Zur Ausgabe
Artikel 80 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRANKREICH Dany und der Wolf

Der ehemalige Barrikadenkämpfer Daniel Cohn-Bendit ist als Europa-Spitzenkandidat der Grünen nach Frankreich zurückgekehrt. Seine Auftritte provozieren nostalgischen Jubel und giftigen Antisemitismus. Von Barbara Supp
aus DER SPIEGEL 7/1999

Alt wirken sie fast alle, sie sind Männer vom Land, immer sind sie draußen, sonntags auch. Da ziehen sie los mit der Flinte, um Hasen, Enten und Rebhühner zu schießen. Sie fordern »Respekt für unsere Sitten«, schreien »Lügner, Lügner« und »Was will der hier! Der will uns das Jagen verbieten, dieser grüne Idiot!«

Es ist frisch hier in den Bergen beim Mont Ventoux, die Jäger erhitzen sich an ihrer Wut. Sie gilt einem rothaarigen, leicht dicklichen Mann im Tweedjackett, der auf dem Podium steht und zu Wort kommen will. Sie schreien ihn nieder, und dann, ganz plötzlich, klingen seltsame Töne durch die Festhalle des Bergstädtchens Sault: »Wacht auf, Verdammte dieser Erde ...«

Es gibt auch Kommunisten unter diesen Jägern und ehemalige Linksradikale, und die erinnern sich noch gut. Da vorne sitzt er, der Typ, der im Mai 1968 in Paris auf den Barrikaden stand: Daniel Cohn-Bendit, Dany le Rouge. Zur Revolution hat er damals aufgerufen. Zum Generalstreik. Den General de Gaulle hat er vorübergehend nach Baden-Baden vertrieben, Dany der Aufständische, der Antiautoritäre. Und jetzt kommt er zurück und will ihnen Vorschriften machen? »Es ist verboten zu verbieten!« brüllt jemand, und ein besonders Bärtiger, Hagerer drängt sich nah an den Besucher heran: »'68 war ich ja auf deiner Seite. Aber jetzt mach Schluß mit diesem Quatsch.«

Seit Januar tourt Cohn-Bendit, 53, für »Les Verts« als Europa-Spitzenkandidat durch Frankreich, und plötzlich kommen die alten Geschichten wieder hoch. Von einer »Provokation« spricht der Kommunistenchef Robert Hue. Jospins Innenminister Jean-Pierre Chevènement beschreibt den deutschen Grünen verachtungsvoll als »Teil einer globalisierten Elite«, und bei den Rechten kursiert der hämische Spruch: So sei es halt mit Deutschen, »alle 30 Jahre kommen sie nach Frankreich zurück«.

Natürlich sorgt er für Aufregung, er ist ein Katalysator, der Gefühle wachruft und Verdrängtes über das Verhältnis von Frankreich zu Deutschland und zur eigenen Vergangenheit ans Licht holt. Der Haß in La Hague, beim Besuch der nuklearen Wiederaufarbeitungsanlage, traf nicht nur Dany den Grünen, den Mann von der Anti-Atom-Partei - er galt auch Dany dem Deutschen, der hier nichts verloren habe. »Mörder! Terrorist!« brüllte der Mob: »Schmeißt sie raus nach Deutschland, die Drecksau, sie macht uns die Arbeitsplätze kaputt!«

Dany »der Bastard": So sieht er sich selbst. So stellt er sich dar, ein paar Tage später im Senat von Paris. Da wird er von namhaften Journalisten als »politische Entdeckung des Jahres« geehrt, ist wie üblich ohne Schlips erschienen und nimmt zufrieden die Gelegenheit wahr, sich selbst zu würdigen. Er, der in Frankreich geborene deutsche Staatsbürger, sei der neue Europäer schlechthin.

Sie glaube, sagt kühl eine Dame vom konservativen »Figaro«, daß Frankreich an ihm so eine Art Rehabilitation betreibe. »Wir haben ihn zehn Jahre nicht ins Land gelassen. Wir waren ein bißchen zu streng mit ihm. Jetzt sind wir ein bißchen nett.« Tatsache ist: Jedes Wort des Kandidaten wird bestaunt und von den Medien transportiert, und das liegt nicht nur daran, daß er so redet, wie es im steifen französischen Polit-Milieu selten ist: wie ein normaler Mensch. Nostalgie ist im Spiel, für viele gehört er zur eigenen Jugend und scheint so seltsam jung geblieben, man fragt sich, wie ist er denn nun heute, der Dany, ist er noch ein bißchen rot? Oder staatstragend wie sein Freund Joschka Fischer? Was will er in Frankreich - sich an der Geschichte revanchieren?

Dany genießt das alles, er ist berühmt, »hier stehe ich in den Geschichtsbüchern«, er ist so wichtig wie schon lange nicht mehr. Seine Konkurrenten in der Europawahl sind Robert Hue bei den Kommunisten und François Hollande bei den Sozialisten, also Spitzenmänner ihrer Parteien. In Deutschland war sein Ruhm blasser geworden, wenige sprachen noch davon, wie er 1968, aus Frankreich verstoßen, nach Hessen kam und den Frankfurter Spontis um Joschka Fischer revolutionären Glanz verlieh.

Ein Spaß- und Bauchmensch ist er, der nicht so stramm den Weg in die Karriere marschierte wie Joschka Fischer. Minister habe er nie werden wollen, sagt er; Bodyguards mag er nicht, und seine Wochenenden mit Frau und Kind und Fußballspiel in Frankfurt sind ihm heilig. Er hatte sein Spontiblatt »Pflasterstrand«, dann den eigens für ihn erfundenen Job des Multikulti-Dezernenten in Frankfurt und schließlich einen Sitz im Europaparlament. Früher als viele andere hat er die Lust am Straßenprotest verloren und die Freude am Repräsentieren im Parlament entdeckt. Mit Fischer zusammen hat er den Durchmarsch der Realos in Hessen betrieben, die Fundis ausgebremst und die Grünen in Richtung Regierungsbank gedrängt. Das ist einer der Gründe, die den Deutschen in den Augen von »Les Verts« für seinen derzeitigen Job als Spitzenkandidat empfehlen.

Zehn Prozent plus x wünscht sich der Kandidat, wenn er ganz optimistisch ist, er will stärker werden als die Kommunisten und der Front national, und ein bißchen glauben die französischen Grünen sogar daran. Trotzdem. Sie seufzen, manchmal leise, manchmal ziemlich laut.

Nicht daß er ein schlechter Wahlkämpfer wäre. Er will gemocht werden, das spüren die Leute, selbst hartnäckige Fälle wie die Jäger von Sault hören ihm irgendwann zu. Vom »sozialen Europa« träumt er, von Projekten wie Hochgeschwindigkeitszügen, die den ganzen Kontinent verbinden sollen. Er schwärmt, preist Europa in allen Lebenslagen, und immer wieder muß er zu Dingen Stellung nehmen, von denen er nichts versteht.

Wie er zum Wolf stehe, fragen die Schafzüchter im Provence-Städtchen Manosque, zu dieser »mörderischen Bestie«, die aus Italien eingewandert ist und ihnen dauernd Schafe reißt? Was er für die Bergbauern tun wolle, erkundigen sich die Einheimischen in Gap, wie er ihnen helfen wolle, gegen die Ansprüche des Tourismus zu bestehen? In Sault geht es nicht nur um die Jagd, sondern auch um die Zukunft der Region: Bis Februar 1998 war auf dem Plateau d'Albion ein wesentlicher Teil der französischen Atomstreitmacht stationiert. Die Raketen sind weg, jetzt wollen die Militärs ein Regiment der Fremdenlegion einquartieren, was die Nachbarn mit Grauen erfüllt: Sie fürchten Ausschweifungen, Bordelle und weiterhin militärischen Lärm. Was kann man tun, damit dort endlich ziviles Leben einzieht?

Für das Plateau hat Cohn-Bendit einen Vorschlag: Ein ziviles Friedenskorps und eine europäische »Universität für Friedensschlichter« hätte er dort gern. Mit dem Wolf kennt er sich nicht aus und mit Bergbauern auch nicht, aber irgend etwas fällt ihm immer ein: Er fordert ein »Gleichgewicht« zwischen Schafen und Wölfen, zwischen Landwirten und Reisenden. Und eine Debatte will er in Gang bringen, das kommt überall gut an.

Ein Abend auf dem Lande, ein Bauernhof in Westfrankreich, nicht weit von der Stadt Angoulême. Die Aktivisten der Region Poitou-Charentes haben sich zum »Diner-Débat« versammelt, es gibt Spinatkuchen und Fleischeintopf, Dany ist da. Zeit für offene Worte. Einer im karierten Hemd steht auf, beschwert sich, bittet - ob der Kandidat denn nicht auf dieses häßliche Wort verzichten könne, das dauernd kommt - das Wort »liberal«?

Ständig benutzt er es. Das tut vielen weh. Sicher, sie wissen mittlerweile, daß der Dany Cohn-Bendit von heute etwa so revolutionär ist wie der Leutheusser-Schnarrenberger-Flügel der FDP. Aber muß er das dauernd betonen? »Liberal, für uns riecht das nach neoliberalem Wirtschaftskurs«, klagt der Karierte, man brauche doch Profil, ein richtig grünes Profil, und ob er nicht wenigstens »öko-liberal« sagen könne?

Kann er nicht. Er hat sich nun mal in dieses Wort verguckt. Es ersetzt all die Adjektive von früher, »antikapitalistisch«, »antikommunistisch«, »antiautoritär«, es ist nach Belieben mit Inhalten zu füllen, es gefällt ihm gut. Er rede natürlich von Bürgerrechten, sagt Cohn-Bendit, aber natürlich sei er für den Markt, wer sei das nicht? Man müsse die Begriffe zurückerobern, wettert er einem Kritiker entgegen, der das nicht einsehen will: »Was du da forderst, macht mir angst.«

Er sei ein »freies Elektron« innerhalb der Grünen, sagt er später, darauf ist er stolz. Er vertritt ja manches, das »Les Verts« nicht gefällt. Schon 1992 hatte er nach Frankreich hinübergeblinzelt, die französische Politik jucke ihn, sagte er, aber zuerst müßten die zerstrittenen Ökos dort »ihren Laden in Ordnung bringen«.

Er ist für den Euro, während ungefähr die Hälfte von Frankreichs Grünen dagegen ist. Die Wahlkämpfe der »Verts« hat er früher schon scharf kritisiert. Die Jäger will er sanft behandeln, er will nicht rigoros das strengere europäische Reglement durchsetzen - er will reden, reden, reden. Er hat sich sogar mit Jagdfunktionären verabredet, zum Spitzengespräch: »Ich kann doch ihr Fürsprecher in Brüssel sein.«

Paßt so einer überhaupt zur Partei? Doch, doch, sagt die Kandidatin auf Listenplatz 2, »weil er ein Gesicht hat, das jeder kennt«. Vielleicht kann er grüne Politik verkaufen wie Boris Becker Armbanduhren, kann Ökologie endlich markt- und massenfähig machen - was äußerst schwierig ist in Frankreich, wie jeder Grüne aus leidvoller Erfahrung weiß.

Frankreich ist das Land, dessen Landwirtschaftsministerium im Mai 1986, nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, erklärte: »Das französische Territorium, weil es so weit weg liegt, wurde komplett ausgespart vom radioaktiven Niederschlag.«

In der République Française waren fast alle immer für Atomkraft, die Rechten wie die Linken: Sie stand für französischen Patriotismus, für Modernität. Jetzt hat die Regierung Jospin erklärt, Frankreich werde ein bißchen weniger Nuklearenergie verwenden als die derzeitigen 80 Prozent, was die Grünen schon als »schönes Signal« verbuchen. Und mit in der Regierung sitzt die grüne Umweltministerin Dominique Voynet - allerdings darf sie nicht sehr laut werden, als einzige Grüne in einer Phalanx von Atomfreunden, und schon gar nicht öffentlich mit dem Kollegen Jürgen Trittin fraternisieren.

Dany le Vert kommt aus dem Nachbarstaat, in dem die Grünen so stark schienen nach der Septemberwahl. Jetzt allerdings haben die stolzen deutschen Ökos bei der Wahl in Hessen schlecht ausgesehen. Das nährt Zweifel: Vielleicht haben sie doch zuviel Profil verloren? Sind zu offen nach allen Seiten, zu liberal?

Nein, sagt Cohn-Bendit. Die Niederlage schmerzt, das ist ihm anzumerken. Aber am mangelnden Profil habe es nicht gelegen, nein: »die Debatte« - die habe gefehlt. Man hätte mehr mit dem Bürger diskutieren müssen, bevor man etwas beschließt.

Also verhandeln? Immer, egal mit wem? In Orange fragen sie ihn das, dort haben sie bittere Gründe dafür. Die südfranzösische Stadt Orange wird vom rechtsradikalen Front national regiert. Soll man mit jemand wie Jacques Bompard, dem Bürgermeister, Gespräche führen?

Dany Cohn-Bendit auf dem Territorium der Rechtsextremisten - er hat noch weit weniger Gründe als andere, nachsichtig zu sein mit Figuren wie Bompard. Er, der Sohn eines jüdischen Vaters, hat ja in Frankreich schon weit Schlimmeres zu hören bekommen als »Scheißdeutscher«. »Hängt ihn auf, den Scheißjuden«, schrien aufgepeitschte Arbeiter in La Hague: »Ins KZ mit ihm.« Was sagt er also zu Extremisten? »Ihr müßt mit ihnen reden. Ihr habt die Pflicht.«

Manche glauben ihm nicht, weil sie sowieso keinem Politiker glauben. Der junge Norredine zum Beispiel, der in seiner miesen Sozialsiedlung La Tourre eine Jugendgruppe gegründet hat und natürlich vom rechten Rathaus keine Halle kriegt, in der man Fußball spielen kann. »Wir kommen und spielen Fußball mit euch«, verspricht der grüne Besucher, »dann habt ihr die Halle, bestimmt.« »Und dann? Ihr seid wieder weg, und alles ist so schlimm wie vorher. Ich weiß das noch. Warum seid ihr überhaupt hier?« »Ihr seid Wähler«, sagt der Kandidat. »Oder nicht?«

Abends, in einer kahlen Messehalle im Süden von Orange, spricht er nochmals von seinem Europa, einem sozialen Europa, einem Europa der Menschenrechte, einer besseren Zukunft, für die man eben richtig wählen muß, damit sie auch kommt.

Eine schöne, warme Zukunft hoffentlich. Die Gegenwart nämlich ist verflixt kalt. Seit Tagen bläst der Mistral, und es gibt keine Heizung in der Halle, dafür haben die Rechten im Rathaus gesorgt. Monsieur Bompard hat nicht mit sich verhandeln lassen. Die Grünen sollen frieren. Klamm, fröstelnd sitzt der Widerstand auf den Stühlen.

Es mag Nostalgie oder Ironie sein oder von beidem etwas, jedenfalls schlägt Dany der Liberale, der brave Parlamentarier, ein bewährtes Mittel von früher vor: »Vielleicht sollten wir die Internationale singen. Das wärmt.«

Zur Ausgabe
Artikel 80 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.