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»Dann kamen die Särge aus Afghanistan«

SPIEGEL-Interview mit dem Deserteur Alexander L. über den Dienst in der Sowjet-Armee Der sowjetische Wehrpflichtige Alexander L., _(Der Name ist der Redaktion bekannt. ) 22, seit 1981 in Polen stationiert, setzte sich nach einem Streit mit Offizieren von der Truppe ab. Trotz des ausgerufenen Kriegsrechts konnte er sich mit Hilfe der verbotenen Gewerkschaft »Solidarnosc« länger als drei Jahre im polnischen Untergrund verbergen. Vor kurzem wurde er in den Westen geschleust. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

SPIEGEL: Alexander, wovor haben Sie Angst? Wir dürfen weder Ihren richtigen Familiennamen noch die Stadt nennen, in der Sie sich aufhalten; Sie haben sich nur mit verdecktem Gesicht photographieren lassen - was kann Ihnen hier im Westen denn passieren?

ALEXANDER: Ich kenne die Spielregeln. Jeder, der gewagt hat, aus der Sowjet-Armee zu desertieren, muß hingerichtet werden. Da werden keine Mühen gescheut, um ihn zu kriegen, und da wird auch nicht auf Staatsgrenzen Rücksicht genommen.

SPIEGEL: Weshalb sind Sie desertiert?

ALEXANDER: Ich wollte nicht mehr.

SPIEGEL: Was wollten Sie nicht mehr?

ALEXANDER: Das Ganze. Die Verhältnisse.

SPIEGEL: Ist es Ihnen in der Sowjet-Union so schlecht gegangen?

ALEXANDER: Eigentlich nicht. Ich lebte in Woronesch, einer Stadt südlich von Moskau. Es ging mir sogar besser als den meisten jungen Leuten, weil mein Vater als hochqualifizierter Metallschweißer gut verdient hat. Auch meine Mutter war erwerbstätig, Geschwister hatte ich keine. Es ging uns also für sowjetische Verhältnisse gar nicht so schlecht.

SPIEGEL: Waren Sie gegen das politische System?

ALEXANDER: Nicht einmal das, jedenfalls nicht damals in Woronesch. Ich war Mitglied des Komsomol, der kommunistischen Jugendorganisation, und von »Dosaaf«. _("Freiwillige Gesellschaft für ) _(Zusammenarbeit mit Armee, Luftwaffe und ) _(Marine«, eine sowjetische ) _(Wehrertüchtigungsorganisation. )

Wir haben das alle als Formsache betrachtet. Wenn es eine Versammlung gab, ging man hin und wartete, bis die Pflichtübung zu Ende war. Es war nichts als schreckliche Langeweile. Das mußte man schon in Kauf nehmen, wenn man weiterkommen wollte.

SPIEGEL: Und wie weit haben Sie es gebracht?

ALEXANDER: Nach der zehnjährigen Mittelschule arbeitete ich als Schlosser in der Montageabteilung der Metallwerke in Woronesch. Bei der Dosaaf habe ich in Abendkursen meinen Führerschein gemacht und dann eine Stelle als Lastwagenfahrer bekommen.

SPIEGEL: Und sonst? Keine Zweifel, keine Fragen?

ALEXANDER: Die gab es. Ich fragte mich beispielsweise, warum sich mein Vater, immerhin in der höchsten Lohngruppe für Schweißer, für drei Jahre in die Mongolei anwerben lassen mußte, um das Geld für einen Kleinwagen zusammenzusparen. Im Kino gab es amerikanische Filme, da kutschierten Arbeiter mit Riesenschlitten in der Gegend herum, lebten in komfortabel eingerichteten Wohnungen, von denen unsereins nur träumen konnte.

SPIEGEL: Das Kino zeigt nicht immer die Wirklichkeit.

ALEXANDER: Aber Jeans tragen in Amerika sogar die ärmsten Straßenjungen. Bei uns in Woronesch, wenn du sie überhaupt auf dem Schwarzmarkt erwischen kannst, kosten sie 600 Rubel. Soviel verdient mein Vater nicht in einem Vierteljahr. Und dann kam die Sache mit den Särgen aus Afghanistan. Da wurde so manches geflüstert ...

SPIEGEL: Gefallene.

ALEXANDER: Mit Einschußlöchern; bei den einfachen Soldaten meist vorn, bei den Offizieren - so sagten die Leute - sollen sie aber oft im Rücken oder Hinterkopf zu sehen gewesen sein. Da mußte man sich schon fragen, was für ein Verteidigungskrieg ist das ...

SPIEGEL: Laut Propaganda ein Angriff der Amerikaner.

ALEXANDER: ... in dem unsere Soldaten Anlaß haben, auf die eigenen Offiziere zu schießen?

SPIEGEL: So etwas wurde diskutiert?

ALEXANDER: Niemals. Du kannst ja nie wissen, ob dein guter Freund kein Spitzel ist. Darüber haben wir nicht einmal später in Tambow gesprochen, obwohl wir es dort schon richtig mit der Angst bekommen haben.

SPIEGEL: Was ist geschehen in Tambow?

ALEXANDER: Das war der Sammelpunkt, als ich im April 1981 zum Wehrdienst einberufen wurde, mit 18. Dort saßen wir ein paar Wochen herum, in unseren zerschlissenen Zivilklamotten - die besseren Kleidungsstücke hatte natürlich jeder verkauft, um sich mit Wodka einzudecken. Es gab keine Übungen, und niemand wußte, wie es weitergehen soll. Dann faßten wir eines Tages unsere Militäruniform, da merkten wir, daß es ins Ausland geht. Denn für einen normalen Militärdienst gibt es Stiefel und Riemen nur aus Ziegenleder, unsere aber waren aus richtigem Rindsleder, und das konnte nur Einsatz außerhalb der Sowjet-Union bedeuten. Da kam die Angst: Wenn Ausland, so dachten wir, dann wahrscheinlich Afghanistan.

SPIEGEL: Sie kamen aber nach Polen.

ALEXANDER: Das erfuhren wir erst im Flugzeug. Es war eine zivile Großraummaschine der Aeroflot, die Kabine durch mehrere Sichtblenden geteilt, so daß keiner von uns wußte, wie vieler wir

insgesamt waren. Kurz nach dem Start erschienen drei Offiziere, ein Oberleutnant und zwei Fähnriche. Sie teilten uns mit, wir würden unsere soldatische Pflicht in der Volksrepublik Polen erfüllen. Das war alles, kein Wort mehr. Da die Offiziere Fliegeruniformen trugen, vermuteten wir, daß wir einer Einheit der Luftwaffe zugeteilt würden. Nach etwa drei Stunden landeten wir in Kluczewo auf einem großen sowjetischen Militärflughafen. Mich haben sie zusammen mit fünf anderen Kameraden nach Thorn gebracht und dort als Schützen einer Wachkompanie zugeteilt.

SPIEGEL: Was hatte Ihre Kompanie zu bewachen in Thorn?

ALEXANDER: Etwa 500 Meter von der Stadtgrenze entfernt gab es ein großes Waffenlager, hauptsächlich Bomben und Raketen konventioneller Art. Das Lager gehörte zur 4. Luft-Armee der Heeresgruppe Nord, ein Labyrinth von Baracken und unterirdischen Gängen. Wir wurden bewaffnet und hatten das Lager zu bewachen.

SPIEGEL: Wann haben Sie denn eigentlich Schießen gelernt?

ALEXANDER: Noch in Woronesch, in der Schule. Schießen gehörte zu den Pflichtfächern. Dann, in Thorn, wurde uns ein paarmal gezeigt, wie man eine Maschinenpistole auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Leicht aber war der Dienst nicht. Immer wieder gab es Nachtalarm, und dann mußten wir in voller Kampfausrüstung die drei Kilometer im Laufschritt bewältigen. Meine angegriffene Lunge machte das nicht lange mit. So wurde ich zu einem Ingenieurbataillon abkommandiert, das auf Bauarbeiten an Militärflugplätzen spezialisiert war. Dort, in Olawa bei Breslau, hatte ich Dienst in der Schuster- und Schneiderwerkstatt.

SPIEGEL: Kamen Sie auch mit Polen zusammen?

ALEXANDER: Gleich am ersten Tag sind wir von der Abwehrabteilung über die Geheimhaltungsvorschriften unterrichtet worden. Wir durften unter anderem in unseren Briefen nach Hause nicht verraten, daß wir in Polen stationiert sind. Kofferradios und Kameras waren bei uns verboten. Nur Lautsprecher gab es, für den Empfang interner Sendungen.

Auch von Sicherheitsmaßnahmen, etwa strengstem Rauchverbot auf dem Lagergelände, war die Rede. Ein einziger Funke würde, so hieß es, ausreichen, um ganz Thorn in die Luft zu sprengen. Geraucht wurde aber trotzdem.

SPIEGEL: Was wußten Sie über Polen und die Lage im Lande?

ALEXANDER: Anfangs nur das, was man uns im Politikunterricht sagte. Das waren meistens keine Vorträge, sondern der Politruk oder ein von ihm beauftragter Unteroffizier las uns einfach aus der »Krasnaja swesda«, »Prawda« oder »Komsomolskaja prawda« vor. Etwa

darüber, daß der Sozialismus in Polen in Gefahr sei, daß eine vom amerikanischen Geheimdienst infiltrierte Organisation namens »Solidarnosc« einen Umsturz vorbereite, damit Polen zu einer antisowjetischen Bastion des Imperialismus werde. Auch Photos von Walesa, wie er sich mit CIA-Bossen trifft, sind uns gezeigt worden. Mit solchem und ähnlichem Quatsch wurden wir ständig gefüttert.

SPIEGEL: Hielten Sie und Ihre Kameraden das schon damals für Quatsch?

ALEXANDER: Anfangs nicht so genau. Aber man hat sich darüber auch nicht zu sehr den Kopf zerbrochen, sondern einfach vor sich hingedöst, auf die bewährte soldatische Art, mit offenen Augen. Ja, etwas böse waren wir auf die Polen schon, wegen der Streiks. Bei den Nachtalarmen hieß es nämlich oft: Die Streikunruhen in den Küstenstädten nehmen ein gefährliches Ausmaß an, deshalb muß Alarmbereitschaft geübt werden. Wir verstanden zwar nicht, was das mit uns zu tun hat, so weit von der Küste entfernt, aber sauer auf die polnischen Unruhestifter waren wir doch, weil sie uns um unseren Schlaf brachten. Die richtigen Gedanken kamen erst später, als wir die ersten Polen kennenlernten.

SPIEGEL: Wie konnten Sie Kontakte zur Bevölkerung knüpfen?

ALEXANDER: Mit Handelsgeschäften. Wir wurden ziemlich saumäßig ernährt, hauptsächlich mit Kartoffeln, Erbsensuppe und allerlei Fettbrei. Die uns täglich zustehenden Fleischrationen - Fleisch war zu jener Zeit rar in Polen - wurden von den Offizieren an polnische Schwarzhändler verhökert, ebenso die Butter, die uns zustand. Aber was der russische Offizier kann, hat der russische Soldat längst gelernt; wir fingen an, das gleiche zu tun.

SPIEGEL: Was hatten die Soldaten denn zu bieten?

ALEXANDER: Wir wurden reichlich mit Zigaretten versorgt - 18 Schachteln pro Monat -, während es an den polnischen Kiosken manchmal gar keine zu kaufen gab. So waren die Polen sogar mit unseren Papirossy zufrieden.

Ähnlich war es mit Zucker und Bonbons. In unserer Kantine konnten wir jede Menge kaufen, 30 Zloty (0,54 Mark) das Kilo. In den polnischen Geschäften gab es weder Zucker noch Süßigkeiten, man konnte leicht den dreifachen Preis nehmen. Allein mit der süßen Ware ließ sich bis zu 10 000 Zloty im Monat Profit machen.

SPIEGEL: Wie hoch war Ihr Wehrsold?

ALEXANDER: 140 Zloty im Monat, davon mußten wir noch Schuhwachs und Seife kaufen, einfach zum Lachen. Aber wir hatten noch andere Ware: Militärstiefel. Wenn man ein Paar aus dem Lager herausholen konnte, haben die polnischen Bauern sie gern gekauft. Ganz zu schweigen von Benzin. Bei den

Polen gab es viele Autos, aber keinen Treibstoff, und manche von uns ließen sich durch nichts mehr bremsen.

SPIEGEL: Warum?

ALEXANDER: Aus Geldgier, auch weil ihnen überhaupt alles schnuppe war. So passierte es mehr als einmal, daß während einer Alarmübung das eine oder andere Fahrzeug nicht von der Stelle kam, weil der Motor nicht ansprang - kein Tropfen Benzin im Tank.

SPIEGEL: Darauf fanden doch Untersuchungen statt ...

ALEXANDER: Immer wieder, wie es in den Vorschriften steht. Manchmal sogar mit schlimmem Ausgang. Ein Soldat bekam acht Jahre, weil er sein Bajonett für 20 000 Zloty verkauft hatte. Aber die meisten Diebstähle wurden vertuscht. In der Armee ist es wie im Zivilleben, eine Hand wäscht die andere. Und im übrigen, was kann schon ein Fahrer dafür, daß ihm ein anderer den Benzintank leergepumpt hat?

SPIEGEL: Solche faulen Ausreden glaubten die Feldgendarmen?

ALEXANDER: Diesen Trick mit dem erfundenen Täter haben wir von unseren Offizieren gelernt. Die erzählten uns immer wieder von Kulaken-Banden, die sich in den Wäldern herumtrieben und ihre Leute in der »Solidarnosc« hätten, von grauenhaften Überfällen polnischer Konterrevolutionäre auf unsere Kameraden. Die so grausam getöteten Kameraden waren immer aus einer fremden Einheit, die angeblich ganz woanders stationiert war.

SPIEGEL: Sind Sie dahintergekommen, daß es Lügen waren?

ALEXANDER: Sehr bald. Wir sahen ein schönes Land, mit vielen tollen Autos auf den Straßen, mit gut angezogenen Menschen, vielen schönen Einfamilienhäusern, richtigen Bauernhöfen, die nicht einem Kolchos, sondern den Bauern selbst gehörten. Diese Leute, so dachten wir, müßten doch total verrückt sein, wenn sie ein so feines Leben, überhaupt nicht zu vergleichen mit dem unseren, durch eine Konterrevolution aufs Spiel setzen wollten.

SPIEGEL: So gut konnte es den Polen doch nicht gehen, wenn sie gezwungen waren, Zucker und Zigaretten von sowjetischen Dieben zu erwerben?

ALEXANDER: Anfangs dachte ich auch so. Später habe ich erfahren, daß viele akute Versorgungsschwierigkeiten von der Regierung künstlich geschaffen worden sind, um die streikenden Arbeiter und die »Solidarnosc« dafür verantwortlich machen zu können.

SPIEGEL: Das haben Sie von der »Solidarnosc« erfahren?

ALEXANDER: Ja, ich habe die »Solidarnosc«-Leute oft gesehen, wenn ich eine Marschirowka _(Marschbefehl. )

nach Breslau bekommen habe, etwa um einen Wäschetransport zu holen. Ich fuhr mit meinem Laster am Tor eines streikenden Werks vorbei, die Streikposten schauten mich schweigend an, und niemals fiel ein böses Wort. Die wußten, daß der einfache Soldat, ob Pole oder Russe, nichts zu bestimmen hat. Es hat bloß eine Zeitlang gedauert, bis ich begriffen habe, was eine Gewerkschaft sein kann und soll.

SPIEGEL: Haben das denn auch Ihre russischen Kameraden begriffen?

ALEXANDER: Das weiß ich nicht. Über Organisieren und Geschäfte konnte man schon untereinander reden, nicht aber über Politik. Derselbe gute Freund, mit dem du heute ein krummes Ding drehst und danach eine Flasche leerst, kann dich morgen bei der Abwehrabteilung verpfeifen, um sich Pluspunkte zu sichern.

SPIEGEL: Sie haben den Mund gehalten ...

ALEXANDER: Meine Selbstbeherrschung fiel mir immer schwerer. Eines Tages hat ein total betrunkener Offizier mir befohlen, die Klomuschel mit meiner Zahnbürste sauberzumachen. Da habe ich ihm mit einem groben russischen Fluch geantwortet. Dafür kam ich einen Monat in die Strafkompanie.

SPIEGEL: Wie mußten Sie büßen?

ALEXANDER: Mit sogenannter Erziehungsarbeit und Erziehungsgesprächen. Die erste bestand vor allem darin, einen Haufen schwerer Steine von einer Stelle zur anderen und dann wieder zurück zu schleppen.

SPIEGEL: Und was sind Erziehungsgespräche?

ALEXANDER: Die bekam ich zweimal täglich, in der Dunkelkammer, einem Raum ohne Fenster. Es setzte furchtbare Prügel - beide Erzieher, beide im Fähnrichsrang, waren echte Experten. Jede Lektion endete mit dem Spruch: »Damit du weißt, wie du mit einem Offizier zu reden hast!«

Zum Schluß mußten sie mich mit angeschwollenem Bauch und inneren Verletzungen ins Krankenhaus bringen. Als ich dann zu meiner Einheit zurückkehrte, stand für mich fest, daß ich abhaue.

SPIEGEL: Wie sollte das geschehen?

ALEXANDER: Eines Tages, es war im November 1981, habe ich über Herzschmerzen geklagt und verlangt, in unser Armee-Krankenhaus nach Brzeg geschickt zu werden. Dort hat mich der Arzt für einen Tag krank geschrieben. Den Tag habe ich zur Flucht genutzt: Bis zum Abend schlief ich in einem Versteck, dann, als es dunkel wurde, habe ich meinen Rucksack, den Zeltmantel, ein zweites Paar Fußlappen zusammengepackt, dann noch ein Hackmesser aus der Küche geklaut, damit ich unterwegs Holz für ein Feuer kleinmachen oder Kartoffeln aus dem Boden buddeln kann.

Danach ging ich los - über die Mauer unserer Kaserne in Richtung Osten. Unterwegs

habe ich meinen Rucksack mit Mais vollgestopft, mich in einem Staatsgut mit Trinkwasser versorgt und ein warmes Versteck im Kuhstall gefunden. Dort habe ich mich drei Tage im Heu vergraben. Dann habe ich im Dorf ein uraltes Fahrrad gegriffen, es stammte noch aus deutschen Zeiten, und bin losgefahren, nach Breslau.

SPIEGEL: Warum gerade dorthin?

ALEXANDER: Ich wußte, daß es in Breslau eine »Solidarnosc«-Organisation gab, und habe mir gesagt, die Jungs sind Arbeiter wie du, die werden dir schon irgendwie weiterhelfen.

SPIEGEL: Ziemlich leichtsinnig.

ALEXANDER: Klar, in meiner sowjetischen Uniform - nur meine Schulterstücke und Truppenabzeichen hatte ich abgetrennt, und ohne polnische Sprachkenntnisse. Ich mußte Passanten anhalten, um nach dem Weg zum »Solidarnosc«-Büro zu fragen.

SPIEGEL: Auf russisch?

ALEXANDER: Ja. Alle waren sehr freundlich und gaben bereitwillig Auskunft. Als ich endlich ankam, war das Büro bereits geschlossen. Am nächsten Morgen war ich kurz nach 8 Uhr im Gewerkschaftslokal. Da bekam ich erst mal einen Schreck: Im Flur stand ein polnischer Armee-Major in voller Uniform und mit einem »Solidarnosc«-Abzeichen an der Brust. Ich konnte mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich hatte gelernt, mich von Offizieren fernzuhalten, egal welche Abzeichen sie tragen. Mit einem Sprung war ich hinter der Toilettentür verschwunden.

Nach einigen Minuten kam ein junger Mann herein und fragte auf polnisch, wer ich sei und was ich hier zu suchen habe. Ich sagte ihm die Wahrheit.

SPIEGEL: Dachten Sie nicht daran, daß die »Solidarnosc«-Leute Sie für einen Provokateur halten könnten?

ALEXANDER: So geschah es auch. Ich wurde zu einem höheren Gewerkschaftsfunktionär gebracht, der fließend Russisch sprach. Nachdem ich ihm die Geschichte meiner Flucht geschildert hatte, erklärte er mir klipp und klar, daß vor einer Entscheidung über mein Schicksal festgestellt werden müsse, ob es sich hier nicht um eine Provokation handle.

Das waren schon richtige Kerle. Mißtrauisch, aber menschlich. Ich bekam zivile Klamotten, warmes Essen und ein Bett, jede Nacht in einer anderen Wohnung. Auch Bücher in russischer Sprache besorgten sie mir, darunter die Bibel. Nach drei oder vier Wochen wurde mir mitgeteilt, die Überprüfung meines Falles sei erfolgreich abgeschlossen. Nun sollte ich nach Warschau.

SPIEGEL: Gab es auch eine Erklärung dafür?

ALEXANDER: Bei sämtlichen um Olawa stationierten Sowjet-Einheiten war Alarm geschlagen worden, man suchte in den Wäldern nach mir, sogar mit Hubschraubern. Auch Steckbriefe sind verteilt worden, allerdings nur an Funktionäre des Sicherheitsdienstes, nicht an einfache Polizisten.

So kam ich also mit dem Zug nach Warschau. An meine Jacke hatten sie ein »Solidarnosc«-Abzeichen gesteckt. Es sollte mich, so sagten meine Breslauer Freunde, unterwegs vor polizeilichen Ausweiskontrollen schützen. Es stimmte auch. Solche Zeiten waren damals in Polen!

SPIEGEL: Was hatten Sie denn für die Zukunft vor?

ALEXANDER: In der Hauptstadt angekommen, ging ich, wie meine neuen Beschützer es mir geraten hatten, zur schwedischen Botschaft. Dort aber gab es keinen, der Russisch sprach. Ich sollte mit einem Dolmetscher wiederkommen. Bis ein solcher gefunden wurde, vergingen drei Tage, und da kam der 13. Dezember und damit das Kriegsrecht. Zur schwedischen Botschaft gab es keinen Zutritt mehr, die war von Polizei umstellt.

Die junge Frau, bei der ich wohnte, wurde verhaftet. Ihre Eltern brachten mich in eine andere Wohnung. Von da an waren meine Kontakte zur »Solidarnosc« abgebrochen, für etwa vier Monate. Trotzdem gab es unzählige Menschen, die bereit waren, das Risiko einzugehen und den Deserteur aus der Sowjet-Armee zu beherbergen. Dann wurde der Kontakt wiederhergestellt. Jetzt war es der »Solidarnosc«-Untergrund, der sich um mich kümmerte, und zwar ganze drei Jahre lang.

SPIEGEL: Wie lebt es sich so lange in der Illegalität?

ALEXANDER: Es war nicht so schlimm. Ich habe mehr als 30mal die Wohnung gewechselt. Meine polnischen Freunde haben alles Mögliche getan, um mir das Leben zu erleichtern. Sie haben mir Beschäftigung verschafft, bei einem Uhrmacher, in einer Gärtnerei, bei einem Bauern - da sitzt einem nicht immerzu die Angst im Nacken, auch wenn man ständig aufpassen muß. Meine Beschützer haben für mich sogar zweimal richtige Ferien organisiert, zuerst an den Masurischen Seen, dann im Tatra-Gebirge. Auf dem Rückweg von dort, in der Bahnhofshalle von Nowy Sacz, wurde es aber brenzlig: Ein Polizist wollte meine Papiere sehen.

Den gefälschten polnischen Ausweis, den ich bei mir hatte, durfte ich hier nicht zeigen, darin stand nämlich, ich sei in Schlesien wohnhaft. Mein russischer Akzent aber paßte nicht in die Gegend. Also antwortete ich dem Polizisten auf russisch und überreichte ihm meinen Führerschein aus Woronesch. Das war das einzige sowjetische Dokument, das ich behalten hatte. Der Polizist wollte aber meinen Paß sehen. Ich sagte, den hätte ich bei der Botschaft in Warschau hinterlegt. Er ließ mich schließlich in den Zug steigen.

SPIEGEL: Und wie sind Sie in den Westen gelangt?

ALEXANDER: Das will ich nicht sagen, um die Leute, die mir geholfen haben, nicht zu gefährden.

SPIEGEL: War da die Angst am größten?

ALEXANDER: Am schwersten war jene Art von Angst zu ertragen, wegen der ich mich entschlossen hatte, aus der sowjetischen Armee und damit aus der Sowjet-Union zu fliehen. Das ist auch der Grund, weshalb ich diesen Entschluß keinen Augenblick bereut habe.

Der Name ist der Redaktion bekannt."Freiwillige Gesellschaft für Zusammenarbeit mit Armee, Luftwaffeund Marine«, eine sowjetische Wehrertüchtigungsorganisation.Marschbefehl.

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