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Darauf hoffen, daß nichts passiert

Gegen alle Sicherheitsbedenken hat die Bundesregierung in der letzten Woche den Ausbau der deutschen Kernenergie-Produktion beschlossen. Während in Amerika die Gefahren der überhasteten Atom-Elektrifizierung immer ernster genommen werden, setzt Bonn sich über alle Einwände hinweg. Wirtschaftswachstum um jeden Preis?
aus DER SPIEGEL 52/1977

Verwundert bremste der Fahrer seinen Wagen ab. Am Straßenrand stand eine Warntafel, die er bis dahin noch nie gesehen hatte: »Die nächsten 30 Kilometer mit höchster Geschwindigkeit fahren. Anhalten streng verboten. Achtung, Strahlung.«

Was dann folgte, beschrieb der Chauffeur später so: »Auf den ersten Blick war alles in Ordnung. Es gab Bäume und Gras. Aber es war ein leeres Land -- wie der Mond. Es gab keine Dörfer, keine Städte, nur die Schornsteine von zerstörten Häusern standen noch; es gab keine bebauten Felder oder Weiden, keine Viehherden und keine Menschen ... nichts.«

Es war nicht die Szene aus einem Science-fiction-Film, die da geschildert wurde, sondern beklemmende Realität: Die leblose Landschaft lag 70 Kilometer nordwestlich der sowjetischen Industriestadt Tscheljabinsk am Ural in der Nähe des Ortes Kyschtym, wo 1958 die Mülldeponie einer Atombombenfabrik explodiert war. Und die Beschreibung der Folgen stammt von Professor Lev Turnerman, bis 1972 Leiter des Institus für Nuklearbiologie in Moskau, heute in der chemisch-physikalischen Abteilung des Weizmann-Instituts bei Tel Aviv beschäftigt. Der Nuklearexperte war 1961 bei einer Autofahrt in die verseuchte Zone geraten.

Der sowjetische Atomunfall, erst im November dieses Jahres durch vorher streng geheimgehaltene Papiere des amerikanischen Geheimdienstes CIA publik geworden, ist bislang einmalig auf der Welt. Aber er könnte sich jederzeit wiederholen, auch dort, wo keine Bomben gebaut, sondern Atommeiler zur friedlichen Energiegewinnung genutzt werden. Also auch in der Bundesrepublik, wo bereits 13 Kernkraftwerke arbeiten und, nach einer Entscheidung der Bundesregierung vom Mittwoch letzter Woche, noch mehr gebaut werden sollen.

Um Wohlstand und Arbeitsplätze zu mehren, setzt Bonn auf die Kernenergie -- ohne die Bürger über die Risiken aufzuklären. Die Bundesregierung folgt damit dem schlechten Beispiel der amerikanischen Behörden, die den russischen Katastrophenfall fast 20 Jahre lang geheimgehalten hatten. Die Sorge der US-Administration, das Volk könnte durch derlei Meldungen in Angst und Hysterie versetzt werden, sicherte selbst dem ideologischen Gegner Diskretion.

In den USA freilich hat sich die Situation mittlerweile grundlegend geändert -- seit sich der Verbraucheranwalt Ralph Nader, in der Bundesrepublik durch seine Kampagne gegen den VW-Käfer bekannt, der atomaren Bedrohung der Bürger annahm.

Gegen den Willen der Behörden erzwang eine von ihm gegründete Bewegung »Critical mass energy project« die Veröffentlichung der CIA-Papiere wie auch anderer Berichte über Nuklear-Pannen in den USA, »ohne Rücksicht darauf, ob ein Atomunfall in der UdSSR Verwirrung bei US-Bürgern stiftet, die in der Nähe eines Reaktors leben« (Nader).

Die Möglichkeit dazu verdanken die Amerikaner dem »Freedom of Information Act« von 1966, durch den Behörden. Regierung und Geheimdienste zur Preisgabe vertraulicher Informationen gezwungen werden können.

Was dabei an Pannen und Unfällen bekanntgeworden ist, kann sich heute oder morgen auch hier ereignen. Gravierender Unterschied: Der amerikanische Kontinent ist dünner besiedelt als die europäische Atomlandschaft.

Weil sie Tatsachen liefern können, werden die Einwände der Atomskeptiker in den USA auch ernster genommen als die häufig nur mit Glaubensbekenntnissen operierenden Umweltschützer in der Bundesrepublik. Muß Präsident Carters Energieminister James Schlesinger unter der Drohung unliebsamer Enthüllungen leben, so können die Bonner Verantwortlichen Werner Maihofer (Inneres), Hans Matthöfer (Forschung) und Otto Graf Lambsdorff (Wirtschaft) auf größte Diskretion, selbst bei Details, bauen.

Nur ein kleiner Kreis von Bundestagsabgeordneten wurde 1974 in einem vertraulichen Bericht des Innenministeriums darüber informiert, daß Plutoniumpräparate beim Transport mit einem Gepäckkarren vor die Räder eines Schnellzuges plumpsten.

In der Konditionierungsanlage für Atomabfall in Karlsruhe häuften sich die technischen Pannen in derart beängstigendem Ausmaß, daß mehrere Atommüllwerker einen Nervenzusammenbruch erlitten.

Doch nicht einmal den parlamentarischen Experten gelang es, Aufklärung darüber zu erhalten, wieso der Reaktor Großwelzheim stillgelegt wurde. »Es muß«, so ein Insider, »einen mysteriösen Vorfall gegeben haben. Aber uns bleibt verschlossen, was es war.«

Dagegen in den USA: 21 renommierte Wissenschaftler der Ford Foundation machten in diesem Frühjahr in einer Studie* publik, daß in West Valley im Staate New York seit 1972 240 000 Liter hochradioaktiven Abfalls in Tanks vor sich hin gammeln. Der Müll stammt aus der ersten kommerziellen Wiederaufbereitungsfabrik der Welt für abgebrannte Brennstäbe. Sie mußte 1972 wegen alarmierender Korrosionsschäden stillgelegt werden.

Im rheinischen Weisweiler bei Köln hingegen wissen selbst die Nachbarn nicht, was auf dem Gelände einer stillgelegten Braunkohlefabrik herumliegt -- hier lagert die »Umschlag und Speditionsgesellschaft« (USG) seit 1975 1100 Tonnen Uranhexafluorid, Atomabfall, der bei der Anreicherung von Natururan zurückbleibt.

* Das Veto Umschau Verlag. Frankfurt Main 376 Seiten; 29,80 Mark.

Aus einem Papier, das im Auftrag des Bonner Forschungsministeriums entstand, geht hervor, daß der Schuppen, in dem das Gift aufbewahrt wird, »nicht speziell für die Lagerung errichtet wurde«.

Dabei wäre höchste Vorsicht geboten: Bei einem Unglück -- sei es ein Flugzeugabsturz, sei es ein Terroranschlag -- käme, so die Studie, so viel Fluorwasserstoff frei, daß in einem Umkreis von 1000 Metern alles Leben vernichtet würde.

Und das Risiko wird ständig größer: Laufend werden neue Fässer nach Weisweiler gekarrt -- so lange, bis das deutsche Entsorgungszentrum Gorleben betriebsbereit sein soll. Dann müssen, nach dem Willen der Regierung, fast 100 000 Tonnen Uranhexafluorid nach Gorleben transportiert werden.

Die Bundesregierung vertraut darauf, daß bis zum Ende des Jahrhunderts schon nichts passieren werde; deutschen Ingenieuren, hofft Bonn, werde mehr zur Lösung technischer Entsorgungsprobleme einfallen als bisher ihren ausländischen Kollegen.

Der Widerstand der Bürger gegen diese Ausbau-Politik ist bislang gering geblieben. Denn anders als in den USA haben die deutschen Atomskeptiker keinen Zugang zu harten Fakten. Kritische Beschlüsse von regionalen SPD- und FDP-Gliederungen wurden auf den letzten Bundesparteitagen der Koalitionspartner niedergestimmt -- voran von Bundeskanzler Helmut Schmidt und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher. Das letzte vom Parteivolk errichtete Hindernis, den SPD-Reschluß, alle Möglichkeiten zum Energiesparen auszuschöpfen und statt der gefährlichen Atommeiler mehr Kohlekraftwerke zu bauen, räumten Schmidt und seine Minister am Mittwoch letzter Woche vom Kabinettstisch.

Die Legitimation dafür glaubte der Kanzler gefunden zu haben, als sich Industrie und Gewerkschaften zu einer mächtigen Lobby unter der Parole »Atomstrom oder Stempeln gehen« formierten. Statt abzuwarten, bis der technische Fortschritt die Risiken deutlich verringert hätte, ließ sich die Bundesregierung zu schnellen Entscheidungen drängen. Geschockt von der Ölkrise, sehen alle Parteien in der Kernenergie die einzige Möglichkeit, der rohstoffarmen Bundesrepublik Schutz vor neuen Preis- und Liefereskapaden der Araber zu sichern.

Zugleich hält Schmidt die atomare Option für die einzige Antwort auf die düsteren Prognosen der Geologen, die -- so die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover -- aufgrund schrumpfender Reserven für die Jahre zwischen 1995 und 2050 Produktionsrückgänge für Öl. Gas und Kohle prophezeien.

Sicherheitsbedenken zerstreuten die Bonner Atomstrategen bislang stets mit dem Hinweis auf die Erfahrungen ihrer Kollegen in Amerika. Die US-Atomenergie-Behörde hatte im Jahre 1975 willkommene Argumentationshilfe geliefert, als sie in einer Studie ("Rasmusssen-Report") schlußfolgerte: Die Wahrscheinlichkeit, von einem Meteor erschlagen zu werden, sei höher als die Gefahr einer Reaktorkatastrophe.

Die »Union of Concerned Scientists«, eine Vereinigung von über 40 000 kritischen US-Wissenschaftlern und Technikern, aber hat Mitte November nach zweijähriger Arbeit unter Leitung von Professor Henry W. Kendall vom Massachusetts Institute of Technology in einer Expertise Rasmussen widerlegt: Bis zum Jahre 2000 müssen die Amerikaner, wenn sie ihr Atomprogramm wie geplant fortsetzen, mit fast 15 000 Pannen und Unfällen rechnen -- auch (Wahrscheinlichkeitsgrad: 1 Prozent) mit einer Kernkraftwerksexplosion, die bis zu 100 000 Tote fordern würde.

Selbst die sauberste Wahrscheinlichkeitsberechnung schließt zudem nicht aus, daß Unwahrscheinliches geschieht -- wie am 27. September 1977, nachts um ein Uhr im amerikanischen Colorado. Dort rannten dem Lastwagenfahrer Donald Atwood auf einem einsamen Highway drei Pferde vor den Kühler. Fässer mit 5000 Kilo radioaktiven Yellow Cake, eines Zwischenprodukts für die Herstellung von Brennelementen, zerschellten auf der Straße.

US-Anwalt Ralph Nader: »Ich möchte gerne wissen, wie Rasmussen die Wahrscheinlichkeit kalkulieren will, daß ein einzelner Laster mit radioaktivem Uran morgens um eins mit Pferden zusammenstößt.«

Gleichfalls höchst unwahrscheinlich, aber dennoch geschehen: Im März 1975 zerstörte ein Brand im Reaktor Browns Ferry in Alabama beide Zuleitungen zu den zwei separat angelegten Sicherheitssystemen.

Einen ähnlichen statistischen Volltreffer konnten auch Bonner Parlamentarier hei einer Fahrt ins Kernforschungszentrum Karlsruhe landen. Ausgerechnet an dem Tag. als der für Sicherheitsfragen zuständige Innenausschuß die Atomanlage besichtigte, mußte eine Straße gesperrt werden, weil plutoniumhaltige Flüssigkeit ausgelaufen war. Den Abgeordneten wurde, als man sie auf Schleichwegen um den Unfallort herumleitete, vorgemacht, die Straße sei wegen des Feierabendverkehrs verstopft.

Gruselig lesen sich ebenfalls die Fälle, die der frühere SPD-Abgeordnete und jetzige Chemieprofessor Frank Haenschke zusammengetragen hat. In Kahl am Main versagte die Schnellabschaltung eines Versuchsreaktors. In Biblis drohte ein Reaktor heißzulaufen, als sich 29 von 48 Befestigungsschrauben der Hauptpumpen für das Kühlsystem lösten und in den Brennstäben verklemmten.

Vor wenigen Wochen erst wieder wurden Schlampereien aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim bekannt: Die Unaufmerksamkeit des Personals hätte fast zu einer Kettenreaktion an Pannen geführt. Obwohl auch das installierte Sicherheitssystem defekt war, konnte der Reaktor mattgesetzt werden, bevor Schlimmeres geschah.

Gewiß, technische Defekte treten überall auf, im Kohlekraftwerk oder in einer Chemiefabrik. Doch im Unterschied zu herkömmlichen Produktionsprozessen kann der Umgang mit radioaktivem Material Schäden erzeugen, deren Auswirkungen noch die nächste und übernächste Generation treffen.

Nach dem ehrgeizigen Zeitplan der Bundesregierung soll ab 1985 damit begonnen werden, atomare Abfälle zu lagern, und ab 1989, sie wieder aufzubereiten. Dabei werden abgebrannte Brennstäbe in wiederverwertbares Uran, Plutonium -- den Treibstoff für den »Schnellen Brüter« -- und den gefährlichen Restabfall getrennt.

Doch bis die Anlage funktioniert. müssen mindestens 8000 Tonnen abgebrannter Brennelemente irgendwo gelagert werden. In der Zwischenzeit sollen im westfälischen Ahaus und in Bayern große Wasserbecken gebaut werden, in denen die Reaktorstäbe vorerst auf Tauchstation liegen.

Die Fertigstellung dieser Zwischenlager aber steht in den Sternen: die Bundesregierung verläßt sich dabei so lange auf die französische Atomfabrik La Hague.

Diese Anlage, so behaupten Schmidt und seine Minister, fülle die Lücke bis zur Fertigstellung deutscher Lagerbecken und Aufarbeitungsfabriken. Bis 1979 wollen die Franzosen 600 Tonnen, bis 1989 weitere 1500 Tonnen übernehmen.

Eine vom Matthöfer-Ministerium in die Öffentlichkeit lancierte Expertise des Abteilungsleiters für Reaktorsicherheit in Maihofers Innenministerium, Wilhelm Sahl, spielt denn auch alle Entsorgungsprobleme, ob kurz- oder langfristig, herunter: »Die schon bis 1981 vorgesehenen Eingangslagerkapazitäten lassen jede Sorge um eine Verzögerung der rechtzeitigen Übernahme abgebrannter Brennelemente gegenstandslos erscheinen.«

Die Wahrheit aber sieht anders aus. Denn die Aufnahmebecken in La Hague sind nahezu voll -- vor allem mit deutschem Brennstoff, dessen Aufarbeitung den Franzosen einstweilen noch gar nicht gelungen ist. Bislang bewältigen sie nur Brennstäbe aus ihren eigenen Gas-Graphit-Reaktoren; in kommerziellem Stil ist die Behandlung von Leichtwasserbrennelementen noch nirgendwo auf der Welt geglückt. Es ist mithin nur eine Frage der Zeit, wann die erste Giftladung aus einem deutschen Reaktor an den Toren von La Hague abgewiesen wird.

Den Deutschen hülfe da kein Protest: Wie aus einem internen Papier des Forschungsministeriums zum Thema »Entsorgungsmöglichkeiten im Ausland« hervorgeht, haben sich die Franzosen »nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten« zur Annahme verpflichtet. Im Klartext: »Im Extremfall ist die Rücksendung der abgebrannten Brennelemente selbst möglich.

Selbst für den Fall, daß die Franzosen irgendwann in den nächsten Jahren deutsche Brennstäbe aufarbeiten könnten, müssen die Bonner, so das Matthöfer-Papier, die hochaktiven Abfälle in jedem Fall wieder zurücknehmen. Sie sollen später einmal in der Atommülldeponie Gorleben untergebracht werden.

Auch in den USA ist eine problemfreie Wiederaufbereitung bislang nicht gelungen. Nicht wegen Erweiterungsplänen, wie vom Matthöfer-Ministerium behauptet, sondern »wegen Korrosionsschäden« (Ford Foundation) wurde die Wiederaufbereitungsanlage in West Valley (New York) 1972 stillgelegt. Zwei Jahre später ließen die US-Behörden eine Anlage der General Electric in Morris (Illinois) zwar fertigstellen, verweigerten aber bis heute die Betriebsgenehmigung. Aus dem gleichen Grund rostet eine Großanlage in Barowell (Süd-Carolina) vor sich hin.

Die schlechtesten Erfahrungen sammelten die Amerikaner in einer militärischen Aufbereitungsanlage im Staat Washington, wo seit Jahren in einem Wüstengebiet Atommüll aus der Hanford-Fabrik für immer neuen Schrecken sorgt. Zwischen 1958 und 1974 wurden in den Lagertanks 18 Lecks entdeckt, aus denen über 1,6 Millionen Liter hochradioaktiver Flüssigkeit ausliefen. Allein im Jahre 1973 tropften 84 Tage lang 435 OO0 Liter unbemerkt in die Erde.

Gestützt auf die Fehlerchronik, ist US-Präsident Carter bislang nicht bereit, Wiederaufbereitungsanlagen zuzulassen, die Betriebsgenehmigungen für die Geister-Fabriken zu erteilen und damit auch die Industrie an der Produktion des hochgiftigen Plutoniums zu beteiligen.

Helmut Schmidt verfolgt die entgegengesetzte Strategie: Für ihn und seine Minister ist die Plutoniumgewinnung in Gorleben schon deshalb notwendig, um damit den schnellen Brutreaktor im späten 20. Jahrhundert -- wenn Öl, Gas, Kohle und auch Uran knapp werden -- zu befeuern.

Die Vision, demnächst ein Perpetuum mobile zu besitzen, das Maschinen treibt und Häuser heizt, fasziniert die Bonner Planer so, daß sie das Schreckensgemälde amerikanischer Wissenschaftler von einem internationalen Plutoniumkartell verdrängen. Denn in 25 Jahren werden in der Welt jährlich 200 000 Kilogramm jenes strahlenden Giftes anfallen, von dem schon ein Gramm tödlich ist. Tausende solcher Todesportionen gehen dann innerhalb und außerhalb der Grenzen von 40 Ländern auf Reisen, um die rund 1000 Reaktoren zu versorgen, und die Ladung für die jährliche Brennstoffversorgung eines einzigen Reaktors enthält genug Plutonium für die Herstellung von 50 Atomwaffen.

Für die 21 Professoren der Ford Foundation zählt daher die Gefahr, daß Kriegsbetreiber und Terroristen sich des Bombenstoffs versichern, zu den »gewichtigsten Risiken der Wiederaufbereitung«.

Daß der Diebstahl von Plutonium oder A-Bomben-Material kein bloßer Alptraum ist, erfuhr vor wenigen Wochen die amerikanische Öffentlichkeit. Die US-Regierung gestand, daß bereits bis zum Jahre 1965 aus einer Nuklearanlage in Apollo (Pennsylvania) mehr als 100 Kilogramm hochangereicherten Urans fast spurlos verschwanden -- genug, um 20 Bomben zu bauen. In zwei bis zum November unter Verschluß gehaltenen Geheimdienstpapieren von 1976 wird der Verdacht geäußert, daß der Bombenrohstoff in Israel gelandet ist. Und Anfang Dezember bestätigte die CIA, daß Israel bereits Ende der 60er Jahre genug Plutonium besaß, um mehrere Bomben bauen zu können.

Doch skrupellose Untergrundkämpfer würden sich mit Diebstahl nicht begnügen. In einer Klausurtagung haben Sicherheitsexperten der Regierung Kernkraftwerken einen hohen Zielwert für Terrorgruppen zuerkannt, da ihnen eine besondere psychologische Bedeutung zukomme, die aus der Angst der Bevölkerung vor nuklearen Unfällen herrühre. Zudem werde die Abschaltung von Kernkraftwerken im Krisenfall, die im übrigen nur eine begrenzte Minderung des Gefahrenpotentials bringe, mit steigendem Anteil der Kernenergie an der Gesamtenergieversorgung problematischer.

Die für einen solchen Anschlag erforderlichen Waffen reichen nach Meinung der Experten von selbstgefertigten Mitteln mit Spreng-, Brand- und Giftwirkung über militärische Handfeuerwaffen bis hin zu Lenkraketen und rückstoßfreien Leichtgeschützen aus Armee-Arsenalen; schon jetzt habe sich dabei gezeigt, daß Terroristen mit einer Zeitverzögerung von drei bis fünf Jahren über solche Waffen verfügen könnten.

Doch nicht nur die Aussicht eines Angriffs von außen schreckt die Fachleute: Auch ein eingeschleuster Agent mit guten Sachkenntnissen könnte ihrer Meinung nach einen Störfall mit katastrophalen Folgen auslösen.

Nach Ansicht der Planspieler bringt selbst die unterirdische Bauweise von Atommeilern nur einen »Bonus« gegen Terrorgefahren: mehr nicht, weil Kühlanlagen und Zuleitungen eines solchen Strombunkers weiterhin an der Erdoberfläche bleiben müssen,

In einem Gutachten des Instituts für nukleare Sicherheitsforschung in Jülich wurde dem Bonner Innenministerium der Preis für den U-Meiler genannt: Die Mehrkosten für den Strom aus der Erde betragen, verglichen mit einem Reaktor herkömmlicher Bauweise, zwischen 16,5 und 19,5 Prozent.

Die Jülicher Techniker verzichteten auf eine konkrete Empfehlung über die »Notwendigkeit einer weiteren Minderung des Restrisikos von Kernkraftwerken vor dem Hintergrund ihres an sich schon großen Abstandes zu anderen Risiken des täglichen Lebens«. Ein solches Votum sei vielmehr »eine politische Entscheidung«.

Die politische Entscheidung traf die Bundesregierung am Mittwoch letzter Woche -- wie immer: ökonomisch. Sie wählte die billigere, aber gefährlichere Bauweise über der Erde. Denn Strom aus einem konventionell gebauten 1300-Megawatt-Reaktor (Baukosten: 1,5 Milliarden Mark) wird sich, so verkündete Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, 1985 um 250 Millionen Mark jährlich billiger erzeugen lassen als Strom aus Kohle.

Die Differenz wäre fast exakt der Preis für größere Reaktorsicherheit.

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