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NAHOST »Das Angebot steht«

Saudi-Arabiens Außenminister Prinz Saud Ibn Faisal, 65, über die Machtansprüche Irans, die Emotionen von König Abdullah und Israels ausstehende Antwort auf Riads Friedensplan
aus DER SPIEGEL 6/2007

SPIEGEL: Hoheit, Ihr Onkel, König Abdullah, hat gesagt, der Nahe Osten sei ein Pulverfass, das jeden Moment in die Luft fliegen könne. Teilen Sie diese Einschätzung?

Prinz Saud: Schauen Sie sich doch die Krisen an: Irak, Libanon, Palästina und Israel - wie soll man das anders bezeichnen als ein Pulverfass? Jede einzelne dieser Krisen löst wieder andere aus, Terror und Instabilität sind die Folgen. Und unsere Ressourcen, die wir eigentlich brauchten, um Wohlstand zu entwickeln, gehen drauf, um Sicherheit zu schaffen.

SPIEGEL: Nun kommt zu den alten Konflikten ein neuer hinzu: Der König sagt - ohne Iran zu nennen -, es gebe einen Versuch, Sunniten zu Schiiten zu machen.

Prinz Saud: Wir reden mit den Iranern. Sie haben das Gefühl, dass sie isoliert sind und nicht die Rolle spielen können, die ihnen eigentlich zusteht. Wir sagen ihnen: Wenn ihr eine Führungsmacht sein wollt, dann müsst ihr auch die Interessen anderer achten und könnt nicht nur eure eigene Strategie verfolgen. Es reicht nicht, gute Absichten zu haben. Ihr müsst mit Taten beweisen, dass ihr keinen Unfrieden zwischen Sunniten und Schiiten stiftet. Sie sind jetzt auf uns zugekommen und haben ihre Bereitschaft erklärt, weitere Zuspitzungen zu vermeiden.

SPIEGEL: Zurzeit reist Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die Region, zu ihren Hauptthemen gehört der Nahost-Konflikt. Der Emir von Katar, das wie Saudi-Arabien keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhält, hat gerade Israels Vizepremierminister Schimon Peres empfangen. Begrüßen Sie die Initiative?

Prinz Saud: Dafür ist ausschließlich Katar verantwortlich. Ich selbst weiß nicht, was ich von diesem Besuch halten soll. Ich habe ihn weder zu begrüßen noch zu verurteilen. Ich bin allerdings gespannt, wie die Katarer selbst ihn bewerten.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, auch einmal einen führenden israelischen Politiker in Riad zu begrüßen?

Prinz Saud: Nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Ich glaube, es ist wichtiger, dass die Israelis die Palästinenser empfangen, denn mit diesem Volk müssen sie zu einer Verständigung kommen. In anderen Ländern herumzureisen wird das Hauptproblem nicht lösen.

SPIEGEL: Saudi-Arabien hat 2002 selbst einen Friedensplan vorgelegt, der zu einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten führen soll.

Prinz Saud: Dieses Angebot steht nach wie vor, und es wird nicht nur von uns, sondern von allen arabischen Staaten getragen. Wir warten bis heute auf eine Antwort der Israelis. Israel betont, dass es Sicherheit braucht. Nichts kann Israel mehr Sicherheit bieten als ein von allen arabischen Staaten unterschriebener Friedensvertrag.

SPIEGEL: Und dessen Ziel wäre es, dass Ihre Landsleute israelische Orangen kaufen können und die grüne Fahne des Königreichs über der saudischen Botschaft in Israel weht?

Prinz Saud: Es geht nicht so sehr um Fahnen und Orangen. Es geht um eine grundsätzliche Änderung dessen, was Israel sich unter Frieden vorstellt: Die Idee von Frieden

verträgt sich nicht mit Gebietsansprüchen, sie verträgt sich nicht damit, jedes Problem mit militärischer Macht lösen zu wollen. Frieden verträgt sich nicht mit dem Konzept einer Festung Israel.

SPIEGEL: Sie sind seit über dreißig Jahren Außenminister, und bald doppelt so lang wird um diesen Frieden gerungen. Ist der heute näher als zu Ihrem Amtsbeginn?

Prinz Saud: Heute ist sich die internationale Gemeinschaft zum ersten Mal einig darin, dass das Nahost-Problem gelöst werden muss. Dieser Konsens war in Wirklichkeit noch nie da, in Europa nicht - schon gar nicht in den USA, wo die öffentliche Meinung immer dagegen war, dass Washington sich in diesem Konflikt ernsthaft engagieren oder gar Druck auf Israel ausüben soll. Das ist heute anders.

SPIEGEL: Ist es nicht auch so, dass angesichts der nuklearen Bedrohung aus Iran die Interessen Israels und der arabischen Länder heute auf dasselbe hinauslaufen?

Prinz Saud: Absolut nicht. In Bezug auf Nuklearwaffen war Israel der erste Sünder. Ich bezweifle, dass andere in der Region begonnen hätten, Atomprogramme zu entwickeln, wenn man Israels Nuklearrüstung unterbunden hätte. Alle Staaten dieser Region müssen der gleichen, strikten Kontrolle unterliegen, nur so lässt sich diese Gefahr fernhalten.

SPIEGEL: Vor Frau Merkel war der scheidende US-Botschafter im Irak in Riad, jeden Tag wird mit der Ankunft der Führer von Hamas und Fatah gerechnet. Ist Saudi-Arabien der neue Makler in der Region?

Prinz Saud: Saudi-Arabien strebt nichts dergleichen an. Es sind die uns umgebenden Krisen, die Saudi-Arabien immer wieder auf den Plan rufen. Wer kann denn zum Beispiel dieses Blutvergießen in Palästina mit ansehen, ohne etwas dagegen zu tun? König Abdullah ist ein empfindsamer, ja ein sehr emotionaler Mann, wenn es um menschliches Leiden geht. Deshalb hat er die Führer von Hamas und Fatah jetzt nach Mekka eingeladen. Sie sollen am heiligsten Ort der islamischen Welt das Gewicht der Verantwortung spüren, die sie tragen.

SPIEGEL: Wie steht es mit der Verantwortung Europas, mit Deutschlands Verantwortung gegenüber Israel?

Prinz Saud: Wir brauchen Deutschlands Gewicht in Europa und das Gewicht Europas in der Welt, um die nötige Dynamik zu entfalten. Frau Merkel sieht im Nahen Osten, dass die Notwendigkeit, endlich Frieden zu schließen, alle anderen Erfordernisse in den Schatten stellt.

INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR,

BERNHARD ZAND

* In Hebron im Westjordanland.

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