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ABITURIENTEN Dante und Andante

Ist es um Wissen und Bildung der deutschen Abiturienten so schlecht bestellt, wie es oft behauptet wird? Ein Düsseldorfer Studiendirektor überprüfte mit einem Test die gängigen Klagen. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

»Puma«, »Jaguar« und »Leopard« sperrte der Düsseldorfer Studiendirektor Georg Vitz zusammen. Auch »Momo«, »Dada« und »Klimbim« fand er zueinander passend. Und irgendwie mit dem Himmel, dem diesseitigen oder dem jenseitigen, hatten drei Begriffe zu tun, die er ebenfalls bündelte: »Blauer Engel«, »Vom Winde verweht« und »Göttliche Komödie«.

Zu einem Trio von Zeitgenossen stellte er »Didi« Hallervorden, Carl Friedrich von Weizsäcker und Thomas Bernhard zusammen.

Noch gut ein Dutzend weiterer Dreiergruppen bildete der Philologe (Fächer: Deutsch und Französisch), dann setzte er über das Ganze die Fragen: »Woran denkst Du bei ...?« oder »Was sagen Dir die folgenden Titel, Namen oder Begriffe?« Er bat auch noch darum, aus den Initialen »BB« einen Namen zu machen und die Anfänge von zehn Sätzen (etwa: »Und Jimmy ging zum ...") zu vollenden.

Fertig war dann ein Fragebogen. Mit den Dreiergruppen gab Vitz seinem Werk eine Art Struktur und einen Hauch von Humor. Beides - Gliederung und Gags - war von Belang. Denn der Studiendirektor hatte ein ernstes Ziel und brauchte fröhliche Helfer.

Er wollte eine Stichprobe aufs Exempel machen, ob es bei Schülern der Oberstufe nach einem Dutzend Schuljahren wirklich »ein verblüffendes Unwissen in elementaren Bereichen« gebe (so der Tenor vieler öffentlicher Klagen und auch sein eigener »subjektiver Eindruck, in den letzten Jahren vermehrt"). Und er mußte ja freiwillige Teilnehmer für seinen Test gewinnen.

Da gab es kein Problem. Fast alle Mädchen und Jungen des Abiturjahrgangs 1987 an seinem Gymnasium, 118 an der Zahl, machten mit und hatten sogar Spaß dabei.

Wenn es nicht um Schulthemen im allgemeinen und Literaturthemen im besonderen ging, waren die Ergebnisse nicht allzu überraschend. Beim Stichwort »Puma« etwa denken die Abiturienten häufiger an Sportartikel und den Tennisstar Boris Becker als an die Raubkatze, und beim Stichwort »Jaguar« wurde von den meisten die Automarke genannt. Nur beim »Leoparden« streuen die Assoziationen breiter, sie verteilen sich auf Tier (56), Panzer (22), Film (14), Pelzmantel (7) und - ferner liefen - auf Roman (6) und Lampedusa, den Romanautor (2).

Daß alle den Komiker Hallervorden und die Sendung »Klimbim« kennen, war zu erwarten. Manchen mag schon überraschen, daß nur jedem vierten zu dem Philosophen Weizsäcker oder dem Dichter Bernhard etwas Passendes einfiel und daß lediglich jeder dritte »Dada« als Kunstrichtung zu definieren vermochte.

Wenn Vitz nach Kenntnissen forschte wie sie zur herkömmlichen - überwiegend literarischen - »Allgemeinbildung« gezählt werden, förderte er weit mehr Leergut als Lehrgut zutage.

So geschah es, als die Namen von drei Zeichnern genannt wurden. Loriot kannten 113 von 118, den Asterix-Zeichner Uderzo kannten die meisten (73), aber Daumier kannte nur ein einziger.

Fast so groß war der Kontrast auch bei drei anderen Herren, die kaum mehr als einen schönen Titel gemeinsam haben.

Über den »Professor Brinckmann« aus der Schwarzwaldklinik waren fast alle im Bilde, über »Professor Karl Jaspers« brachten umgekehrt 98 der 118 nichts oder nichts Rechtes zu Papier. Jedem dritten, immerhin, war Heinrich Manns »Professor Unrat« kein Unbekannter, aber dieser fiktive Herr verdankt seine relative Prominenz vornehmlich der Leinwand und dem Bildschirm.

Überaus gering war die Trefferquote, als nach Steinbecks »Straße der Ölsardinen« gefragt wurde (6 richtige Antworten), als es um Thomas Manns »Tonio Kröger« ging (8 richtige) oder um Tucholskys »Schloß Gripsholm« (9 richtige).

Auch bei Gegenständen, die noch häufiger den Kernzonen der Allgemeinbildung zugerechnet werden, schossen große Mehrheiten nur Fahrkarten. Zur »Göttlichen Komödie« fiel lediglich 10 Abiturienten der Autor Dante, allen anderen nichts ein. Beim Stichwort »Das Schloß« kamen karge 21 auf den Studienratsliebling Kafka. Dostojewskis »Brüder Karamasow« waren 103 Abiturienten kein Begriff.

Aber auch viele Treffer waren keine Schüsse ins Schwarze, sondern erreichten gerade noch die Scheibe. Wenn jemand den »Namen der Rose« nur einen »Roman« oder »Film«, Thomas Manns Novelle »Der Tod in Venedig« nur ein »Buch« nannte, so sagte er zwar nichts Falsches, belegte damit aber noch längst kein fundiertes Wissen.

Nur selten schöpfte jemand aus dem vollen - wie einer der beiden einzigen Testteilnehmer, denen »Mynheer Peeperkorn« kein holländisches Dorf war. Einer bezeichnete ihn vage als eine »Romanfigur«, der andere präzise als eine »Gerhart-Hauptmann-Parodie« (in Thomas Manns »Zauberberg").

Den Deutschlehrer Vitz schmerzte es, daß der Gedichtanfang _____« Du bist wie eine Blume So hold und schön und rein ... »

keinem einzigen seiner 118 Probanden irgend etwas bedeutete. Die Blume ist verblüht. Nicht mal der Name des Dichters Heine, geschweige denn die Quelle (das »Buch der Lieder") oder weitere Verse dieses Gedichts fielen jemandem ein - in einem Gymnasium jener Stadt in der Heine geboren ist, in der es das einzige bundesdeutsche Heine-Institut nebst Museum und außer einer Heineallee auch noch einen Heineplatz und drei Heine-Denkmäler (ein bekanntes und zwei ziemlich unbekannte) gibt und deren Universität beinahe den Namen des Dichters bekommen hätte.

»Vielleicht kein hoher Kulturverlust« ist es laut Vitz, daß Schillers übergroße »Glocke«, der Schrecken vieler Schülergenerationen, im Meer der Vergessenheit versunken ist. Als die Abiturienten aus diesem vielstrophigen Gedicht die beiden Zeilenanfänge »Der Mann muß hinaus ...«, »Und drinnen waltet ...« fortsetzen sollten, schickten nur zwei den Mann, ins feindliche Leben« ließen nur drei die »züchtige Hausfrau« walten. Einer ihrer Mitschüler kannte wohl auch das Schillersche Ehepaar aber er fuhr moderner und kürzer fort: _____« Der Mann muß hinaus ins Kalte Und drinnen waltet die » _____« Alte. »

Auch Glaubenstexte sind den Schülern nicht vertrauter als jene Prosa oder Poesie, die nur den deutschen Bildungsbürgern

und insbesondere den meisten Philologen heilig sind.

Es kam sogar - strenggenommen - zu einer Nullösung, als der Bekenntnis-Beginn »Ich glaube an Gott, den ...« ergänzt werden sollte. Richtig hätte es weitergehen müssen »... Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«. Aber es gelang - so Vitz in seinem hektographierten Testbericht - »nicht einem einzigen oder einer einzigen, die erste Zeile des Glaubensbekenntnisses exakt zu vollenden«.

Eine(r) ließ von vornherein die Feder ruhen, »11 von 117 kommen unter Auslassung des ,Vaters' und des ,Allmächtigen' gleich zum ,Schöpfer des Himmels und der Erde', 61 finden nur ein vages ,den Allmächtigen', 45 müssen ganz passen«.

Auch der erste Satz des Johannes-Evangeliums ("Im Anfang war ...") brachte viele in große Not, die sie schöpferisch werden ließ.

Knapp die Hälfte (55 Teilnehmer) setzte, wie es in der Bibel steht, ans Ende »... das Wort«. 8 hielten sich an Goethes »Faust« und entschieden sich für »... die Tat«, weit mehr (25) dichteten auf eigene Faust. Sie kamen auf »Feuer«, »Licht«, »Gott«, »Nichts«, »Wasser«, »Erde« sowie auf »Himmel und Erde«. Der Rest wußte nach den drei Punkten nicht weiter, da war der Anfang schon das Ende.

Als nach der »Apokalypse« gefragt wurde, dachten nur 7 an die Bibel, aber 34 an den Film »Apocalypse Now« (und 48 einfach an »Weltende« oder »Weltuntergang").

Vitz, den die Lektüre von Neil Postmans »Wir amüsieren uns zu Tode« zu dem Test angeregt hatte, sieht in solchen Ergebnissen eindeutige Belege dafür, daß »eine Film- und Fernsehkultur an die Stelle einer Buchkultur, sofern es die an deutschen Schulen je gegeben hat, getreten ist, oder aber sie mindestens deutlich überwuchert«. Wenn überhaupt »sogenannte große Literatur bekannt ist, dann über das Medium von Film und Fernsehen«.

Der Düsseldorfer hält seinen Test für repräsentativ. In den meisten bundesdeutschen Gymnasien würde »tendenziell das Ergebnis auf der gleichen Ebene liegen«. Er selbst überzeugte sich davon bei einem weiteren Test mit Teilnehmern eines »Leistungskurses Deutsch« an einem Abendgymnasium.

Der Philologe ist besorgt, daß sein Test falsch gedeutet wird: »Nichts wäre fataler, als hier die Bildungsbürgernase allzu hoch zu heben oder eine Oberlehrerattitüde hervorzukehren.« Und: »Wer nicht bild- und fernsehsüchtig ist, der werfe den ersten Stein.«

Es gehe auch nicht um die eine oder andere Lücke, denn jeder könne in der Schule wie im Leben »legitimen Gebrauch von seinem Wahlrecht machen«; nur die »Fülle der Lücken macht etwas sichtbar«.

An dieser Leere haben, wie der Schulmann glaubt, weder die Schüler noch die Schulen schuld.

Die Schüler, so Vitz, »tragen für ihr Unwissen die geringste Verantwortung. Sie sind Opfer, aber nicht Verursacher dieser Entwicklung«.

Und wer die Schulen verantwortlich machen wolle, der »verwechselt Ursache mit Wirkung. Die Schule ist nichts anderes als das Spiegelbild der sie tragenden Gesellschaft: Sie kann in ihrer Überbaufunktion nichts oder so gut wie nichts korrigieren von dem, was an der Basis geschieht«.

Es sei nun mal »in den letzten dreißig Jahren ein kulturelles Klima des bildflimmernden Wohlstands entstanden, in dem eine geistig-literarische Diskussion kaum mehr stattfindet«. Und Folge dieses Klimas sei »die geringe Buchkultur an deutschen Schulen«.

Der Abiturienten-Tester hat selbst Zweifel, ob sein Freispruch der Schule von jeder Schuld »konsensfähig« ist. Er zweifelt wohl zu Recht, denn so viel Bildschirm-Wissen, in der Freizeit erworben, braucht nicht derart zu korrespondieren mit so wenig Bildungs-Wissen, von der Schule vermittelt.

Bei der Lektüre der Antworten auf seine Fragen fand Vitz Trost in dem flotten Witz, auf den er an etlichen Stellen stieß.

Gelegentlich waren sogar Wissen und Witz vereint. Als nach Thomas Bernhard gefragt wurde, nannte einer nicht (wie 10 andere) dessen vor fast 20 Jahren geschriebenes Theaterstück »Ein Fest für Boris«, sondern scherzte, der Dichter sei »ein Freund von Boris Becker«.

Ein anderer ergänzte den Satzanfang »Die Axt im Haus erspart ...« mit »... den Innenminister (CSU)«.

Sonst aber sollten die mehr oder minder lustigen Einfälle nicht gerade selten helfen, Lücken zu verdecken.

Da wurde Dante zum »Gegenteil von Andante«, »Professor Unrat« zum »persönlichen Abfallentsorger«, der verschmutzte Rhein zur »Straße der Ölsardinen«, und der »Pater Brown« wurde als »Vater von Charlie Brown« der Familie der Peanuts einverleibt.

Bei »Dada« kamen 25 auf das Schlager-»Trio« ("Da da da ich lieb dich nicht"). Einer antwortete »Deutschunterricht«, als nach »Klimbim« gefragt wurde, »La Strada« definierte je einer als »Oper« oder als »Italienisches Gericht«.

Auf die Frage, was ihm zu »Elie Wiesel« (dem 1986er Friedensnobelpreisträger) einfalle, überkandidelte einer: »Hausfrau beim Eislaufen«.

Zu den Buchstaben »BB« erhielten je ein Mitschüler und eine Mitschülerin mit diesen Initialen beinahe so viele Stimmen wie Bertolt Brecht.

Und ein Fußballfan machte die langjährigen Düsseldorfer Fortuna-Spieler Bommer (jetzt in Uerdingen) und Bockenfeld zu seinen beiden großen B.

[Grafiktext]

KAFKAS SCHLOSS FAST SO FERN WIE DANTES INFERNO Ein Test des Wissens von Abiturienten des Jahrgangs 1987 118 Schüler und Schülerinnen des Abiturjahrgangs 1987 eines Düsseldorfer Gymnasiums beteiligten sich an einem Test des Studiendirektors Georg Vitz, der an ihrer Schule unterrichtet. Er bat um Assoziationen (Woran denkst Du bei ...?, zum Beispiel »Momo«, »Dada«, »Klimbim"), fragte nach den Namen, die den Schülern beim Kürzel »BB« einfallen (häufigste Nennungen: 109 Brigitte Bardot, 91 Boris Becker, 22 Bertold Brecht, 5 B&B Dosenmilch, 4 Björn Borg,sowie Schülernamen), ließ Sätze vollenden (zum Beispiel »Der Herr ist mein ...«, »Pack den Tiger in ..."). Am häufigsten stellte er die Frage: »Was sagen Dir die folgenden Titel, Namen oder Begriffe?« Einige Antworten auf diese Fragen: Professor Unrat 41 Blauer Engel (16), Roman (12), Heinrich Mann (12), Marlene Dietrich/Emil Jannings (1) 77 »Nichts«, keine Antwort oder Thomas Mann (2), Feuerzangenbowle (2), Der Untertan, Müll, Dreck, Mein persönlicher Abfallentsorger (je 1) Professor Karl Jaspers 20 Philosoph (12), Religionskritiker (5), Psychologe, Theologe, Schriftsteller (je 1) 98 »Nichts« oder keine Antwort oder Sprachwissenschaftler (6), Nobelpreisträger (3), Psychoanalytiker (1) Professor Brinckmann 113 Schwarzwaldklinik (113) 5 »Nichts« oder keine Antwort Die Straße der Ölsardinen 6 Steinbeck (5), Roman (1) 112 »Nichts« oder keine Antwort Die Straßen von San Francisco 115 Krimiserie (115), zum Teil mit Zusätzen wie »M. Douglas«, »Malden«, »Kartoffelnase« 3 »Nichts« oder keine Antwort La Strada 52 Film (52), zum Teil mit Zusatz »Fellini« 66 »Nichts«, keine Antwort oder Italienisches Gericht, Oper, Diskothek (je 1) Carl Friedrich von Weizsäcker 29 Bruder vom Bundespräsidenten (13), Physiker (10), Philosoph (6) 89 »Nichts« oder keine Antwort oder Bundespräsident (61), Nobelpreisträger (14), Vater des Präsidenten (1), Namensvetter von Richard (1) Das Schloß 23 Kafka (21, Roman (2) 95 »Nichts« oder keine Antwort Schloß Gripsholm 9 Tucholsky (6), Roman (3) 109 »Nichts« oder keine Antwort Das Erbe der Guldenburgs 79 Fernsehserie (79) 39 »Nichts« oder keine Antwort Der Blaue Engel 94 Marlene Dietrich (53), Getränk, Cocktail (17), Film (15), Professor Unrat (6), Umweltzeichen ("Der blaue Umweltengel«, 3) 24 »Nichts« oder keine Antwort Die göttliche Komödie 10 Dante (10) 108 »Nichts« Der Tod in Venedig 77 Thomas Mann (39), Film (20), Roman oder Buch (18) 41 »Nichts«, keine Antwort oder Krimi (2) Uderzo 73 Zeichner von Asterix (73) 45 »Nichts« Daumier 1 Französischer Karikaturist 117 »Nichts« Schwarzwaldklinik 118 Fernsehserie (118)

[GrafiktextEnde]

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