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»Das beste Land der Erde«

Eine Jugendsünde trübt die Siegesgewissheit des Kandidaten George W. Bush.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Wenn heute Freitag ist, dann sind wir morgen höchstwahrscheinlich in Florida oder vielleicht in Wisconsin.« Es sind nur noch wenige Tage bis zum Wahltermin am 7. November, und Megan Moran verliert bisweilen die Übersicht. Längst hat sich die Logistikexpertin aus dem Stab von George W. Bush den Terminplan um den Hals gehängt. Auf bierdeckelgroßen Karten sind die sich ständig ändernden Wahlkampfziele des Kandidaten verzeichnet - Montag: New Mexico, Dienstag: Kalifornien und Oregon, Mittwoch: Washington, Minnesota, Iowa. Dann ein Abstecher nach Michigan und West Virginia, und das Wochenende gipfelt in einem hektischen Zickzack durch ein halbes Dutzend weiterer US-Bundesstaaten.

Der Countdown zur Wahl ist ein beinhartes Marathon durch die besonders umkämpften Staaten. Die atemlose Jagd durch die USA soll die Parteiaktivisten mobilisieren, unentschiedene Wähler umwerben und vor allem eine Aura von Siegesgewissheit verbreiten.

Doch das fällt dem Texas-Gouverneur plötzlich sehr schwer, seit er am vorigen Donnerstag von der eigenen Vergangenheit eingeholt wurde: An einem Wochenende vor 24 Jahren, so berichteten Fernsehsender aus Maine, habe der damals 30-Jährige betrunken am Steuer eines Autos gesessen. Bush junior, damals noch in seiner Playboyphase, musste 150 Dollar Strafe zahlen und vorübergehend den Führerschein abgeben.

Zwar hat der Kandidat längst eingeräumt, er habe »wilde Wanderjahre« hinter sich. Doch sofort tauchten wieder die alten Gerüchte auf, der Präsidentensohn habe einst auch mit härteren Drogen experimentiert - Kokain vor allem. Fast flehentlich beschwört Bush die Medien, ihm doch jetzt nicht noch in allerletzter Minute alles zu versauen: »Ich habe meine Vergangenheit nie verheimlicht.«

Vergebens. Als sei der Golfkrieg neu ausgebrochen, verbreitete der Nachrichtensender CNN im Viertelstundentakt die Spitzenmeldung von dem jahrzehntelang verheimlichten Alkoholvergehen des Republikaners. Und nur drei Tage vor der Wahl füllten die Wochenendzeitungen ihre Titelseiten mit dem Fehltritt jenes Kandidaten, der seinen demokratischen Gegner monatelang vor allem mangelnder Glaubwürdigkeit geziehen hatte.

Entsprechend schlecht ist die Stimmung an Bord des gecharterten Bush-Jets mit dem Logo »Victory 2000«. Die ausgelassene Partyatmosphäre der vergangenen Monate hat der Angst Platz gemacht, den bereits sicher geglaubten Sieg auf den letzten Metern noch zu verspielen.

Der Kandidat meidet den persönlichen Kontakt zu mitreisenden Journalisten - jeder unüberlegte Satz könnte ein fatales Echo erzeugen. Als Publikum bei den Wahlkampfauftritten kommen nur noch handverlesene Fans in Frage.

So wird auch der Auftritt vor republikanischen Getreuen im State Fair Park von West Allis (Wisconsin) zum Heimspiel. Der Gouverneur arbeitet sich tapfer durch seinen Themenkatalog: »Mehr Sorge für unsere Senioren«, »das Militär stärken«, »kein Kind zurücklassen«, »Gesundheitsreform für alle«. Keine überflüssigen Details, lieber herzerwärmende Appelle an die Seele Amerikas: »Unsere Nation ist großartig, das beste Land auf dem Antlitz der Erde.«

Bush hat gelernt, sein Publikum zu bezirzen. Längst ist er nicht mehr der ewig grinsende, leicht unbedarfte Kandidat. An seinem mangelnden Artikulationsvermögen hat er hart gearbeitet.

Zuweilen ist dem Kandidaten trotz aller Sorgen die Freude anzusehen, mit der er die rhetorischen Vorlagen seiner Redenschreiber zielgenau platziert: »Wenn Al Gore das Internet erfunden hat«, höhnt George W. über eine Prahlerei des Vizepräsidenten, »warum fangen dann die Web-Adressen stets mit www an?«

Der Gag zieht immer. Zwar verspricht der »mitfühlende Konservative« (Bush über Bush) »nach Washington zu gehen und dort den parteilichen Grabenkrieg, Zwist, Beschimpfungen und alle Scheußlichkeit zu beenden«, doch er kann auch kräftig unter die Gürtellinie schlagen.

Bush, der eben noch mit treuem Augenaufschlag für einen »neuen Stil und zivilisierten Umgang miteinander« plädierte, erinnert seine Zuhörer an die Abgründe der Monica-Lewinsky-Affäre, ohne Clinton und dessen wiederholte Eskapaden direkt zu erwähnen: »Wir brauchen einen Führer im Weißen Haus, der weiß, was Verantwortung bedeutet.«

So ist sein Stab allen Enthüllungen zum Trotz zufrieden. »Der Gouverneur ist in Hochform, wir sind auf dem Weg zur Präsidentschaft«, sagt Kommunikationschefin Karen Hughes.

Und Megan Moran weiß inzwischen auch, wo die Wahlkampfkarawane am Montag vor dem Urnengang enden wird: »In Austin, Texas - rechtzeitig zur Siegesfeier«. STEFAN SIMONS

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