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»Dann gibt es Krieg«

Der Präsident des türkischen Nordzypern, Rauf Denktas, über die Teilung der Insel und die Aufnahme des Südens in die EU
aus DER SPIEGEL 45/2000

SPIEGEL: Herr Denktas, die nächste Runde der Uno-Zyperngespräche läuft an. Warum reden die Türken und Griechen der Insel nicht vernünftig miteinander?

Denktas: Die griechisch-zypriotische Gegenseite ist nicht die verfassungsmäßige Regierung von Zypern. Das war die 1960 gebildete Regierung, die einer funktionalen Föderation vorstand, in der beide Bevölkerungsgruppen ihre eigenen Regierungsstrukturen hatten - in der Exekutive, in der Legislative, in der Justiz. Es gab also in Wahrheit schon damals keinen einheitlichen Staat. Die Griechenseite zerstörte 1963 die partnerschaftliche Republik und riss den Titel »Regierung von Zypern« an sich. Sie versucht nun, die Zypern-Frage durch die EU-Mitgliedschaft ohne unsere Zustimmung für sich zu entscheiden.

SPIEGEL: Wie soll das geschehen?

Denktas: Der Präsident der Zypern-Griechen, Glafkos Klerides, erklärt, wenn wir in der EU sind, hat das Schutzversprechen der Türkei für die türkischen Zyprioten keine Wirkung mehr.

SPIEGEL: Eine Rückkehr in einen gemeinsamen Bundesstaat mit weit reichenden Rechten für die Zypern-Türken lehnen Sie ab?

Denktas: 83 Prozent der griechischen Zyprioten sprechen sich gegen eine Föderation aus. Wie kann also Herr Klerides behaupten, er sei bereit, mit mir über eine Föderation zu sprechen? Die will er doch nicht wirklich. Deshalb bin ich für einen Staatenbund, eine Konföderation aus zwei Staaten, die sich zusammentun und international als ein Staat vertreten sind. Mit einer konföderalen Flagge und mit den Flaggen der beiden einzelnen Staaten. Mit dem gemeinsamen Dach einer Regierung, die uns gegenüber der Außenwelt vertritt und mit einer Rotation im Amt des Präsidenten. Nach innen hingegen sollte der jeweils eigenen Regierung freie Hand gelassen werden.

SPIEGEL: Der deutsche EU-Erweiterungskommissar Verheugen wirft Ihnen öffentlich vor, Sie seien realitätsfern. Realität ist, dass die EU in Helsinki entschieden hat, Zypern ohne Vorbedingungen aufzunehmen, also auch geteilt.

Denktas: Akzeptiere ich die Realität nicht oder er? Wie können denn die griechischen Zyprioten ein Zypern repräsentieren, wenn es dort zwei Völker gibt, zwei separate Demokratien? Die im Süden wollen die Alleinregierung sein und haben doch seit 37 Jahren zu einem Viertel der Bevölkerung keinen Kontakt mehr, haben einem Viertel der Bevölkerung seit 37 Jahren politische und wirtschaftliche Embargos auferlegt. Ist das gerecht?

SPIEGEL: Wir sprechen nicht über Gerechtigkeit, sondern über Realpolitik. Sie sollten den Tatsachen ins Auge sehen.

Denktas: Ich bin eine Tatsache. Mein Land ist eine Tatsache. Warum sieht man dem nicht ins Auge?

SPIEGEL: Wie werden Sie reagieren, wenn die EU das geteilte Zypern aufnimmt?

Denktas: Dann gibt es Krieg. Im EU-Parlament und in den anderen EU-Organen werden die griechischen Zyprioten sofort argumentieren: Wir sind ein Mitgliedsstaat und leiden unter türkischer Besatzung. Dann werden sie einen so genannten kleinen Krieg beginnen und möchten am liebsten die EU in einen Krieg gegen die Türkei hineinziehen.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Republik Teil der Türkei wird?

Denktas: Wir brauchen die Türkei immer stärker zum Überleben. Sonst haben wir doch keine Chance. Wir werden alles tun, was für unser Überleben erforderlich ist, wenn die EU den schrecklichen Fehler macht, nur den griechischen Teil trotz des ungelösten Zypern-Problems aufzunehmen. Jeder, der einigermaßen bei Trost ist, muss die Lösung der Zypern-Frage vor dem Beitritt wollen.

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