über 2000 Meter Höhe hin- und herrutscht. Zwei Helfer des Roten Kreuzes und der Vereinten Nationen haben derweil mit Hilfe der örtlichen Bevölkerung 41 Sack Getreide, 8 Kartons Speiseöl und 50 Decken abgeladen. Nach zehn Minuten steigt der Hubschrauber knatternd wieder auf und fliegt das dreiköpfige Team zum nächsten Einsatzort.

Das Dorf Robat-i-Gardan liegt nur vier Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens entfernt, das die nordafghanischen Provinzen Badakhshan und Takhar erschüttert hat. Erst aus der Luft wird das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich: Lehmunterkünfte sind wie Kartenhäuser zusammengestürzt und zum Teil mit den tragenden Holzstämmen den Abhang hinabgerutscht, an den das Dorf terrassenförmig gebaut war. Nur 25 Familien überlebten. Sie schlafen nun aus Furcht vor weiteren Beben auf bunten Decken unter freiem Himmel.

Um Nahrungsmittel und Zelte ins Katastrophengebiet zu bringen, fliegen jeden Tag - soweit es das unbeständige Wetter zuläßt - Helikopter aus der gut 200 Kilometer entfernten Nachbarrepublik Tadschikistan die nördliche Provinzstadt Feisabad an. Außerdem landen stündlich weiße Mini-Transportflugzeuge der Uno und des Internationalen Roten Kreuzes aus Pakistan und afghanische Antonow-Militärmaschinen aus Masar-i-Scharif.

Den Landeplatz hat die sowjetische Armee nach ihrem Einmarsch vor fast 19 Jahren gebaut. Noch immer säumen ausgeschlachtete rostige Schützenpanzer die 1700 Meter lange und 40 Meter breite Rollbahn, die Pioniere aus grün angemalten Metallplatten damals zusammenschraubten. Um Bruchstellen rechtzeitig zu erkennen, preschen jeden Morgen Geländewagen mit Vollgas über sie hinweg. Ein paar Meter neben der Piste weht eine rote Flagge. Das bedeutet: Achtung, erhöhte Minengefahr.

Damit es bei dem zunehmenden Flugverkehr nicht zu Kollisionen in der Luft kommt, flog die Uno vor einer Woche eine Gruppe von fünf holländischen »Airops« ein. Das sind speziell auf improvisierte Sondereinsätze gedrillte Fluglotsen, die ein Minimum an Sicherheit gewährleisten sollen.

Der Landweg ist unpassierbar, denn Lastwagen und Esel bleiben im Schlamm stecken, weil in diesem Frühling die Schneeschmelze so spät eingesetzt hat.

Svante Yngrot, der braungebrannte und kräftig gebaute schwedische Koordinator des Roten Kreuzes in Feisabad, ist der Verzweiflung nahe: »Das ist ein Alptraum hier.« Medikamente und Nahrungsmittel seien ausreichend vorhanden, nur kein Transportgerät. Mehr als zehn Orte täglich kann er deshalb nicht versorgen lassen.

Die Helfer von Uno und Rotem Kreuz haben Regierungen, private Anbieter und sogar die Nato um die Bereitstellung von Fluggerät gebeten. Als dann endlich ein Hubschrauber aus Sri Lanka nach Pakistan gebracht worden war, streikte die Besatzung, weil ihr der Afghanistan-Auftrag zu gefährlich war.

Selbst die Sprache macht Probleme. Das tadschikische Flugpersonal spricht Russisch und nur wenig Englisch. Oftmals können die Piloten in Not geratene Ortschaften nicht ausfindig machen, denn ihr Kartenmaterial stammt noch aus der Sowjetzeit, während Uno-Karten englische Transkriptionen benutzen, die die Crews nicht lesen können.

Tabib, seit 23 Jahren im Cockpit, ist hier schon für die Sowjets Einsätze geflogen. Sobald er mit seinem orangefarbenen »Heli« am frühen Morgen über die Gebirgsketten einfliegt, ist die Stimmung auf dem Flugfeld gleichzeitig freudig und gereizt. Denn er steht den Hilfsorganisationen immer nur für wenige Stunden zur Verfügung und kehrt am frühen Nachmittag wieder nach Duschanbe zurück.

Der Grund: Die Piloten haben nur 3600 Liter Treibstoff, gerade genug für An- und Abflug sowie zwei Flugstunden im Einsatzgebiet. Und Auftanken ist nur in Duschanbe erlaubt, denn das Kerosin in Feisabad taugt nicht viel.

Dabei sind aus Peschawar extra Fässer in die tadschikische Hauptstadt geflogen, dort abgefüllt und dann nach Feisabad gebracht worden. Doch schon beim ersten Nachfüllen verstopfte der Benzinfilter. »Die sind mächtig übers Ohr gehauen worden«, sagt Tabib.

Davon ist auch der Sprecher der Vereinten Nationen, Rupert Colville, überzeugt, der sich neben dem Rollfeld einen grünen Tee genehmigt: »Sobald wir irgendwo aufkreuzen, schießen die Preise in die Höhe.« In Afghanistan, wo fast die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen ist, fühle er sich wie ein Astronaut im Weltall. »Man ist von allem abgeschnitten.«

In Schorak, dem zweiten Dorf, das Habib von Feisabad aus anfliegt, ist ein Teil der hellbraunen Lehmhäuser einen Hang hinabgestürzt. Kaum ist der Hubschrauber dicht neben einem ausgetrockneten Flußbett gelandet, nimmt Uno-Mitarbeiter Abdul Amiki die Verlustmeldungen auf, die der Dorfälteste zusammengestellt hat: 43 Menschen sind tot, 30 verletzt, 20 werden noch vermißt.

Habib ist ein alter Routinier. Seit über zehn Jahren arbeitet er für den Roten Halbmond hier in einer der ärmsten Regionen der Welt. Bei jedem Einsatz springt der kleine Mann mit den vielen Lachfalten um die Augen behende als erster aus dem Hubschrauber. Der 43jährige ist verantwortlicher Arzt für die gesamte nördliche Berg-Region. Die gehört zu den 20 Prozent des Landes, die die in Kabul regierenden Taliban noch nicht besetzen konnten.

Besonders schwere Fälle hat der Doktor während der vergangenen Tage in das staatliche Krankenhaus in Feisabad eingeliefert. Obwohl die Klinik vom Flughafen nur sechs Kilometer entfernt ist, benötigen sogar die Geländewagen der Hilfsorganisationen über eine dreiviertel Stunde. Denn sintflutartige Regenfälle haben die Schotterstraße zum Teil aufgerissen und fast unpassierbar gemacht.

Seit dem großen Erdbeben sind alle Räume im Hospital belegt, sogar die Ärztezimmer, wo in Regalen noch immer zerfledderte Medizinbücher in russischer Sprache stehen. Überall wimmelt es von Fliegen, der Geruch von Desinfektionsmittel bohrt sich stechend in die Nase.

Alle reden nur über das Erdbeben. »Wir hörten ein fürchterliches Geräusch«, berichtet der 20jährige Dschuma Chan, »dann begann der Berg zu qualmen, er sackte ab und begrub unser Dorf.« Seine Mutter Sinat hielt sich im Haus auf, als die Erde bebte. Das herabstürzende Dach brach ihr das rechte Bein. Seitdem schläft Chan auf dem staubigen Steinfußboden vor ihrem verrosteten und durchgelegenen Bett. Ob sie die Überlebenden ihres Dorfes wiederfinden? Inschallah, wenn Gott will.

Im Nebenzimmer liegt die sechsjährige Malicha. Sie stöhnt vor Schmerzen, weil sie ein Auge verloren hat. Doch das Schlimmste steht ihr noch bevor: Bislang hat keiner gewagt, ihr zu sagen, daß ihr Vater und ihre Mutter tot sind.

Abdul Satar, der seit über zehn Jahren Krankenpfleger ist, sieht das Elend hier eher gelassen. »Wir haben schon ganz andere Fälle behandelt: Kopfschüsse und Amputationen.« Und erklärend fügt er hinzu: »Der Bürgerkrieg ist unser bester Lehrmeister.«

Im Vergleich zu dem Beben, von dem Afghanistan im Februar getroffen wurde, gab es diesmal weniger Verletzte und mehr Tote - insgesamt 5000 Menschen. Da die Katastrophe am Vormittag geschah, sind die meisten Opfer Frauen und Kinder. Die Männer arbeiteten zum Zeitpunkt des Unglücks auf den Feldern.

Viele Quellen sind verschüttet, das Vieh ist verendet. Alle haben Angst vor Epidemien. Nicht auszudenken, wenn jetzt zu allem Übel auch noch die Cholera ausbräche.

Unklar ist noch, wie viele der zerstörten Lehmhütten wiederaufgebaut werden können. Die Uno plant nun, Wohnkabinen einzufliegen, deren Wände bei erneuten Beben nach außen klappen.

Bis Ende Juni wird Habib noch in Feisabad die Stellung halten. Wenn es seine Zeit erlaubt, wird er auch künftig ab und an auf einen Drink und einen Plausch bei dem stellungslosen Geographielehrer Machmut Fosil vorbeischauen, der seit über einer Woche vor dem Flughafengelände in Abu Dhabi produzierte Orangenlimonade feilbietet. Lehrer Fosil verkauft die Dose für 68 000 Afghani, auf dem Schwarzmarkt umgerechnet ein US-Dollar. Das sei sehr moderat, sagt er. »Nach dem nächsten Erdbeben werde ich wohl den Preis erhöhen müssen.«

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Erdbebengebiet in Afghanistan

[GrafiktextEnde]

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Erdbebengebiet in Afghanistan

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Reinhard Krumm
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