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»Das alles sind Lügen«

Mira Markovic, die Frau des jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic, über das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal und die Verteidigungsstrategie ihres Mannes, über nationale Selbstbehauptung, Krieg und die Rolle der Medien
Von Renate Flottau und Olaf Ihlau
aus DER SPIEGEL 32/2001

SPIEGEL: Frau Professor, Sie haben Ihren Mann Slobodan Milosevic vor kurzem in Den Haag besucht. Wie kommt er mit der neuen Situation zurecht?

Markovic: Was heißt hier neue Situation?

SPIEGEL: Die Überstellung von Belgrad nach Den Haag.

Markovic: Gefängnis ist Gefängnis. Aus meiner Sicht geht es im Haager Gefängnis allerdings etwas zivilisierter zu als in Belgrad.

SPIEGEL: Dort soll Ihr Mann Angst gehabt haben, vergiftet zu werden. Wie steht es jetzt um seine Gesundheit?

Markovic: Was seine Gesundheit betrifft: Sein Blutdruck ist niedriger, in Belgrad hatte er dazu Probleme mit dem Herzen, aber man verweigerte ihm die Behandlung in einem Krankenhaus.

SPIEGEL: Der frühere US-Justizminister und heutige Anwalt Ramsey Clark behauptet, Slobodan Milosevic warte »ungeduldig« darauf, seinen Fall vor Gericht zu vertre-

ten, um die »Wahrheit« sagen zu können. Welche Wahrheit?

Markovic: Mein Mann ist der kompetenteste Zeuge für die Ereignisse in Jugoslawien in den letzten zehn Jahren, warum das alte Jugoslawien zerfiel, für die Ereignisse danach, die Probleme des neuen Jugoslawien.

SPIEGEL: Das bezweifeln wir nicht. Angeblich will er aber vor Gericht die Weltöffentlichkeit mit Enthüllungen verblüffen - etwa über geheime Abkommen mit westlichen Politikern.

Markovic: Ich glaube, es handelt sich vor allem um eine neue Interpretation von Geschehnissen und die Rolle der Politiker, die daran teilnahmen. Ich glaube weder an Geheimabsprachen, an Geheimkontakte oder sonst welche Geheimnisse.

SPIEGEL: Immerhin galt Ihr Mann lange Zeit als Partner der USA und war 1995 Unterzeichner und Garant des Friedensabkommens für Bosnien.

Markovic: Solange Milosevic für die Politik der USA nützlich war, war er ihr Verbündeter. Später entwickelte sich in den USA Widerstand gegen das neue Jugoslawien, und Washington unterstützte separatistische und terroristische Bewegungen im Kosovo. All dies mit dem Ziel, das heutige Jugoslawien zu destabilisieren. Es ist doch klar, dass die Albaner dort ohne westliche Hilfe weder den Mut noch die Waffen und das Geld gehabt hätten, eine solche Offensive in unserem Land zu beginnen.

SPIEGEL: Immerhin hat Ihr Mann die Genugtuung, dass der Westen jetzt mit den Albanern seine Probleme in Mazedonien hat ...

Markovic: ... und diese Probleme können Sie uns nun ausnahmsweise nicht auch noch anlasten. Aber wer weiß? Als ich jetzt in Den Haag war, da gab mir Milosevic vielleicht Anweisungen, wie wir uns in Mazedonien einmischen sollten - Entschuldigung, das meine ich jetzt ironisch.

SPIEGEL: Haben Sie die Möglichkeit, mit Ihrem Mann zu telefonieren?

Markovic: Ja, er ruft mich jeden Tag an, mehrmals. Allerdings, in Belgrad konnte ich ihn jeden Tag sehen.

SPIEGEL: Die Anklageschrift wirft Ihrem Mann eine Generalverantwortung für Terror und Vertreibung im Kosovo vor, speziell die Ermordung von 577 albanischen Zivilisten durch serbische Sicherheitskräfte, darunter 45 Opfer des Massakers von Racak. Dass Hunderttausende Albaner vertrieben wurden, muss Ihr Mann ebenso gewusst haben, wie dass es zu diesen Verbrechen kam. Was hat er dagegen getan?

Markovic: Warten Sie mal, ich werde Ihnen was sagen: Alle wissen, was sich im Kosovo tatsächlich ereignet hat, viele im Westen sogar besser als ich. Das Ausland hat den Konflikt provoziert, indem es die albanischen Terroristen ermutigte und die Serben als Aggressoren abstempelte. All dies mit dem Ziel, Jugoslawien zu destabilisieren und seine Unabhängigkeit und Souveränität in Frage zu stellen. Wir haben uns nur verteidigt, und dies hätte auch jedes andere Land in dieser Situation getan. Nur uns wurde dieses Recht aberkannt, und wir wurden zu Verbrechern erklärt, weil wir das Land vor Separatisten und Terroristen schützten. Das ist doch klar wie eine Träne.

SPIEGEL: Weshalb dann die Massengräber in Serbien mit Leichen, die während des Kriegs in Kühlwagen aus dem Kosovo nach Serbien transportiert wurden, um mit Blick auf das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal Spuren zu verwischen?

Markovic: Das ist doch morbide. Es glaubt doch wohl niemand, dass jemand albanische Leichen aus dem Kosovo nach Serbien gekarrt hat.

SPIEGEL: Die Belgrader Medien sind voll von Berichten über solche Massengräber.

Markovic: Vielleicht sind diese Leichen 100 Jahre alt, vielleicht 200, vielleicht 15. Das alles sind Lügen, ist Teil eines spezifischen Kampfes gegen Jugoslawien und insbesondere gegen Serbien. Ich habe das Gefühl, dass wir noch immer gegen die Nato Krieg führen. Dass es einige Soldaten oder Polizisten gab, die Exzesse verübten, die im Verteidigungskonzept nicht enthalten waren, die bei uns jedoch streng bestraft werden, das gibt es überall auf der Welt.

SPIEGEL: Waren die Massaker von Racak und Srebrenica Verteidigung oder waren sie Verbrechen?

Markovic: An wem sollen in Racak Verbrechen verübt worden sein?

SPIEGEL: An albanischen Zivilisten.

Markovic: Das ist doch seit über einem Jahr klar, dass da den Serben etwas untergeschoben wurde, was sich nie ereignete.

SPIEGEL: Und Srebrenica?

Markovic: Was ist mit Srebrenica?

SPIEGEL: Dort wurden von Serben bis zu 8000 Muslime liquidiert. Wegen dieses Völkermordes wurde jetzt der bosnischserbische General Krstic in Den Haag zu 46 Jahren Haft verurteilt.

Markovic: Von Srebrenica weiß ich fast gar nichts. Aber es ist wahrscheinlich fingiert, wie all die anderen Vorwürfe. Ich weiß wirklich nicht, was Karadzic und Mladic dort in Bosnien gemacht haben, was sich an den Fronten ereignete oder welche Kämpfe stattfanden. Diese Ereignisse habe ich nicht verfolgt. Ich lebe in Jugoslawien.

SPIEGEL: Hat nicht der serbische Nationalismus Jugoslawien zerstört?

Markovic: Anfang der neunziger Jahre kochte innerhalb Jugoslawiens der Nationalismus bei den Völkern über. Aber es war das Ausland, das diesen Nationalismus schürte und wollte, dass sich die Völker untereinander zerstritten. Ich habe stets gegen den Nationalismus gekämpft, aber natürlich vorwiegend gegen den in Serbien. Nicht, weil dieser größer oder gefährlicher wäre als in anderen Völkern, sondern weil dies meine moralische Pflicht als Serbin ist. Jeder soll erst vor seiner eigenen Türe kehren. Ich suche doch auch nicht ständig die Schwachstellen der Deutschen. Also hören auch Sie auf, sich mit meinem Volk zu befassen. Kümmern Sie sich um Ihr Volk, und überlassen Sie uns unser Volk.

SPIEGEL: Ihr Mann erkennt das Haager Tribunal nicht als Gericht an. Aber hat er nicht mit dem Dayton-Vertrag die Zuständigkeit dieses Gerichts selbst unterschrieben?

Markovic: Nein, das Dayton-Dokument war anders. Ich habe es gelesen. Das von dem Tribunal stand so nicht drin.

SPIEGEL: Derzeit empfängt Ihr Mann renommierte Anwälte. Bedeutet dies, dass er sich doch durch ein internationales Team verteidigen lassen wird?

Markovic: Diese Anwälte sind nur seine Assistenten. Da mein Mann sich nicht für schuldig hält, wird er sich auch nicht verteidigen. Er wird nur sprechen.

SPIEGEL: Die Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte ist sich offenbar sicher, dass das Urteil »lebenslänglich« lauten wird - für Sie ein Ausdruck von Siegerjustiz?

Markovic: Das sagen Sie. Ich werde es nicht kommentieren. Aber ich glaube, dass die in Den Haag selbst nicht daran glauben, dass hier ein fairer Prozess stattfinden wird. In Den Haag sollen die Serben als Volk verurteilt werden, weil sie ihrem Kampf für Freiheit und Recht treu blieben.

SPIEGEL: In den dramatischen Stunden, als Ihr Mann in Belgrad verhaftet wurde, soll er gerufen haben »ihr werdet mich nicht lebend kriegen«, und Ihre Tochter Marija soll geschrien haben: »Papi, bitte erschieß dich.«

Markovic: Das hat er nicht gesagt. 95 Prozent dessen, was über uns in den Zeitungen geschrieben wird, ist gelogen.

SPIEGEL: Aber warum war Milosevic bereit, ins Gefängnis zu gehen?

Markovic: Weil er erpresst wurde. Es kam der Vertreter der Regierung, Cedo Jovanovic, und drohte mit einem Blutbad: Entweder Gefängnis oder wir werden euch alle hier umbringen. Unser Haus war voll mit Freunden, Mitarbeitern, etwa 50 Leute. Jeder ehrenhafte Mensch hätte sich in diesem Augenblick geopfert. Was blieb meinem Mann anderes übrig, als sich ins Auto zu setzen und abzufahren? So hat er sich selbst verhaftet.

SPIEGEL: Es gab offenbar Versuche, für Ihre Familie ein Exil zu finden. Haben Ihre früheren Freunde Sie im Stich gelassen - Russland, China, Kuba?

Markovic: Nein, nein. Wir hatten niemals die Absicht, im Ausland Unterschlupf zu suchen - weder in China noch in Russland.

SPIEGEL: Sie sind Soziologieprofessorin sowie Gründerin und geistige Chefin der Jugoslawischen Linken (JUL). Was bedeutet für Sie heute Sozialismus - im Zeitalter des siegreichen Turbo-Kapitalismus?

Markovic: Der bisherige Sozialismus hatte viele Mängel, vor allem, weil er alles »nichtsozialistische« ablehnte. Der künftige Sozialismus - vielleicht wird er sich auch anders nennen - sollte eine Gesellschaft sein, die sich an der theoretischen und praktischen Erfahrung beider Gesellschaftsordnungen - des bisherigen Sozialismus wie des Kapitalismus - orientiert. Vom Sozialismus sollte das Prinzip der Gleichberechtigung übernommen werden, vom Kapitalismus und der Bürgergesellschaft die Idee des wirtschaftlichen Fortschritts.

SPIEGEL: Welcher von den Staaten, die sich heute sozialistisch nennen, kommt Ihren Vorstellungen am nächsten?

Markovic: Keiner. Allerdings, was China betrifft, da scheint mir doch, dass dort sehr positive Schritte unternommen werden. China schottet sich nicht mehr wie früher gegen neue Erfahrungen wie etwa die Marktwirtschaft ab.

SPIEGEL: Sie kennen Ihren Mann seit der Schulzeit und bilden seit 42 Jahren eine Schicksalsgemeinschaft, auch politisch. Bereuen Sie heute einen falschen Rat, den Sie Ihrem Mann gaben?

Markovic: Mein Einfluss auf ihn war nicht größer als der, den ganz normale Eheleute gegenseitig aufeinander ausüben. Wenn man zusammenlebt, dann ist es doch normal, dass man die Dinge bespricht. Manchmal stimmen wir überein, manchmal nicht.

SPIEGEL: Sie sollen Ihrem Mann damals, anders als viele Militärs, zugeredet haben, die Konfrontation mit der Nato wegen Kosovo zu riskieren. China werde die Bombardements gegen Jugoslawien nicht zulassen.

Markovic: Das ist genauso gelogen, als würde jemand behaupten, ich hätte lange, blonde Haare. Aber ein Volk, das seine Freiheit verteidigt, muss auch auf einen Schlag gefasst sein. Wenn ich Ihr Haus angreife und Sie verteidigen sich, dann riskieren Sie auch, dass Sie einen Schlag von mir auf den Kopf erhalten. Manche verteidigen ihre Freiheit erfolgreich, andere nicht. So ist der Lauf der Geschichte.

SPIEGEL: Sie haben bereits die Medien erwähnt, die ständig über Sie Unwahrheiten verbreiten. Einige Medien, aber auch politische Führer wie Vuk Draskovic, beschuldigten Sie, selbst Attentate angeordnet zu haben. Fürchten Sie eine Anklage?

Markovic: Da bleibt einem fast die Sprache weg. Wen soll ich denn umgebracht haben? Ich bin Professorin an der Universität. Die Propaganda gegen mich und meine Familie erreicht mit dem, was Sie eben gesagt haben, einen absoluten und absurden Höhepunkt.

SPIEGEL: Ihr Sohn Marko ist ins Ausland geflohen. Fürchtet er sich vor der neuen Belgrader DOS-Regierung?

Markovic: Ja. Meiner Familie wird ständig gedroht. Mein Mann ist als Kriegsverbrecher angeklagt, weil er oberster Kommandeur einer Armee war, die sich verteidigt hat. Was weiß ich, was die meinem Sohn alles anhängen wollen.

SPIEGEL: Ihre Tochter Marija befindet sich in Montenegro. Ist sie auch bedroht?

Markovic: Wissen Sie, was die größte Bedrohung für mich ist? Diese Lügen über uns, diese Intrigen. Oder wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich an Attentaten beteiligt war. Das empfinde ich als Gewalt, das ist schlimmer, als würden Sie mir in einem Hinterhalt auflauern und mich verprügeln. Unsere Tochter befindet sich in unserem Land, sie sonnt sich an der montenegrinischen Küste in Tivat am Sandstrand. Darf sie das als normaler Bürger nicht, ohne dass das für den SPIEGEL zum Thema wird?

SPIEGEL: Frau Professor, würden Sie gern ein Haus oder Apartment in Holland mieten, um während des Prozesses näher bei Ihrem Mann zu sein?

Markovic: Ja.

SPIEGEL: Wenn Sie die Urteilspraxis des Kriegsverbrecher-Tribunals verfolgen, haben Sie die Hoffnung, dass Slobodan Milosevic Den Haag als freier Mann verlassen wird?

Markovic: Ich kann über meine Hoffnungen und über einen möglichen Ausgang des Verfahrens nicht sprechen.

SPIEGEL: Frau Professor Markovic, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Renate Flottau undOlaf Ihlau in Mira Markovic'' Belgrader Parteibüro der"Jugoslawischen Linken« (JUL).

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