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Deutschland »Dann stirbst auch du«

Warum bedrohte Frauen schwer zu beschützen sind
Von Andrea Brandt und Andreas Ulrich
aus DER SPIEGEL 22/2008

Das kleine Mädchen mit den Zöpfen steht am Fenster und blickt in den grünen Hinterhof. Es will mit seiner Mutter nach draußen, es will spielen. »Nein«, sagt die junge Frau, »es hat geregnet.«

In Wahrheit strahlt die Sonne am Mittwoch vergangener Woche über der westdeutschen Großstadt. Doch die Vierjährige soll nicht erfahren, warum sie und ihre Mutter sich seit Wochen in dieser Wohnung verstecken: Sie gehen nicht ans Telefon, nicht in den Kindergarten, nicht an die Tür, deren Klingelschild den Namen einer Bekannten trägt. Denn die Mutter hat Angst, Todesangst. Vor ihrem türkischen Noch-Ehemann, der gedroht hat, sie umzubringen - weil sie einen anderen liebt.

Die 22-Jährige ist eine jener jungen Frauen, die von Ehrenmord bedroht sind - mitten in Deutschland. Seit 1995 fielen laut Bundeskriminalamt mindestens 48 Menschen solchen Morden zum Opfer. Und der Fall der jungen Mutter zeigt, wie schwer es ist, Gefährdete zu schützen. Etliche Vorschriften erleichtern es gewalttätigen Angehörigen etwa, den Aufenthaltsort der Bedrohten zu ermitteln. Und Zeugenschutzprogramme für die wenigen, die es wagen, gegen Schläger oder Mörder auszusagen, erweisen sich als zu kompliziert, zu bürokratisch.

Der Leidensweg der Tochter eines türkischen Gastarbeiters beginnt, als sie sich in einen deutschen Klassenkameraden verliebt - und die Romanze auffliegt. In einem Türkei-Urlaub eröffnet die Mutter der damals 17-Jährigen, dass sie dort einen Türken heiraten solle, damit sie »keine Schlampe« werde.

Die junge Türkin sperrt sich, vier Monate lang, dann gibt sie einem ungeliebten Cousin ihr Jawort - »weil ich wieder nach Deutschland wollte«, sagt sie. Sie hatte damals noch keinen deutschen Pass, nur eine Aufenthaltserlaubnis. Und die verfällt nach sechs Monaten im Ausland. Als sie zurückkommt, ist sie bereits schwanger.

Schon bald beginnt der nachgereiste Ehemann, sie zu schlagen - mit der Faust ins Gesicht, immer wieder. Jahrelang hält sie das aus, dann lernt sie 2007 ihren neuen Freund kennen. Sie reicht die Scheidung ein. Ihr Mann schlägt sie blutig, bricht ihr einen Zahn ab und sagt dann diesen Satz, den er vor Verwandten wiederholt: »Ich bringe dich um - weil du meinen Namen in den Dreck gezogen hast.« Sie flüchtet zu einer Freundin.

Übers Internet nimmt die junge Mutter Kontakt mit dem Berliner Verein »Hatun & Can« auf, der seit dem Mord an der Türkin Hatun Sürücü 2005 bedrohten Frauen Rat und Unterschlupf bietet. Doch bevor sie ein neues Leben beginnen kann, weit weg, will ihre Anwältin Gülsen Çelebi erst das alleinige Sorgerecht für die Tochter erstreiten. Sonst müssten deutsche Behörden dem Vater sagen, wo sein Kind wohnt.

Es sind solche Formalien, die es Helfern wie Çelebi schwermachen, Frauen zu schützen. Weil die Opfer häufig staatliche Leistungen bezögen, seien vor einer sicheren Unterbringung in einer anderen Stadt meist auch Kämpfe mit Kommunen nötig. Die Beamten würden sich oft gegen einen Umzug sperren, etwa um Hartz-IV-Gelder zu sparen. Und wollen mit ihren Kindern geflüchtete Frauen sich scheiden lassen, müssen sie den Antrag an ihrem Wohnsitz stellen. So will es das Gesetz. Aber damit verraten die Frauen ihren Aufenthaltsort. »Lieber verheiratet bleiben als sterben«, rät Çelebi dann.

2007 konnte der als gewalttätig bekannte Ex-Mann einer anderen Çelebi-Mandantin unbehelligt zum Sorgerechtsprozess im Familiengericht Mönchengladbach spazieren. Dabei lag gegen ihn ein Haftbefehl vor, und Çelebi hatte den Richter um Hilfe gebeten, der die Staatsanwaltschaft anrief. Doch nichts passierte, und nach dem Prozess fing der gebürtige Türke seine Frau und die Tochter ab und erschoss beide.

Auf staatlichen Schutz hoffte auch Nourig A., 36, vergebens. Die aus Syrien stammende Kurdin hatte 2004 den Mord an ihrer Schwester nur deshalb angezeigt, weil sie auf ein Zeugenschutzprogramm vertraute. »Nie wieder«, sagt sie heute, würde sie bei der deutschen Polizei aussagen.

1994 hatte ihr Vater sie frühmorgens in Bad Godesberg ins Wohnzimmer geführt. Ihre vier Jahre jüngere Schwester lag tot auf dem Sofa, daneben standen zwei Cousins. Die junge Frau war erdrosselt worden, weil sie sich aus Sicht der Familie zu viel herumtrieb. »Wenn du lebst wie sie, dann stirbst auch du«, drohten sie ihr.

Zehn Jahre lang schwieg die junge Frau, aus Angst. Dann hielt die frühere Medizinstudentin es nicht mehr aus und zeigte ihre Angehörigen an. Inzwischen ist der Vater vom Landgericht Bonn zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden, aber nun fürchtet die Tochter die Rache ihrer Sippe. Polizisten hatten ihr versprochen, sie zu schützen; sie sollte auch einen neuen Namen bekommen. Doch Beamte kamen und gingen, bürokratische Hindernisse türmten sich auf.

Es sei »geradezu zynisch«, sagt ihr Kölner Rechtsanwalt Reinhard Birkenstock, wie mit seiner Mandantin umgegangen werde. Für die Zeugin habe es weder einen Plan noch eine Perspektive gegeben. Wenn der Staat solche Morde in Deutschland besser verhindern und aufklären wolle, so Birkenstock, »dann muss dringend der Zeugenschutz reformiert werden«.

ANDREA BRANDT, ANDREAS ULRICH

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