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CHILE »Das Blut kocht«

aus DER SPIEGEL 47/1998

Lucía Pinochet Hiriart, 54, älteste Tochter des Ex-Diktators, ist Leiterin der Nationalen Kulturstiftung in Santiago.

SPIEGEL: Warum ist Ihr Vater nach England zur Operation gereist, obwohl in Europa Verfahren gegen ihn laufen?

Pinochet: Er ist nicht nach London geflogen, um sich operieren zu lassen, sondern als Senator und Mitglied des Verteidigungsausschusses auf Einladung der britischen Waffenfirma Royal Ordnance, wie jedes Jahr. Allerdings ging es ihm schon seit einem Jahr schlecht. Während des langen Flugs hat sich sein Gesundheitszustand verschlimmert. In London ging es ihm so schlecht, daß der Arzt die sofortige Operation empfahl.

SPIEGEL: Haben Sie vor der Abreise keine Rechtsexperten konsultiert?

Pinochet: Unser Botschafter hat eine Woche vor der Abreise mündlich das Foreign Office in London informiert, wie jedes Jahr. Mein Vater vertraute darauf, daß die Engländer Caballeros sind und sich an ihr Wort halten. Aber heute ist Europa in den Händen der Sozialisten, die wollen sich an ihm rächen.

SPIEGEL: Welche Folgen hätte die Auslieferung Ihres Vaters an Spanien?

Pinochet: Chile war auf dem Weg zur Versöhnung, das ist jetzt gefährdet. Auf beiden Seiten kocht das Blut. Die Freunde meines Vaters sind wütend und bereit, auf die Straße zu gehen.

SPIEGEL: Ihr Vater ist für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.

Pinochet: Opfer gab es auf beiden Seiten. Wir hatten hier einen Untergrundkrieg. Aber mein Vater hat nie jemanden umbringen lassen.

SPIEGEL: Fidel Castro hat die Festnahme kritisiert.

Pinochet: Er ist ein intelligenter Mensch und weiß, daß dies ein Präzedenzfall ist, der Probleme für viele Herrscher bringen kann. Vergessen Sie nicht, daß Chile auch den ostdeutschen Diktator Erich Honecker aufgenommen hat.

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