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Das Afghanistan-Abenteuer

Ernstfall für die Bundeswehr: Die Taliban rücken vor, fast täglich sterben Soldaten der internationalen Truppen. Fünf Jahre nach dem Einmarsch drohen irakische Verhältnisse. Berlin verweigert sich dem lauter werdenden Ruf nach einem deutschen Kampfeinsatz - wie lange noch?
Von Konstantin von Hammerstein, Hans Hoyng, Hans-Jürgen Schlamp und Alexander Szandar
aus DER SPIEGEL 47/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich zu Beginn eines Arbeitstages auf den neuesten Stand zu bringen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier liest im Auto die Agenturmeldungen der vergangenen Nacht und blättert durch deutsche und internationale Zeitungen. Seine Kollegin Heidemarie Wieczorek-Zeul aus dem Entwicklungshilfe-Ressort lässt sich jeden Morgen um 7.45 Uhr von ihren Mitarbeitern unterrichten. Die Kanzlerin klickt sich schon auf der Fahrt in die Regierungszentrale durch Dutzende von Nachrichten, die ihr das Bundespresseamt aufs Handy geschickt hat.

Wenn Verteidigungsminister Franz Josef Jung am Morgen das Büro betritt, liegt auf seinem Schreibtisch die dunkelgraue Mappe mit dem vertraulichen Bericht zur »Lage in den Einsatzgebieten«. Auf acht bis neun Seiten listet ihm der Führungsstab der Streitkräfte auf, wie es den deutschen Soldaten im Ausland ergangen ist.

Die meisten Seiten kann Jung schnell überfliegen. In vielen Weltregionen, in denen seine Einheiten stationiert sind, ist es ziemlich ruhig. »Kein berichtenswerter Meldungseingang«, verzeichneten die Bonner Offiziere etwa am vergangenen Dienstag beim Stichwort Usbekistan. Auch in Dschibuti, am Golf von Aden oder in Gabun war nichts los, was den Minister hätte interessieren müssen.

Im West-Kongo gilt die Sicherheitslage als »überwiegend ruhig und noch stabil«, in der Hauptstadt Kinshasa als »überwiegend ruhig, aber nicht stabil«, während sie im Ost-Kongo von den Militärs als »nicht ruhig und nicht stabil« eingeschätzt wird.

Afghanistan steht in jedem Lagebericht gleich an erster Stelle.

In nüchternem Bürokratendeutsch meldet die Truppe, was sich am Tag zuvor ereignet hat. Zusammengenommen zeichnen die Berichte das Bild eines sich anbahnenden Desasters.

»Am 13. 11. 06 gegen 13.45 Uhr Ortszeit wurde auf der durch den Distrikt Shindand, Provinz Herat, führenden Hauptstraße Kandahar-Herat vermutlich ein fahrzeuggestützter Selbstmordanschlag gegen eine Isaf-Patrouille durchgeführt«, heißt es am vergangenen Dienstag. Zwei spanische Soldaten seien verletzt worden: »Es wäre in 2006 das dritte Selbstmordattentat in der Provinz Herat« und damit, laut Protokoll, das 96. landesweit.

Nach der Ermordung des lokalen Machthabers durch Angehörige eines rivalisierenden Stammes »werden in Shindand die Machtverhältnisse derzeit neu geordnet«, schreiben die Nachrichtenauswerter in ihrer »Beurteilung«. Und wieder waren offenbar Taliban- oder Qaida-Kämpfer im Spiel, die im Militärjargon als »OMF« bezeichnet werden, die Abkürzung für Opposing Military Forces. »Da die Art des Anschlages für einen OMF-Hintergrund spricht, ist es möglich, dass sie das derzeit bestehende Machtvakuum in Shindand und die räumliche Nähe zu ihren südlichen Operationsgebieten ausnutzen, um sich strukturell in dem Gebiet zu verankern.«

Beinahe täglich berichtet der Führungsstab dem Minister von Zusammenstößen zwischen Taliban-Einheiten mit der internationalen Schutztruppe Isaf und den amerikanischen Anti-Terror-Einheiten. In der Provinz Zabul sei bei einem »mehrstündigen Gefecht« ein US-Soldat getötet worden, heißt es Ende Oktober: »OMF dominieren in der Provinz überall dort, wo staatliche afghanische oder internationale

Präsenz gering beziehungsweise nur zeitweise gegeben ist.«

Vier Tage zuvor werden »verschiedene Kampfhandlungen« in der südafghanischen Provinz Kandahar gemeldet. Es gebe »Anzeichen einer erneuten Massierung": »Artillerie- bzw. Luftwaffeneinsätze sind häufig das einzige Mittel, um Verluste der eigenen Kräfte zu vermeiden, allerdings bergen sie grundsätzlich die Gefahr der Verursachung von Kollateralschäden. So wird das Vertrauen der Zivilbevölkerung in die Wiederaufbau- und Stabilisierungsbemühungen der Isaf unterminiert.«

Zwei Dinge zeigen die Berichte dem Minister jeden Tag. Afghanistan durchlebt die schlimmste Phase der Gewalt seit dem Sturz der Taliban vor fünf Jahren. Der Nato, nach eigenem Verständnis das mächtigste Militärbündnis der Welt, droht im blutigen Abnutzungskrieg mit den Taliban die politische und womöglich sogar die militärische Niederlage. Und: Deutsche Soldaten sind auffällig unbeteiligt an den immer brutaleren Kämpfen am Hindukusch.

Während Kanadier, Niederländer, Briten und Amerikaner im Süden Afghanistans Krieg führen, haben sich die Deutschen im vergleichsweise friedlichen Norden des Landes eingerichtet. Dort sollen sie sich um den Wiederaufbau des geschundenen Landes kümmern - als eine Art bewaffneter Sozialarbeiter mit der Lizenz zum Dorfpolizisten.

Es ist eine Arbeitsteilung, die politisch auf Dauer kaum durchzuhalten ist. Immer stärker wird das Drängen der Verbündeten, die Deutschen müssten nun ebenfalls an die Front. Und immer heftiger hält Berlin dagegen. In der vergangenen Woche meldeten sich mit der Kanzlerin, dem Außen- und dem Verteidigungsminister gleich drei Kabinettsmitglieder zu Wort, um das deutsche Nein zu einem Kriegseinsatz im Süden zu bekräftigen.

»Da bleiben wir hart«, sagt Jung. »Wir glauben, dass an diesem Mandat nichts geändert werden sollte«, sagt Merkel, und Steinmeier klagt: »Ich sehe keinen Sinn darin, dass wir jetzt kopflos Personal und Soldaten im Norden abziehen und irgendwo in den Süden verlagern.«

Intern rechnen die Planer im Verteidigungsministerium dagegen längst schon Modelle durch, nach denen bis zu zwei Kampfbataillone mit etwa tausend Soldaten den bedrängten Verbündeten im Süden zur Hilfe kommen könnten. Schon beim Nato-Gipfel in Riga in der kommenden Woche

werden die Partner das Thema ansprechen, und spätestens beim Nato-Rat im kommenden Frühjahr dürfte es dann so weit sein. Fordert die Allianz wegen einer drohenden Niederlage gegen die Taliban zusätzliche Truppen von allen Verbündeten, könnte sich Berlin kaum entziehen.

Damit steht den Deutschen ein historischer Einschnitt bevor. In den sechs Jahrzehnten nach Kriegsende ist der Pazifismus Teil ihrer Identität geworden.

Nur zögernd haben die Deutschen in den fünfziger Jahren die Wiederbewaffnung akzeptiert, nur langsam sich nach dem Ende des Kalten Krieges an den Gedanken gewöhnt, dass die neue Rolle in der Welt gelegentlich auch den Einsatz deutscher Soldaten im Ausland erfordert.

Rhetorisch haben die Regierungen von Helmut Kohl über Gerhard Schröder bis hin zu Angela Merkel die Abneigung ihrer Wähler gegen alles Militärische immer bedient. Während sie Schritt für Schritt den Radius der Bundeswehr ausdehnten, vermieden sie es, das Wort »Kampfeinsatz« in den Mund zu nehmen. »Friedensmission« und »Stabilisierungstruppe« klangen besser, und wenn es brenzlig zu werden drohte, war allenfalls von einem »robusten Mandat« die Rede.

Bis heute weigert sich das Verteidigungsministerium, die 64 Bundeswehrsoldaten, die bislang bei Auslandseinsätzen ums Leben kamen, als »Kriegstote« anzuerkennen. Das spart zum einen Geld, weil für Kriegsgräber dauerhaft der Staat einstehen müsste. Und es vermeidet, die Wörter »Krieg«, »Tod« und »Auslandseinsatz« in einen Zusammenhang zu bringen.

Die Camouflage zahlt sich aus. In Umfragen genießt die Bundeswehr seit Jahren schon zusammen mit Bundesverfassungsgericht und Polizei das höchste Vertrauen unter allen öffentlichen Einrichtungen - womöglich weil viele Menschen sie für eine bewaffnete Version des Technischen Hilfswerks halten.

Deutsche Soldaten schleppen Sandsäcke im überfluteten Dresden, sie helfen serbischen Müttern im Kosovo, sie bauen Schulen in Afghanistan, sie sind Sanitäter und Sozialarbeiter - nur eines sind sie im öffentlichen Bewusstsein bislang nicht: Kämpfer, die dazu ausgebildet sind, andere Menschen zu töten. Und die womöglich selbst getötet werden.

Nun sind es die Bündnispartner, die unruhig werden. Die Arbeitsteilung passt ihnen nicht mehr, nach der sie für Töten und Sterben zuständig sein sollen, während die Deutschen als Sozialarbeiter im Tarnanzug durch die Welt reisen.

Jahrzehntelang akzeptierten die Verbündeten, dass die Deutschen Zeit brauchten, um in der Normalität anzukommen. Schließlich hatten sie selbst Sorge vor einer Wiederkehr des deutschen Militarismus. Doch die Nachkriegssaga von den pazifistischen Deutschen könnte zu Ende gehen.

Die Rückkehr Berlins auf die internationale Bühne ist wohl im letzten Akt angekommen. Schon bald könnten deutsche Soldaten wieder in Kampfeinsätze ziehen, wo sie auf Menschen schießen und auch beschossen werden. Dann wird sich erweisen, ob das Land darauf vorbereitet ist - mental, politisch und militärisch.

Man kann berechtigte Zweifel haben, ob eine Armee, die über praktisch keine Kampferfahrung verfügt, überhaupt in der Lage ist, Seite an Seite mit britischen, kanadischen oder amerikanischen Soldaten ins Feld zu ziehen. Die einzigen Truppenteile der Bundeswehr, die bislang dem enormen Stress schwerer Gefechte ausgesetzt waren, sind die Angehörigen des Kommandos Spezialkräfte. Dieses macht aber gerade einmal ein Prozent der Bundeswehrsoldaten aus, die für eine Nato-Operation, wie sie sich die Partner wünschen, in Frage kommen.

Scheitert die Allianz am Hindukusch, »ist die Nato erledigt«, sagt der frühere US-Präsidentenberater Brent Scowcroft. Doch hat sie überhaupt eine Chance, den Krieg zu gewinnen?

Am Anfang sah alles ziemlich einfach aus. Nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 wurde, zum ersten Mal überhaupt, der Nato-Bündnisfall ausgerufen, kurz danach schlugen die USA gegen Afghanistan los. Die herrschenden Taliban und ihr ominöser Gast, Terrorpate Osama Bin Laden, suchten rasch das Weite. Das ewig unruhige Bergland am Hindukusch war auf einmal Projektionsfläche für kühne Visionen. Eine stabile Demokratie sollte entstehen, wo doch die Verhältnisse von jeher fragil waren und wo muslimische Nachbarn die westliche Invasion misstrauisch beäugten: im Westen Iran, im Osten Pakistan, im Norden die ehemals sowjetischen Republiken

Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan.

Der Rückschlag, er erscheint geradezu unvermeidlich. Fünf Jahre nach dem Einmarsch rücken die Taliban wieder vor, die Drogenbarone verdienen mehr Geld denn je und finanzieren so den Krieg der Nato-Gegner.

Drohen den Nato-Einheiten nun die gleichen Erfahrungen, die fremde Truppen immer schon in dem wüsten Bergland mit seinen kriegerischen Einwohnern gemacht haben? Alexander der Große hatte auf dem Weg nach Indien ähnlich zu kämpfen wie der Mongolenführer Dschingis Khan. Im 19. Jahrhundert wurde Afghanistan zum zentralen Streitobjekt zwischen zwei Weltreichen: dem zaristischen Russland, das zum Indischen Ozean drängte, und dem britischen Empire, das sein Kronjuwel Indien in Gefahr sah. Zweimal bereiteten die Afghanen britischen Truppen demütigende Niederlagen. Hundert Jahre später gelang es ihnen, selbst die sowjetische Supermacht zum Abzug zu zwingen.

Das riesige Land am Hindukusch gehört mit seinen etwa 31 Millionen Einwohnern zu den ärmsten der Erde. Große Teile der Infrastruktur sind immer noch zerstört. Afghanistan gehört zu den Staaten mit der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeit.

Viele Menschen sind bettelarm, selbst im Regierungsapparat. Als sich Kanzler Schröder und seine Entourage im Mai 2002 nach einem Staatsbankett in Kabul kaum erhoben hatten, stürzten sich bereits die ausgehungerten Leibwächter und Regierungsangestellten auf die Tische, um eilig die Reste zu verschlingen.

Um diesen gleichermaßen gefährlichen wie armseligen Einsatzort geht es, wenn die Deutschen jetzt von ihren Verbündeten unter Druck gesetzt werden. Wie stark dieser Druck ist, hat vor kurzem Karsten Voigt in den USA erlebt. Der SPD-Politiker ist der Regierungsbeauftragte für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Nach anfänglichen Komplimenten für die deutsche Hilfe in Afghanistan kamen seine Gesprächspartner aus der US-Administration zügig zur Sache. »Ihr konzentriert euch auf den Wiederaufbau und die Friedenssicherung«, warfen sie dem Deutschen vor, »aber die unangenehmen Sachen überlasst ihr uns.« Und dann traf ihn jener Satz, den Voigt wohl nie mehr wird vergessen können: »Die Deutschen müssen das Töten lernen« - gemeint waren die Taliban.

Er ist nicht der Einzige, der in diesen Tagen den Unmut der Verbündeten zu spüren bekommt. »Der Druck wird kontinuierlich größer«, sagt ein deutscher Offizier im Nato-Hauptquartier im belgischen Mons. Was vor ein paar Wochen noch »charmant verpackt« wurde, werde jetzt »klar und eindeutig formuliert«. Erst vor kurzem habe ihn ein britischer Kamerad angeraunzt: »Wir schicken jedes Wochenende zwei Zinksärge nach Hause, und ihr Deutschen verteilt Wachsmalstifte und Wolldecken.«

Die Nato-Kollegen aus Kanada äußern sich ähnlich deutlich. Von den insgesamt 33 000 Soldaten des kanadischen Heeres stehen über 2000 in Afghanistan - »mit dem Rücken zur Wand«. Es sei höchste Zeit, dass die Deutschen ihre Schlafplätze verließen und lernten, »Taliban zu töten«.

Auch beim Nato-Parlamentariertreffen im kanadischen Quebec bekamen die Deutschen am vergangenen Donnerstag den Ärger zu spüren. In einer Debatte über nationale Vorbehalte für Truppen in Afghanistan ließen der Chef des Verteidigungsausschusses im britischen Unterhaus, Bruce George, und der Labour-Abgeordnete Frank Cook ihrem Ärger freien Lauf. »Die einen trinken Tee und Bier, die anderen riskieren ihr Leben«, legte George los.

Während der »Operation Medusa« habe der Isaf-Befehlshaber um Hilfe für bedrängte Kanadier gebeten, erregte sich Labour-Mann Cook. »Fünf Nationen haben sich verweigert«, rief er empört und vermied es zunächst, die Länder zu nennen. Dann aber wurde er deutlicher. Ein deutscher Kommandeur habe mitgeteilt, er habe zwar Soldaten verfügbar, doch bekomme er aus Berlin keine Erlaubnis, sie einzusetzen. Zwölf kanadische Soldaten seien daraufhin bei der Operation im Panjwai-Distrikt ums Leben gekommen.

Die Vorwürfe wurden am Freitag zwar eilig von der Bundesregierung zurückgewiesen. »Es hat nie eine solche Anfrage gegeben«, erklärte das Wehrressort.

Aber da standen die deutschen Abgeordneten in Quebec längst am Pranger. »Wir haben die Toten, ihr trinkt Bier«, fasste FDP-Mann Rainer Stinner die »Grundaussage« der Anfeindungen zusammen.

Die Verbündeten müssen nur auf die Zahlen verweisen, und schon befinden sich die Deutschen in der Defensive. 42 Kanadier sind bislang im Afghanistan-Einsatz ums Leben gekommen, 41 Briten, 350 Amerikaner - aber »nur« 18 Deutsche. Darum geht es in Wirklichkeit beim Streit zwischen den Alliierten, selbst wenn es niemand offen ausspricht: um die Ausgewogenheit der Gefallenen im Bodenkrieg am Hindukusch.

Die Deutschen sind nicht die Einzigen, die ihr Engagement beschränken. 37 Nationen haben sich mit inzwischen über

31 000 Soldaten am Hindukusch engagiert, doch die meisten Einheiten sind wegen der politischen Vorgaben ihrer Regierungen nur bedingt einsatzbereit.

Das Chaos beginnt schon im »Strategic Direction Center«, dem Herzen der Nato-Militärmaschine in Mons. Dort werden alle Auslandsmissionen vorbereitet, geführt und die verschiedenen Aufträge der Einheiten aus den unterschiedlichen Ländern koordiniert. Doch wenn sich Oberst David Short und seine Strategen über die Afghanistan-Karte beugen und Truppen bewegen wollen, müssen sie nicht nur geografische oder militärische Faktoren ins Kalkül ziehen. Vorrang hat immer, was in einer Kladde festgehalten ist, die stets in Griffweite liegt.

»Confidential« steht auf dem Deckel, »vertraulich«. Niemand darf das Werk mitnehmen oder gar kopieren. Das Büchlein enthält jene 102 Klauseln, die den Einsatz- und Bewegungsspielraum der verschiedenen nationalen Truppenkontingente regeln. So sollen britische Soldaten nicht in den Norden geschickt werden, die türkischen Kämpfer werden nur im Raum Kabul eingesetzt, und für die Deutschen sind der gefährliche Süden und der Osten nur bedingt zugänglich - so wie es der Bundestag beschlossen hat, als er den Afghanistan-Einsatz absegnete.

Im US-Militärjargon heißen diese nationalen Vorbehalte »Caveats«, und sie sind dem auch für Afghanistan zuständigen Nato-Oberbefehlshaber in Europa ein Gräuel: Wenn die einen darauf bauen, dass ihnen die Truppen anderer Nationen im Ernstfall helfen, fordert der amerikanische Vier-Sterne-General James Jones, müsse das auch umgekehrt gelten. Das sei nur fair. Der Wegfall der »Caveats« habe die gleiche Wirkung wie zusätzliche Soldaten.

»Wer ohne Vorbehalte gibt, gibt doppelt«, sagt Polens Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski, der für das nächste Jahr bis zu tausend Soldaten versprochen hat - ohne Restriktionen.

Es mangelt nicht nur an Truppen, sogar eine präzise Definition des Einsatzziels fehlt. Wann wäre das berühmt-berüchtigte »mission accomplished« (Auftrag ausgeführt) angebracht? Wenn kein Taliban mehr schießt, das Drogenkartell zerbrochen und die afghanische Politik sauber und Herr im Hause ist? Wenn es der US-Präsident erklärt? Niemand kann es sagen.

Stattdessen verbreiten die Militärs Frontmeldungen, die sich lesen wie die schönfärberischen Lageberichte der Amerikaner im Vietnam-Krieg. Nach der »Operation Medusa« hatten Nato-Militärs wie heimische Politiker gleichermaßen geprahlt und einander im makabren »body count« überboten: Erst waren es nur 500 Taliban, dann 800 und schließlich 1100 Kämpfer, die eine internationale Truppe, bestehend aus Amerikanern, Kanadiern, Holländern und Afghanen, im September zur Strecke gebracht habe.

Dass damit der Vormarsch radikaler Islamisten gestoppt sei, wie ebenfalls behauptet wurde, stimmte zwar erkennbar nicht. Aber zumindest hat »Medusa« den Isaf-Truppen ein wenig Luft verschafft.

Die Devise für die Soldaten heißt nun »Kampf um Herzen und Köpfe«. Jahrelang ist genau das sträflich vernachlässigt worden, vor allem im Süden und Osten des Landes, wo unter Führung der Amerikaner versprengte Reste der Terrororganisation al-Qaida und islamistische Dschihad-Kämpfer gejagt wurden. Jetzt hat die Werbung um das Vertrauen Priorität. Wenn alliierte Soldaten in ein Dorf kommen, dann ist erst einmal eine Jirga angesagt, eine Dorfversammlung, auf der die Bewohner sich den Frust von der Seele reden.

Und das tun sie dann auch. Lang, anhaltend, ausdauernd klagen sie ihr Leid. Dass sich nicht viel gebessert habe in den fünf Jahren, seit sich US-Truppen nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg hier breitmachten. Schuld daran seien die Fremden, Taliban wie Nato-Soldaten, und schuld sei die Regierung, jede Regierung. Die Herrscher von Kabul versagen, weil sie machtlos dem Wiedereindringen der Taliban gegenüberstehen. In der Provinzhauptstadt ist der Gouverneur der Bösewicht, weil er nur seinen eigenen Stammesmitgliedern Wiederaufbaumittel zukommen lässt. Der Polizeichef ist natürlich auch ein schlechter Mann, weil unfähig oder korrupt. Und immer offener treten die Taliban auf, erschießen Mullahs, die nicht ganz so denken wie sie; Lehrer, die es wagen, Mädchen zu

unterrichten; Ingenieure, die Wiederaufbauarbeiten leiten; Polizisten, die Befehle der Zentralregierung ausführen.

Nur die Opiumbauern, die erschießen sie nicht. Denen helfen sie gegen Allianz-Soldaten und Polizisten, die ihre Felder zerstören wollen. Jeder vierte Afghane, das besagt eine landesweite Umfrage vom Sommer dieses Jahres, fühlt sich schlechtergestellt als unter dem Taliban-Regime. In der umkämpften Provinz Helmand sympathisieren sogar 80 Prozent der Bevölkerung mit den Gotteskriegern.

Längst ist das Töten zum einträglichen Geschäft für die Familien der Mörder geworden. Von ihren Auftraggebern erhalten sie 2000 Dollar für einen Anschlag gegen die neuen afghanischen Streitkräfte, 3000 für ein Attentat auf Soldaten der westlichen Verbündeten. Die Aufständischen in Afghanistan, daran herrscht kein Zweifel, haben von ihren Gesinnungsgenossen im Irak gelernt.

Nicht nur Amerikaner, sondern auch die Europäer, die Deutschen eingeschlossen, haben sich schwere Versäumnisse zuschulden kommen lassen. Die gesamte internationale Gemeinschaft schien fest entschlossen, den Krieg, wie die Wiederaufbaubemühungen hinterher, möglichst billig hinter sich zu bringen. Geiz war geil.

Das begann mit dem Krieg selbst. Zwar hatte die Nato zum ersten Mal in ihrer Geschichte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 den Beistandsfall ausgerufen, aber die Amerikaner mochten von ihren Verbündeten zunächst keine Truppen anfordern, um das Heft in der Hand zu behalten. Zudem schien es in Afghanistan gar nicht nötig, eigene Bodenkräfte in größerem Umfang einzusetzen. Stattdessen führten die USA einen Luftkrieg, in dessen Verlauf die Planer häufig darüber klagten, dass es nicht genug bombardierbare Ziele im fünftärmsten Land der Erde gab. Vor allem aber führten die USA einen Stellvertreterkrieg, versicherten sich der Hilfe vieler Mudschahidin und Warlords, die sie schon während der russischen Besatzung in den achtziger Jahren unterstützt hatten. Die witterten nun eine neue Chance und forderten, kaum dass Kabul gefallen war, ihre Belohnung ein.

Die Gelegenheit dazu kam mit den Verhandlungen auf dem Petersberg. Der sogenannte Bonn-Prozess sollte die Grundlagen schaffen für ein friedliches, prosperierendes, demokratisches Afghanistan.

Auf dem Papier zumindest hat Afghanistan heute alles, was damals bei Bonn unter Uno-Schirmherrschaft und zuweilen deutlichem Druck aus Washington und Berlin verabredet worden war. Der Präsident, der Paschtune Hamid Karzai, von den Amerikanern ausgeguckt und protegiert, ist inzwischen vom Volk gewählt. Eine verfassunggebende Versammlung, die Loya Jirga, hat 2004 den Afghanen eine einigermaßen demokratische Verfassung beschert. Die Volksvertreter erhielten eine starke Stellung. Sie sollen die Richtlinien der Politik mitbestimmen, Minister-Ernennungen ratifizieren oder ablehnen und die Richter des Obersten Gerichts bestätigen.

Nur besteht dieses starke, demokratische Afghanistan allenfalls auf dem Papier und in der Vorstellung der westlichen Siegerstaaten. Denn von Anfang an hat man weggesehen, als dieses neue Afghanistan unter die alten Räuber fiel.

Im Namen von Stabilität und Ruhe ließen die Zentralregierung und die westlichen Verbündeten zu, dass sich die Kriegsherren von einst in den Provinzen ihre eigenen kleinen Reiche einrichteten, von wo aus sie miteinander um einen möglichst großen Teil der Wiederaufbauhilfe rivalisierten, zuweilen blutige Fehden austrugen und den Mohnanbau wieder ankurbelten. Solange sie wenigstens verbal der Zentralregierung Treue schworen, konnten sie in ihren Herrschaftsbereichen anstellen, was sie wollten. Karzai blieb eine Art Oberbürgermeister von Kabul.

Schlimmer noch: Der Präsident musste seine Rivalen und Gegner in die Zentralregierung einbinden, egal wie blutig deren Vergangenheit war. Prototyp dieser Karrieren im neuen Afghanistan ist die windungsreiche Laufbahn des Usbeken-Führers Abdul Raschid Dostam. Während der sowjetischen Besatzung kämpfte er auf Seiten Moskaus gegen die Mudschahidin. Später wechselte er die Seiten in verwirrender Folge.

Als Verbündeter der Amerikaner nahm er im November 2001 seine einstige Hochburg Masar-i-Scharif ein, in der die Taliban mit selbst für sie ungewöhnlicher Brutalität gegen den schiitischen Bevölkerungsteil vorgegangen waren. Nach der Eroberung zahlte Dostam es ihnen mit gleicher Münze heim. Er ließ gefangene Taliban in Container sperren und durch die Wüste transportieren, wo sie qualvoll erstickten. Auf den Petersberg traute er sich schon wegen seines Rufs als »Blutsäufer« nicht. Dennoch wurde er auf der Friedenskonferenz zum stellvertretenden Verteidigungsminister der Übergangsregierung ernannt. Später war er Präsidentschaftskandidat. Seit 2005 ist er Generalstabschef der neuen afghanischen Armee.

Der Süden und Osten des Landes blieben jahrelang ausschließlich das Einsatzgebiet der »Operation Enduring Freedom« (OEF) und damit vor allem von US-Truppen, die anfänglich etwa 5000 Mann umfassten. Sie jagten Qaida-Mitglieder und versprengte Taliban. Gedanken an Wiederaufbau- oder Entwicklungshilfe wiesen die Militärs weit von sich.

Statt eines umfassenden Wiederaufbaukonzepts verabredete die internationale Staatengemeinschaft eine lockere Aufgabenteilung: Die USA würden demnach eine neue afghanische Armee in einer Stärke von 70 000 Mann ausbilden, die Japaner sollten die Verantwortung für die Demobilisierung von etwa 100 000 Angehörigen privater Milizen übernehmen. Die Deutschen erhielten die Aufgabe, ein neues

Polizeikorps von 62 000 Mann auszubilden. Ausgerechnet die Italiener wollten Starthilfe für ein neues Rechtssystem geben, die Briten den Kampf gegen den Drogenanbau übernehmen.

Die Aufgabenverteilung erwies sich als Fiasko. Als Amerikas damaliger Botschafter Robert Finn in Kabul die ersten angeblich ausgebildeten Rekruten der neuen Armee bei einer Übung sah, war er entsetzt: »Das waren Analphabeten, Leute, die nicht wussten, wie man sich sauber hält. Sie besaßen ein niedrigeres Niveau, als die meisten erwartet hatten.«

Die neue Polizei schnitt nicht besser ab. Afghanistans Ordnungshüter, ursprünglich etwa 80 000 Mann stark, waren es keineswegs gewohnt, in den Straßen der Städte zu patrouillieren. Sie errichteten viel lieber Checkpoints und warteten darauf, dass die Afghanen vorbeischauen und Verbrechen melden würden. Worauf man dann ja immer noch entscheiden konnte, einzugreifen oder nicht, was nicht selten von der Spendenfreudigkeit der Bittsteller abhing.

Um diese Truppe auf Vordermann zu bringen, schickten die Deutschen nur 41 Berater. Die deutschen Spezialisten eröffneten eine Polizeiakademie in Kabul, an der innerhalb von drei Jahren 3500 Polizeioffiziere ausgebildet werden sollten. Immer noch rechtfertigen deutsche Behörden diesen Minimaleinsatz. Es sei wichtiger gewesen, einen Kern guter Leute auszubilden, die ihre frisch erworbenen Fähigkeiten dann weitergeben könnten. Dass der Faktor Zeit eine Rolle spielen könnte, ist bis heute niemandem aufgegangen.

Erst in der vergangenen Woche kritisierte Nato-Oberbefehlshaber Jones die Arbeit der deutschen Polizeiausbilder als »sehr enttäuschend«. Die von ihnen geschulten 16 000 lokalen Polizisten, klagte die Nato-Führung in Kabul, seien »schlecht ausgebildet, schlecht bezahlt und korrupt«.

Die Amerikaner zogen ihre eigene Konsequenz. Um die Polizeiausbildung zu beschleunigen, schlossen sie einen Vertrag mit den Ausbildern von Dyncorp, einer Privatfirma, die ins entgegengesetzte Extrem verfiel. Sie entließ nach zwei bis vier Wochen dürftigsten Trainings die Rekruten auf die Straße, wo sie im Zweifel eher Schaden anrichteten.

Das Entwaffnungsprogramm der Japaner kam nicht voran. In der Provinz Helmand, von jeher ein Zentrum der Aufständischen, begann es erst im Jahr 2005. Auch der Aufbau des Justizwesens durch die Italiener hinkt furchtbar hinter den ehrgeizigen Zielen hinterher. So weiß jeder, dass Kriegsverbrecher und Drogenhändler ungefährdet in aller Öffentlichkeit ihren Geschäften nachgehen und sich wenig Sorgen um eine Anklage machen. Der Drogenabwehrkampf der Briten führte bislang nur zu neuen Opium-Rekordernten und zu der peinlichen Tatsache, dass 92 Prozent des in aller Welt angebotenen Heroins aus afghanischem Anbau stammen.

Die vornehmlich amerikanischen Soldaten der OEF-Truppe machten im Süden und Osten Afghanistans schnell nicht nur durch ihre Jagd auf Terroristen von sich reden, sondern auch durch die Kollateralschäden. Immer wieder starben unbeteiligte Zivilisten bei US-Luftangriffen. Zuweilen ließen sich die GIs von ihren eigenen Verbündeten täuschen, die offenbar eine Rechnung mit verfeindeten Clans zu begleichen hatten und durch präzise platzierte Tipps amerikanisches Feuer auf Häuser oder Wagenkolonnen ihrer Rivalen lenkten.

Erst Ende 2003 dämmerte den westlichen Helfernationen die Erkenntnis, dass es so nicht weiterging. Die Isaf-Truppe rüstete auf und stationierte auch außerhalb von Kabul ihre Soldaten und Wiederaufbauteams, Bundeswehrsoldaten zogen in die Nordprovinzen des Landes. Doch wichtige Zeit war bereits verloren.

Hatten nach dem Fall des Taliban-Regimes die meisten Afghanen Soldaten aus westlichen Ländern zunächst als Befreier begrüßt, war die Stimmung längst umgeschlagen. Als Ende Juli 2006 Isaf-Einheiten in den einst ausschließlich von OEF-Truppen gehaltenen Süden vorrückten, sahen sich Kanadier und Briten mit einem Aufstand konfrontiert.

Die Realisten unter den Militärs gehen inzwischen davon aus, dass der Kampf gegen die Taliban eine sehr langwierige Operation wird. Doch anders als im Irak gibt es bei den Haupttruppenstellern, den Amerikanern und den Briten, keine ernsthaften Überlegungen zu einem Rückzug. Afghanistan, darin sind sich alle Experten einig, hat überragende strategische Bedeutung.

Die Rückeroberung des Landes durch die Gotteskrieger hätte gravierende, möglicherweise desaströse Folgen für die ganze Region. Mit dem Fall Afghanistans könnte sich der Westen noch abfinden, so zynisch

das klingt. Mit dem Fall des Nachbarn Pakistan nicht. Alles was die Islamisten bislang von dem Besitz der Atomwaffe trennt, ist die Person des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf.

Schon heute gelingt es Musharraf nur mit großer Mühe, die Fundamentalisten in seinem Land in Schach zu halten. Mehrere Anschläge auf sein Leben hat er bislang knapp überlebt, er ist der wichtigste Verbündete, den der Westen im Kampf gegen den Terror derzeit hat. Es ist nur schwer vorstellbar, dass der Präsident sich halten kann, wenn die Nato Afghanistan aufgibt.

Die Probleme seien »militärisch allein« nicht zu lösen, hat inzwischen auch der Nato-Oberkommandierende General Jones erkannt. Viel stärker als bislang müsse man den Wiederaufbau des Landes forcieren und »am richtigen Platz, zur richtigen Zeit« auch zivil präsent sein.

Die Kanzlerin hat es mit Wohlgefallen vernommen. Das ist genau die Art von Politik, auf die vor allem die Deutschen setzen. Am vergangenen Mittwoch beriet die Morgenlage im Kanzleramt über die verfahrene Situation in Afghanistan. Es ist vor allem der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder, dessen Frau als Ärztin immer wieder in Dritte-Welt-Ländern arbeitet, der auf eine zivile Kraftanstrengung drängt.

Für die Notwendigkeit eines neuen Marshallplans bemüht er auch die Historie. Es habe nach 1945 eine Teilungspolitik gegeben, bei der jede Weltmacht ihren Teil Europas gepäppelt habe. Aber eine Vereinigungspolitik gab es eben nicht, wie in der Stunde des Mauerfalls schmerzlich zu erfahren war. Niemand war vorbereitet.

Heute betreibe der Westen in aller Welt eine Interventionspolitik, die vor allem auf das Militär setzt. »Aber was passiert nach dem Sieg?«, fragt Kauder und zuckt mit den Schultern: »Wir müssen lernen, eine Chancenpolitik für die betreffenden Länder zu entwickeln«, sagt er. Die Staatengemeinschaft müsse Geld und Aufmerksamkeit investieren, um ihre militärischen Siege zu verfestigen.

Im Fall Afghanistan empfiehlt er ein behutsames Vorgehen, das eben nicht mit dem Abbrennen von Mohnfeldern gegen die Heroinproduktion beginnt. »Der Westen muss den Bauern Ersatz anbieten, sie müssen langsam entwöhnt werden«, sagt er. Schon demnächst soll sich eine Staatssekretärsrunde mit Überlegungen zum wirtschaftlichen Aufbau Afghanistans befassen. Entwicklungsministerin, Außenminister und Wirtschaftsminister sollten ihre Bemühungen koordinieren und das Thema auch als ihres begreifen. »Die Entwicklungshilfeministerin sitzt auf der Regierungsbank wie in der Morgenfrische und fühlt sich nicht angesprochen«, zitieren Anwesende den CDU-Fraktionschef aus der Morgenlage bei Merkel.

Der Verteidigungsminister hörte aufmerksam zu. Aber er hat in Wahrheit andere Probleme. Allein durch ein verstärktes ziviles Engagement werden sich die Deutschen dem immer lauter werdenden Ruf der Verbündeten nach Kampfbeistand wohl kaum entziehen können. Dass es dazu am Ende kommen wird, kann kein Verantwortlicher ausschließen. Zumindest der Zeitpunkt soll so lange wie möglich nach hinten geschoben werden.

In seitenlangen Papieren für die Führungsmannschaft ("ISAF - Argumentation für DEU Engagement") hat das Verteidigungsministerium penibel aufgelistet, was die Deutschen militärisch bereits leisten: »Nicht nur die Afghanen, insbesondere in den Nordprovinzen, setzen auf uns und rechnen mit unserem unveränderten Engagement. Auch die im Norden eingesetzten insgesamt 18 Truppenstellernationen sind auf uns angewiesen.« Deutschland habe die Verantwortung für den taktischen Lufttransport, die »luftgestützte medizinische Versorgung«, es betreibe mit dem Flughafen in Masar-i-Scharif die »logistische Drehscheibe für alle Nationen« - und so weiter und so fort.

Irgendwann wird auch diese PR-Front bröckeln, und so werden im Kanzleramt und im Verteidigungsministerium schon die Rückzugslinien definiert. Eine der begehrten »Luna«-Aufklärungsdrohnen samt 30 Mann Bedienungspersonal würde helfen, das Berliner Interesse am Erfolg der »Gesamtoperation« zu belegen. Noch besser aber wären »Tornado«-Aufklärungsjets.

Diese Idee hatten Verteidigungsminister Jung und Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan zwar vor der letzten Afghanistan-Debatte des Bundestags schon einmal verworfen. Aus Sorge, das Parlament werde auf keinen Fall mehr als die bisherigen 3000 Soldaten für die Isaf-Mission bewilligen. Aber nun wird der Gedanke wieder aufgewärmt - um der Kanzlerin auf dem Nato-Gipfel in Riga in der nächsten Woche Luft zu verschaffen.

Sechs »Tornado«-Jets des Aufklärungsgeschwaders »Immelmann« aus Jagel bei Schleswig würden dann auf dem neuen Zentralstützpunkt der Deutschen in Masar-i-Scharif stationiert, samt etwa 250 Mann für Flugbetrieb, Wartung und das Auswerten der Luftbilder. Allerdings müsste die Große Koalition dazu ein neues Bundestagsmandat einholen, weil mit der Fliegertruppe die bisher erlaubte Truppenstärke überschritten würde.

Die Zuversicht, dass eine solche Abwimmeltaktik verfangen könnte, ist in Berlin nicht mehr übermäßig groß. Die Alliierten zeigten sich unbeeindruckt, stöhnte ein Jung-Berater Ende vergangener Woche. Der Druck werde sich mit jedem weiteren Toten der Nato-Truppe verschärfen: »Die wollen ein deutsches Grenadier-Bataillon in Kandahar sehen.«

KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, HANS HOYNG,

HANS-JÜRGEN SCHLAMP, ALEXANDER SZANDAR

* Am 20. September in Kandahar.

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