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Prozesse Darlehn im Gabel

Vor dem Bremer Landgericht stritten zwei Anwälte um 50 Pfennig.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Die 10. Zivilkammer beim Landgericht Bremen beriet über den Rechtsstreit »länger als im Durchschnitt«, denn schließlich hatten weder der Vorsitzende Richter Dr. Wilfried Otterstedt noch seine beiden Beisitzer je einen »auch nur annähernd vergleichbaren« Fall erlebt.

Am Mittwoch letzter Woche fällten sie den Spruch, gegen den kein Rechtsmittel möglich ist: Im Namen des Volkes wurde der Rechtsanwalt Dr. Konrad Hammann dazu verdonnert, seinem Anwaltskollegen Manfred Fischbach 50 Pfennig zu bezahlen.

im »Spitzen Gebel« zu Bremen, wo sich Pfeffersäcke und Advokaten am Stammtisch treffen, hatte Hammann den Kollegen im Juli um einen kurzfristigen Klein-Kredit gebeten. Fischbach pumpte 20 Mark, damit Hammann Bier und Doppelkorn »Eiswette« bezahlen konnte, und teilte auch seine Kontonummer mit.

Korrekt, wie Hanseaten sind, ging Hammann zur Sparkasse in Bremen. um das Geld gleich bar am Schalter einzuzahlen. Das mache 20,50 Mark, sagte die freundliche Dame, 50 Pfennig Gebühr für die Buchung. Hammann: »Ich will keine zwanzig Mark fünfzig bezahlen, ich will zwanzig Mark bezahlen.« Der Streit, der zum Rechtsstreit geriet, dauerte eine Weile (Hammann: »Wollen Sie nun das Geld für Ihren Kunden in Empfang nehmen oder nicht?"), bis schließlich eine Quittung ausgestellt wurde: über 19,50 Mark zuzüglich 0,50 Mark Buchungsgebühr.

Für Hammann war die Sache erledigt, für Fischbach nicht. Er bekomme zwanzig, ließ er den Kollegen wissen, nicht 19,50 Mark. Aber Hammann, der zwar im »Spitzen Gebel« gern mal großzügig ist, blieb stur: »Es geht mir nicht um die fünf Groschen, es geht mir ums Prinzip.« Mit seiner Nachforderung möge sich der Gläubiger doch an sein Geldinstitut wenden.

Fischbach hielt sich gar nicht erst an die Sparkasse, sondern gleich ans Gericht -- ans Landgericht, weil den beiden Kontrahenten drei Richter kompetenter schienen als der Einzelrichter beim Amtsgericht, das beim geringen Streitwert gewöhnlich zuständig wäre.

Richter Otterstedt wußte nicht recht. ob er sich veralbert fühlen sollte: »Meine Herren, sind Sie miteinander befreundet oder gut bekannt?« Die Duz-Freunde bejahten. Und: »Meine Herren, Sie haben diesen Prozeß doch wohl nicht am Biertisch ausgeklügelt?« Uni Himmels willen, das sei um alles in der Welt »kein Scherz, sondern ein ernstes Anliegen«, so Hammann -- das Darlehen sei zwar im »Spitzen Gebel« gewährt, »aber das Problem ist erst später geboren«.

Das Problem ist auch nach dem Urteil nicht ausgeräumt. »Der Kollege Hammann«, so Fischbach, »ist zumindest stillschweigend einen Geschäftsbesorgungsvertrag eingegangen.« Hammann dagegen: »Die können doch nicht einfach was erheben, nur weil sie das Monopol haben:« Beides wollte das Gericht gar nicht erst prüfen -- Otterstedt: »Im übrigen sind wir kein Gutachterinstitut.«

Doch der Prozeßverlierer gibt nicht auf. Er will die 50 Pfennig am Schalter auf das Fischbach-Konto einzahlen ("Den Spaß werd' ich mir machen") und dann die Sparkasse auf Rückerstattung verklagen. Dann soll das Gericht klären, ob sich das Geldinstitut etwa ungerechtfertigt bereichert hat oder ob es eine Leistung erbracht hat.

»Das wird böse für die Sparkasse«, sagt Hammann, »die muß dann beweisen, daß diese Leistung 50 Pfennig wert ist.«

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