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Das Bemerkenswerte an Kraut

aus DER SPIEGEL 13/1966

Der US-Schriftsteller A. E. Hotchner, von 1948 bis 1961 intimer Freund Ernest Hemingways, in seinem Buch »Papa Hemingway«, gegen dessen Erscheinen Hemingways vierte Frau, Mary, erfolglos prozessierte (SPIEGEL 5/1966):

Ernest rief auch gern Marlene

Dietrich an, da sie sich, wie er sagte, lange Zeit liebten. »Das Bemerkenswerte an Kraut* und mir ist«, sagte Ernest ... »daß wir uns seit 1934 lieben, seit damals, als wir uns zum ersten Mal auf der 'Ile-de -France' trafen, aber wir sind niemals zusammen ins Bett gegangen ... Immer wenn ich von Liebe frei war, war die Kraut tief in irgendein romantisches Leiden verstrickt, wenn aber die Dietrich wieder aufgetaucht war und mit ihren wunderbaren, suchenden Augen an der Oberfläche schwamm, dann war ich untergetaucht. Jahre nach dem ersten gab es ein weiteres Treffen auf der »Ile«, das einzige Mal, daß etwas hätte geschehen können, ich hatte mich aber erst vor zu kurzer Zeit in die bedeutungslose N. verliebt - und die Kraut liebte noch immer in irgendeiner Form den gleichfalls bedeutungslosen S.

An einem anderen Tag ... gingen wir über den Pont Royal (in Paris) ... Auf dem Weg zeigte mir Ernest ein hohes Gebäude, in dessen oberstem Stockwerk er mit Pauline gewohnt hatte ... »Ich machte eine höllisch-harte Zeit mit Pauline durch. Vielleicht war es ... eine Reaktion auf die kurz vorhergegangene Scheidung von (der ersten Frau) Hadley, ich saß jedenfalls in einer höllischen Klemme - ich konnte nicht mehr lieben. Pauline und ich, wir hatten uns während der ganzen Zeit unserer Affäre und auch nachdem mich Hadley verlassen hatte, sehr gut im Bett verstanden - nach unserer Heirat jedoch konnte ich nicht mehr bieten als Jake Barnes (der impotente Held in Hemingways »Fiesta"). Pauline war sehr geduldig und verständnisvoll, und wir versuchten alles, aber nichts wirkte. Ich wurde furchtbar mutlos. Ich hatte verschiedene Ärzte aufgesucht. Ich begab mich sogar in die Hände eines Mystikers, der an meinem Kopf und an meinen Füßen

- wohl schwerlich der Sitz des Übels - Elektroden befestigte und mir verordnete, jeden Tag ein Glas Blut aus der Kalbsleber zu trinken. Es war alles hoffnungslos. Eines Tages sagte Pauline, 'hör mal, Ernest, warum gehst Du nicht beten?' Pauline war eine sehr religiöse Katholikin, ich war ganz und gar nicht religiös, aber sie war so verdammt gut zu mir, daß ich glaubte, es wäre das mindeste, was ich für sie tun könnte. Zwei Häuserblocks von uns entfernt war eine kleine Kirche. Dort ging ich hin und sagte ein kurzes Gebet. Dann ging ich zurück in unser Zimmer. Pauline war im Bett und wartete. Ich zog mich aus und ging ins Bett, und wir liebten uns, als ob wir die Liebe erfunden hätten. Niemals wieder hatten wir Schwierigkeiten. Damals wurde ich Katholik.«

* Amerikanischer Spitzname für Deutsche.

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