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»... dann ist es aus mit Pakistan«

In zweiwöchiger Feldschlacht haben Indiens Divisionen Ostpakistan zerschlagen und die Republik Bangla Desch begründet. Es ist nicht einmal sicher, ob das geschlagene Westpakistan hinfort als Rest-Staat überleben kann.
aus DER SPIEGEL 52/1971

Indiens Staatspräsident Giri bereitete Anfang vergangener Woche eine Reise vor: Am Sonntag wollte der Politiker Pate bei der Taufe der neuen Volksrepublik BanglaDesch in deren Hauptstadt Dakka sein.

Als Gevatter Giri seine Reise plante, lag Mata Bharat (Mutter Indien) noch in den Wehen, und die Geburtshelfer, Indiens Soldaten, hatten die blutige Operation, die dem Kind BanglaDesch zum Leben verhelfen sollte, noch nicht beendet. Doch am Donnerstag ergab sich Pakistans Bengalen-Kommandeur General ("Tiger") Niasi Indiens Armeechef Manekscha bedingungslos. Vom Gegner umzingelt und vom 2000 Kilometer entfernten Mutterland Westpakistan abgeschnitten, unterzeichnete er um zwölf Uhr mittags auf der Rennbahn von Dakka die Kapitulationsurkunde. Danach riß ihm ein Inder-General die Rangabzeichen von den Schultern, die Pakistani-Soldaten legten ihre Gewehre nieder. Tausende Bengalen jubelten dem Schauspiel zu.

Indiens Kriegskalkül war aufgegangen: Von sowjetischen Beratern zur Eile gedrängt, eroberten die indischen Truppen Ostpakistan.

Zeit war der wichtigste Faktor in diesem Feldzug gewesen. Pakistans Freunde -- Chinesen und Amerikaner -- sollten keine Chance zum Eingreifen haben.

Chinas Truppen an Indiens nördlicher Himalaja-Grenze und Teile der Siebten US-Flotte, vom Golf von Tonking her auf dem Weg in den Golf von Bengalen, mußten möglichst schnell vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Außerdem: Jeder Schuß, den indische Soldaten im werdenden Bangla Desch abgeben mußten, traf Indien selbst. Fast zehn Millionen bengalische Flüchtlinge, seit März vor pakistanischem Terror ins benachbarte Indien geströmt, waren den Indern der offizielle Anlaß für den Krieg. Doch nach dem Krieg muß Indien für 75 Millionen Ostbengalen sorgen.

Die Volksrepublik Bangla Desch mag sozialistisch und demokratisch werden, wie es ihre Führer versprechen. Stabil ist sie -- zumindest in den ersten Monaten ihrer Existenz -- nicht.

Bürgerkrieg und Freiheitskampf zerstörten etwa zehn Prozent der 3218 Kilometer fester Straßen und zwölf Prozent der 2819 Kilometer langen Bahnlinien -- vorwiegend die lebensnotwendigen Brücken. Bereits Anfang Juni hatte eine Kommission der Weltbank geschätzt, daß der Verkehr auf Straßen und Bahnen nur mit etwa zehn Prozent der Kapazität arbeiten könnte.

Die Seehäfen in Tschittagong, Cox's Basar und Tschalna wurden von der indischen Kriegsmarine zusammengeschossen. Die Infrastruktur des Landes muß neu aufgebaut werden.

Allerdings gibt es vorerst nicht viel, was auf reparierten Straßen transportiert werden könnte. Denn Ostbengalens 28 Aluminiumwerke, 18 Zündholzfabriken, sieben Zuckerraffinerien, 22 Textil- und 29 Jutespinnereien sowie 178 Verarbeitungsbetriebe für Textil- und Jutegarne sind durch Sabotage und Stilllegungen während der vergangenen Monate ruiniert, die -- meist westpakistanischen -- Besitzer und Manager geflüchtet oder umgekommen.

Bangla Deschs Bauern -- 80 Prozent der Bevölkerung -- haben in diesem Jahr bereits die zweite Saison fast nichts geerntet. Mit ihren archaischen Methoden -- vor dem Krieg arbeiteten auf 13,8 Millionen Hektar Ackerland nur 19 000 Bewässerungspumpen und 120 Traktoren -- können sie den Nachholbedarf des Landes aus eigenen Kräften nicht decken. Mutter Indien muß ihr gewolltes Kind Bangla Desch ernähren und vorerst aushalten.

Hohe Beamte der indischen Verwaltung, Polizeioffiziere, Ingenieure und Ärzte sind bereits abgestellt, um dem Nachbarn über die ersten Runden zu helfen. Indien will 500 Millionen bis eine Milliarde Mark als Entwicklungshilfe in das zerstörte Land pumpen.

Doch bereits vor dem Krieg wurden die Schäden, die Guerillas der Mukti Bahini mit indischer Unterstützung angerichtet hatten, vorsichtig auf 2,5 Milliarden Mark geschätzt.

Darüber hinaus muß das selbst verarmte Indien auch noch bis März nächsten Jahres etwa 2,6 Milliarden Mark für den Unterhalt von neun Millionen Flüchtlingen aufbringen. Und vor März können nicht alle Bengalen in ihre Heimat zurückgeschickt werden -- falls sie überhaupt gehen wollen. Denn weite Landstriche im Norden, Osten und Westen Bangla Deschs sind vermint, von Pakistanis und Mukti Bahini. Bevor die Minen geräumt sind, können die Bauern nicht auf ihre Felder.

Schließlich steht den Indern noch die fast unlösbare Aufgabe bevor, nach dem Sieg ihre selbstbewußten Verbündeten, die Mukti Bahini, wieder zu disziplinieren. In ihren Reihen kämpfen zahlreiche Marxisten und Maoisten, deren Glaubensbrüder im indischen Westbengalen seit Jahren einen blutigen Untergrundkrieg gegen Indiens Establishment führen. Bei Entwicklung und Entwaffnung müssen die Inder vorsichtig vorgehen: Die überempfindlichen Bengalen können allzuleicht den Eindruck bekommen, sie sollen von einer Kolonie Pakistans zu einem Satelliten Indiens werden.

Doch Neu-Delhi nimmt solche Risiken in Kauf. Denn Pakistans Vertreibung aus Bengalen bringt große Vorteile, nicht nur, weil Indien nunmehr allein dominierende Macht in Südasien sein wird, vielmehr bekommt Indiens Horror-Stadt Kalkutta, von den Briten einst als Wirtschaftszentrum für den Osten des Subkontinents konzipiert, durch ein befreundetes Ostbengalen wieder Rohstoff-Hinterland. Ein wirtschaftlicher Aufschwung in Kalkutta und dem umliegenden Westbengalen könnte die sozialen Spannungen in Westbengalen lindern. Und Indiens Reiche hoffen, im ausgepowerten Bangla Desch ihre der Steuer hinterzogenen Rupien gewinnbringend investieren zu können.

Neu-Delhis Politiker aber erwarten bereits das Ende auch Rest-Pakistans. Als Ministerpräsidentin Indira Gandhi vor zwei Wochen den noch nicht existierenden Staat Bangla Desch anerkannte und dafür von dem oppositionellen Abgeordneten Gurupadaswami vom Alten Kongreß als »lebende Johanna von Orléans« gefeiert wurde, sprachen in der Euphorie einige Kollegen des Jublers Klartext über das Endziel des Kriegs.

Der Staatsminister für Wohnungsbau, Gudschral, erklärte: »Ich bin glücklich, daß ich Zeuge der Vernichtung der Zwei-Staaten-Theorie sein darf.« Der Sozialist Radsch Narain verkündete, Bangla Desch sei der erste Schritt zur Wiedervereinigung Indiens und Pakistans. Und ein Sprecher der reaktionären Dschan-Sangh-Partei, Wischnu Ghanschjam Deschpande, terminierte gar das Ende des Erzfeinds: »Der 25. Jahrestag der Teilung (14. August 1972) muß auch der Tag sein, an dem Indien wiedervereinigt wird.«

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