Zur Ausgabe
Artikel 4 / 109
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Dann macht er dich kalt«

aus DER SPIEGEL 42/1991

Die großen Bierzelte auf der Wies''n hatten schon geschlossen, im Hippodrom tranken am vorletzten Sonntag einige Unentwegte das letzte Bier des Münchner Oktoberfestes. Plötzlich trommelten sechs junge Männer in Lederjacken mit ihren Maßkrügen auf den Tisch und skandierten: »Wir sind deutsch, deutsch, deutsch. Wir sind Deutsche, Deutsche, Deutsche.«

Dann fielen sie über einige Italiener her, die am Nebentisch saßen. Der Anführer der Schläger, ein Zwei-Meter-Mann, prügelte wild um sich, trat zwei Italienern mit den Füßen ins Gesicht, Bierkrüge flogen.

Die Polizei kennt den Gorilla und seine Jungs: Karlheinz Lohr, 29, Spitzname »Dixie-Charlie«, führt rund 200 Mann an, die sich »Teds« nennen und von der Kriminalpolizei als »deutlich rechtstendierend« eingestuft werden.

Schnell und spontan haben rechte Jugendbanden in den vergangenen Tagen immer wieder zugeschlagen - eine Taktik, gegen die Polizisten machtlos sind. Wenn die Beamten erscheinen, sind die Schläger längst verschwunden. Auch der Bundesverfassungsschutz kann wenig tun, obwohl er inzwischen V-Leute unter den Skinheads angeworben hat.

»Wegen der stark zersplitterten Gruppen«, so Hans-Gert Lange vom Kölner Amt, »ist es sehr schwierig, Erkenntnisse zu bekommen.« Skinheads seien eine schwer zu packende »amorphe Masse«.

Während die Fahnder noch versuchen, die verschiedenen Gruppen auseinanderzuhalten, dienen sich die Kahlschädel den Rechtsparteien als Kampftruppen an. Sie schlagen los gegen alles, was sie für »undeutsch« halten.

Der 17jährigen Cornelia Wagner aus Schöneck-Kilianstädten bei Hanau wurden ihre schwarzen Haare und ihr dunkler Teint zum Verhängnis. Vor knapp einer Woche ging sie Zigaretten holen. Plötzlich rauschte ein schwarzer Ford Escort vorbei, der Beifahrer kurbelte sein Fenster herunter und brüllte: »Dich Asylantenschwein erwischen wir noch.«

Am nächsten Abend raste der Wagen mit Fernlicht auf Cornelia Wagner zu, versperrte ihr den Weg. Zwei Männer in Bomberjacken mit Hakenkreuz und Totenkopf sprangen heraus. »Jetzt haben wir dich«, schrie einer der beiden und zückte eine Machete. Er zog Cornelia Wagner die Waffe blitzschnell durchs Gesicht, über den linken Arm und die Oberschenkel - so lange, bis der andere rief: »Laß, die Asylantensau hat genug.« Fünf tiefe, bis zu 15 Zentimeter lange Schnitte zählte der Notarzt.

In Hochheim bei Frankfurt verprügelten Jugendliche zwei Italiener, einem brachen sie mit Fußtritten die Hand. Einen anderen Italiener schlugen Skinheads im Saarland krankenhausreif. »Neonazis auf Jagd nach Italienern«, schlagzeilte die italienische Zeitung La Repubblica.

Vor allem im Osten hockt in Spielhallen und Kneipen frustriertes Jungvolk zuhauf. »Sobald sich jemand findet, der das Signal gibt, marschiert die Masse los«, sagt Bernd Fleischer, 40, Polizeisprecher in Cottbus.

Ein Ende der Eskalation sieht Fleischer nicht: »Die lassen nicht locker.« Hinzu kommt jetzt, daß Einpeitscher rechtsextremer Parteien die losen Skin-Cliquen für sich einspannen.

Diesen Trend hält Bernd Wagner, 35, für »extrem beunruhigend«. Der Leiter der Abteilung Staatsschutz im gemeinsamen Landeskriminalamt der fünf neuen Länder weiß, daß sich die Skins »sehr gut funktionalisieren lassen«. Den Parteien stehe _(* Von Neonazis besetztes Haus mit ) _(Reichskriegsflagge und ) _(Schaufensterpuppe. ) im Osten Deutschlands ein »rechtsextremes Potential von 10 000 bis 15 000« Mann zur Verfügung.

Bislang hatten die Recken aus rechten Parteien bei den Glatzköpfen wenig Glück. NPD-Chef Günter Deckert, 51, hält die Glatzen nach wie vor für »spontihaft« und »schwer zu politisieren«. Die Schläger hätten »kaum Dauerleithammel von Format«, sagt Deckert.

Doch die angestaubten Nationaldemokraten gelten bei den meisten Skinheads als »viel zu lasch« und als »Opa-Partei«. Mehr Erfolg haben die militanten neonazistischen Gruppen.

»Fast die Hälfte der Kameradschaftsführer und Funktionsträger« der rechtsextremen »Deutschen Alternative«, protzt deren Chef Frank Hübner, 26, aus Cottbus, stammten aus der Skinhead-Szene. Täglich stoßen Jungs im Alter zwischen 13 und 16 zu seinen Rabauken mit den skin-typischen »Doc Martens«-Stiefeln.

Alle Rechtsparteien buhlen um die nützlichen Schläger. Bei der jüngst entstandenen »Deutschen Liga für Volk und Heimat« wird »nicht gefragt, woher jemand kommt«, verkündete Liga-Gründer Harald Neubauer, 39. Den Ton der Skins trifft er genau: »Nur eine knallharte Rechte hat Aussicht auf Erfolg.«

Selbst die ramponierten Republikaner versuchen sich in halbherziger Umarmung. Er »billige« zwar nicht, was die Skinheads tun, sagt Rep-Chef Franz Schönhuber. Doch sei ihm »ein Mann, der ehrlich seine Springerstiefel erworben hat, lieber als der Politverbrecher aus Bonn in seinen Lackschuhen«.

Auftritte von Skinheads »ohne neonazistische Begleitumstände« seien inzwischen »seltene Ausnahmeerscheinungen«, heißt es in der Analyse »Rechtsextremismus im vereinten Deutschland« des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Nach Informationen der Stuttgarter Verfassungsschützer haben 100 der rund 300 Skinheads in Baden-Württemberg bereits Verbindungen zu rechten Organisationen. »Das geht quer durch den Rechtsextremismus«, weiß Helmut Rannacher, Vizechef des Landesamtes.

Wie die Zusammenarbeit funktioniert, erlebte Herbert Semsch, 37, FDP-Stadtrat im badischen Brühl, bei einem Herbstfest. Semsch wusch sich in einem Toilettenhäuschen die Hände, als er im Spiegel sah, wie drei Schwarze hereinkamen. Ihnen folgten, so der Liberale, der örtliche NPD-Chef Michael Barth, 30, und drei seiner Schläger.

Die Rechten rempelten die Nigerianer an und beschimpften sie: »Schwarze Drecksäue. Geht doch zurück nach Afrika.« Als die Afrikaner nicht reagierten, drückte einer der Neonazis seine Zigarette im Ohr eines Schwarzen aus.

FDP-Mann Semsch versuchte dazwischenzugehen; daraufhin habe ihn NPD-Chef Barth angegriffen. Semsch zog eine Dose Reizgasspray und setzte Barth außer Gefecht. »Der hat sich erstmal ausgekotzt«, sagt Semsch. Der Liberale eilte, die Polizei zu rufen. Die Neonazis nutzten die Gelegenheit und schlugen die Schwarzen zusammen. Einer von ihnen liegt noch mit Gehirnprellungen und einem langen Schnitt über der Stirn im Krankenhaus.

Das Gros der Skinheads können die Rechtsparteien jedoch nur als schlagkräftiges Rollkommando nutzen. Die meisten Glatzen sind schlicht zu dumm zum Politisieren. »Ideologie können die einfach nicht verstehen«, weiß der Kölner Verfassungsschützer Lange.

Als die Berliner Kripo nach Nazi-Schmierereien einige Verdächtige vorlud, bezeichneten die das Hakenkreuz als »Symbol aus dem Ersten Weltkrieg«. »Das sind Riesenbabys, Kerle wie Schränke«, meint der Berliner Oberstaatsanwalt Claus Czujewicz, 56, »wenn so einer vor dem Haftrichter steht, sagt er nur: Ich würde das wieder tun.«

Den Haß auf alles Fremde verherrlichen die Kult-Bands der Skinheads, Krawall-Combos wie »Volkszorn«, »Werwolf« oder »Endstufe«. Die zusammengestoppelten Skin-Zeitungen, »Fanzine« genannt, verbreiten Texte wie den »Kanaken-Song« der Band »Endsieg": _____« Ich steh auf der Straße, hab meine Augen auf, ich » _____« warte auf ''nen Türken, und dem hau ich eine drauf. »

Die Glatzen-Kapelle »Störkraft« porträtiert den Skinhead in ihrem Lied »Söldner« verblüffend genau: _____« Er ist ein Söldner und Faschist, er ist ein Mörder » _____« und Sadist, er hat keine Freunde, ein Menschenleben » _____« interessiert ihn nicht, er hat keine Seele und keinen » _____« Verstand, er hat keine Herkunft, man hat ihn verbannt. » _____« Er ist ein Skinhead und Faschist, er hat eine Glatze und » _____« ist Rassist, Moral und Herz besitzt er nicht, Haß und » _____« Gewalt zeichnen sein Gesicht, er liebt den Krieg und » _____« liebt die Gewalt, und bist du sein Feind, dann macht er » _____« dich kalt. »

Die meisten Skinheads sind Jugendliche zwischen 15 und 19, weiß Ulrich Hinse, Leiter des Staatsschutzes beim Landeskriminalamt in Mecklenburg-Vorpommern: »Lediglich die Rädelsführer sind über 20 Jahre alt.« In Landstuhl warfen kürzlich sogar schon zwölfjährige Knaben Molotow-Cocktails auf ein Asylantenheim.

Der Skinhead stamme im Regelfall aus kaputten Familien, berichten Kölner Verfassungsschützer. Er sei gezeichnet von »Mißerfolg in Schule und Ausbildung, ohne Perspektive und ohne Anerkennung durch die Gesellschaft.« Die Skin-Clique gibt den rechten Wirrköpfen die Chance, ihre Underdog-Gefühle vor allem an Ausländern auszutoben.

»Wenn man in der Gesellschaft nach unten rutscht«, sagt der Berliner Staatsanwalt Czujewicz, »scheint es gut zu tun, wenn es unter einem noch jemanden gibt, auf den man einschlagen kann.«

* Von Neonazis besetztes Haus mit Reichskriegsflagge undSchaufensterpuppe.

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 109
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.