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MAO-GEDICHTE Das alte Lied

aus DER SPIEGEL 9/1958

Unter den Neuerscheinungen auf dem chinesischen Büchermarkt rangiert an erster Stelle ein schmales Buch, dessen Einband auf rotem Grund ein weißes Hundert-Blumen-Muster trägt. Es enthält völlig unpolitische, zart-lyrische Gedichte des chinesischen Staatschefs Mao Tse-tung, der sich lange geweigert hatte, mit seiner Lyrik an die Öffentlichkeit zu treten, und vor einem Jahrzehnt seinem englischen Biographen Robert Payne nicht einmal Proben seiner Verse zeigte. »Meine Gedichte«, erklärte Mao Tse-tung seinem Biographen, »sind so nichtssagend. Ich schreibe Lyrik nur zu meinem Privatvergnügen.«

Der Führer der chinesischen Kommunisten scheute damals nicht ohne Grund davor zurück, seine Gedichte publiziert und besprochen zu sehen. Kompromittiert hätte er sich mit den inzwischen nun doch veröffentlichten Gedichten allerdings nicht vor dem englischen Gast, der Sinn für chinesische Lyrik besaß, sondern vor seinen eigenen Gefolgsleuten. Vor ihnen konnte er seine elegant hingepinselten Gedichte nicht mit gutem Gewissen rechtfertigen, da er zu jener Zeit alle unpolitischen Kunstbetätigungen als ideologische Abweichung verurteilte.

Im Kriegsjahr 1942 etwa, als japanische Truppen tief im chinesischen Hinterland standen, hatte Mao Tse-tung, den im kommunistisch regierten Gebiet tätigen Schriftstellern energisch erklärt: »In der gegenwärtigen Welt ist jede Kultur und folglich auch die Literatur klassengebunden und verfolgt eine bestimmte politische Richtung. Eine Kunst um der Kunst willen, eine über den Klassen stehende Kunst, eine Kunst, die sich abseits von der Politik

oder unabhängig von ihr entwickelt, gibt es in Wirklichkeit nicht.« Die zeitgenössische Literatur, fuhr Mao Tse-tung fort, müsse sich daher ganz in den Dienst der kommunistischen Bewegung stellen. Wer die Kunst »rein« erhalten wollte, würde direkt »auf die trotzkistische Einstellung abgleiten: Marxistische Politik - bürgerliche Kunst«.

Genau diesen »Trotzkismus« aber praktiziert Mao, wie seine Landsleute nun erkennen können, beim Gedichteschreiben. Der Inhalt seiner Verse ist unpolitisch, ihre Form klassisch. Die Gedichtformen, die Mao benutzt, wurden in China vor tausend Jahren von Männern entwickelt, die der privilegierten Oberschicht der sogenannten Mandarine angehörten. Diese Mandarine waren Großgrundbesitzer und Staatsbeamte zugleich, sie waren zudem allein die Träger der altchinesischen Kultur: Nur sie beherrschten die chinesische Schrift und fanden - da Steuerfreiheit zu ihren Privilegien gehörte - Muße genug, sich mit den Schönen Künsten zu beschäftigen.

Für die breiten Massen gab es an Kulturgütern im kaiserlichen China nur mündlich überlieferte Schauergeschichten und ein Theater, das wie eine Art Mischung aus Zirkus und Operette wirkte. Die Sozialstruktur des chinesischen Kaiserreiches bedingte, daß die Intellektuellen in China zumeist die Träger der Staatsgewalt waren. So konnte es vorkommen, daß Männer, die in ihren Mußestunden wehmutzarte Gedichte schrieben, sich kein Gewissen daraus machten, von hungernden Bauern die Steuern für zwanzig Jahre im voraus einzutreiben.

»Wie in Auschwitz«

Der Kleinbürgerssohn Mao hat, wie sich nun erwies, diese Tradition der Mandarine fortgesetzt, wenn auch die als unpolitischer Lyriker zunächst heimlich. Offiziell verordnete er eine harte, klassenkämpferische Kulturpolitik. Das Stalinwort, die Literatur müsse als geistige Waffe des Klassenkampfes gehandhabt werden, regierte die Literaturtheorie, die Mao 1942 entwarf und durchzusetzen suchte.

Kurz vor der Proklamierung der Volksrepublik China ließ Mao, im Sommer 1949, die chinesischen Schriftsteller und Künstler zum »Ersten gesamtchinesischen Kongreß der Literatur- und Kunstschaffenden« nach Peking einladen. Dort mußten sie sich zu einem »Gesamtchinesischen Verband der Literatur- und Kunstschaffenden« zusammenschließen und sich verpflichten, »eine ideologisch tonangebende Literatur in der einfachen Sprache der werktätigen Massen« zu schaffen. Den Abweichlern wurde abverlangt, daß sie in strenger Selbstkritik ihre ideologischen Fehler vor aller Öffentlichkeit bekannten.

Wie radikal Maos Kulturpolitik gehandhabt wurde, ergibt sich aus einem Brief, den ein Professor aus Mittelchina 1957 im Rahmen des »Feldzugs zur Richtigstellung der Partei« an Mao Tse-tung richtete - zu einer Zeit, in der sich die auf Stalins Tod folgende Liberalisierung des Partei-Regimes auch auf China auswirkte.

Der Professor schrieb an Mao: »Wir haben gegen die Intellektuellen Bestrafungsmethoden angewandt, wie sie nicht einmal Bauern gegen Grundbesitzer oder Arbeiter gegen Kapitalisten anwenden würden. Während der Gesellschaftsreform-Kampagnen gab es unzählige Intellektuelle, die solche geistigen Torturen, Demütigungen und Verfolgungen nicht zu ertragen vermochten und es vorzogen« sich von hohen Gebäuden in die Tiefe zu stürzen, sich zu ertränken, zu vergiften, sich die Kehle durchzuschneiden oder auf sonstige Art in den Tod zu gehen. Auch die Greise unter den Intellektuellen fanden keinen Unterschlupf, und selbst schwangeren Frauen gegenüber kannte man keine Nachsicht ...

»Im Vergleich zu unseren Foltermethoden«, so schrieb der Professor, »waren die Methoden der Faschisten in Auschwitz - die immerhin von bezahlten Folterknechten ausgeführt wurden - plump und ungeschickt, dafür aber 'prompter' und 'wohlwollender' ... Das Blutbad unserer Partei unter den Intellektuellen wird ebenso wie die vom Tyrannen Kaiser Ts'in Schi-hwang-ti* vollzogene Massenbestattung von Schriftstellern bei lebendigem Leibe in die Geschichte Chinas als untilgbarer Schandfleck eingehen. So etwas muß bis ins Innerste erschüttern. Wir aber sind froh und selbstzufrieden und sagen: 'Wichtig sind vor allem die Errungenschaften.' Ich frage: Wo sind denn diese Errungenschaften?«

Auch die Massen der zum größten Teil noch immer analphabetischen Chinesen hielten die unter solchem Druck erzeugte, ideologisch ausgerichtete Volksliteratur nicht für eine besondere Errungenschaft. Sie hörten schließlich sogar auf, ins Theater zu gehen, in dem sie in vorkommunistischen Zeiten ganze Tage verbracht hatten. Eine Propaganda-Literatur ohne Publikum aber war wertlos. So wurde im Mai 1956 die »Hundert Blumen«-Parole an die chinesischen Schriftsteller ausgegeben: »Hundert Blumen sollen blühen, hundert Familien um die Wette singen« - diese Übersetzung entspricht nach Ansicht einiger Sinologen dem Chinesischen besser als die geläufige »hundert Gedankenschulen sollen um die Wette streiten«. Der Propagandaspezialist der Partei erklärte, nicht jede von der Parteilinie abweichende Meinungsäußerung dürfte als konterrevolutionär abgetan werden.

Gewissermaßen als Illustration des Anbruchs einer neuen Ära gab Mao seine Gedichte zur Veröffentlichung frei. Die neu begründete Zeitschrift »Lyrik« veröffentlichte bereits vor einem Jahr, im Januar 1957, in ihrem ersten Heft achtzehn Gedichte Maos. In einem Begleitbrief an die Redaktion erläuterte der chinesische Staatschef: »Ich hatte mich niemals mit der Absicht getragen, diese Sachen zu veröffentlichen, weil sie im alten Stil geschrieben sind und, wie ich fürchte, ein schlechtes Vorbild abgeben und die Jugend beirren könnten. Zudem haben sie nicht viel Lyrisches und sind nicht besonders. Da Sie jedoch der Ansicht sind, man könnte sie in Druck geben ..., so verfahren Sie damit bitte nach Ihrem Gutdünken. In unserer Lyrik soll natürlich der neue Stil herrschen. Gedichte alten Stils mag man auch ein paar schreiben, aber sie sollten nicht unter der Jugend propagiert werden, weil ihre Form die Gedanken einengt ... Dieses zu bedenken, stellte ich Ihnen anheim.«

Die in der Zeitschrift vorabgedruckten Gedichte sind nun auch in dem Lyrikband enthalten, der dank seiner hohen Auflage an der Spitze der chinesischen Neuerscheinungen rangiert. Als Produkte eines kommunistischen Staatschefs wirkten Maos Gedichte sensationell: Sie sind in Stil und Tonart ganz in der jahrtausendealten Tradition der chinesischen Verskunst gehalten, die Mao theoretisch mit allen Mitteln des Terrors auszurotten versucht hatte. Aber auch der Inhalt dieser Gedichte greift auf die traditionellen Mythen Chinas zurück, deren Legenden-Inhalt allen materialistisch-marxistischen Glaubensbekenntnissen entgegengesetzt ist.

So geht es etwa in Maos Gedicht »Auf dem Turm zum gelben Kranich« um eine große Pagode in der Stadt Wu Han, nicht weit von der Stelle, wo vor wenigen Wochen die erste Brücke über den Yang -Tse-Strom eingeweiht wurde. Seinen Namen verdankt dieser Uferturm einer Legende, die berichtet, ein altchinesischer Weiser sei von diesem Platz aus auf einem gelben Kranich in den Himmel geflogen. Maos Gedicht lautet:

Die weiten Wasser strömen

durch das Reich der Mitte;

eine schimmernde Linie

verbindet Nord und Süd.

In Dunst und Regen

verschwimmen der Schildkrötenberg

und der Schlangenberg

hinter dem Strom.

Niemand weiß,

wohin der gelbe Kranich flog.

Einsam weilt hier

nur noch der Wanderer.

Ich hebe den Becher mit Wein

und trinke dem Wellengang zu,

da die Flut meines Herzens

den hohen Wogen folgt.

Mao Tse-tung empfindet diese Art von Lyrik heute offenbar nicht mehr als Jugendsünde. Er veröffentlichte im Januar dieses Jahres in der Pekinger »Volkszeitung« ein neues Gedicht, »Für Li Schu-i":

Die stolze Yang, die ich verlor,

und Lju, der von dir ging,

sie schwebten auf

zum hohen Himmelsbogen.

Sie fragten nach Wu Gang,

dem alten Heiligen.

Er kam und brachte Ihnen

Zimtblüten-Wein.

Die Mondgöttin entfaltete

sehr still die weiten Ärmel

und tanzte für die zwei Getreuen

Im tausend Meilen tiefen Raum.

Doch als sie hörte, daß zu jener Zeit

unter den Menschen Tiger kauerten,

da fielen Ihre Tränen, schwer,

wie Regen niederstürzt.

In diesem Gedicht, das Mao einem Kameraden aus der Kampfzeit gewidmet hat, ist sogar, entgegen aller marxistischen Ideologie, von den Seelen der Gestorbenen und von Gottheiten die Rede.

* Kaiser Ts'in Schi-hwang-ti, der im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung China aus einem Feudalstaat in einen monarchistischen Verwaltungsstaat umgestaltete, gilt als Initiator der Chinesischen Mauer. Das hier geschilderte Verbrechen wird dem Kaiser nach dem Urteil eines amerikanischen China-Forschers nur auf Grund eines alten Lese-Fehlers zur Last gelegt.

Lyriker Mao Tse-tung

Wo sind denn die Errungenschaften?

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