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»Das Chaos war gewaltig«

aus DER SPIEGEL 14/1992

Der sportliche junge Mann, der daheim in Deutschland bereits sein Physiker-Diplom gemacht hat und jetzt Wirtschaftswissenschaften an der Washington University in St. Louis am Mississippi studiert, ist psychisch nicht gut drauf.

Seit ein paar Monaten schon paukt Werner Stiller erfolgreich amerikanisches Banken- und Aktienrecht. Doch er darf nicht mal unter Freunden seinen wahren Namen nennen und kein Wort über seine abenteuerliche Vergangenheit verlieren.

Stiller schläft schlecht und träumt von Erich Mielke, dem Chef im fernen Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Südstaaten-Küche schlägt ihm auf den Magen. Er leidet unter der Schwüle, die sich in den Sommermonaten wie eine Dunstglocke über die triste Stadt am Strom stülpt.

Und immer häufiger plagt Heimweh den angel-sächselnden 33jährigen, der unter seinen US-Kommilitonen als Unikum gilt.

An diesem Wochenende, im Juni 1981, setzt Stiller sich ans Steuer seines japanischen Sapporo-Wagens und fährt schnurstracks Richtung Norden. Unterwegs wirft er ein paar Kassetten der »Deutschen Hitparade« mit Heino ein, die Freunde aus München ihm gerade geschickt haben. Nach knapp 500 Kilometern ist Stiller am Ziel - dem Airport von Chicago.

Die Fünf-Stunden-Tour hat Stiller auf sich genommen, um Flugzeuge der Lufthansa auf dem Rollfeld zu betrachten - auf diese Weise rückt ihm das einstweilen unerreichbare Deutschland ein wenig näher, das macht ihn »unheimlich glücklich«.

Für einige Stunden kann Stiller seine Schwermut verdrängen - und die selbstquälerischen Fragen nach der eigenen Identität. Danach muß er wieder abtauchen in die Stadt (450 000 Einwohner) am rechten Ufer des Mississippi. Er wird sich weiterhin darauf konzentrieren, keine auffälligen Spuren zu hinterlassen - womöglich lebenslang.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) und der US-Geheimdienst _(* Am 18. März, mit seinem alten, vom BND ) _(erhaltenen Reisepaß. ) Central Intelligence Agency (CIA) sorgen umsichtig für die Sicherheit ihrer »very important person«. Sie haben Stiller nach St. Louis verfrachtet und mit einer perfekten Legende ausgestattet: Deckname, deutscher Reisepaß Nr. G 4118163, Geburtsort: Budapest, Wohnort: Frankfurt am Main.

Auch an eine Geburtsurkunde, ausgestellt im »Standesamt I in Berlin (West)«, Nr. 3271/1980, haben die Geheimdienstler gedacht - alles ganz echt mit Stempel und Unterschrift. Und doch sind das alles originale Falsifikate, mit denen Stiller seine neue Identität aufbauen soll.

Zusätzlich hat Stiller noch eine Art schriftlichen Lebenslauf von seinen amerikanischen Freunden erhalten. Der soll seine neue Vergangenheit lückenlos dokumentieren.

Stiller weiß, daß ein kleiner Fehler, eine falsche Freundschaft oder auch nur Leichtsinn ihn in Lebensgefahr bringen kann. Denn seine Verfolger, die jahrelang seine Kollegen waren, verstehen mit Verrätern keinen Spaß: Die Agenten von Erich Mielkes Stasi und deren östlichen Bruderorganisationen jagen weltweit den einstigen MfS-Oberleutnant Werner Stiller, der am 18. Januar 1979 in den Westen geflohen war.

Damals schleppte der wohl wichtigste Überläufer des MfS zahlreiche Geheimakten und verfilmtes Material aus der Spionagezentrale der DDR zum BND. Stiller enttarnte mehr als ein Dutzend Spione der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Westen und fügte so dem seinerzeit noch legendären HVA-Chef Markus Wolf die schlimmste Schlappe in dessen fast 30 Jahre währender Geheimdienstzeit zu.

In den ersten 14 Tagen nach Stillers Frontwechsel, so erzählte Wolf jüngst bei einem Zusammentreffen mit dem früheren Verfassungsschutzchef Heribert Hellenbroich, habe sein Stuhl in der Normannenstraße gewaltig gewackelt. Laut Hellenbroich, der nach der Wende schon öfter mit Wolf gesprochen hat, räumte der ehemalige DDR-Spionagechef ein: »In der Anfangszeit war ich überhaupt nicht sicher, ob ich das überstehe.«

Auch Wolfs Amtsnachfolger Generaloberst Werner Großmann, 63, der von 1987 bis zum Ende der HVA den DDR-Spionagedienst anführte, sagt rückblickend, Stillers Abgang sei vom MfS und in der HVA als »ungeheure Niederlage« empfunden worden. Minister Mielke und dessen Umfeld hätten nur noch von den »Blöden von der Aufklärung« getönt. Der MfS-Chef sei besonders sauer gewesen, weil damals Schriftstücke mit seiner Unterschrift zum Gegner gelangt seien.

Zwar habe es gegen Stiller kein förmliches Verfahren in Abwesenheit mit Todesurteil gegeben, erinnert sich Großmann. Der Ex-General läßt aber keinen Zweifel daran, daß es tödlich ausgegangen wäre, »wenn wir ihn mal geschnappt hätten«. Großmann: »Wir haben bis zum Schluß nicht gewußt, wo er ist und was er tut.«

Das haben die ausgebufften Geheimdienstprofis vom MfS, die das 17-Millionen-Volk der DDR jahrzehntelang überwachten und unterdrückten, bei Stiller offenbar nie so genau gewußt. Andernfalls hätte es kaum zu Stillers steiler Offizierskarriere an der »unsichtbaren Front« und seinem spektakulären Aufstieg zum DDR-Staatsfeind Nummer eins kommen können.

Die »revolutionäre Wachsamkeit«, die Mielke und andere SED-Größen stets predigten, weil sie sich fortwährend vom Klassenfeind umzingelt wähnten, scheint im Fall Stiller von Anfang an pausiert zu haben.

Zwar ist der Schüler und Junge Pionier Werner aus dem sächsisch-anhaltischen Weßmar in der Elsteraue ideologisch gefestigt und gibt, zum Entsetzen zahlreicher Eltern, die Parole aus: »Wer nicht zur Jugendweihe geht, wird erschossen!« Doch schon als kesser Funktionär der Freien Deutschen Jugend (FDJ) interessiert Stiller sich mehr für stramme Blauhemden-Mädchen als für schlaffe rote Socken.

An der Leipziger Karl-Marx-Universität beginnt Stiller 1966 ein Physik-Studium, ein Jahr später wird er, gegen das Votum einiger Kritiker, in die SED aufgenommen. Und bei einer guten Freundin, Tochter eines höheren SED-Funktionärs, liest der Student nun »regelmäßig den SPIEGEL«. Stiller: »Dabei wurde mir die Relativität vieler Dinge bewußt, die mir bislang als absolute Wahrheit erschienen waren.«

Einen »schweren Schlag« bekommt Stillers politisches Weltbild 1968, als Warschauer-Pakt-Truppen mit ihrem Einmarsch in die CSSR den »Prager Frühling« mit Gewalt beenden. »Der Riß«, so Stiller heute, »blieb irreparabel.«

Gleichwohl läßt sich Stiller 1970 vom MfS anwerben - mit der ihn elektrisierenden Aussicht, er könne als »sozialistischer Kundschafter« ins westliche Ausland geschickt werden. Das Angebot ist für ihn überaus »verlockend, der DDR wenigstens zeitweilig oder auch endgültig den Rücken kehren zu können«.

Doch im selben Jahr heiratet Stiller - und macht damit, da ist die Stasi streng, auf Jahre seinen geplanten West-Einsatz zunichte. Er hat sich als Student bei seinem Kellner-Nebenjob auf der Leipziger Messe in die temperamentvolle Ungarin Erzsebet, 20, verliebt, die mit einer Delegation aus Budapest angereist war. Mit ihr, so die Stasi unmißverständlich, könne Stiller nicht als Spion in den Westen übergesiedelt werden.

Die Frau, die nach Stillers Flucht mit zwei Kindern in der DDR zurückbleiben und von der Stasi schikaniert werden wird, sagt noch heute: »Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir haben eine sehr gute Ehe geführt.«

Stiller unterschreibt am 6. Dezember 1970 seine »Verpflichtungserklärung« als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi und erklärt sich damit »bereit, alle mir übertragenen Aufgaben ehrlich, gewissenhaft und mit ganzen Kräften zu erfüllen«. Erst wählt er den Decknamen »Stahlmann«, dann benutzt er den Alias-Namen »Schilling« und übt sich in Konspiration, Kontaktanbahnung und Ausspähung von Westbesuchern.

Nach seinem Diplom in Leipzig übersiedelt Stiller nach Ost-Berlin. Er bekommt durch das MfS einen Job in der Physikalischen Gesellschaft der DDR, in der schon zahlreiche Wissenschaftler mit Stasi-Nebentätigkeit agieren.

Am 1. August 1972 beginnt der schnell lernende Stiller seine Tätigkeit als hauptamtlicher Mitarbeiter in der HVA von Markus Wolf. Auf Weisung des Mielke-Stellvertreters ist die HVA, der zuletzt rund 5000 Mitarbeiter angehören, streng hierachisch in Abteilungen, Arbeitsgruppen und Referate gegliedert.

Untereinander sind die einzelnen Sektoren und Fachgruppen - perfekte Konspiration auch nach innen - streng voneinander abgeschottet, denn »auch der beste Kampfgefährte darf nur das wissen, was er für seine Aufgaben benötigt« (Wolf).

So wird von einer Abteilung ausschließlich der Staatsapparat der Bundesrepublik ausgeforscht, von einer anderen die politischen Parteien und Organisationen. Eine Abteilung spioniert über offizielle Kontakte gen Westen, eine weitere hat die Hardthöhe und die Nato fest im Blick.

Die HVA ist aber auch, was Wolf bis heute nur punktuell einräumen mag, wichtiger Teil des inneren Repressionsapparates des MfS. So wirbt die HVA reihenweise Inoffizielle Mitarbeiter vor allem an Universitäten und Hochschulen der DDR, aber auch unter Künstlern und Betriebsleitern.

»Wir profitierten von dem, was die Bereiche der Abwehr taten«, schreiben die Ex-HVA-Offiziere Peter Richter und Klaus Rösler in ihrem jüngst erschienenen »Insider-Report"*: »Wir hatten Zugang zu den Erkenntnissen der Abwehr-Diensteinheiten und nutzten natürlich diese Möglichkeit für unsere operative Arbeit. Und wir revanchierten uns dafür, indem wir geeignete Informationen der Abwehr übergaben.«

So wird auch Stiller am Ende rund 50 Agenten führen, von denen mehr als 40 in der DDR wohnen und ihre Kollegen und Nachbarn ausforschen. »Das MfS nutzte wirklich alle möglichen Motive, um die Leute für sich arbeiten zu lassen«, sagt Stiller, »Geldgier, Schuldkomplexe, Sex, Abenteuerlust, Erpressung, familiäre Bindungen.«

Zum ersten Mal sitzt Stiller im August 1972 in der riesigen, streng bewachten _(* Peter Richter/Klaus Rösler: »Wolfs ) _(West-Spione. Ein Insider-Report«. ) _(Elefanten Press, Berlin; 190 Seiten; ) _(24,60 Mark. ) Machtzentrale des MfS an der Ost-Berliner Normannenstraße. Ab sofort ist er Offizier des Referats I der Abteilung XIII des Sektors Wissenschaft und Technik (SWT) innerhalb der HVA.

Der SWT konzentriert seine Spionagetätigkeit auf wissenschaftlich-technisches Material; Spezialgebiete der Abteilung XIII sind die Grundlagenforschungen in Physik, Chemie und Biologie. Das Referat I, dem Stiller zugeteilt ist, befaßt sich mit Physik, insbesondere mit der Atomphysik.

Der Einstieg in die HVA ist wirtschaftlich ein Aufstieg für die inzwischen dreiköpfige Familie. Als Physiker hat Stiller 637 Mark nach Hause gebracht, nun sind es 1157 Mark netto. Sein Endgehalt bei der Stasi wird sogar bei rund 1800 Mark liegen, mehr als doppelt so hoch wie das eines DDR-Normalbürgers.

Die Familie Stiller lebt zunächst in einer dunklen Zwei-Raum-Wohnung in der Immanuelkirchstraße 35, zweiter Hinterhof, Parterre, im Gebiet Prenzlauer Berg; heute unterhält dort die Organisation Volkssolidarität, die aus SED-Zeiten übriggeblieben ist und sich mit Altenbetreuung befaßt, ein Büro. Vor dem vergitterten Schlafzimmerfenster mit Blick auf eine riesige Brandmauer pflanzte Frau Stiller damals Blumen und Radieschen. _(* Berlin-Johannisthal, Sterndamm 34. )

Ein paar Ecken weiter, Marienburger Straße 5, vierte Etage, Hinterhaus, bekommt Stiller eine »konspirative Wohnung« von der HVA angewiesen, Deckname »Burg«. Hier trifft er sich fortan mit den von ihm geführten Agenten - und bald auch mit Kontaktpersonen vom westdeutschen BND.

In der modern eingerichteten, rund 30 Quadratmeter großen »Burg« wird Stiller, BND-Kennziffer 648, jahrelang auch mit einem Kurzwellenradio auf 3,7 und 4,1 Megaherz die mit Zahlenkolonnen verschlüsselten BND-Funksprüche an ihn aufnehmen und entziffern. Sein Doppelagenten-Werkzeug verbirgt er in einem Hohlraum in der Küchendecke.

Heute ziert ein Autonomen-Aufkleber die Wohnungstür der Ex-»Burg": Die Hamburger »Hafenstraße bleibt«. Daneben ein Plakat: »Ich habe keine Angst vor dem Teufel, denn der ist rot.«

Zwei Jahre nach Dienstantritt darf die Familie Stiller in eine etwas komfortablere Wohnung im Berliner Stadtteil Johannisthal, Sterndamm 34, umziehen. Der Wohnblock ist Mitarbeitern des MfS vorbehalten; zum Teil leben sie noch immer dort.

Da gibt es eine Nachbarin, die Gespräche von nebenan belauscht - sie bedient sich, um die Geräusche besser zu hören, eines Kochtopfs, den sie an die Wand preßt. Hier aber finden die Stillers auch Freunde, mit denen sie gemeinsam feiern, oder, wie mit dem MfS-Grenzer Günther Liebchen und dessen Frau Regina, die Ferien im Ostseebad Prerow verbringen.

Am FKK-Strand der Ostseehalbinsel Fischland, wo einst Nazi-Größen und später SED-Bonzen ihre Datschen pflegten, »hatten wir«, erinnert sich Liebchen, 50, »ungeheuer viel Spaß«. Stiller-Nachbar Liebchen, der an dem Berliner Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße Dienst schob und es beim MfS bis zum Hauptmann brachte: »Der Werner holte Schnitzel für uns alle und das Neue Deutschland an den Strand und sagte: ,So, dann wollen wir mal sehen, ob wir noch an der Macht sind.''«

Nach Stillers Flucht wird die Stasi den ganzen Wohnblock auf den Kopf stellen. Liebchen: »Das Chaos danach war gewaltig.« Nachbarn werden stundenlang verhört, einige müssen ausziehen, Frau Stiller wird abgeholt.

Davor hat sich Stiller jahrelang »als Zweihundertprozentiger« (Liebchen) aufgeführt. Er bemüht sich eifrig, alle Tricks und Schliche des Geheimdienst-Milieus möglichst rasch kennenzulernen. Er besucht die verschwiegene HVA-Schule nahe dem brandenburgischen Städtchen Belzig, die als »Zentralschule der Gesellschaft für Sport und Technik« getarnt ist. Dort wird Marxismus-Leninismus gepaukt und den Schülern das Kundschafter-Handwerk eingebleut. Stiller absolviert den Kurs mit einer »glatten Eins«.

Der junge Offizier wirbt nun seine ersten Agenten an, vor allem Wissenschaftler und Studenten seines Fachbereichs in der DDR. Sein erster Inoffizieller Mitarbeiter wird ein FDJ-Funktionär an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), den Stiller als »Sekretär« führt - ein Deckname, unter dem eine andere Stasi-Abteilung damals schon Akten über den DDR-Kirchenjuristen und heutigen Ministerpräsidenten von Brandenburg, Manfred Stolpe (SPD), anhäuft.

Während der »Weltfestspiele der Jugend und Studenten« 1973 in Ost-Berlin wird Stiller mit insgesamt 50 Kollegen vorübergehend zum Personenschutz für den Palästinenserführer Jassir Arafat abkommandiert. Andere Spionage-Offiziere werden, damit die Wolf-Truppe nicht übermütig wird, von Mielke zur allgemeinen Überwachung eingeteilt. Stiller: »Da wurden HVA-Leute, die schon 30 oder 40 Jahre alt waren, in Blauhemden gesteckt und unters Volk gemischt.«

Schon 1973 bekommt Stiller seinen ersten West-Partner von einem Kollegen übergeben: Rolf Dobbertin, damals 38, Deckname »Sperber«. Der Physiker aus Rostock war 1956 von der HVA übergesiedelt worden, studierte auf Kosten des MfS in Paris erfolgreich zu Ende. Danach floß schon bald »der Strom an Forschungsberichten sowie unveröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten reichlich« (Stiller).

Dobbertin wird nach Stillers Flucht in Frankreich verhaftet und in einem ersten Urteil zu zwölf Jahren Haft verurteilt werden. Fünf Jahre lang hat »Sperber« in französischen Gefängnissen verbracht, bevor er 1991 in einem weiteren Prozeß freigesprochen wird.

Der Freispruch erging, weil das Gericht den Wert der Dobbertin-Lieferungen - nach dem Verschwinden der DDR - gering einschätzte. Zudem fehlte im Gerichtssaal der Kronzeuge: Stiller dürfe nicht kommen und müsse weiterhin im verborgenen bleiben, ließ der BND übermitteln; der Ex-Agent lebe mit neuer Identität einschließlich »plastischer Gesichtsoperation« und müsse weiterhin geschützt werden.

Dobbertin, der nach eigenen Angaben nicht spioniert hat, sondern nur wissenschaftliche Entwicklungshilfe »für meine DDR-Kollegen« leistete, vergangene Woche zum SPIEGEL: »Ich habe keine Aufträge ausgeführt.«

Der erste Treff mit »Sperber« 1973, der mit einem »schmuddeligen Cord-Anzug« (Stiller) bekleidet ist, in einer Ost-Berliner konspirativen Wohnung dauert fünf Stunden. Der Wissenschaftler bekommt nach Stillers Angaben 4350 Mark »Operativgeld« einschließlich Gehaltszuschuß.

Anschließend muß Stiller das von Dobbertin mitgebrachte Material vom Grenzbahnhof Friedrichstraße abholen - und lernt dabei erstmals das MfS-System »Gepäckschleuse« kennen.

Die Schleuse im Bahnhof Friedrichstraße wurde vor allem von Stasi-Agenten genutzt, wenn sie im Westen, zum Beispiel aus den Gepäckschließfächern im Bahnhof selbst, Material abholen sollten. Die Schleuse beginnt an einer Außenwand des Bahnhofs mit einem Diensteingang aus zwei Flügeltüren mit Spion. Rechts ist ein weißer Klingelknopf angebracht. Den testete Stiller vorletzte Woche: »Sehen Sie mal, es schellt noch.«

Hinter dem Diensteingang befand sich ein leerer Raum, darin ein Glaskasten mit zugezogenen Gardinen. Kam ein Besucher herein, öffnete sich die Gardine, der Kontrolleur drückte einen Summer und eine weitere Tür zum eigentlichen Kontrollraum sprang auf.

Darin befanden sich rechts zahlreiche TV-Monitore, mit denen der Bahnhofsbereich überwacht wurde. Der Wachhabende im Raum stand hinter einem Tresen. Er bediente auch den Summerknopf für den Ausgang in den Westteil des Bahnhofs.

Ausgestattet mit einem schriftlichen Dienstauftrag, einem speziellen DDR-Reisepaß und einem Sonderausweis zum Betreten des Grenzgebiets, kommt Stiller zum ersten Mal durch die Schleuse. Er geht durch die Bahnhofshalle, durch einen gekachelten Tunnel hinab zum U-Bahnsteig, um im Strom der Fahrgäste - reine Tarnung - wieder nach oben zu steigen. Nun erst darf er an einem bestimmten Schließfach »das für uns bestimmte Gepäck holen, in diesem Fall eine abgeschabte Kollegmappe«.

Es ist der gleiche Weg, den Stiller 1979 zur Flucht nutzen wird. Dann allerdings steigt er in die gelbe U-Bahn-Linie 6 nach Tegel, die ihn in den Westteil Berlins fährt. Stiller wird dann die erste Tür hinter dem Fahrer nehmen. Oben auf der Treppe sieht er einen Posten. Der Überläufer hat seine durchgeladene ungarische Pistole (Typ AP 9) dabei. Stiller heute: »Wahrscheinlich hätte ich nicht geschossen.« Doch der »Republikflüchtling« hat Glück, er bleibt unbemerkt - und durchlebt weitere Minuten höchster Anspannung.

Die U 6 durchfährt noch drei gesperrte Stationen unter Ostterritorium (Oranienburger Tor, Nordbahnhof, Stadion der Weltjugend). An jedem Bahnhof verlangsamt die U 6 die Fahrt, Stiller fürchtet jedesmal, »daß die mich da noch rausholen«.

Ende Juli 1973 aber sichtet der neue Agentenführer Stiller noch begeistert »Sperbers« Papiere. Fast alles, was Stiller fortan von »Sperber« und anderen westlichen Wissenschaftlern auf den Tisch bekommt, geht in Kopie auch an den sowjetischen Geheimdienst KGB.

Schon bald wird Stiller mit einem »Objektvorgang« betraut, an dem Ost-Berlin und Moskau überaus interessiert sind: das Kernforschungszentrum Karlsruhe (KFZK). Staunend studiert Stiller die im MfS vorhandenen Akten über den westdeutschen Nuklearbetrieb.

Stiller findet ein Verzeichnis aller Mitarbeiter im KFZK, deren Tätigkeit bekannt ist. Er liest Finanzierungs- und detaillierte Strukturpläne der Forschungsanstalt, Jahresbilanzen und weitere Personalunterlagen. Daneben findet er Betriebsausweise, Pläne der Sicherheitsanlagen und zahlreiche Nachschlüssel.

Es dauert nicht lange, da wird dem HVA-Offizier Stiller die Quelle im _(* Schließfächer im Berliner Bahnhof ) _(Friedrichstraße. ) KFZK übergeben: R. Paul Fuelle, Deckname »Klaus«, der als Finanzbuchhalter in der einzigen westdeutschen Wiederaufarbeitungsanlage für atomare Brennstoffe tätig ist. Stiller: »Der schaffte herbei, was immer er nur konnte. Dabei zeigte er sich erfindungsreich, risikobereit, ja geradezu als Draufgänger.«

Es ist diese abenteuerlich-draufgängerische Wesensart, die »Klaus« und der Offizier bis heute aneinander schätzen. Die beiden fielen sich bei einem vom SPIEGEL arrangierten Treff in die Arme und plauderten stundenlang über gemeinsame Erlebnisse im Kalten Krieg (siehe auch Kasten Seite 118).

Zu den 25. Jahrestagen der DDR und des MfS 1974/75 werden die HVA-Offiziere zu Sonderleistungen angespornt. Stiller erhält eine Akte, die das MfS vom Großen Bruder KGB übernommen hat. Daraus geht hervor, daß der angesehene westdeutsche Chemie-Professor Dr. Karl Hauffe, Jahrgang 1913, lange Zeit für das KGB spioniert hat.

Hauffe ist Institutsdirektor an der Universität Göttingen. Stillers Auftrag: Der Mann soll wieder aktiviert werden, diesmal für die HVA.

Die Werbung gelingt tatsächlich auf Anhieb. Stiller erhält erstes Material. Hauffe, Deckname »Fellow«, nimmt das angebotene Geld an, und Stillers Ansehen in der Abteilung steigt weiter.

Der »Fellow«-Traveller kommt nun häufig mit Papieren zu Treffs mit Stiller. Dabei nervt er den Offizier mit Lobpreisungen auf Preußens Gloria und Sprüchen wie: »Was ich meinen Studenten immer wieder predige, ist Redlichkeit, Redlichkeit und nochmals Redlichkeit.« Mit dem Deutschnationalen muß er dann auch noch ein altes Nazilied singen: »Bomben gegen Engeland.«

Stiller beklagt sich bei einem Vorgesetzten, doch der rät dem Agentenführer zur Anpassung: »Wenn es uns nützt, verbünden wir uns sogar mit dem Teufel oder, was noch schlimmer ist, mit dem lieben Gott.«

Wie »Fellow« selbst mit dem von ihm verkündeten Grundsatz umgeht, erfährt Stiller 1976 bei einem Treff mit seinem Agenten in Ungarn. Die beiden kommen in Eger im »Tal der schönen Frauen« schon gegen Mittag zusammen; zahlreiche Weinkeller laden zum Besuch.

»Da haben wir uns mittags um eins hingesetzt und bis abends um zehn gezecht wie die Wilden«, erinnert sich Stiller. Während einer anschließenden Autotour mit Fahrer läßt »Fellow« den Wagen stoppen, »steigt aus und ist weg« (Stiller).

Als der trunkene Professor nicht zurückkehrt, macht Stiller sich schwankend auf die Suche - und findet den älteren Herrn im Straßengraben. Stiller: »Da kroch der auf allen vieren lang und versuchte vergeblich, die Böschung hochzukommen. Dabei schimpfte er: ,Diese verfluchten Gebirge hier.''« _(* Mit Stasi-General Rudi Mittig (M.). )

Das Gelage wird fortgesetzt, als die beiden um ein Uhr nachts Budapest erreichen. Es endet, laut Stiller, erst nach Stunden - als sich der Westler mit einer Barbekanntschaft in sein Hotelzimmer zurückzieht.

Stiller glaubt zu wissen, daß sein Agent nicht nur für die HVA, sondern gleichzeitig für das KGB spioniert hat. Stiller: »Sein Motiv war reine Geldgier.« Und als »Fellow« 1979 verhaftet wurde, sagt Stiller, »hat er sich sofort dem BND angeboten und wollte gleich für die andere Seite arbeiten«.

Ein weiterer Westagent, den Stiller alsbald führt, ist der ehemalige DDR-Bürger Gerhard Arnold, Deckname »Sturm«, der nach seinem Wechsel in den Westen zunächst beim Computerkonzern IBM arbeitet und sich dann in der gleichen Branche selbständig macht. »Sturm« ist eine »der besonders guten Quellen« (Stiller).

Dem MfS wird alles, was der Spezialist nach Osten liefert, »von der DDR-Wirtschaft aus den Händen gerissen«, weil die Ost-Berliner Wirtschaftslenker viel zu spät die Bedeutung der elektronischen Datenverarbeitung erkannt haben. Stiller schätzt den Wert der »Sturm«-Lieferungen für die DDR auf mehr als 100 Millionen Mark.

Man könne »Sturm«, sagt Stiller rückblickend, und einen weiteren SWT-Spion, den der SPIEGEL vergangenes Jahr (Nr. 21/1991) als den IBM-Angestellten Wilhelm Paproth (Deckname: »Wolfgang") enttarnte, »ohne Übertreibung als die Väter der Datenverarbeitungsanlagen in der DDR bezeichnen«. Stillers »Sturm« erhält als höchste Auszeichnungen den Friedrich-Engels-Preis und die Verdienstmedaille der DDR.

Stillers Arbeitseifer und seine gespielte Linientreue zahlen sich aus. Er darf 1974, es ist sein erster Westbesuch, während der Fußballweltmeisterschaft mit MfS-Kollegen zum Spiel DDR gegen Argentinien (1:1) nach Gelsenkirchen reisen. Er wird zum Oberleutnant befördert, erhält die Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee und hat ein gutes Image bei seinen Vorgesetzten.

Die Kollegen der Abteilung wählen Stiller 1977 zum stellvertretenden SED-Sekretär; kurz vor seiner Flucht wird der Offizier sogar noch Erster Parteisekretär der SWT-Abteilung XIII.

Doch die Erfolge machen Stiller, der insgeheim längst auf der anderen Seite steht, auch leichtsinnig. Pannen und Fehler des Doppelagenten schleichen sich ein. Dabei ist Stiller sich der tödlichen Gefahr bewußt: Falls er auffliegt, so ahnt er, »werde ich zum Tode verurteilt und erschossen«.

Dennoch macht er sich daran, »gezielt alle mir zugänglichen Informationen über Agenten, operative Hilfsmittel, spezielle Operationen und sonstige wissenswerte Vorgänge zu sammeln und zu dokumentieren«. So führt Stiller beispielsweise trotz strengen Verbots eine Liste der Namen, die für eine HVA-Abteilung oder die Abwehr in der Registratur erfaßt sind.

Stiller macht sich auch Feinde. Er nimmt dem Referatsleiter einer anderen Abteilung einen Inoffiziellen Mitarbeiter weg; der droht ihm prompt: »Ich werde dir die Suppe versalzen, wo ich nur kann.«

Ärger mit Vorgesetzten bekommt Stiller, weil er eine Netzkarte der Deutschen Reichsbahn im Wert von 8000 Mark verschlampt. Und einmal, als er gerade wieder Namen, Telefonnummern und Adressen des HVA-Personals ablichtet, wird er fast von seinem stellvertretenden Abteilungsleiter erwischt, dessen Kommen er nicht bemerkt hat.

Gefahr droht Stiller, als er Namen und Funktion des Atomspions Fuelle dem BND meldet. Der läßt den Agenten observieren - was Fuelle bemerkt und prompt nach Osten meldet.

Auf Risiko spielt Stiller, wenn er Briefe an den BND mit Geheimtinte schreibt und auf den Postweg gibt; wenn er über »Tote Briefkästen« in Ost-Berlin mit dem Pullacher Geheimdienst korrespondiert; wenn er in Schreiben an den BND persönliche Angaben macht, die ihn, werden sie von der Stasi gefunden, eindeutig als Quelle identifizieren.

Stiller weiß, daß er auch, sollte er je in den Westen gelangen, lange Zeit nicht »das Leben eines normalen Bürgers« wird führen können. Vor allem eine Sorge treibt ihn um: Kann er sich auf den BND wirklich total verlassen? Bringen ihn die Pullacher nicht womöglich durch eigenen Eifer in Gefahr, indem sie die bereits verratenen Spione vor seinem Grenzwechsel hochnehmen? Sitzen vielleicht auch Doppelagenten beim BND, die Stillers Tun an Ost-Berlin verraten?

Der Doppelagent muß seinen West-Partnern vertrauen, eine Alternative hat er nicht mehr. So trifft er sich auf Dienstreisen, etwa in Budapest, Zagreb oder sogar in der jugoslawischen Staatsbahn, mit seinen Kontaktleuten vom BND.

Einmal hat er einen dicken Umschlag mit Informationen für den West-Dienst in der Jackentasche; daneben ein zweites Couvert mit 5000 D-Mark für einen seiner Spione. Auf dem Hotelklo in Zagreb übergibt Stiller aus Nervosität dem BND-Mann den Geldbrief - und kann wenig später den Lapsus gerade noch korrigieren.

In größte Bedrängnis aber bringt Stiller sich im letzten Jahr seiner DDR-Zeit durch seine Lust auf kleine Eskapaden. Eine Bar-Bekanntschaft (Stiller: »Eine junge und recht attraktive Frau") entdeckt durch Stillers Unachtsamkeit den Mechanismus seines als Feuerzeug getarnten Mini-Fotoapparats.

Stiller kehrt den MfS-Mann heraus, bringt die Frau in deren Wohnung, um sie auszufragen und einzuschüchtern. Schließlich packt er richtig aus, erzählt von seiner West-Connection - und muß fortan ständig mit Enttarnung rechnen.

Doch es kommt anders. Stiller und »Helga« verbünden sich und sind sich menschlich nah. Sie verbringen einen Sommertag an einem einsamen See - ausgerechnet in einem militärischen Sperrgebiet. Sie werden von Volkspolizisten erwischt, denen sie mit falschen Personalangaben einen Bären aufbinden. Stiller wird zudem von einem Kollegen gesehen, als er sich ohne dienstlichen Grund im thüringischen Oberhof mit »Helga« treffen will.

Stiller muß Legenden stricken, die strengen Nachforschungen nicht standhalten würden. Zudem muß der Stasi-Offizier den BND ins Bild setzen, denn er plant nun, mit »Helga« und deren Sohn in den Westen zu fliehen.

Die Pechsträhne geht weiter. »Helga« läßt, als sie unerwartet Besuch erhält, Stillers Kurzwellenradio fallen. Ein neues Gerät muß, ohne Verdacht zu erregen, im »Intershop« gekauft werden. Und als Stiller im Büro mit seiner Dienstpistole hantiert, löst sich ein Schuß, der ein Loch in der Wand hinterläßt. Der Offizier hat in zahlreichen schriftlichen Stellungnahmen den Vorfall zu begründen.

Der BND beschließt, Stiller schnellstens abzuziehen, der 15. Dezember soll der Fluchttag sein. Stiller bekommt per BND-Kurier einen DDR-Reisepaß samt Aus- und Einreisekarte und einen Devisenbezugsschein - alles perfekte Fälschungen aus Pullach.

Doch das Unerwartete tritt ein. »Helga« und deren Sohn, für die eine parallele Schleusungsaktion vorbereitet war, kommen nicht. Ihr Trabant hatte auf dem Weg nach Erfurt versagt. Nach einer schnellen Reparatur bleibt ihr Wagen auf der Strecke nach Berlin erneut liegen.

Stiller beschließt, nicht allein zu verschwinden. Er telegraphiert an eine BND-Deckadresse: »Tante Helga hat den Zug verpaßt. Wartet nicht umsonst am Bahnhof. Gruß Onkel Paul.«

Gut vier Wochen später klappt der Transfer. Stiller verläßt am 18. Januar 1979 die DDR und beginnt sein Leben auf der Flucht. *HINWEIS: Im nächsten Heft Unter Kontrolle von BND und CIA - Der Spion, der an die Börse ging - An der Wall Street lernt Stiller das Brokergeschäft - Karriere als Vorstandsmitglied einer amerikanischen Investment Bank

* Am 18. März, mit seinem alten, vom BND erhaltenen Reisepaß.* Peter Richter/Klaus Rösler: »Wolfs West-Spione. EinInsider-Report«. Elefanten Press, Berlin; 190 Seiten; 24,60 Mark.* Berlin-Johannisthal, Sterndamm 34.* Schließfächer im Berliner Bahnhof Friedrichstraße.* Mit Stasi-General Rudi Mittig (M.).

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