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»Dann nahm mich der Marschall beiseite«

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über Peter Scholl-Latours Afrika-Buch »Mord am großen Fluß« Peter Scholl-Latour, 62, machte sich in den Kongo-Wirren Anfang der 60er Jahre einen Namen als »mutigster Mann des deutschen Fernsehens« ("Bild am Sonntag"). Von 1963 bis 1983 war er - zunächst für die ARD, dann fürs ZDF - Reisereporter mit Sitz in Paris. Seit Mai 1983 ist Scholl-Latour Herausgeber des »Stern«. *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 18/1986

Es ist offenbar unmöglich, aus einem Scholl-Latour keinen Bestseller zu machen. Sein »Tod im Reisfeld« war das erfolgreichste politische Sachbuch der deutschen Nachkriegszeit. Jetzt hat er ein Afrika-Buch auf den Markt gebracht. Und obwohl umsatzbewußte deutsche Büchermacher Afrika-Themen nur mit ganz spitzen Fingern anfassen, kreist auch das schon wieder ganz hoch oben im Seller-Orbit. Wie macht der Mann das bloß?

Man braucht den »Mord am großen Fluß« gar nicht erst aufzuschlagen« um zu sehen: Hier schreibt nicht Peter Scholl-Latour über Afrika, sondern über Peter Scholl-Latour in Afrika (wie vordem über Scholl-Latour in Frankreich, Scholl-Latour in Nahost, Scholl-Latour im Reisfeld). Das Gruppenbild mit Negern auf dem Cover - ganz vorn der Autor mit »Le Monde« unterm Arm - zeigt, daß in diesem Buch nicht das Thema das wichtigste ist, sondern der Verfasser.

Der Chronist erzählt in spaziergängerischer Diktion von seinen aufregenden Erlebnissen in malerischen Kriegen und seinen Begegnungen mit wilden schwarzen Männern, die aber im Grunde ihres Herzens gutmütig sind. Und er versteht es stets, das Augenmerk aufs Wesentliche zu lenken. Über seiner Zusammenkunft mit dem zairischen Staatspräsidenten Mobutu Sese Seko liegt ein Hauch von Haute Couture: »Der President Fondateur trug eine nach Mao-Look stilisierte Jacke, hochelegant aus teurem, dunklem Stoff tailliert. Der Kragen war im Gegensatz zum chinesischen Vorbild aufgeknöpft und gab einen modischen Seidenschal frei, der durch ein Brusttuch gleichen Musters ergänzt wurde«. Und Doktor Peter Scholl-Latour kann sagen, er sei dabeigewesen.

Dann wird es sehr intim: »Der Marschall nahm mich beiseite... Ein Diener kam, um Champagner nachzugießen ..., Ich Mobutu, sprach der Marschall, verkörpere diesen Staat, der ohne meine einigende Gestalt in hundert Stücke zerfiele ... J'ai fait ce que j'ai pu'.« Mein lieber Scholli, ich habe getan, was ich konnte.

Ja, ja, reflektiert an dieser Stelle der Autor im Rückgriff auf die Präambel seines Buches, veritas filia temporis - die Wahrheit ist die Tochter ihrer Zeit. Hätte er sich selbst doch nur davon leiten lassen.

Wahr ist nämlich: Es gab eine Zeit, da war Mobutu Sese Seko die Hoffnung seines Volkes, weil er als einziger die Kraft hatte, den Kongo zu entbalkanisieren. Heute ist er nichts als ein eitler, korrupter Potentat, eine jener Kreaturen aus kolonialer Zucht, die es Afrika schwermachen, seinen Platz im Plenum der zivilisierten Völker einzunehmen.

Dem Autor die Ehre: Er schreibt lesbarer und gebildeter als all die Fernsehzelebritäten von Konzelmann bis Professor Brinkmann-Wussow, die aus ihrem Bildschirmruhm Auflage schlagen. Wichtiger noch: Fast alles, was in seinem Buch steht, hat irgendwann mal gestimmt.

Doch im »Mord am großen Fluß« ist die Zeit stehengeblieben. Kenneth Kaunda, der sein Land in den Bankrott geführt hat, figuriert bei Scholl noch immer als der »weise alte Mann Sambias«, der imperiale Popanz Haile Selassie als Löwe von Juda mit »dem todernsten tragischen Gesicht«, dessen Garde »sich mit großer Bravour im Korea-Krieg geschlagen hatte«.

Die von der Geschichte längst entthronten Helden der ersten Stunde sind für Scholl noch immer »Fackelträger der panafrikanischen Befreiungsbewegung«, obwohl es für sie gar nichts zu befreien gab, weil die Kolonialisten - ausgenommen die Portugiesen - ihre schwarzafrikanischen Besitzungen kampflos und per Verwaltungsakt in die Unabhängigkeit überführten.

Die Perspektive erklärt sich aus der Machart. Der Autor kocht das Vorgestern auf, verrührt es mit etwas zeitgenössischer Moral und serviert es sodann als neuere Sachliteratur. Kein Überbau, kein roter Faden. Tatsächlich ist der neue Scholl-Latour zugleich auch der Älteste. Der größte Teil des Buches ist ein kaum redigierter Reprint jener politischen Anekdotologie, die Scholl-Latour Anfang der 60er Jahre unter dem Titel »Matata am Kongo« zu Papier brachte.

Es ist natürlich für einen Sachbuchmacher weniger ehrenrührig, von sich selbst als von anderen abzuschreiben, zumal wenn er im Vorwort auch noch darauf hinweist, daß er aufgewärmten Stoff auftischt. Nur, ein paar neue Schlüsse hätte er sich zu seinem Faktenantiquariat schon einfallen lassen können.

Wenn er ständig den Daumen am Puls des afrikanischen Zeitgeschehens gehabt hätte, wie er vorgibt, dann wäre für ihn zum Beispiel beim Tod des guineischen

Staatschefs Ahmed Sekou Toure nicht eine »glänzende Fassade jäh zusammengebrochen«.

Daß Sekou Toure seine Gegner in Stehzellen verdursten oder in unterirdischen Kavernen verfaulen ließ, daß die Bevölkerung seines Landes inmitten überbordender Fruchtbarkeit hungern mußte, das war seit einem Dutzend Jahren wohlbekannt. Und auch vorher war Sekou Toure nie der »strahlende Freiheitsheld«, den der frühe Scholl in ihm gesehen hat, sondern ein Werkzeug der französischen Kommunisten, die ihn zur Obstruktion animierten, um - auf dem Umweg über die Kolonien - de Gaulle zu destabilisieren.

Der Autor geizt nicht mit Entsetzen, wo ihm Entsetzen geboten erscheint, Doch er geht mit den Schurken zart ins Gericht. Über Idi Amin, den Schlächter von Uganda, dem die Verantwortung für den Mord an einer Viertelmillion Menschen angelastet wird, erfahren die Leser, er sei »bullig« gewesen. Der menschenfressende Horrorkaiser Bokassa ist ihm lediglich »grotesk« vorgekommen. Über Mengistu Haile Mariam, den roten Negus von Äthiopien, der es auf Tausende von Morden gebracht hat, läßt er durchblicken, daß er dazu neige, die Leute zu »gängeln«.

Der Autor entpolitisiert die Politik, wo sie ihm delikat zu werden scheint, zu maghrebinischen Geschichtchen. Muß man sich darüber wundern, daß der Ajatollah Chomeini ("ein Mann von biblischer Dimension") gern mit ihm plauderte, daß Haitis Diktator Papa Doc Duvalier ihn gar »auf unerklärliche Art ins Herz geschlossen hatte«?

Dabei steht der Chronist gewiß nicht schlecht im Stoff. Nur daß er seine notorische Beflissenheit nicht unter Kontrolle kriegt, den Zeitgeist mit Verbindlichkeiten zu bedienen. Um bei seiner Zielgruppe nicht in Eurozentrismus-Verdacht zu geraten, versieht er die »Neger« mit Gänsefüßen, obwohl er von dem ihm wohlbekannten Negerliteraten und Erfinder der Negritude, Aime Cesaire, weiß, daß »Neger« in Afrika kein Schimpfwort ist.

Sogar die Afar-Krieger in Dschibuti, die mit langen Messern hinter ihren Nachbarn her sind, um ihnen die Hoden abzuschneiden, kriegen bei ihm noch den Paradiesbonus. Man hätte sich auch nicht gewundert, wenn sich im »Mord am großen Fluß« zum Schluß herausgestellt hätte, daß irgendein Gärtner der Mörder war.

In der Darstellung des »Bambi«-Preisträgers Scholl-Latour tragen die afrikanischen Greuel alle eine betont schicksalshafte Note. Schlimm, schlimm, diese schrecklichen Verstrickungen. Aber schuld, so lehrt Scholl-Latour, sind die Umstände, nicht die Menschen.

Einspruch, ruft hier der Leser, wer macht denn die Umstände, wenn nicht die Menschen?

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