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»Dann prügelt mal schön!«

aus DER SPIEGEL 22/1991

Mesic, 57, ist der kroatische Vertreter im achtköpfigen jugoslawischen Staatspräsidium. Nur durch einen serbischen Abstimmungstrick wurde er daran gehindert, das Amt des Präsidenten turnusgemäß zu übernehmen. Der Generalsekretär der in Kroatien regierenden Demokratischen Union, der unter Tito als angeblicher »Staatsfeind« im Gefängnis saß, wäre der erste Nicht-Kommunist an der Spitze des Vielvölkerstaates.

SPIEGEL: Herr Mesic, Jugoslawien ist ohne Präsident . . .

MESIC: Da irren Sie gewaltig. Der jugoslawische Staatspräsident sitzt vor Ihnen!

SPIEGEL: Auch wenn das Verfassungsgericht entscheiden sollte, daß der Präsident gewählt werden muß und nicht ernannt wird?

MESIC: Entscheiden soll nicht das Verfassungsgericht, sondern eine Kommission des Bundesparlaments. Das ist so, als ob die Schornsteinfeger-Innung über diese Frage beraten würde. Die Verfassung können wir selbst in Kroatien auslegen. Und danach bin ich Präsident.

SPIEGEL: Immerhin, vier Mitglieder im Staatspräsidium deuten die Verfassung anders und haben Sie abblitzen lassen.

MESIC: Diejenigen, die das Staatspräsidium blockiert haben, sollen sich jetzt auch überlegen, wie sie die Blockade wieder aufheben. Sonst droht der Zerfall Jugoslawiens oder die Auflösung - wie Sie wollen.

SPIEGEL: Ihre Nichtwahl wurde vom ehemaligen Staatspräsidenten Borislav Jovic damit begründet, daß Sie Jugoslawien zerstören wollen. Sie seien ein Verräter, weil Sie eine ausländische Intervention in Jugoslawien für denkbar halten.

MESIC: Verleumdung. Ich habe lediglich gesagt: Während meines Mandats wird sich eine Lösung für das künftige Jugoslawien finden. Und warum sollten wir keine Intervention von außerhalb anfordern, falls jemand versuchen würde, dem anderen gewaltsam seine Vorstellungen vom künftigen Jugoslawien aufzudrängen, gleich ob Föderation oder Konföderation?

SPIEGEL: Was sagt eigentlich die Armee dazu?

MESIC: Das interessiert mich nicht. Ich habe dem Verteidigungsminister mitgeteilt, daß das Staatspräsidium mit mir an der Spitze Oberster Befehlshaber der Armee ist.

Weder ein Kriegszustand noch ein sonstiger Einsatzbefehl für die Armee bei zwischennationalen Abrechnungen kann von der Armeeführung oder deren Kommandanten direkt verfügt werden. Und das ist gut so. Sie sehen, es gibt keine Probleme mehr.

SPIEGEL: Selbst wenn es zur Einigung im Staatspräsidium käme: Ab 26. Juni fehlt Ihnen die Stimme Sloweniens, weil die Republik dann aus dem Bundesstaat austreten will. Dann werden Sie vom Serbenblock regelmäßig überstimmt.

MESIC: Niemand wird austreten. Auch nicht Slowenien. Wohin sollten sie? Wenn einer geht, dann sind es allenfalls die Serben und Montenegro, die auf dem Fortbestand der Föderation beharren.

SPIEGEL: Heißt das, Slowenien hat einen Rückzieher gemacht?

MESIC: Die Qualität dieses Vorgangs hat sich verändert. Kroatien und Slowenien haben sich per Referendum für einen Bund souveräner Staaten entschieden. Aber die Abtrennung geht nicht hoppla-hopp. Das ist ein längerer Prozeß. Bis zur endgültigen Absprache mit den übrigen Republiken muß der Staat weiter funktionieren. Wir haben doch keine Lust, jetzt vor den Türen Europas zu hausieren und zu fragen, wer uns anerkennen will und wer nicht.

SPIEGEL: Was passiert denn tatsächlich an jenem ominösen 26. Juni?

MESIC: Eine Zwischenbilanz, eine Auflistung: Wer schuldet wem was? Wer übernimmt welche Schulden? Wann denn dieser Tag X kommen wird - darüber werden alle gemeinsam entscheiden, und das nicht unter Kriegsgeheul, sondern in friedlicher Atmosphäre.

SPIEGEL: Warum ist der Fortbestand der Föderation für Kroatien so indiskutabel?

MESIC: Weil für die Serben die sogenannte »moderne« Föderation nur eine Ausrede ist, um auf Kosten der anderen weiter modern auf der faulen Haut zu liegen. Sie haben das Finanzsystem zerstört, sie stellen Zollbarrieren zwischen den Republiken auf, sie konfiszieren kroatische Firmen in Serbien. Nein danke! Wie sagte doch Serbenführer Milosevic unlängst: _(* Mit seiner Enkelin. ) Wenn wir Serben schon nicht imstande sind, etwas zu produzieren, dann werden wir doch wenigstens dazu fähig sein, uns zu prügeln. Mein Rat: Dann prügelt und föderiert mal schön!

SPIEGEL: In Serbien ziehen Regierung und Opposition an einem Strang, wenn es um den Nationalismus geht, und drohen Kroatien im Falle einer Abspaltung mit Krieg.

MESIC: Den wird es niemals geben. Wer sollte denn gegen wen Krieg führen?

SPIEGEL: Die Belgrader Zeitung Politika warnt bereits davor, die jugoslawische Armee mit der geschlagenen irakischen zu vergleichen.

MESIC: Es gibt ein Sprichwort: Drohe nie mit deiner Stärke - sonst wirst du einen noch Stärkeren treffen.

SPIEGEL: Sie haben die Inszenierung Ihrer Wahlniederlage als Trick Ihres Vorgängers, des Serben Jovic, bezeichnet.

MESIC: Es war nicht der Trick von Jovic, sondern der von Milosevic. Jovic ist nur Instrument. Seit ich im Staatspräsidium sitze, habe ich von Herrn Jovic niemals eine eigene Meinung gehört - über ihn erfahre ich nur, was Herr Milosevic denkt.

SPIEGEL: Und was denkt Herr Milosevic?

MESIC: Der dachte, daß mit der Ernennung von drei neuen Vertretern im Präsidium auch die Wahl des Vizepräsidenten durchzuboxen ist - eines Montenegriners, der natürlich nur auf Milosevics Befehl handelt. Dann hätte dieser sogenannte Vizepräsident das Präsidium geführt, bis der neue Präsident gewählt ist - und damit hätte man sich weidlich Zeit gelassen. Aber dieser Plan scheiterte.

SPIEGEL: Was aber geschieht jetzt?

MESIC: Jetzt will Milosevic die Regierung stürzen - mit Hilfe eines Mißtrauensantrags durch die Vojvodina.

Er übernimmt die schmutzige Arbeit niemals selbst. Hitler hat auch niemand direkt angegriffen, er hat immer nur jemand verteidigt - die Sudetendeutschen, die Donauschwaben, so wie Herr Milosevic jetzt drei Millionen Serben außerhalb Serbiens »verteidigt«. Sind Staatspräsidium und Regierung erst mal blockiert, hofft er auf ein leichtes Spiel mit der Armee.

SPIEGEL: Um Großserbien zu verwirklichen?

MESIC: Natürlich. Sein Appetit ist unstillbar. Er hat die Provinzen geschluckt, jetzt will er Knin und die Serben in Bosnien. Das wäre genauso, als ob Deutschland jetzt Österreich und die Schweizer Kantone annektierte. Die Zukunft Europas sind offene Grenzen und nicht chinesische Mauern, wie das Serbien will.

SPIEGEL: Warum geben Sie dem von Serben bewohnten Gebiet um die kroatische Stadt Knin keine politische Autonomie?

MESIC: Das wäre idiotisch. In der Kniner Krajina leben 15 Prozent der Serben von Kroatien. Was sollen die anderen 85 Prozent machen? Zagreb hat mehr Serben als die ganze Krajina. Sollen wir vielleicht jede Straße, in der Serben wohnen, zur autonomen Provinz erklären?

SPIEGEL: Wie wollen Sie dann das Problem lösen?

MESIC: Politisch. Europa muß endlich Stellung beziehen und erklären, daß nicht nur die Staatsgrenzen, sondern auch die Republiksgrenzen in Jugoslawien unantastbar sind. Damit wären alle militanten Elemente von Knin entmutigt.

SPIEGEL: Die USA beabsichtigen, eine Wirtschaftsblockade über Jugoslawien zu verhängen.

MESIC: Eine beißende Ungerechtigkeit. Die Folgen werden auch jene zu spüren bekommen, die die Menschenrechte achten und in ihren Republiken demokratische Prinzipien einhalten. Die Strafe hätte selektiv ausfallen müssen.

SPIEGEL: Also ist die Welt an Ihrem Unheil schuld?

MESIC: Solange der Westen glaubt, daß dieser Hexenkessel hier und das gegenwärtige Föderationsmodell aufrechterhalten werden müssen, so lange wird Serbien der Rücken gestärkt. Erst wenn Serbien ernsthaft von der internationalen Gemeinschaft gewarnt wird, seine Klimmzüge der Gewalt zu unterlassen, haben wir eine Chance, zu einer friedlichen Oase auf dem Balkan zu werden.

* Mit seiner Enkelin.

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