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Das bessere Deutschland

aus DER SPIEGEL 15/1991

Das Feierabendheim »Hermann Schwarz«, eines der 1347 Altenhäuser der ehemaligen DDR, steht in Berlin-Friedrichshagen, nicht weit entfernt vom Müggelsee.

Lisa Vogelbein, 80, wohnt im dritten Stock. Eckzimmer. »Eine ganz große Genossin«, flüstert eine Nachbarin im Flur vor ihrer Tür. »Groß« klingt dabei wie: »unbelehrbar«. Nein, sagt Lisa Vogelbein, hier im Feierabendheim habe sich das Zusammenleben nicht verändert.

»Mein Leben ist die Parteiarbeit. Ich habe in meinem Leben nur ein Privileg gehabt: immer mehr zu arbeiten als die anderen.« Es klingt weder überheblich noch anbiedernd. Ihr anachronistischer, ungebrochener Stolz, dem Kommunismus treu gedient zu haben, verwirrt. »Nur einmal hab'' ich die Partei wirklich in Anspruch genommen, und das war, als mein Mann ins Köpenicker Krankenhaus kam, in so ''nen Riesen-Männersaal, das war entsetzlich.

Da hab'' ich mich an Hans Modrow gewendet, der war damals Erster Sekretär in Köpenick, ich hab'' bei ihm gearbeitet und hab'' gesagt, kannst du dich nicht dafür einsetzen, daß er wenigstens in ein kleineres Zimmer kommt.«

Sie wirkt so distinguiert, daß man sie bei Feinkost »Käfer« in München für die reiche Witwe eines Couponschneiders halten würde. Sie sei der Idee immer treu geblieben, sagt sie. Und die Treue scheint ihr dabei mindestens genauso wichtig zu sein wie die Idee.

»Mein Sohn, der war zwei Jahre und vier Monate inhaftiert, und zwar im Zusammenhang mit den Vorgängen in der CSSR 1968.« Hat er an Demonstrationen teilgenommen? »Nein, nein, der war zu der Zeit Armeeangehöriger und hatte in der Regimentsschreibstube gearbeitet. Da war ein Soldat, der im Krankenrevier lag, der war desertiert. Mein Sohn mußte jeden Morgen die Stärkemeldung durchgeben, und in jenen Tagen war es natürlich besonders kritisch. Ihm ist angelastet worden, zu Unrecht, er hätte das Desertieren dieses Soldaten gedeckt.«

Ihre nachdenklichen Augen schauen, als überprüfe sie noch einmal ihre damalige Haltung.

»Das hat mir natürlich sehr zu schaffen gemacht«, sagt ihr stets optimistischer Mund, »aber es hat mich nicht dazu gebracht zu sagen, nein, also mit diesem Staat nicht mehr. Ich hab'' eben gedacht, er hat sich auch sehr unglücklich verteidigt, dieser Sohn.« Sie scheint es immer noch zu denken.

»Mein Sohn wollte mich gar nicht sehen. Die Mutter gehört ja zu dem gleichen Regime. Der Staatsanwalt hat mich beschimpft, daß ich als Mutter solch einen Sohn hätte.

Nein, die Partei habe ich nicht eingeschaltet. Nein. Ich bin 1949 eingetreten, ich muß dazu sagen, nicht irgendwie leicht. Ich komme aus einer ganz bürgerlichen Familie. Die ganze Familie stand ziemlich ratlos vor mir.« Sie lächelt ein wenig stolz.

»Ich bin geistig sehr durch die Weimarer Republik geprägt worden, da gab es doch sehr interessante Auseinandersetzungen, auch über die Emanzipation der Frau, obwohl ich dieses Wort nicht sehr mag. In der NS-Frauenschaft war ich nicht, aber auch nicht im Widerstand.

Ich hatte ursprünglich Chemie studiert und war Diplom-Chemikerin und bin nach ''45 wissenschaftlicher Hilfslehrer geworden, zunächst, bin dann fast neun Jahre im Ministerium für Volksbildung tätig gewesen, als Referent für Mathematik, Chemie, Biologie. In diesen Jahren brauchte man ja überall in den Ministerien Leute, die nicht belastet waren durch die Nazi-Zeit. Bald war ich Abteilungsleiter.«

250 Pensionäre leben im Feierabendheim »Hermann Schwarz«, die meisten zu zweit in den winzigen Zimmern. Jeder zweite Bewohner ist bettlägerig. In den Monaten des Zusammenbruchs der DDR hätten einige einfach aufgehört zu essen, sagt die Heimärztin. Von den ehemals 50 SED-Mitgliedern sind 24 gestorben, zuletzt vier in zehn Tagen. Lisa Vogelbeins Nachbarin Ilse Schröter, 77, diejenige, die sie als »große Genossin« bezeichnet, war vor 1945 in der NSDAP.

»Ich arbeitete in der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung, und da hieß es: entweder raus oder in die Partei. Da sind wir eben alle in die Partei gegangen. Ganz dienstlich. Nach der Arbeit sind wir paddeln gegangen, im Kanu-Klub, das war wunderschön. Nach ''45 wurde ich dann entnazifiziert.« Sie spricht es sehr gedehnt. »Ich kam in so einen Keller, mit Ausländern, mit Bulgaren, fürchterliches Gesocks. Die Kommunisten wollten mir einreden, daß ich schon im BDM war«, pikiert, »was gar nicht stimmte, und daß ich eine hohe Funktion gehabt hätte. Da wären Unterlagen. Aber ich bin natürlich hart geblieben, bin auch ziemlich frech geworden. Jedenfalls haben sie mich dann rausgelassen, nach zwei Stunden. Das war die Ent-nazi-fi-zierung.«

Noch heute lächelt Ilse Schröter über diese seltsame Prozedur. Sie ist eine zierliche Person mit ewig belustigten Augen.

»Sonst habe ich keinen Ärger gehabt, nur ein Zimmer mußte ich abgeben, weil ich in der Partei gewesen war. Wir hatten eine Dreiraumwohnung.«

Ilse Schröters Mann Fritz, 83, redet dazwischen. Die Schröters, seit 54 Jahren verheiratet, bewohnen zu zweit ihr kleines Zimmer im Feierabendheim.

»Ich hatte mit der Entnazifizierung zu tun. Wir haben bei den großen Nazis das Inventar aufgenommen, die Möbel beschlagnahmt und so. Und da waren wir auch bei einer Tochter vom Amtsgerichtsrat, einer Lehrerin. Wir gingen erst mal Mittagbrot essen, und das hat die Lehrerin ausgenutzt, um Möbel aus dem Haus schaffen zu lassen. Eine ganz schlimme Kommunistin aus der Nachbarschaft hat das mitgekriegt«, Fritz Schröter spricht mit großen Augen, »und dann kriegten wir natürlich den Ärger. ''ne ganz große Sache. Da war ich drauf und dran abzuhauen. Dann wäre ich jetzt dicke da, dann wäre ich gleich am Anfang in Westdeutschland gewesen. Aber wegen der Tochter in Halle sind wir hiergeblieben.«

Schröter ist so zierlich wie seine Frau. Er spricht noch hastiger als sie.

»Ich bin eigentlich ein parteiloser Mensch. Bei den Nazis war ich nicht in der Partei. Dann sollte ich eine Stellung im Versorgungsamt kriegen, 1946, und da hat der mich gefragt: Welche Partei? Hab'' ich gesagt, ich neige der SPD zu. Hat der gesagt: Was heißt, ich neige? Da bin ich schnell gelaufen, noch am selben Tag in die SPD, kurz vor Toresschluß, und ich hatte die Stellung. Und dann rutschte ich in die SED, bei der Zwangsvereinigung. So wurde ich . . .« Er spricht das Wort nicht aus. Statt dessen wiederholt er: »Ich bin eigentlich ein parteiloser Mensch.« Die Frage, wie lange er Mitglied der SED gewesen sei, scheint in Schröters Ohren inquisitorisch zu klingen. Er weicht aus. Seine Frau antwortet: »Na ja, als alles rauskam, ist er gleich ausgetreten, vor einem halben Jahr.« Sie fallen sich kichernd ins Wort, wie Teenager. Er: »Nein, vor zehn Monaten!« Sie: »Gut, vor einem dreiviertel Jahr.« Er: »Den Honecker sollte man aufhängen. Der Ulbricht, der hat noch nicht so betrogen. Aber Honecker, das war ein großer Lump. Ich würde sie alle aufhängen.« Er zeigt mit dem Finger zur Decke.

»Mielke gleich mit. So ''ne Wut hab'' ich. Und deswegen bin ich ausgetreten.« Sie: »Aber ich bleibe in der CDU. Der Schwiegersohn hat so lange gepeinigt, bis ich eingetreten bin. Wir haben auf den Versammlungen nicht immer nur hundertprozentig für den Staat geredet.« Er: »Mein Bruder, der ist aus der Partei ausgetreten. 1935 muß das gewesen sein, da ist er aus der Partei raus.« 1935? »Er war immer ein Sozialdemokrat und hat es in der Nazipartei nicht ausgehalten. Er hat dadurch seine Arbeit verloren.«

Schröter senkt die Stimme. »Aber ich mußte drinbleiben, ob ich wollte oder nicht. Die Stasi hatte mich doch auf dem Kieker. Ich bin ungern in die Versammlungen gegangen, und dann konnte ich die Lieder nicht. Der Leiter sagte einige Male beim Rausgehen: ,Genosse Schröter, es wird Zeit, daß du Arbeiterlieder lernst.'' Wenn ich ausgetreten wäre, hätte ich mich doch noch verdächtiger gemacht.«

Karl Eckel, 87, lebt in der Wohnung über Lisa Vogelbein. Im Moment spielt er die Schachpartien der letzten Weltmeisterschaft zwischen Kasparow und Karpow nach. In der DDR war er Verwaltungsleiter im Gesundheitswesen, geboren ist er in Mannheim.

»Mein Vater war Formermeister bei Thyssen. Wir sind 14- oder 15mal umgezogen. Die Firma hat gesagt: Du mußt dahin, du mußt dahin. Und die Familie zog mit. Mal nach Elsaß-Lothringen, mal nach Thüringen.« Erst viel später ergänzt er, verschämt, so als müsse er etwas gestehen: »Mein Vater ist als politischer Redner aufgetreten. Er war Sozialdemokrat. Und darum sagte die Firma immer: Weg mit dem Mann.«

Eigentlich redet Eckel lieber über die »politische Lage« als über sich. Er macht keinen Hehl aus seiner Verbitterung.

»Als 18jähriger habe ich mich politisch selbst ein bißchen gebildet. Da waren Honecker und Konsorten noch Schüler«, er lächelt weise, »da hab'' ich schon alle Parteiversammlungen besucht: Zentrum, Deutsch-Nationale, Liberale. Ich bin bei der SPD gelandet schließlich und war da drin, bis die Sozialdemokraten dem Bau der Panzerkreuzer zugestimmt haben. Da hab'' ich dem Kassierer gesagt, ich bezahle nicht mehr.« Er stockt. Noch heute spürt man, wie schwer ihm die Entscheidung vor sechs Jahrzehnten gefallen sein muß. Er fängt an zu weinen.

»Und da bin ich eben parteilos gewesen bis 1945. Ich war der Meinung, daß die Vereinigung der Arbeiterparteien ein Fortschritt ist. Und wir haben ja am Anfang hier viel geschaffen, muß man wirklich sagen. Uns hat niemand geholfen, das muß doch jeder zugeben.« Seine Augen fordern Zustimmung.

»Ich habe in einem Römerbad in Blankenburg eine leitende Stellung gehabt und konnte auch noch ein ökonomisches Studium machen.« Der Stolz auf den Staat, der ihm das ermöglichte, hat den Zusammenbruch überlebt. »Hab'' mich dann dem Gesundheitswesen gewidmet. Ich habe immer ein anständiges, ordentliches Leben geführt, habe mir nie etwas vorzuwerfen gehabt, höchstens, daß ich eben Mitglied der SED gewesen bin. Ich habe nie etwas getan, was gegen meine ehrliche Auffassung war. Aber wie die uns belogen haben«, er schluchzt, »wie die uns betrogen haben.«

Klaus Gysi, 79, wohnt nicht im Feierabendheim »Hermann Schwarz«, sondern in einem Wohnblock in der Leipziger Straße, der aussieht wie alle Ost-Blocks. Die Wohnung, die er mit seiner Frau teilt, ist viel größer als die Zimmer im Altenheim, aber viel bescheidener, als seine Biographie erwarten läßt: Kulturminister, Botschafter, Staatssekretär. Gysi gehörte zu den »Politaristokraten der DDR«, wie Eckel die Führungsleute nennt, von denen er sich betrogen fühlt.

»Ich sehe mich nicht als Betrüger. Das war ich auch nicht. Das wäre auch ungerecht. Aber ich sehe mich auch nicht als Betrogener, denn immerhin habe ich ja bestimmte Zusammenhänge früher und besser erkannt als viele andere.«

Gysi schlägt die Augen zum Himmel. »,Wir sind betrogen worden'' - na ja, wir haben den Mitgliedern erzählt, es steht alles wundervoll. Aber sie spürten selbst, daß das nicht stimmt, fühlten oder wußten es.«

Gysi lächelt ironisch. Mit den Augen kontrolliert er, wie seine Worte ankommen. Trotz dieser Vorsicht wirkt er offen. Einnehmend.

»Man muß bedenken: Was hatte die Führungsgruppe der DDR für eine Vorstellung vom Sozialismus. Das Entscheidende für die meisten waren ihre Jugenderlebnisse während der Weimarer Republik, und natürlich die Zeit des Nazireiches. Ihre Sozialismusvorstellungen waren durch die Weimarer Zeit bestimmt: die Arbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise, sechs Millionen Arbeitslose in Deutschland, Hunger, Wohnungsnot - Bildung und Gesundheit als Privileg der Reichen.«

Gysi sitzt auf einer schmalen Cord-Couch, umzingelt von Bücherregalen. 24 Stockwerke tiefer jagen die kleinen Autos von Ost nach West.

»Wenn wir uns nun ansehen, was hier in der DDR Priorität hatte, dann finden wir: keine Arbeitslosigkeit, Wohnungsbau, staatliches Gesundheitswesen, Schule und Studium kostenlos. Die Dinge also, die in der Jugend der Politbüro-Funktionäre die größte Bedrückung des Volkes darstellten. In dem Sinne war die DDR eine Antwort auf die Weimarer Republik.« Er streichelt seinen schlauen Kopf.

»Die DDR basierte auf einer vom Grundsatz her falschen Auffassung vom Sozialismus, wenn man dachte, mit der Lösung von vier, fünf sozialen Hauptaufgaben dieser Art die Menschen auf die Dauer gewinnen und verändern zu können.« Er lehnt sich weit zurück, legt den Kopf in den Nacken, spricht zur Decke. »Die Entwicklung der Menschen braucht noch etwas anderes, ist eine komplizierte Sache, die Zeit benötigt und vor allem Wohlbefinden; sich selbst in der Gesellschaft wiederzufinden; sich gebraucht und gefragt zu sehen.«

Gysi seziert die gerade erst versunkene DDR mit großem Abstand, so, als handele es sich um eine Gesellschaft, die im vierten Jahrhundert nach Christus in Mittelasien unterging. Warum nur hat kein Genosse dem Politbüro gesagt, daß sein Sozialismus bereits von Anfang an falsch angelegt war?

»Na ja, die Führungsgruppe kam aus der SU zurück mit folgender innerer Einstellung: Wir haben eigentlich immer recht gehabt. Wir haben gesagt, wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, dann haben wir gesagt, wer Hitler wählt, wählt den Krieg, dann haben wir gesagt, der Krieg wird verloren, endet mit ''ner Katastrophe für das deutsche Volk.« Das »wir« spricht er mit vierfachen Anführungsstrichen, so daß es wie »ihr« klingt. »Wir haben also recht gehabt, und zwar gegen das ganze Volk. Wir sind die Sieger.«

Sein Redefluß stoppt. Er scheint die Sätze noch mal abzuhören, ist zufrieden.

»Nun stellte sich 1945 die Aufgabe, die Aufklärung eines ganzen Volkes aus dieser Position heraus: ,Wir hatten recht, nun müssen wir das Volk belehren.'' Von dieser hohen Position des Lehrers ist der Übergang zur demokratischen Gemeinsamkeit sehr schwierig. Aus dem Lehren wird Belehren, daraus wird Bevormunden und daraus Vormundschaft, aber keine Demokratie.«

Peter Bordihn, 62, machte 1948 den Versuch, durch Mitarbeit in einer sozialdemokratischen Gruppe der Vormundschaft der SED zu entgehen und die Demokratie in der sowjetischen Besatzungszone zu beleben. Bordihn wurde verhaftet, der antisowjetischen Hetze und konterrevolutionären Tätigkeit beschuldigt, zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, zunächst im ehemaligen KZ Sachsenhausen inhaftiert, um dann ins sibirische Workuta, nördlich des Polarkreises, verschleppt zu werden.

»Bewaffnete Soldaten führten uns zum Appellplatz. Wir müssen uns nackt ausziehen, werden untersucht, sogar mit Taschenlampen in den After. Soldaten mit scharfen Hunden treiben unsere Gruppe, etwa 600 Männer, vor das Lagertor. Ich hatte Bilder von KZ-Häftlingen vor Augen. Wohin bringen die uns? Landen wir in einer Grube?

Wir erreichen ein Bahngleis mit Viehwaggons. Die sind mit Stacheldraht umwickelt, innen stinkt es entsetzlich nach Urin.« Er spricht sehr leise, mit schmalem Mund. »Wir fahren ein paar Wochen immer nach Osten. Anfangs im Lager Sachsenhausen hatte ich mir noch immer eingeredet, daß alles ein Mißverständnis sein müsse.« Er knetet seine Hände. »Ich war mir überhaupt keiner Schuld bewußt.

»Das einzig Konkrete, was man mir vorgeworfen hatte, in den wochenlangen Verhören: Ich sei Mitglied der SPD, und ich hätte behauptet, es gäbe sowjetische Internierungslager in der SBZ. Nach den Internierungslagern habe ich ganz offen gefragt in meinem Bekanntenkreis, ungläubig, denn ich hielt das für ausgeschlossen, daß in den KZs der Faschisten nun wieder Leute sitzen sollten.

Genausowenig konnte ich ja in den ersten Wochen unserer Haft begreifen, daß ein antifaschistischer Staat, gegründet von Leuten aus dem Widerstand, so mit uns umsprang. Ich fühlte mich doch als Sozialist, wollte doch zusammen mit den Kommunisten das neue Deutschland aufbauen.«

Wollten die Kommunisten das zusammen mit den Sozialdemokraten? Klaus Gysi doziert mit der wissenden Miene desjenigen, den nie etwas überraschen kann.

»Die wirkliche Vereinigung von KPD und SPD, das hätte etwas wirklich Neues begründen können. Das Ende kam durch zwei Dinge: den Kalten Krieg, aber ebenso die Entwicklung unserer Partei, der SED, ab 1948 zu einer ,Partei neuen Typs''. Und das hieß: Vorbild ist die KPdSU. Mit dem Kalten Krieg kamen dann die Prozesse gegen eine Reihe alter SPD-Leute. Da ist ein Teil der SPD-Funktionäre über den Tisch gezogen worden. Das geschah sehr stark unter sowjetischem Druck.«

Etwa die Hälfte der aktiven Sozialdemokraten floh in die Westzone, ein Viertel paßte sich an, der Rest landete in den Lagern. Gysi war zu dem Zeitpunkt Chefredakteur beim Aufbau, dem Monatsblatt der »antifaschistischen Intelligenz«.

»Ich kann mich an keine größeren Diskussionen darüber erinnern. Es ging scheinbar immer um Einzelfälle. Eine gewisse Polarisierung in den harten Auseinandersetzungen des Kalten Krieges und unter dem Druck der Atomkriegsdrohung schien uns unvermeidlich. Das charakterisierte auch die allgemeine Atmosphäre in Europa.«

War bekannt, daß Sozialdemokraten nach Sibirien verschwanden, nach Sachsenhausen und Buchenwald kamen? »Also, man kriegte das nur sehr teilweise mit. Es traf ja nicht nur Sozialdemokraten, sondern natürlich auch viele Kommunisten und andere.«

Peter Bordihn hat Kommunisten sowohl im Internierungslager Sachsenhausen als auch im Arbeitslager Workuta getroffen.

»Einer von ihnen, Walter, konnte uns viel über das KZ Sachsenhausen erzählen, denn er gehörte unmittelbar nach dem Kriege einer Kommission zur Aufdeckung der Nazi-Verbrechen an. 200 000 Menschen seien hier inhaftiert gewesen, die Hälfte habe das nicht überlebt. Im August ''45 hätten die Russen das Lager wieder in Betrieb genommen, zunächst um Kriegsverbrecher, aktive Nationalsozialisten und Offiziere der SS einzusperren, dann auch willkürlich verhaftete SPD- und KPD-Mitglieder.«

Bordihn schüttelt mitfühlend den Kopf. »Für den Walter war das fürchterlich. Er verzweifelte daran, daß er von seinen eigenen Genossen malträtiert wurde. Er war schon als Junge Kommunist geworden. In all den Lagerjahren lebte er immer in der Hoffnung, es muß sich alles aufklären. Aber das Teuflische am Stalinismus war ja die Systemlosigkeit des Terrors.«

120 000 Deutsche landeten zwischen 1945 und 1950 in den Internierungslagern, 30 000 wurden weitertransportiert in die Sowjetunion. Wie viele die Kälte, den Hunger und die Zwangsarbeit überlebten, ist unbekannt. Bordihn kam 1953 frei, drei Wochen nach Stalins Tod.

»Als Radio Moskau die Meldung brachte, strömten im Schacht die Häftlinge zusammen und jubelten. Die Bewacher waren nicht mehr zu sehen. Einer neben mir ruft: ,Der Hund hat viel zu lange gelebt.'' Später machten weiße Fahnen die Runde, als symbolische Leichentücher.« Bordihn bleibt ernst und leise.

»Bei der Entlassung mußte ich ein Schriftstück unterzeichnen, auf dem steht, daß ich in der UdSSR als Spezialist war, im Zusammenhang mit Reparationszahlungen. Und ich mußte unterschreiben, daß ich nirgendwem über meine Jahre in Sibirien erzählen darf.«

Bordihn kehrte in die DDR zurück. Warum bleibt jemand in dem Staat, der ihn wieder einzusperren droht, wenn er die Wahrheit über sein Leben erzählt?

»Das Glück, überlebt zu haben, war stärker als der Haß. Meine Familie hat mich hier gehalten, meine Geschwister, meine Eltern. Außerdem war meine Akte ja sauber. Als Spezialist, der in Rußland war und gut Russisch sprach, hatte ich keine Probleme. Ich habe als Dolmetscher für russische Touristengruppen gearbeitet, bin auch hin und wieder in die UdSSR gereist.

Niemandem habe ich in all den Jahren von meinem Lagerleben erzählt, meinen Freunden nicht, meinen Kindern nicht. Nur meiner Frau. Erst jetzt habe ich mir alles von der Leber geschrieben*. So merkwürdig es klingt«, Bordihn hebt entschuldigend die Hand, »aber man muß ehrlich sein: Ich habe mich mit der DDR identifiziert. Ich hatte hier meine Arbeit, wir haben geschuftet, nur dem Fleiß dieses Völkchens ist es zuzuschreiben, daß dieses Land und dieses System sich so lange gehalten haben.

Es gibt ja jetzt viele, die so tun, als habe es die DDR nie gegeben. Aber das sind die, die hier nichts zu erleiden hatten.«

Maria König, 69, polnische Jüdin, erst im Getto, dann in Auschwitz, dann in Frankfurt am Main, sah in der DDR 1950 die Endstation ihres Leidensweges. _(* Peter Bordihn: »Bittere Jahre am ) _(Polarkreis«. LinksDruck Verlag, Berlin; ) _(128 Seiten; 19,80 Mark. )

»Man kann den Hunger aus dem Lager schnell vergessen, aber nicht die menschenverachtende Behandlung. Die Haut bleibt ein Leben lang dünn. Man spürt, auch ohne Worte, wie sich die Menschen zu einem verhalten.«

Maria König hat eine warme, dunkle Stimme. Sie spricht ruhig, mit leichtem polnischen Akzent.

»In unserer Nachbarschaft in Frankfurt bekam ich mit, daß ein Kohlenhändler, der ein strammer Nazi war, in seiner großen Wohnung bleiben durfte, aber ein armer Kirchendiener, der mußte seine Wohnung räumen. Solche Erlebnisse schüren Zweifel, die man gar nicht in Worte fassen kann.« Sie macht lange Pausen zwischen den Worten.

»Die DDR, dachte man, das ist ein antifaschistisches Land, in dem man die Möglichkeit hat, an etwas Sinnvollem teilzunehmen, da wird an etwas gebaut, was nicht mehr das alte Deutschland ist. Aber schon in der ersten Zeit gab es natürlich Ereignisse«, ihr freundliches Lächeln verschwindet, »die einem viel zu denken gaben, diese Verhaftungen jüdischer Ärzte in Moskau. Das hat Auswirkungen auch hier gehabt. In einer Ecke des Herzens habe ich ein unsicheres Gefühl gehabt, weil man nicht genau wußte, na ja, in welche Richtung das schon wieder geht.« Sie preßt die Arme, die sie vor der Brust verschränkt hat, noch enger zusammen.

»Andererseits hat man der Sowjetunion vertraut. Wir waren überzeugt, daß dort eine Gesellschaft aufgebaut würde, deren Erfahrungen man nutzen sollte. Auch vom Gefühl her: Soldaten der Roten Armee haben mich aus dem Lager befreit - liebevolle Menschen.« Ihre Augen fragen: Wem sollten wir noch vertrauen, wenn nicht denen?

»Natürlich hat man sich über etliches geärgert, an solche Ereignisse kann ich mich erinnern, daß mancher Film verboten wurde, daß manches Buch bei uns nicht erschien. Man hat es hingenommen. Die seelischen Wunden aus dem KZ, die Demütigungen, diese Überlegung, was bist du eigentlich, bist du noch ein Mensch? Das ist eine Sache, die einem später im Leben immer zu schaffen macht, man ist unsicher, traut sich nicht so, schweigt.«

Kurt Goldstein, 77, sagt von sich, er habe drei Lasten durchs Leben geschleppt: Deutscher zu sein, Jude zu sein und Kommunist.

»Ich bin mit dem sogenannten Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald gekommen. Wir sind mit der Kolonne, in der ich war, am 17. Januar 1945 in Auschwitz abmarschiert. Etwa 3000 Mann. Es sind nicht ganz 500 in Buchenwald angekommen, 2500 sind unterwegs erschossen worden, erschlagen worden, von den Begleithunden zerrissen worden oder in den Transportwaggons erfroren.«

Goldstein spricht nicht leidend, sondern wie jemand, der durch häufiges Erzählen sein Leid verarbeitet hat.

»Unterwegs habe ich erfahren, daß die Kartothek in Auschwitz geblieben ist. Keiner wußte, wer wir sind. Und da habe ich mir gesagt, paß mal auf.« Die Erinnerung an die List läßt das süffisante Lächeln, das stets über seinem Gesicht liegt, breiter werden. »Jetzt warst du doch lange genug in Gefahr, in Auschwitz als deutscher Jude vergast zu werden, vielleicht geht''s als Franzose besser. Französisch spreche ich wie Deutsch, und ich habe mich also zum Franzosen gemacht, hab'' die Identität angegeben eines Bauern in Südfrankreich.«

Goldstein hatte in Frankreich, nach seiner Emigration aus Deutschland, 1933 in einem Vorbereitungslager zur jüdischen Besiedelung Palästinas gelebt, war dann nach Jerusalem gegangen, stieß von da aus zu den internationalen Brigaden in Spanien, fiel später in Frankreich in die Hände der Gestapo.

»Ich habe die Vorstellung gehabt, daß dieses Deutschland genauso aussehen sollte, wie wir das im Schwur von Buchenwald gesagt haben: Ein neues Land des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Ich habe die Vorstellung gehabt, daß wir dieses Land in einem breiten Bündnis aufbauen sollten.« Der Optimismus der frühen Jahre funkelt in seinen Augen. »Es müßte ein antifaschistisches, demokratisches, friedliebendes und freiheitliches Deutschland sein.«

Wie lange konnte man glauben, daß dieses Deutschland in der DDR aufgebaut würde? »Das ist nicht so einfach zu sagen.« Goldstein sucht nach Erinnerungen. »Die ersten Zweifel sind gekommen, als Anfang der fünfziger Jahre mein Freund Fritz Sperling verhaftet und als Feind bezeichnet wurde.« Er spricht zögernd, nicht so forsch wie bisher. »Von dem war ich nun zutiefst überzeugt, daß er ein guter Kommunist ist. Aber das war ein Einzelfall für mich.« Er macht eine wegwerfende Handbewegung. »Ich habe dann lange geglaubt, daß diese Maßnahmen, daß das Irrtümer wären, daß man das Hauptziel im Auge haben müßte.«

Das Ende des Krieges und den Neuanfang im Osten Deutschlands erlebten Ella Hein, 87, und Erna Junga, 79, ausgebombt auf dem Lande. Sie haben sich im Feierabendheim »Hermann Schwarz« kennengelernt, weil die Heimleitung sie ins selbe Zimmer gelegt hatte. Wenn die eine stirbt, das ist versprochen, darf die andere allein wohnen. Erna Jungas Mann ist im Krieg gefallen.

»Also, ich war evakuiert bei Bauern, und weil mein Mann tot war, wurde ich mit einem Mal Bauernmagd, obwohl ich nun nicht ''ne Kuh vom Ochsen unterscheiden konnte. Da wurde damals gesagt, die vier Staaten werden gemacht im Cecilienhof, und wir werden alle gleich behandelt. Die Bäuerin hat gesagt, nee, beim Russen nie. Und ich natürlich dagegen geredet, weil ich an Gerechtigkeit glaubte.« Sie sagt es erstaunt, nicht empört.

»Ich hab'' dann schnell gesehen, daß es drüben im Westen schneller ging als hier. In Spandau auf dem Wochenmarkt gab es schon bald wieder die ersten Henkeltöpfchen.« Erna Junga erzählt im beiläufigen Plauderton. Jetzt blickt sie streng. »Wir durften ja nicht mal erwähnen, einen Mann, der gefallen war. Das waren ja alles Kriegsverbrecher. Ich weiß noch, es war 1951, da kam mein Heimleiter, ich arbeitete inzwischen in einem Heim, der kam raus aus dem Kriegerhauptquartier der SED und sagte, also jetzt dürfen die Toten des Krieges erwähnt werden. Der war ganz freudig erregt. Ich sitze als Witwe daneben und hab'' den Mund nicht mehr zugekriegt.«

Erna Junga sitzt kerzengerade in ihrem Sessel, ordentlich bis in die Haarspitzen. Um so schnoddriger wirkt ihre Berliner Schnauze.

»Dieses Genesungsheim, das war früher ein Schloß, der Schloßherr ist von den Russen erschossen worden, da hatten sie ein Genesungsheim gemacht. Da war ich als Halbtagskraft.

Meine Tochter war inzwischen groß geworden, die sollte nun auf die Oberschule. Obwohl ich immer gesagt habe, dich nehmen sie ja nicht - wir sind ja Kategorie IV, weil mein Mann Beamter war, kein Arbeiter oder Bauer«, sie lächelt über diesen Unsinn, »haben die sie doch genommen.

Meine Tochter war vornean in der Erweiterten Oberschule, sehr aktiv in der FDJ und ist mit 18 schon in die Partei. Ich wurde auch mal angesprochen, aber dann hat der Heimleiter gesagt, also, jetzt nehmen wir keine Angestellten mehr an, denn es müssen mehr Arbeiter rein. Die wollten ja ihre 70 Prozent. Aber dich kann ich reinbringen.« Sie winkt ab. »Nee, sage ich, wenn ich da großartig gefördert werden muß, ich verzichte.«

Sind Sie wählen gegangen? »Ja, das hab'' ich immer gemacht. Also, die wären ja denn auch in meine Wohnung gekommen.« Ella Hein mischt sich ein. »Die letzten Jahre habe ich meine Mutter bei mir gehabt, die ist 92 geworden. Und da kamen sie sogar ins Haus, Muttern wählen zu lassen.« Mit der Urne? »Mit der Urne. War schon spät. So um halb sechs kamen sie an.« Sie raunt, macht die Wahlhelfer nach. »Ihre Mutter ist ja gar nicht wählen. Nee, meine Mutter ist doch bettlägerig. Dann hat Mutter den Zettel gefaltet, und dann schoben sie ab.«

Ella Hein hebt den Finger, legt ihr pfiffiges Gesicht in Falten. »Ich muß aber sagen, ich hab'' trotzdem im Cafe gesagt, was ich wollte. Und denn haben sie immer so pst! gemacht, ich hab'' gesagt, wieso, das ist die Wahrheit. Ich muß Glück gehabt haben, es hat nie einer am Nebentisch gesessen.«

Erna Junga lächelt still in sich hinein, als denke sie an glückliche Kindertage. »Ich wunderte mich, wenn jemand von unseren Kollegen Hochzeit hatte oder so eine Feier, dann gingen immer die Oberen zur Feier und immer ein bestimmter Kollege. Da wunderte ich mich drüber. Und nachher hörte ich, das ist ein Kollege der Staatssicherheit. ''ne Kollegin von uns heiratet den Kollegen der Staatssicherheit, und auf den, der mit mir kam, sollte ich aufpassen, denn wenn der trinkt, das war der Leiter der Rentenabteilung«, sie kichert wie ein junges Mädchen, »dann redet er kariert, was er nicht hätte dürfen. Sie trauten sich alle nicht, zu der Hochzeit zu gehen, waren ja fast alle Gäste von der Stasi. Ich hatte keine Schwierigkeiten, rechts und links von mir saß die Staatssicherheit. Der eine hat mir den Witz ins Ohr erzählt, der andere den, war ''n äußerst gemütlicher Abend.«

Gustav Just, 69, lernte die Staatssicherheit 1957 näher kennen, genauer gesagt am 8. März 1957. »Ich bin ja als Zeuge zum Prozeß gegangen, um Harich zu entlasten, um für meinen Freund Harich auszusagen. Als ich las, was man über Harich schrieb, war mir klar, das sind Lügen. Denn es stimmte überhaupt nicht, daß wir die Regierung stürzen wollten, wir wollten den Sozialismus demokratisieren. Wenn ich etwas geahnt hätte, ich hätt'' ja bloß ''ne S-Bahn-Station weiter fahren müssen, und mir wäre viel Leid erspart worden.«

Gustav Just war Redakteur bei der Wochenschrift Sonntag, die im Aufbau-Verlag erschien. Dort arbeitete Wolfgang Harich als Lektor. Er galt Mitte der fünfziger Jahre als klügster Kopf innerhalb der SED. Die Parteiführung verdächtigte ihn, Walter Janka und andere der Konterrevolution. Just wurde als Mitglied der »Harich-Gruppe« in den Zeugenstand gerufen.

»Nachdem ich mit meiner Aussage fertig war, in der ich ausgeführt hatte, daß wir nichts weiter wollten als den Sozialismus verbessern, brüllte mich der Staatsanwalt an: ,Sie werden verstehen, daß ich Sie jetzt verhaften lasse!''

Meine Reaktion war: Gibt''s denn so was! Man muß sich vorstellen, das war doch ein ganzes Jahr, nachdem Chruschtschow den Stalin und seine Prozesse verurteilt hatte. Da macht Ulbricht vorher keine Schauprozesse, aber plötzlich doch. Selbst hier hinkte die DDR hinterher. Dabei war der neue Kurs, der nach Stalins Tod auf sowjetischen Druck auch in der DDR eingeschlagen wurde, für mich die große Hoffnung. Ich weiß, wie weit der sowjetische Druck ging, weil ich selber in diese Kommission des Politbüros gewählt worden war, die diesen neuen Kurs auf die DDR anwenden sollte. Doch wenig später nahm Ulbricht uns beiseite und sagte kalt: Der neue Kurs ist beendet.«

Just spricht schnell, mit zusammengekniffenen Augen und jener bitteren Schärfe in der Stimme, die in der Zeit langen Schweigens gärt.

»Das war, damals 1956, würde ich auch heute noch sagen, die historische Chance in der DDR, die verspielt worden ist wie alle Chancen. Für Ulbricht war jeder Schritt zur Demokratisierung eine Konzession, ein Rückschritt. Er hatte diese ganz eindeutig stalinistische Vorstellung der Diktatur der Partei.

In der Folge kriegten wir dann dauernd Krach wegen unserer Artikel im Sonntag. Ulbricht machte ständig Becher Druck«, Johannes R. Becher war damals DDR-Kulturminister, »und der holte uns und sagte freundlich, ich sehe ein, es ist schwer in der Zeitung, und ich gebe euch einen Gehilfen bei, und der wartet schon draußen. Da kam Gysi rein und fuhr dann mit mir im Auto und hat mir erzählt, daß er eine Stunde lang bekniet worden sei von Becher, uns abzulösen. Das hat Gysi abgelehnt, nicht, um uns zu schonen, sondern um sich zu schonen, weil er genau wußte, sich jetzt ins Feuer zu stellen war gefährlich. So konnte er nämlich im Hintergrund bleiben, er las alle Seiten, machte so ''ne Art Zensor.«

Klaus Gysi beugt sich nach vorn, streicht sich unschuldig über die Hände. Er wirkt sehr westlich, man kann ihn sich eher in Paris als in Ost-Berlin vorstellen.

»Nein, ich war nicht in der Rolle des Zensors. Ich leitete den Verlag. Natürlich hatten wir viele Diskussionen über viele offene Fragen. In irgendeiner Form beteiligen Sie sich ja immer an der Gesellschaft, in der Sie leben. Nur der Eremit versucht, außerhalb der Gesellschaft zu leben. Sie können natürlich auch jeden Arbeiter fragen, was hast du denn gemacht. Du hast in der Rüstungsindustrie gearbeitet.«

Würden Sie sich heute wohler fühlen, wenn Sie zum System der DDR als Dissident beigetragen hätten?

»Ich glaube nicht. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.« Gysi lächelt maliziös. »Ich bin mit 16 Jahren in die kommunistische Arbeiterjugend gegangen. Für mich war das eine grundlegende, auch stark emotional geprägte Lebensentscheidung. Ich war mein halbes Leben lang Dissident - in der Weimarer Republik und im Nazi-Reich. Nun wollte und konnte ich mich endlich konstruktiv engagieren und tat es mit aller in vielen Jahren angestauten Leidenschaft.«

Er lehnt sich weit zurück, als wolle er Distanz gewinnen. »Die Parteiführung hatte sich damals auf folgendes Bild versteift: Der Aufbau-Verlag ist der politische Kern, von dem aus ein Mann, nämlich Janka, in die Führung und an die Spitze gebracht werden sollte. Die Sonntag-Redaktion mit Harich und Just spielte die Rolle des oppositionellen Petöfi-Klubs in Ungarn. Das heißt, es wurde eine Parallele zu den ungarischen Ereignissen gezogen, und eine ähnliche Entwicklung sollte unbedingt verhindert werden.«

In Ungarn waren kurz zuvor sowjetische Panzer gegen oppositionelle Kräfte vorgegangen. Die Prozesse gegen Harich, Janka, Just und andere sollten kritische Geister unter den DDR-Intellektuellen einschüchtern.

»Ich hatte keine anderen Informationen. Und ich habe während des Prozesses schon weitgehend geglaubt, daß es sich so abgespielt hat, so wie dort behauptet wurde. Harich hatte die Verbindung zum Ostbüro der SPD. Der Prozeß gegen Harich war reell. Bei Janka sicher viel weniger. Aber eines war mir ziemlich klar, daß der Prozeß ein Schauprozeß war.«

Harich wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, Janka zu fünf. Warum hat keiner gegen die Urteile protestiert? Gysi stöhnt gequält.

»Einer meiner Freunde, Bruno Haid, der damals stellvertretender Generalstaatsanwalt war, protestierte bei Walter Ulbricht dagegen, daß man einen Strafprozeß daraus machte. Man könne nur ein Parteiverfahren machen. Er fand sich wieder als Justitiar eines mittleren Betriebes irgendwo in der Provinz.«

Gustav Just wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Damit fand eine Parteikarriere ihr Ende, die vollkommen anders begonnen hatte als die von Gysi. Während der eine bereits als Jugendlicher zu den Kommunisten gestoßen war, dann während der Nazi-Zeit im Untergrund arbeitete, sogar dann noch, als die meisten kommunistischen Funktionäre bereits inhaftiert waren oder das Land verlassen hatten, zog der andere als Kriegsfreiwilliger an die Front.

»Ich war überzeugt, das ist meine nationale Pflicht als Deutscher. Das kann man eigentlich nur verstehen aus diesem Geist der Bündischen Jugend, diesem starken Nationalgefühl bis hin zum Nationalismus.« Just scheint dieses Bekenntnis überhaupt nicht peinlich. »Die Idee, nationaler Sozialismus, das hat mich durchaus angesprochen. Die Möglichkeit für Arbeiterkinder zu studieren oder daß Arbeiter eben auch Offiziere wurden ohne Schwierigkeiten, daß dieser Klassendünkel wegfiel, das fand ich gut.«

Just versucht, seine Stimme beiläufig klingen zu lassen. »Ich habe gewußt, daß es KZs gibt, aber was darin vorging, da hatte ich keine Ahnung. Bei uns im Sudetenland waren die Juden schon alle weg, als wir ''38 zu Deutschland kamen. Die böhmisch-deutschen Juden hatten ja das große Glück, daß sie beizeiten sahen, was kommt. Die waren alle weg, davon habe ich nichts mitbekommen.

»Im Krieg selbst wußten wir natürlich schon, daß wir auf einem falschen Dampfer sitzen, aber eine Möglichkeit zum Überlaufen, die sah ich nie, das war einfach nicht drin.« Seine Stimme klingt fest, duldet keinen Widerspruch. »Es war so ''ne Kameraderie, das war nicht drin.

Und danach, da war erst mal das große Schuldgefühl, daß man auf dieser falschen Seite gekämpft hatte. Ich persönlich hatte eine riesige Hochachtung vor all denen, die den Faschismus bekämpft hatten. Nie wäre mir der Gedanke gekommen, Kritik zu üben an dem, was in der Stalinzeit geschehen war, das wußte man ja auch nicht. Ich kam ''46 im Juni in die damalige sowjetische Zone, und für mich war ganz klar, in die SED einzutreten, das war die Partei, die den Antifaschismus am klarsten vertrat.«

Wenn Klaus Gysi über die Jahre nach ''45 spricht, richtet er sich unwillkürlich auf, man spürt das gute Gewissen, das ihm diese Zeit bereitet.

»Nach der Befreiung 1945 wurden die Werte des Antifaschismus bei uns zunächst voll eingebracht. Sie können das verfolgen in der Entwicklung der Buchproduktion, zwischen der DDR und der BRD gab es in den ersten Jahren entscheidende Unterschiede. Wir haben sofort die antifaschistische Literatur veröffentlicht, begonnen mit Anna Seghers'' ,Das siebte Kreuz'', mit 500 000 Exemplaren erst mal. Und gleichzeitig kam die ganze Skala bis Thomas Mann und vielen anderen zur Geltung.«

Gysi spricht jetzt noch schneller als gewohnt, es klingt wie oft gesagt.

»Die BRD schloß mehr an die anglo-amerikanische Literatur an, ging nicht etwa auf die großen Autoren der Weimarer Republik zurück, die im Ausland die Entwicklung des literarischen Antifaschismus mitgeprägt hatten. Kaum einer von ihnen ist wieder heimisch geworden in der Bundesrepublik, auch nicht literarisch.

Ich habe also 1945 die Auffassung vertreten, daß es in unserer neuen Ordnung keinen Widerspruch mehr zwischen Geist und Macht geben würde. Das war ein großer Irrtum.«

Das zuletzt amtierende Politbüro war ja wohl eher eine Vereinigung von Dummheit und Macht.

»Ich würde auf keinen Fall sagen, Dummheit, ich würde sagen, charakteristisch war eigentlich bei den meisten eine kulturelle Abstinenz. Also, vielleicht einzelne werden im Jahr ein belletristisches Buch gelesen haben.« Gysi amüsiert sich. »Alle haben Fernsehen geguckt. Theater war schon ganz weg - im Gegensatz zur alten Generation in unserer Arbeiterbewegung. Pieck immerhin ging in jede Premiere, der war ein begeisterter Theatergänger, und selbst Ulbricht ging auch noch bei wichtigen Sachen ins Theater, wenn auch schon mehr der Konvention zuliebe.«

Der Macht entwich der Geist, dem Geist fehlte die Macht. Und auch der Mut?

»Man muß den politischen und internationalen Gesamtkomplex sehen, in dem sich alles abspielte. Von dem Moment an, wo mit der amerikanischen Bombe der Nuklearkrieg zu einer realen Gefahr wurde, ging plötzlich alles unter einem ungeheuren Druck vonstatten, der auch ganz objektiv aus der Angst kam. Zweitens entbrannte nun voll der Kalte Krieg, über alle Medien.«

Gysis Augenbrauen, stets leicht gehoben, erreichen bedenkliche Höhen. »Wissen Sie, diese antifaschistischen Blumen haben empfindliche Blüten. Plötzlich hatte vieles keine Priorität mehr, das vorher galt. Wer überzeugt war, daß hier die konsequente Friedenspolitik gemacht wurde, für den rückte alles andere an die zweite Stelle. Außerdem konnte die Intelligenz, wie alle anderen, immer nur Einzelfälle sehen. Sie können doch nicht rückblickend die Intelligenz mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute ausstatten und sie so vorwurfsvoll ausfragen nach ihrer Haltung. Eine Diktatur muß man verhindern, bevor sie da ist. Das ist meine Lebenserfahrung.«

Wann konnte man die Diktatur in der DDR noch verhindern?

»Diese Frage ist kaum zu beantworten.« Gysi wirkt müde ob der lästig »unhistorischen« Fragen. »Es gab da eine große Schwierigkeit. Die alliierte Besatzung, für uns die sowjetische, war ja 1949 nicht zu Ende. Und sie war durchaus recht dirigistisch. Vor allen Dingen befand sich natürlich die Führungsgruppe unserer Partei durch ihre innere Haltung, durch ihre feste Überzeugung, in einer starken Abhängigkeit von Moskau.«

Gustav Justs Stimme hat an Schärfe gewonnen, anklagend. »Es ist eine typisch deutsche Erscheinung, daß die Intelligenz Mut vor Königsthronen selten gezeigt hat. Das ist schon im 19. Jahrhundert nicht viel anders gewesen. Ich sehe einen großen Unterschied zu den Tschechen, dort hat die Intelligenz, vor allem in den breiten Schichten der Lehrer und Journalisten, immer eine immense Rolle gespielt bei allen gesellschaftlichen Veränderungen.«

Seine Stimme wird versöhnlicher. »Brecht zum Beispiel war ein absoluter Gegner dieser stalinistischen Entfaltung des Sozialismus. Es müssen in seinem Nachlaß eine Reihe sehr scharfer Gedichte zu jenen Zeiten sein. Er sagte mir damals, als ich sie veröffentlichen wollte, nein, die gehen noch nicht, die sind noch zu scharf. Und: Brecht hat sich nie für Leute eingesetzt, die in Schwierigkeiten waren. Er war in dem Sinne ein Autist sondergleichen.«

Just spricht nun leise, sinnierend, wie zu sich selbst.

»Im Gefängnis hatte ich ja Zeit zum Nachdenken. Ich lag da mit einem polnischen Häftling zusammen, der sich darüber wunderte, daß ich nicht rechtzeitig abgehauen war. Der sagte, du hättest mindestens 20 Jahre wegen Dummheit kriegen müssen. Irgendwo hat er recht, denn ich war so fest überzeugt von der Richtigkeit unserer Reformideen Mitte der fünfziger Jahre, ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, daß diese Reformideen nicht von allen geteilt werden könnten.« Er staunt noch heute über seine eigene Naivität.

»Diese Abrechnung mit Stalin war doch ein Schock für viele, aber ein riesiger Aufbruch für noch mehr, gerade für die jüngeren Leute, die sich nicht dafür zu schämen brauchten, daß sie die Moskauer Prozesse verteidigt hatten wie Janka und andere.« Wütend. »Für die Altkommunisten wie Gysi war es ja doppelt schmerzlich. Ich würde gern mal wissen, wie sie in Moskau, aber auch in der anderen Emigration, mit Genossen umgegangen sind, die 1938 schon sagten, das sind Verbrechen.«

In den stalinistischen Säuberungen dieser Jahre sind etwa eine Million sowjetischer Kommunisten umgebracht worden, darunter das gesamte Führungskorps der Revolutionszeit. Auch ausländische Kommunisten, die in der Sowjetunion Asyl gesucht hatten, wurden verhaftet und getötet, so zwei Drittel der aus Nazideutschland geflüchteten Emigranten. Ungefähr 1000 deutsche Asylanten, darunter viele Kommunisten, wurden der Gestapo ausgeliefert.

»Ich hab'' mich in der Haft immer gefragt, wie können denn Leute, die selber jahrelang wegen ihrer Überzeugung im Gefängnis gesessen haben, wieder Leute einsperren, die wissen doch, wie das ist.« Justs Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. »Zu Weihnachten ließen die uns immer Päckchen an unsere Familien schicken, um uns zu quälen. Wie muß das auf die Familie draußen wirken, die zu Weihnachten kein Paket schicken darf, aber aus dem Gefängnis ein Paket mit Pralinen und ''ner Puppe für die Tochter kriegt. Das war eine Perversität sondergleichen.«

Im November 1960 wurde Just entlassen. »Ich hatte mit diesem Regime nichts mehr am Hut, also hier den Frieden machen mit denen, das war nicht drin. Aber rüber wollte ich trotzdem nicht. Mein Vater todkrank im Krankenhaus und die Familie hier. Dann kam dazu dieser Gedanke, wenn ich drüben bin, werde ich als Antikommunist vereinnahmt.«

Just zog sich aufs Land zurück, in ein Dorf in der Nähe von Wandlitz, und arbeitete fortan als Übersetzer. Andere, die mit ihm gesessen hatten, engagierten sich wieder in der SED.

»Ich kann die nicht verstehen, für mich sind das Menschen vom anderen Stern. Es sind ja Tausende, die unter Stalin in den Lagern waren, die nachher zurückgekommen sind, und dann hier zum ZK gegangen sind und gesagt haben: Genossen, was kann ich für die Partei tun! Ihr Problem, auch das von Janka, ist ja: Die müßten ihr ganzes Leben wegwerfen, wenn sie abgingen vom Kommunismus.« *HINWEIS: Im nächsten Heft »Die Stasi war lächerlich« - Brecht und Stalin - »Wenn du in die DDR gehst, hörst du auf, ein politischer Mensch zu sein« - Der Mauerbau - »Gorbatschow ist der Totengräber des Kommunismus« - Der Anschluß - »Anders leben als Graf Lambsdorff«

* Peter Bordihn: »Bittere Jahre am Polarkreis«. LinksDruck Verlag,Berlin; 128 Seiten; 19,80 Mark.

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