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Das bedrohte Atlantis

Eine populistische Rebellion fegt durch den Sonnenstaat Kalifornien. Empörte Wähler wollen den Gouverneur in die Wüste schicken, weil sie um ihren Wohlstand fürchten. Hilfe versprechen sich viele von einem starken Mann. Sie setzen ihre Hoffnung auf den Schauspieler Arnold Schwarzenegger.
aus DER SPIEGEL 41/2003

Früher haben die Amerikaner die wahrhaft großen Herausforderungen gesucht. Sie haben die längsten Hängebrücken der Welt gebaut, die höchsten Wolkenkratzer, die mächtigsten Dämme, dann sind sie zum Mond geflogen.

Und einmal haben sie auf der Jagd nach immer neuen Ingenieurs-Rekorden Perfektion erreicht: San Franciscos Golden Gate Bridge, das Goldene Tor Kaliforniens, bekanntestes Bauwerk des Staates und sein Symbol zugleich, ist die schönste Brücke der Welt. Die beiden majestätischen Artdéco-Pfeiler, 227 Meter hoch, tragen mit Hilfe mächtiger Kabel einen 2,7 Kilometer langen sechsspurigen Highway über der Einfahrt zur Bucht von San Francisco.

Doch was so massiv auf Erden verankert ist - das gewaltige Bauwerk soll nach einer Überholung auch Erdstößen einer Stärke von 8,3 auf der Richter-Skala standhalten -, wirkt auf Millionen faszinierter Besucher fast filigran, wie ein Flechtwerk, das zwischen Himmel und Meer zu schweben scheint, wenn vom Pazifik her die Nebelbänke anrollen und die Brücke in immer neuen Ausschnitten dramatisch hervortreten lassen.

Für Amerikaner wie für die Touristen aus Übersee ist die Verbindung zwischen der postmodernen Metropole San Francisco und der Küstenidylle von Marine County ein Mythos. Hier am Pazifik endete die Eroberung des Kontinents. Hinter der Brücke liegen nur noch die vermuteten Paradiese des Stillen Ozeans.

So unauslöschlich hat sich die 66 Jahre alte Brücke ins Bewusstsein der Amerikaner eingegraben, dass sie sogar als besonders guter Platz zum Sterben gilt: Mehr als 1300 Menschen haben sich seit ihrer Eröffnung fast 70 Meter tief ins Wasser gestürzt; eine Hand voll hat sogar überlebt.

Doch nun ist die rote Schönheit ernsthaft beschädigt. Sie wird wohl nicht einstürzen, aber sie bröckelt, verlottert ganz ähnlich wie das Land, auf dem und für das sie steht. Zeichen des Niedergangs allenthalben: Im Geländer klaffen Rostlöcher, groß wie Durchschüsse. Wo sich die Touristen über die Brüstung lehnen, ist der Lack abgewetzt, von den Halteseilen blättert die Farbe. Die Oberfläche der Türme zeigt ein schillerndes Patchwork verschiedenster Lackschichten. Seit Generationen kommt einfach immer nur neue Farbe hinzu.

Denn Geld für Reparaturen gibt es kaum. Seit mit dem Ende des Dotcom-Booms Tausende Menschen arbeitslos wurden und nicht mehr täglich die gebührenpflichtige Brücke passieren, fehlen Millionen in der Kasse. Eigentlich wollte die Brückenbehörde den Preis für die Hin- und Rückfahrt von drei auf acht Dollar hochsetzen, nach einem Aufschrei der Pendler verlangt sie einstweilen fünf Dollar. Nun werden die Touristen angebettelt, die bislang umsonst die Brücke besichtigen konnten. Auf einer roten Box mit Einwurfschlitz steht: »Helfen Sie, die Golden Gate Bridge zu erhalten. Für Ihre Unterstützung sind wir Ihnen sehr dankbar.«

Was kostet der kalifornische Traum? Zwei Dollar? 50 Yen? Einen Euro? Egal: »Wir nehmen alles«, sagt Brückensprecherin Mary Currie, »wir stehen am Abgrund.«

Nicht nur Brückenpfleger, ganz Kalifornien jammert. Auf hohem Niveau zwar, aber es jammert. Das Land drohe zu verkommen, nichts sei mehr so wie früher, nicht die Highways, die kaum noch repariert werden, nicht die legendären Universitäten wie Stanford oder Berkeley. Die Kalifornier sehen sich bedrängt von immer neuen staatlichen Abgaben und immer weniger staatlicher Leistung. Einige fühlen sich angesichts ständig neuer Einwanderungswellen wie Fremde im eigenen Land.

Ein veritabler Furor hat Kalifornien erfasst und lässt das Land nicht mehr los. Er wütet vorzugsweise in der weißen Mittelschicht der Vorstädte abseits der Pazifik-Küste. Er richtet sich gegen die ganze politische Klasse und gegen eine Krise, die nicht zu vergehen scheint.

Längst hat dieser Furor auch ein Gesicht und ein Ziel bekommen. Es ist das Gesicht eines Einwanderers aus Österreich, der trotz seines schweren Akzents offenbar stets den richtigen Ton zu treffen weiß.

Ein eingebürgerter Amerikaner, der an die alten, im modernen Kalifornien nicht mehr erkennbaren Werte appelliert. Der laut Eigenaussage »Achtung vor harter Arbeit besitzt und sich immer aufs Neue hohe Ziele steckt«. Vor allem aber jemand, der um den traurigen Stand der Dinge in Kalifornien weiß, und den er selbstverständlich ändern wird, sobald er erst einmal Gouverneur ist: »Sie haben unsere Träume abgewürgt. Sie haben unsere Jobs verspielt. Sie haben alles vergeudet, was wir hatten«, ruft er auf jeder Wahlkampfveranstaltung aus. Tosender Beifall.

Die Aussichten, dass Arnold Schwarzenegger am Dienstag dieser Woche tatsächlich zum neuen Gouverneur von Kalifornien gewählt wird, sind keineswegs schlecht. Der Action-Held aus dem Kino ist die neueste Verkörperung eines Phänomens, das der Westen Amerikas in unzähligen Varianten immer wieder hervorgebracht hat. Diesmal also die Heldenlegende vom Polizistensohn aus Graz, der es zum Filmstar bringt und in eine der ersten Familien des Landes einheiratet, die Kennedys. Das hören sie alle gern: die neuesten Immigranten aus Asien und Lateinamerika, aber auch die Reichen und die Geschäftsleute Kaliforniens, das TV-Publikum, aber auch die Massen, die sich auf seinen Campaign-Stops wie um einen Erlöser drängeln.

Der einzige politische Job, den Schwarzenegger bislang innehatte, war eine Art oberster Fitnesstrainer der Nation beim ersten Präsidenten Bush. Kein Wunder, dass ihn seine Verächter als Dilettanten abtun. Und haben sie am Ende nicht Recht? Kann ein Mann, der erst seinen Körper zu Muskelgebirgen umbaute und dann Erfüllung in der Rolle des »Terminator« fand, einer Maschine, die Maschinen bekämpft - kann dieser Mann einen Staat so groß wie Schweden regieren? Bringt er überhaupt das Beharrungsvermögen auf - und die nötige Intelligenz -, um die harten Tatsachen des wirklichen Kalifornien zu verstehen? Statt ausgereifter Pläne trägt der Wahlkämpfer den Kaliforniern vorrangig seine »leadership«, seinen Führungswillen, an, als wäre das Land damit schon gerettet.

Demonstrative Geringschätzung schlug dem 56-Jährigen von den Profis der Politik entgegen, als er seine Kandidatur ankündigte. Doch das, so viel steht inzwischen fest, war ein Fehler, den vor allem sein Gegenspieler beging, der Gouverneur Gray Davis, 60, ein Blässling, der jeden Winkelzug des Gewerbes bestens beherrscht und es damit doch nur zu einem beispiellos unbeliebten Amtsinhaber gebracht hat, dem jetzt die Abwahl durch Volksentscheid droht. »Hasta la vista, Baby!«, ruft ihm Schwarzenegger bei jedem Auftritt hinterher.

Davis ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig Erfahrung vor Inkompetenz und katastrophalen Irrtümern schützt. Und Kalifornien, das bereits 1966 den Schauspieler Ronald Reagan zum Gouverneur wählte, scheint auch in diesem Jahr einem Experiment keineswegs abhold zu sein.

Kalifornien, das war eigentlich stets der verwirklichte Anspruch auf ein irdisches Paradies. Ein menschenfreundliches Klima, eine Natur, die reichlich Früchte und seit wenigen Jahrzehnten auch respektablen Wein abgibt. Dass dieses Paradies mühselig durch Menschenhand geschaffen wurde und unablässig durch Erdbeben, Waldbrände und Bergrutsche gefährdet ist, erhöht offenbar nur den Reiz, sich hier niederzulassen. Kalifornien, das ist ein Atlantis, das bedroht, aber noch nicht untergegangen ist.

Den Europäern steht dieser Teil Amerikas besonders nahe. Anders als die Ostküste, wo die wenig sinnenfrohe protestantische Arbeitsethik noch immer die kulturelle Hegemonie besitzt, verstand es die 4000 Kilometer entfernte Westküste der USA, Arbeit und Spaß gelassen miteinander zu verbinden. Die Genies, die in Hollywood oder im Silicon Valley Triumphe feierten, gehören oft genug eher der Boheme als dem ordentlichen Bürgertum an. Nirgendwo sonst ist Amerika so lässig liberal.

In nüchternen Zahlen ausgedrückt, ist Kalifornien nach Texas der flächengrößte Bundesstaat jener 48 zusammenhängenden US-Länder zwischen Miami und Seattle. Läge er an der Ostküste, würde er sich von Maine oben im Norden bis hinunter nach South Carolina erstrecken. Wäre Kalifornien souverän, wäre es die sechststärkste Industrienation auf Erden. Die Kalifornier erwirtschaften über 13 Prozent des US-Bruttosozialprodukts, so viel wie die 25 kleinsten Bundesstaaten des Landes zusammen. Vor Beginn der Rezession im Jahr 2000 entstanden hier allein 40 Prozent aller neuen Jobs in Amerika.

In Kalifornien erfinden sich alle paar Jahre die Menschen neu. Dort entstehen die oft genug schrillen Lebensstile und Gesellschaftstrends, die alsbald um die Welt gehen. In Berkeley brach in den sechziger Jahren die Studentenrevolte gegen den Vietnam-Krieg und den »Konsumterror« des fortgeschrittenen Kapitalismus aus, gegen den Herbert Marcuse, der deutsche Emigrant mit Professur in San Diego, lehrte und schrieb.

In San Francisco entstand wenige Jahre später die Hippiekultur und damit der Rückzug aus dem Politischen ins Private.

Der Körperkult und die silikonvergrößerte Brust, der Feminismus und die homosexuelle Revolution - so ziemlich alle Ideale und Lehren, denen sich die westliche Kultur der fortgeschrittenen Industriegesellschaften unterwirft, sind ebenso Produkte kalifornischer Phantasie wie die New Economy. Und Kalifornien war immer schon extrem, auch in seinen wüsten Vermischungen. Wohl nur an der amerikanischen Westküste gedieh der Mut, völlig Unvereinbares miteinander zu verbinden: Asien und Europa, Freud und Zen, Konfuzianismus und abendländische Philosophie.

Aber auch diesem Paradies ergeht es so wie anderen Paradiesen vor ihm. Es ist ein bisschen heruntergekommen, es bröckelt vor sich hin, es ist dabei zu verlottern. Und so, wie der »Golden State« über Jahrzehnte die Experimentierlust und den Unternehmergeist verkörperte, die ganz Amerika groß und stark gemacht haben, den fröhlichen Optimismus und das grenzenlose Zukunftsvertrauen, so verbindet sich mit ihm nun alles, was Amerika plagt und mit Selbstzweifeln erfüllt: Misstrauen in die politische Führung und das nagende Gefühl, dass die besten Jahre Vergangenheit sein könnten.

Jetzt jagen sich die negativen Schlagzeilen: Kalifornien, das ist der höchstverschuldete Bundesstaat Amerikas, die Arbeitslosigkeit liegt mit 6,6 über dem amerikanischen Durchschnitt (6,1). Die Kalifornier beklagen nun die »Mississippisierung« ihres hoch gelobten Landes: Die Schulen verkämen wie im Delta, die ganze Infrastruktur sei nur noch ein Abklatsch ihrer selbst.

Und, wenn man jenen Kaliforniern, die Schwarzenegger derzeit zuströmen, glauben darf, haben sie auch die schlechteste Regierung ganz Amerikas.

Den Absturz vom Traumland zum Krisenstaat symbolisiert diese Zahl: 38 200 000 000. Sie markiert den Abstand zwischen dem, was Kalifornien in diesem Finanzjahr einnimmt, und dem, was es sich an Ausgaben aufgeladen hat. Mit einigen Tricks haben die Finanzexperten das Loch inzwischen kleingerechnet.

38,2 Milliarden Dollar bei einem Haushalt von 100 Milliarden - die monströse Zahl nimmt in jeder Diskussion und jeder Wahlkampfdebatte bedrohliche Gestalt an. Sie hat mehr als 1,3 Millionen Menschen dazu gebracht, ihre Namen auf Unterschriftenlisten zu setzen und so eine Neuwahl zu erzwingen. Sie könnte am Dienstag dieser Woche dafür sorgen, dass aus dem Einwanderer aus Österreich mit seinen eher vagen politischen Ideen der nächste Gouverneur wird. Sie bedeutet auch, dass irgendetwas ziemlich schief gelaufen ist.

Spätestens seit der ruhmlosen Implosion der Dotcom-Industrie hat Kalifornien seine Blütenträume ausgeträumt. Im Silicon Valley, dem Dorado des kapitalistischen Fortschritts, büßten 150 der größten Firmen 325 Milliarden Dollar an Aktienwert ein.

In den sorglosen Zeiten des Booms waren die Folgen des rasanten Wandels weniger spürbar als heute. Binnen 40 Jahren verdoppelte sich die Bevölkerung Kaliforniens von 17 auf 35 Millionen Menschen. 34 Prozent aller Einwanderer kamen aus Vietnam, Kambodscha oder Hongkong. Die übergroße Mehrheit passte sich geschmeidig dem neuen Leben an - eine weitere Episode in der langen Geschichte gelungener Integration in Amerika. Der Erfolg ist im Lehrkörper der Universitäten oder in den Redaktionen der Medienbranche zu besichtigen.

Die Einwanderer kommen aber auch zu 44 Prozent aus Mexiko und zu 10 Prozent aus Mittelamerika, aus Guatemala, El Salvador oder Honduras. Der Strom aus den armen Gegenden südlich der Grenze versiegt nicht. Manche kommen legal, die meisten illegal - wie viele das sind, weiß niemand genau. Sie arbeiten als Tagelöhner auf den Obstplantagen, sie bilden die unübersehbare Unterschicht in den Städten.

Das alte Kalifornien gibt es kaum noch. Das traditionelle Sozialgefüge hat sich aufgelöst - der Anteil der Weißen in Kalifornien ist unter 50 Prozent gesunken.

Wenig hat das kollektive Gemüt der Kalifornier so sehr erschüttert wie dieser Wandel. Seitdem zerfällt Kalifornien nicht mehr in den weniger begüterten Norden und den wohlhabenden Süden. Wer es sich leisten kann, zieht sich von der Küste ins Landesinnere zurück, heraus etwa aus der Megalopolis Los Angeles ins Central Valley, wo die Häuser größer und schöner, die Schulen und Colleges besser ausgestattet sind - eine überschaubare Lebenswelt mit weniger Rassenunruhen, weniger Verbrechen oder Drogen, wo die »Latinos« in erster Linie als Gärtner oder Wagenwäscher in Erscheinung treten. Die Volkswut, die sich beim Gouverneursplebiszit so aufsehenerregend entfaltet, ist auch als Protest der weißen, konservativen Kalifornier gegen das zerbröselnde Paradies zu verstehen.

Der kalifornische Populismus hat eine rationale Seite, die sich mit jeder Theorie über die Grundlagen der Demokratie in Einklang bringen lässt: Politische Amtsträger muss man auch jenseits regulärer Wahlen über Volksbegehren und Volksentscheid wieder loswerden können. Ungewöhnlich an der kalifornischen Verfassung ist lediglich, dass sie keine Gründe für die Abwahl durch ein Referendum vorschreibt.

Anders als etwa beim Impeachment eines Präsidenten muss Gouverneur Davis keiner kriminellen Machenschaften oder Lügen überführt werden. Er ist ironischerweise sogar erst vor elf Monaten als Gouverneur wiedergewählt worden. Auch da war er schon unbeliebt, auch da hatte er in den Augen vieler Bürger seinen Mangel an Kompetenz hinreichend bewiesen. Der Furor des Populismus richtete sich aber erst gegen ihn, als er begann, das Paradies mit neuen Abgaben weiter zu zerstören. Als er die Gebühren für die Registrierung der Autos verdreifachte, verscherzte er sich im Autoland Kalifornien den allerletzten Rest an Sympathie.

Vorübergehend verkam der Wahlkampf zum Zirkus, zum Jahrmarkt der Kuriositäten und Abnormitäten. Weil jeder mit 3500 Dollar und 65 eingesammelten Unterschriften beim »Recall« dabei sein darf, bewerben sich offiziell 135 Kandidaten ums Gouverneursamt. Darunter ist eine Porno-Queen, die ihren voluminösen Oberkörper vor jeder Kamera entblößt, der Sex-Verleger Larry Flynt, ein in die Jahre gekommener schwarzer TV-Kinderstar, der auf diesem Wege seine Karriere wiederbeleben möchte, Studenten, Hausfrauen und Spinner, denen die 3500 Dollar ein paar Tage Ruhm wert sind, oder auch der angebliche Geschäftsmann, der sich in seiner blauen Phase befindet - jedes Kleidungsstück am Leib Picasso-Bleu.

Der weltberühmte Action-Star Schwarzenegger wirkt im Vergleich dazu fast wie ein Ausbund an Seriosität und Solidität. Nach und nach ist auch die kalifornische Elite zu ihm übergelaufen: Der Milliardär und Kapitalismus-Guru Warren Buffett berät ihn in Dingen der Wirtschaft - und verschaffte ihm mit einem Schlag Respektabilität. Der frühere Außenminister George Shultz gesellte sich zum Kreis der Ratgeber.

Kein Wunder, dass sich Wirtschaft und Industrie mittlerweile für den Superstar verwenden, weil er das Ende der Steuererhöhungen ankündigt und »das Business nach Kalifornien zurückholen will«. Zudem schlägt sich das republikanische Establishment, dem Schwarzenegger mit seinen liberalen Ansichten zu Abtreibung, Waffenkontrolle und Homosexualität eigentlich viel zu weit geht, notgedrungen auf seine Seite, weil er nun einmal Sieg verspricht.

Denn alle Umfragen deuten darauf hin, dass es am Ende auf sein Duell mit Gouverneur Davis ankommt. Dabei ist das Verfahren einigermaßen kompliziert, es umfasst zwei Fragen, die von den Wählern unabhängig voneinander beantwortet werden müssen: Sie sollen, erstens, eine Antwort darauf geben, ob Davis Gouverneur bleiben soll oder nicht. Sie sollen dann, zweitens, unter den 135 Aspiranten einen auswählen, der an die Stelle von Davis treten kann.

Schafft Davis die Mehrheit, bleibt er Gouverneur. Schafft er sie nicht, wird der Spitzenreiter unter den Kandidaten sein Nachfolger. Und der wird nach Aussagen der Demoskopen wohl Schwarzenegger heißen. Den Spitzen-Demokraten, den stellvertretenden Gouverneur Cruz Bustamante, hat er offenbar abgehängt.

Der Mann, dem Kalifornien den Recall mit zu verdanken hat, stellt sich an diesem Dienstag nicht zur Wahl. Er ist sogar unverdient unbekannt im Land, denn eigentlich handelt es sich bei ihm um den Großmeister des Populismus. Er residiert außerhalb von Sacramento, der ungeliebten Staatshauptstadt oben im Norden, in einem unscheinbaren Flachbau.

Der Teppichboden ist fleckenübersät, die Wände gespickt mit blauen Handzetteln, auf denen »Recall Davis« steht. Seine Stimme ist heiser vom triumphierenden Telefonieren: Der Zorn der Kalifornier scheint nicht abzuebben, eine Wahlbeteiligung wie bei der Präsidentenwahl steht bevor. Davis' Wahlkampf wird vor allem von den Gewerkschaften gestützt - von den Highway-Polizisten, den Gefängnisaufsehern oder den Lehrern, denen er Gefälligkeiten erweist und die ihm dafür Millionen für seine TV-Kampagne schenken.

Der Unterschriftensammler heißt Ted Costa, und eigentlich ist er einer der heimlichen Herrscher Kaliforniens. Er steht »People's Advocate« vor, einer Bürger-Organisation, die so etwas wie das Maschinengewehr des kalifornischen Populismus ist. »Immer wieder konzentriert sich die Macht auf wenige«, sagt Costa genüsslich. »Deshalb gibt es seit 1911 die Kontrolle durch Volksbegehren; deshalb gibt es uns, wir sind die Lobby des Volkes.«

Costa verachtet die Demokraten, seitdem Präsident Woodrow Wilson »den Ersten Weltkrieg zu Gunsten der Briten und Franzosen, anstatt der Deutschen, entschieden hat«. Sein Vorbild unter den Präsidenten ist Harry S. Truman, »der das Notwendige klaglos tat - die Atombombe, den Korea-Krieg«. Costa, 62, macht sich einen Spaß, er ist ein Provokateur. Ihm ist es egal, was man von ihm hält.

Das Instrument seiner Macht ist eine Kartei mit 390 000 Adressen - der Kernbestand des kalifornischen Volkswillens bei jeder Volksabstimmung. Darum hat sich im Laufe der Zeit ein äußerer Ring aus Anwälten, Polit-Strategen und -Beratern, aus Unterschriftensammlern, Demoskopen, Marketing-Experten und Geldeintreibern gebildet. Mit Costas Hilfe und wenigen Millionen Dollar lässt sich in Kalifornien zügig und zuverlässig fast jede beliebige Kampagne entfachen.

Beim Versuch, Davis in die Wüste zu schicken, war es besonders einfach. »Sie haben Schlange gestanden, um die Unterschriftenlisten auszufüllen«, sagt Chris Wysocki. Er ist Teilhaber an einer Politik-Beratungsfirma in Sacramento, die mit Costas Club gemeinsame Sache macht. Binnen 50 Tagen kamen doppelt so viele Unterschriften zusammen wie nötig.

Auf 123 Volksbefragungen über die Abberufung niederer Amtsträger oder die Rücknahme missliebiger Gesetze hat es die kalifornische Demokratie in 20 Jahren gebracht. Knapp die Hälfte wurde angenommen - womit sich der politische Prozess gut lahm legen lässt. Die größten Trophäen des Populismus in Kalifornien stellen bisher zwei abgesetzte Senatoren dar. Die Inszenierung der Abwahl eines Gouverneurs ist selbst für einen geübten Zyniker wie Costa eine Premiere.

Allerdings ist diese Variante der direkten Demokratie nicht allein aufs Verhindern und Abwählen ausgerichtet. Die eigentlich heroische Tat von Gruppen wie People's Advocate besteht darin, die Handlungsfreiheit des Parlaments und des Gouverneurs einzuschränken. Für die einen ist Costa deshalb der Held, der der Selbstherrlichkeit der politischen Klasse einen Riegel vorschiebt. Für die anderen hat der herrschende Populismus zur Zerstörung des Paradieses beigetragen.

In Amerika, dem Land der Hausbesitzer, gehört es zum Brauchtum, dass der Staat die Grundsteuer erhöht, sobald er Geld benötigt. In Kalifornien aber gibt es »Proposition 13«, die spektakulärste Errungenschaft der direkten Demokratie. Eine Volksabstimmung über die Grundsteuer begrenzte die Erhöhung auf jährlich zwei Prozent. Gut für den, der sein Haus oder seinen Firmenbesitz lange genug behält und den größten Teil des Wertzuwachses steuerfrei genießen darf. Erst nach einem Verkauf kann die Besteuerung des Besitzes den veränderten Marktbedingungen angepasst werden.

Proposition 13 machte Geschichte. Der Volksbefragung von 1978 entstammt der Schlachtruf der Populisten: »Die Regierung ist nicht die Lösung, die Regierung ist das Problem.« Damit zog dann Ronald Reagan nach Washington und wurde Präsident. Steuerrevolten gehören zum festen Bestand der politischen Kultur - schließlich stand auch am Anfang der Vereinigten Staaten der Streit über eine Teesteuer.

Zwiespältigen Ruhm erlangte 1994 auch die Proposition 184, die unter dem Motto »Three strikes and you're out« in die Geschichtsbücher der Justiz einging: Wer in Kalifornien dreimal straffällig wird, landet von 25 Jahren aufwärts bis zu lebenslang im Gefängnis - egal, ob der Täter Banken ausgeraubt oder Schokolade im Supermarkt gestohlen hat. Kalifornien, einst Inbegriff der Liberalität, zeigt in seinem Strafrecht schonungslose Härte.

Andererseits ist hier durch Volksbefragung Wirklichkeit geworden, was auch den Grünen einmal vorgeschwebt hatte: Die Verweildauer der Politiker in den Parlamenten ist begrenzt. Senatoren dürfen einmal, Abgeordnete zweimal wiedergewählt werden, dann ist Schluss. Die direkte Demokratie hat die repräsentative Demokratie in enge Grenzen gewiesen.

Natürlich fehlt es nicht an unerwünschten Nebenwirkungen. Das politische Personal in Kalifornien ist einem derart großen, derart wichtigen Staat kaum noch angemessen. War es früher üblich, dass der kalifornische Gouverneur fast automatisch als Präsidentschaftsbewerber in Frage kam, so ist davon schon länger nicht mehr die Rede. Außerdem ist es durch die populistischen Restriktionen einigermaßen schwer geworden, die Verantwortlichen auszusieben: Was können der Gouverneur und das Parlament für die Schieflage der Staatsfinanzen, wenn es ihnen doch an Handlungsfreiheit mangelt?

Die Kalifornier seien ruhelos und zornig geworden und geblieben, sagt Jerry Brown und wippt auf dem Sofa mit den Füßen. Er gehört zum einheimischen Patriziertum. Sein Vater Pat war ein legendärer Gouverneur, ein Patron des »Golden State« in den sechziger Jahren. Sohn Jerry folgte ihm ein Jahrzehnt später: ein Regierungschef noch im Überfluss, der in einer Wohngemeinschaft lebte und schon über die Grenzen des Wachstums räsonierte, ehe es Umweltschützer gab. Jetzt ist er 65, Bürgermeister von Oakland, der Industriestadt gegenüber von San Francisco, und mehr denn je Philosoph.

Für ihn ist der Populismus die Waffe der Republikaner, die in Kalifornien lange schon keine reguläre Wahl mehr gewonnen haben. Ist das Abwahl-Referendum nicht so etwas Ähnliches wie damals, als die Republikaner unbedingt Bill Clinton wegen seiner Affäre mit Monica Lewinsky absetzen wollten, fragt er rhetorisch. Erinnert sich niemand an die merkwürdigen Umstände bei der Präsidentenwahl im Jahr 2000 in Florida, die dazu führten, dass das Amt per Beschluss des Supreme Court George W. Bush zufiel?

Aber im Grunde, meint Brown, spielen Demokraten und Republikaner in diesen Tagen in Kalifornien nur das alte Spiel unter neuen Bedingungen: Big Money gegen Big Money, die vorwiegend von den Gewerkschaften stammenden 13 Millionen des Gray Davis gegen die 18 Schwarzenegger-Millionen, teils aus Privatvermögen, teils aus Spenden von Wirtschaft und Unternehmern. Geld in der Politik sei nun einmal, so sagt er, »das dunkle Genie des Kapitalismus«.

Die entscheidende Frage für den Denker auf dem Sofa bleibt aber, wer sich am Ende in Kalifornien überhaupt noch um die öffentlichen Angelegenheiten kümmert, wozu er auch die erbärmliche Lage der meisten Latinos zählt. »Das sieht aus wie eine Hobbessche Welt in zivilisierter Form«, sagt Brown. »Aber es sind einfach Vorgänge in einem immer noch reichen Land, das sich im ökonomischen Niedergang befindet.«

Niedergang - das galt eigentlich immer nur für andere, für New York oder Detroit, für Philadelphia oder Washington. Kalifornien war Sonne, Beach Boys, Silicon Valley. Deshalb auch trifft der Abschwung die Bay Area südlich von San Francisco besonders hart, diese 25 Meilen entlang des Highway 101, an der nahezu alle großen Computerfirmen ihren Sitz haben. Und von dem Dutzend Städte, die an der berühmten Schnellstraße liegen, hat die Krise keine so schlimm erwischt wie San José, das sich stolz die Hauptstadt des Silicon Valley nennt.

Knapp zehn Prozent der Menschen, die hier wohnen, sind mittlerweile ohne Arbeit. Tausende haben die Stadt verlassen, wodurch San José zu einer der am schnellsten schrumpfenden Metropolen geworden ist. Die meisten waren hier Programmierer und Software-Entwickler. Ihre Jobs sind nach Indien, Singapur oder China gewandert. »Sie sind für immer verloren«, sagt Paul Krutko.

Krutko ist der Mann, der den Niedergang in San José aufhalten soll. »Direktor für ökonomische Entwicklung« steht auf seiner Visitenkarte. Die Stelle haben sie extra für ihn geschaffen. Als er ins Valley kam, standen die Porsche Boxster schon wieder auf dem Hof der Händler, weil die Besitzer mit den Ratenzahlungen nicht mehr nachkamen. In den beiden vergangenen Jahren hat der in San José beheimatete Netzwerk-Konzern Cisco über 10 000 Stellen gestrichen. Zum Glück hat das Internet-Auktionshaus EBay, das andere Prestige-Unternehmen in der Stadt, seine Drohung nicht wahr gemacht, das Hauptquartier anderswohin zu verlegen.

Krutko fängt jetzt wieder klein an. Er entwirft gerade eine Werbekampagne, um kleine Firmen nach San José zu locken. Risikokapital bekommt man im Silicon Valley noch immer leicht. Und waren vor zehn Jahren nicht auch einige der Firmen, die erst Furore machten und dann von der Bildfläche verschwanden, noch gänzlich unbekannt gewesen? Anything goes - das Lebensmotto der Westküste.

Schnell geht es hoch, schnell geht es herunter. »Boom and bust«, sagen sie hier dazu. Doch für viele Kalifornier ist es immer noch ein Rätsel, was da eigentlich passiert ist. Warum hat keiner das Zerplatzen der Dotcom-Blase vorausgesehen? Warum gerät ein Staat, der vor gar nicht so langer Zeit einen Überschuss im Haushalt auswies, plötzlich in ein Defizit von 38,2 Milliarden?

Es gibt viele Erklärungsversuche für das Desaster. Fragt man die Demokraten, die gegenwärtig den Gouverneur stellen, dann liegt das an einer Verkettung unglücklicher Umstände: die nationale Rezession, die Folgen des 11. September, die hohen Energiepreise.

Da ist etwas dran, es ist aber nur die halbe Wahrheit. Wenn Kalifornien eines exemplarisch zeigt, dann den Größenwahn einer Regierung, die mit dem Geld etwa so umsichtig umgegangen ist wie die Dotcom-Bankrotteure. Sie haben Paradies gespielt, ohne das Bröckeln wahrzunehmen.

Dabei waren die Startbedingungen geradezu ideal, als Gray Davis 1998 erstmals zum Gouverneur gewählt wurde. Sein Vorgänger, ein Republikaner namens Pete Wilson, dessen altes Team sich heute um Schwarzenegger sammelt, hatte einen ausgeglichenen Haushalt hinterlassen, und die Konjunktur bescherte stabile Wachstumsraten. Dazu setzte die Hightech-Industrie im Silicon Valley gerade zum beispiellosen Höhenflug an, der alsbald so viele Millionen Dollar in die Haushaltskassen spülte, dass die Kämmerer mit dem Zählen nicht nachkamen.

Allein zwischen 1998 und 2002 stiegen die Steuereinnahmen um rund 30 Prozent, aber weil die Regierung in Sacramento nicht auf den nahe liegenden Gedanken kam, dass auch dieser Boom endlich sein könnte, wuchsen die Ausgaben sogar noch schneller.

Schon das war ziemlich unverantwortlich. Im Haushaltsjahr 2001, auf dem Scheitelpunkt der langen Hochkonjunktur, brachte sie es sogar fertig, sich irgendwie zu verschulden.

Weshalb der Gouverneur von Kalifornien sich aller fiskalischen Vorsicht enthalten hat, gehört zu den Rätseln, die Gray Davis umgeben. Und wo sind eigentlich die vielen Millionen geblieben, die der Staat im Boom eingenommen hat? Bei der Spurensuche hilft es, einen Blick auf die Liste der Unterstützer zu werfen, die Davis jetzt mit Millionenspenden das Überleben im Amt sichern wollen. Da finden sich vor allem die Gewerkschaften des Landes - und weil so ziemlich jeder Berufsstand auf selbständige Interessenvertretung Wert legt, gibt es besonders viele: die Gewerkschaft der Lehrer und der Gefängnisaufseher, der Highway-Patrol-Beamten.

Je näher die Wahl rückt, desto leichter erkennbar wird das kalifornische Gibstemir-geb-ich-dir: Davis verspricht allen Angestellten des Öffentlichen Dienstes gleich zwölf neue Urlaubstage. Den Gefängnisbeamten sicherte er zu, dass sie von Kürzungen - die zur Deckung des Defizits unumgänglich sind - weitgehend verschont bleiben würden. Die Lehrer, die zu den Bestbezahlten in Amerika gehören, dürfen auf dieselbe privilegierte Behandlung hoffen. Die Klientelpolitik, in Amerika ohnehin offen praktiziert, ohne staatstragende Verbrämung wie in Europa, treibt in Kalifornien zerstörerische Blüten.

Im letzten Boomjahr 2001 war die Energiekrise gerade überstanden, die auch Kalifornien Blackouts bescherte und 45 Milliarden Dollar gekostet hatte. Ausnahmsweise war Gray Davis daran unschuldig. Die Gelehrten streiten heute noch darüber, ob die eilige Deregulierung des Marktes oder die Manipulation der Energieriesen verantwortlich waren. Allerdings verharrte der Gouverneur auch in Passivität, und als er dann tätig wurde, beging er einen schweren Fehler: Er schloss aus Vorsicht Energieverträge für 43 Milliarden Dollar zu überhöhten Preisen ab.

Überdies ging der Gouverneur das Risiko ein, künftige Einnahmen zu beleihen, wie zum Beispiel die Milliarden-Zahlungen, welche die Tabak-Industrie für verursachte Schäden einigen Bundesstaaten zahlen muss. Als dann immer noch ein Defizit blieb, gab die Regierung Staatsanleihen aus. Allein in der abgelaufenen Legislaturperiode beschloss Kalifornien, 16 Schuldverschreibungen an die Börse zu bringen.

Nun ergeht es dem Gouverneur wie dem Schuldner, der Haus und Hof in der fahrlässigen Erwartung eines Riesenerbes verpfändet. Die Einnahmen aus den Steuern auf Aktiengewinne sind von 18 auf 6 Milliarden Dollar geschrumpft, die Reserven sind aufgebraucht, die Kreditgeber nervös. Dreimal hat die Rating-Agentur Moody's die Kreditwürdigkeit des Sonnenstaates abgesenkt. Kalifornische Staatsanleihen gelten jetzt beinahe als »Junkbonds«, als Ramsch, was nicht nur viel darüber sagt, wie die Kapitalmärkte die Lage einschätzen, sondern den Bundesstaat auch viel Geld kostet, das er nicht besitzt: Jede Abwertung bedeutet steigende Zinssätze.

Der Rest der USA nimmt die Krise Kaliforniens durchaus mit Genugtuung zur Kenntnis. New York hat es nie verwunden, dass ihm der Westen den Rang als kulturelle Avantgarde abgelaufen hat. Die beleidigende Überheblichkeit, mit der Kalifornien behauptete, das modernere Amerika zu sein, eben größer, schöner und besser als die kraftlos gewordene Ostküste, riss dort tiefe Wunden. Die Kalifornier sollen sich nicht so haben, schreiben in diesen Tagen die großen Zeitungen in New York und Washington. Sie sind doch selbst dran schuld - mit ihrem Größenwahn und ihrem Populismus.

Tieferen Grund zur Besorgnis sieht das »Wall Street Journal": »Ist Kalifornien der Vorbote eines größeren Aufstands?«, fragt das Blatt. Volkswut ist schließlich kein Monopol der Rechten, und ein linker Populismus, der sich seinen Zündstoff aus der Wirtschaftskrise, dem Debakel im Irak und den auf Normalmaß reduzierten Präsidenten George W. Bush holt, zeichnet sich jetzt schon in Umrissen ab.

Kalifornien ist eben auch eine Warnung: So schnell wird in Amerika aus frei flottierendem Unbehagen eine Wutbewegung. So schnell können die Dinge außer Kontrolle geraten, wenn die Wirtschaft auf Grund läuft. Ist die Lage erst einmal da, finden sich die Matadore des Populismus alsbald ein.

In solchen Übergangsphasen schlägt in Amerika die Stunde der Außenseiter. Der Polizistensohn aus Graz hat das als Erster verstanden und seine Chance ziemlich umsichtig genutzt. Er ist reich. Er ist eine Berühmtheit. Er gilt als unabhängig. Mit seinen Ansichten könnte er auch ein Demokrat sein, wie die Kennedys, seine angeheiratete Verwandtschaft.

Er hat so intensiv Politik gebüffelt, wie er früher Gewichte stemmte. Er hat die Fehler, auf die jedermann lauert, bislang nicht gemacht. Und auch die Vorwürfe von Frauen, die sich im Lauf seiner buntscheckigen Karriere von ihm belästigt fühlten, sind vielleicht etwas spät gekommen.

Es riecht nach Sieg, und deshalb wollen nun auch die in Kalifornien ungemein wichtigen erzkonservativen Radio-Moderatoren für Arnie sein. Es riecht nach Sieg, und deshalb trommeln die Demokraten, dass es von jetzt an vor allem um eines geht - »Arnold Schwarzenegger zu verhindern«. Nun werden die alten Nazi-Vorwürfe wieder aufgewärmt, nun fliegen die schmutzigen Anschuldigungen, nun wird immer tiefer in der merkwürdigen Vergangenheit des Favoriten gegraben.

Die Demokraten haben ihre stärksten Waffen nach Kalifornien geschickt, um Schwarzenegger den Griff nach der Macht zu verwehren. Bill und Hillary Clinton werben für Vernunft und Fairness.

Dem Schauspieler, der Gouverneur sein will, ist angesichts der Attacken auf seinen Charakter die ansteckend gute Laune vergangen. »Das ist Krieg«, sagt er, als sei er erstaunt darüber, dass es in der Wirklichkeit fast so zugeht wie in seinen gut gemachten schlechten Filmen.

MARCO EVERS, JAN FLEISCHHAUER,

GERHARD SPÖRL

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