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»Dann wäre sein Stern verglüht«

aus DER SPIEGEL 32/1972

Der Herausgeforderte Spasski kommt stets zu früh und wie aus dem Ei gepeilt. Schon am Parkplatz verläßt er leichten Fußes den gelben Range Rover, durchmißt aufgeräumt das Spalier der Bewunderer am Bühneneingang. Drinnen begrüßt er mit Handschlag den Oberschiedsrichter Schmid und setzt sich auf den nun auch ihm spendierten Lederdrehstuhl: behutsam wie auf ein Museumsstück.

Er bevorzugt Anzüge mit Weste und Einstecktücher, die mit der Krawatte völlig übereinstimmen. Sachte, als könnte der teure, häßliche Turniertisch unter seinen Ellenbogen kippen, stützt er für Augenblicke das Kinn auf die Hände. Greift er nach dem Bleistift -- und er tut das jede Minute -- so mit der bis weit ins Dunkel des Zuschauerraumes hinein spürbaren Disziplin eines Ziseleurs in höherem Auftrag.

Der Herausforderer Fischer kommt stets zu spät und zerknautscht. Er sieht aus, als habe er sich mit geschlossenen Augen und eilends aus einem seiner beiden Plastikkoffer gekleidet. Dicht am Bühnentor springt er aus dem Buick eines Helfers, achtet der Fans nicht. übersieht auch drinnen, im Sperrbezirk hinter der Bühne. den Tisch mit Verpflegung und Säften.

Wiegenden Schritts. wie ein Rocker, erreicht er die Bühne, grüßt weder den wartenden Spasski noch den aufatmenden Schmid und verschwendet keinen Blick ans applaudierende Publikum. Er sieht nur seinen Sessel, in den er nun plumpst, und das Brett, neben dem der Russe zur Beruhigung Notizen macht. Fischers Füße, in penetrant gelben Maß. Galoschen, trommeln ein lautloses Stakkato. Er vergräbt sein Gesicht in den Händen, er knabbert an den Nägeln, zieht, stoppt seine Uhr, wirft sich mit Genuß im Sessel zurück.

Letzte Woche, am zweiten Tag einer schließlich unentschieden ausgehenden »Hängepartie«, kam er so herein, während seine Uhr schon lief und verlangte vom Schiedsrichter Lothar Schmid was zu trinken -- als sei der eine Art Kellner. Der, selber ein Großmeister, reichte die Forderung an einen Helfer weiter. Spasski nicht aus dem Auge lassend, kippte der Herausforderer gierig den Inhalt des alsbald servierten Pappbechers in sich hinein.

Gewöhnlich schenkt er sich selber ein in dem abgesperrten Raum hinter der Bühne, von dem aus jeder Spieler, auf und nieder gehend, per Television die Aktionen des Gegners draußen verfolgen kann. In jäher Gier stopft er dort Apfeltorte oder Skyr, Islands ganz besonderen Quark, in sich hinein, ehe er im Rockerschritt ans Brett zurückkehrt.

Doch bei Bobby Fischer kann es eben geschehen, daß Durst oder eine andere Irritation unvorhersehbar heftig von ihm Besitz ergreift; nur unverzügliche Bedienung kommt dann in Frage.

Außer dem eigenen Begehren und dessen Erfüllung interessiert ihn -- abgesehen von Schach -- nichts in einem Maße, das den Ausdruck Rücksicht verdiente. Nicht einmal Boris Spasski, der geforderte Weltmeister, dieses letzte, blaß gewordene Hindernis auf dem Weg zum Gipfel, erregt in diesem Rotor nervöser Selbstbezogenheit nennenswerte mitmenschliche Reflexe.

In peinigender Regelmäßigkeit läßt Fischer ihn weiter immer ein wenig warten, und wenn der auf Fairness und säuberliche Regel-Achtung gedrillte Champion dem wieder grußlos hereingestürzten Rivalen die Hand hinstreckt, so nimmt sie der und hebt doch den Blick nicht von seinen Bauern.

Braucht Spasski nach einem Zug Bewegung und Abstand, so schwenkt er bedächtig im Drehstuhl nach links, erhebt sich, schreitet gemessen und leise auch einmal auf der Bühne umher. Nachdenklich späht er ins Dunkel der Halle, wo eine zweitausendköpfige Menge -- durch grelle Lichtzeichen zur Ruhe gemahnt -- das Spiel auf einer Riesenleinwand verfolgt. Aus dem Keller dringt das Rumoren von Schachfans, die sich vor einem Monitor bei jedem Zug über Alternativen ereifern.

Manchmal steckt Spasski die Hände in die Hosentaschen, doch niemals weiter, als ein feiner Mann das tut. Bis hin zu solchen Äußerlichkeiten verrät sich, wie sehr er Exponent einer Gesellschaft ist, in der Kommunikation, Rücksicht. Disziplinierung ein Individuum zügeln. Schiedsrichter Schmid sagt ja auch häufig »die Russen«, wenn er eigentlich Spasski meint. Die Russen -- das sind ebenso die Großmeister in Spasskis Gefolge, die halbe Nächte lang mit ihm im Hotel »SAGA« die Möglichkeiten Fischers erfolglos analysieren.

Experten begleiten auch Fischer. Doch viel mehr als rechtliche Hilfe nimmt er ihnen nicht ab. Er lebt im Hotel »Loftleidir« wie in einem Turm mit sich selbst, eingesperrt mit seinem Steck-Schach und seinem grimmigen Genius. Benebelt von dem rücksichtslos verletzlichen Selbstbewußtsein, der Größte, der eigentlich Einzige zu sein. Motorisiert durch die Kampfeswut und das Mißtrauen eines von früh auf sich allein überlassenen Ungeliebten aus dem Dickicht von Brooklyn.

Er raucht nicht, trinkt nicht, interessiert sich nicht für Mädchen. Verglichen mit ihm darf Spasski -- auch er der Sproß einer zerbrochenen Ehe -- zum Lebenskünstler ausgerufen werden: Dem gilt Schach nicht als Instrument von Macht und Rache, sondern als Beruf und Genuß. Er genießt anderes auch: Wein, Musik, Geselligkeit, wohltemperiertes Eheleben, den Standard des privilegierten Sowjetbürgers. Nach Schachanalysen entspannt er sich mit den Genossen beim Bridge. »Mir persönlich«, sagt er, »würde es nicht so viel ausmachen, wenn Fischer gewinnt. Aber Moskau?«

Manchmal blickt Spasski noch immer staunend nach oben, wo unter der Bühnendecke die fürs interne Turnier-Fernsehen und die Bequemlichkeit der Spieler aufgebauten TV-Kameras hervorlugen, lächerlich zugehangen mit Lappen -- nur damit Fischer sich an ihnen nicht stoße. Manchmal betrachtet Spasski diesen Gegner über das Brett weg, starr, wie ein exotisches Reptil. Bobby, mit den Absätzen wippend, erwidert das hypnotisch.

Schiedsrichter Schmid hält bei Gehirnen dieser Frequenz Gedankenübertragungen nicht für ausgeschlossen. Mag sein, daß dieses Gefühl von Magnetismus jeden der beiden schon nach Minuten wieder hochtreibt, zum einsamen Denken und Trinken hinter der Bühne. Mag sein, daß der sonst unerklärliche Leistungsabfall Spasskis im Spiel Nummer acht Resultat solcher Kräfte zehrenden Ausstrahlung war.

Spiel acht, da war Spasski, wie der Schiedsrichter sagt, »nicht wiederzuerkennen, einfach außer Schuß«. Wie hat Fischer gelästert? »Gegen mich spielen alle unter ihrer Stärke.«

Manchmal notiert auch er sich was, nachdem er in den Tiefen seines zerbeulten Maßanzuges nach einem Stift gefischt hat. Wütendes Gekrakel. Aus ähnlichem Stoff bestand der Protestbrief, den er nach Spiel Nummer zwei dem Schiedsrichter Schmid präsentierte, weil der ihn, durchaus regelgemäß, eine Stunde nach Startzeit wegen Nichterscheinens zum Verlierer erklärte. Die angeblich »laut schnarrenden Fernseh-Kameras« (Fischer), Anlaß für den regelwidrigen Streik, hatte man vergeblich noch nach Spielbeginn entfernt, einen »heißen Draht« zu Fischers Hotel, eine »grüne Welle« im Verkehr von Reykjavik geschaltet -- der Verletzliche weigerte sich.

Eine Nacht lang kämpfte Großmeister Schmid, den offenen Bruch zu kitten. Für gewöhnliche Großmeister-Nerven sind seiner Meinung nach die Kameras nicht die mindeste Irritation (in größerer Entfernung akzeptierte sie nun ja auch Fischer). Doch was für Nerven hat dieser gereizte Monomane? Und wohin führen sie ihn?

»Eine Tragödie drohte hier«, glaubt Schmid. »Hätte Fischer nach Spiel zwei nicht weitergespielt, ich fürchte, dann wäre sein Stern verglüht.«

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