Zur Ausgabe
Artikel 61 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Spiegel des 20. Jahrhunderts Das Drama im Gelobten Land

III. DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE: 1. Der Erste Weltkrieg (3/1999); 2. Der Zweite Weltkrieg (4/1999); 3. Der Wahn der Atomrüstung (5/1999); 4. Vietnam und der Kalte Krieg (6/1999); 5. Die Kriege um Israel (7/1999); 6. Geheimdienst und Spionage (8/1999)
Von Jürgen Hogrefe
aus DER SPIEGEL 7/1999

Von Jürgen Hogrefe

Die historische Schlacht um Jerusalem begann in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni, eine Stunde vor Mitternacht. Jäh rissen Lichtkegel gewaltiger Scheinwerfer ihre Ziele aus dem Dunkel im arabischen Ostteil der Stadt. Aus nächster Distanz vernichtete das Geschützfeuer der Israelis eine jordanische Stellung nach der anderen.

35 Stunden später konnte Oberst Gur, dessen 55. Fallschirmjägerbrigade die feindlichen Linien durchbrochen hatte, von Osten her auf die Altstadt von Jerusalem blicken. Hier, auf dem Ölberg, hatte der römische Feldherr Titus im Jahre 70 nach Christus gestanden, bevor er seinen Legionen befahl, die Hauptstadt der Juden und ihren Tempel zu schleifen. Und von hier aus eroberte der jüdische Oberst im Sommer 1967 das Herzstück Jerusalems, die jordanisch besetzte Altstadt.

Die Jordanier, die fast zwei Tage lang mutig um el-Quds - »die Heilige«, so der arabische Name für Jerusalem - gekämpft hatten, leisteten nun kaum mehr Widerstand. Gur preschte in einem Schützenpanzer an der Spitze seiner Truppe durch das Löwentor in die Altstadt. Vor der Klagemauer, an der die Jordanier seit 1949 keinen Juden beten ließen, erschauderten die Eroberer vor der historischen Bedeutung des Augenblicks.

Ein Soldat bestieg das Mauerwerk und hißte die blau-weiße Flagge mit dem Davidstern. Israels Militärrabbiner Schlomo Goren blies den Schofar, das biblische Widderhorn: Israelische Soldaten nahmen ihre Helme ab und heulten hemmungslos.

Ein Kriegsreporter des israelischen Rundfunks berichtete seinen Landsleuten live: »Ich gehe auf die Klagemauer zu. Noch drei Sekunden, noch zwei Sekunden, noch einen Schritt, ich bin an der Mauer. Leute, ich bin kein frommer Mensch ... aber hier an der Tempelmauer, ich kann es einfach nicht fassen.« Erstmals seit der zweiten Zerstörung ihres Tempels rund 1900 Jahre zuvor stand ganz Jerusalem wieder unter jüdischer Herrschaft.

Die Eroberung des östlichen Teils der Stadt am 7. Juni 1967 war der triumphale Höhepunkt des blitzartig geführten »Sechstagekriegs«. Es war bereits der dritte Waffengang zwischen dem jungen Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn - und für Israel der erfolgreichste, aber auch folgenschwerste seiner Geschichte.

Hochmütig hatte der ägyptische Staatschef Gamal Abd el-Nasser zuvor noch getönt: »Die Juden drohen uns mit Krieg. Wir sagen: Herzlich willkommen, wir sind bereit.« Acht Tage später bot der ägyptische Potentat, vollständig gebrochen, seinen Rücktritt an. Der »Heilige Krieg bis zur Vernichtung«, den er dem Judenstaat vollmundig angedroht hatte, war für ihn zum Debakel geworden.

Am Ende hatte Israel seinen drei Kriegsgegnern Ägypten, Jordanien und Syrien fast 60 000 Quadratkilometer auf dem Sinai, im Westjordanland, dem Gaza-Streifen und den Golanhöhen abgenommen, die vierfache Fläche des israelischen Staatsge-

* David Ben-Gurion 1948 vor dem Porträt Theodor Herzls.

biets, und damit seine strategische Lage dramatisch verbessert. Nun endlich, notierte der Kriegschronist und spätere Staatspräsident Chaim Herzog, hätten die Juden »die Karten in der Hand«, um dauerhaft Frieden zu schließen mit den arabischen Nachbarn - »wenn die Karten richtig gespielt würden«.

Doch zwei weitere Kriege mit Tausenden von Toten sollten noch folgen. Und obwohl Israel auch diese Waffengänge gegen die Araber gewann, lebt es bis heute nicht in Frieden.

Kriege in Nahost - eine unendliche Geschichte? Der Kampf zwischen Israelis und Arabern - ein unlösbarer Konflikt? Tatsächlich ist der Nahe Osten seit fast einem Jahrhundert ständige Krisenregion. Hier prallen nicht nur zwei spät gekommene Nationalbewegungen aufeinander, sondern auch Morgenland und Abendland.

Viele Grenzen der am Konflikt beteiligten Nationen werden nicht anerkannt oder sind unsicher. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene hoffen auf ihre Heimkehr. Zudem zerren von außen seit fast einem Jahrhundert fremde Mächte an den Konfliktparteien, haben sie Haß und Kriege aus eigennützigen Motiven geschürt oder ausgenutzt. Und längst grassiert ein Virus, das vernünftige politische Lösungen fast unmöglich macht: religiöser Fanatismus, angefacht von islamischen Fundamentalisten und jüdischen Ultraorthodoxen.

Der Nahost-Konflikt hatte mit der Einwanderung von Juden nach Palästina Ende des vergangenen Jahrhunderts begonnen. Die Landnahme durch die Zionisten, die in ihrer biblischen Heimat Schutz vor Verfolgung suchten, verlief zunächst zivil und friedlich. Juden kauften Land, wo immer das möglich war, von Arabern und Türken, die bis 1917 in Palästina regierten. Doch schnell wurde den einheimischen Arabern klar, daß da nicht nur Bauern und Geschäftsleute an der Gründung privater Existenzen arbeiteten, sondern ein jüdischer Nationalstaat errichtet werden sollte.

Araber und Juden trugen ihren blutigen Konflikt um dasselbe Land nicht nur untereinander aus. Die Militanz beider Gruppen richtete sich auch gegen Großbritannien, dem der Völkerbund 1922 das Mandat für Palästina zugesprochen hatte.

Die britische Kolonialmacht brauchte den Suezkanal und das Wohlwollen der Araber mit ihrem Öl. Seit Ende der dreißiger Jahre beschränkte sie mit Gewalt die Zuwanderung von Juden. Doch die Briten brauchten auch die Unterstützung der Juden im westlichen Ausland. Deshalb versprach Außenminister Arthur James Balfour dem Londoner Zionisten Lionel Walter Rothschild 1917 per Brief die Förderung einer »nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina«. Der Jude Arthur Koestler klassifizierte die Balfour-Erklärung so: »Eine Nation schenkte einer zweiten Nation das Land einer dritten.«

Die letzten Jahre der britischen Herrschaft waren anarchisch, Terror und Gewalt wurden in Palästina alltäglich. Zwischen 1936 und 1939 schlugen Juden und Briten gemeinsam einen arabischen Aufstand nieder, der 3000 Palästinenser das Leben kostete. 1944 verhafteten die Briten in einer einzigen Razzia 2659 potentielle jüdische Terroristen. Menachem Begin, Israels späterer Regierungschef, damals Kopf der jüdischen Untergrundtruppe Irgun, ließ daraufhin das Hauptquartier der britischen Streitkräfte in Palästina, einen Flügel des »King David-Hotels« in Jerusalem, mit einer gewaltigen Ladung Dynamit in die Luft jagen. 91 Menschen starben, darunter 41 Araber, 28 Briten und 17 Juden.

Entnervt verloren die Briten jegliches Interesse am so teuer und verlustreich gewordenen Palästina-Mandat. Am 14. Mai 1948 ließ Hochkommissar Sir Alan Cunningham den »Union Jack« einholen und verließ den Hafen von Haifa an Bord des Kreuzers »Euryalus«.

Am selben Tag rief Zionisten-Führer David Ben-Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus. Vor Freude tanzten die Juden auf dem Dizengoff-Boulevard von Tel Aviv. Doch schon in derselben Nacht begann die Invasion der fünf arabischen Staaten Ägypten, Irak, Transjordanien, Libanon und Syrien mit dem erklärten Ziel, den neuen Staat schnellstens wieder auszulöschen.

Die Kriegserklärung war keine Überraschung, die Invasion voraussehbar. Am 29. November 1947 hatte die Uno mit 33 gegen 13 Stimmen der Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat zugestimmt, mit einem internationalisierten Jerusalem unter Verwaltung der Uno.

»Meine größte Sorge bestand damals darin, daß die Araber den Uno-Plan annehmen könnten«, bekannte Begin später. »Dann hätten wir die schwerste Tragödie erlebt, einen jüdischen Staat, der zu klein war, die Juden der Welt aufzunehmen.« Doch die Arabische Liga entschied sich nach der Proklamation Israels am 14. Mai 1948 zum Angriff.

Der Krieg fand an mehreren Fronten gleichzeitig statt: Von Norden her operierten Syrer, Libanesen und eine Arabische Befreiungsarmee, im Osten griffen die Iraker, Transjordaniens von Briten ausgebildete Arabische Legion und Einheiten der Arabischen Befreiungsarmee an, an der Südgrenze standen die Ägypter und irreguläre arabische Verbände.

So ging die erste Runde an die Araber. Die Negev-Wüste, Teile des westlichen Galiläa und vor allem Jerusalem wurden vom jüdischen Kernland an der Küste abgeschnitten. Doch je länger der Kampf dauerte, um so mehr setzte sich die Überlegenheit der Israelis durch.

Die militärischen Erfahrungen, die sie im Kampf gegen die britische Mandatsmacht gesammelt hatten, waren von unschätzbarem Wert. Untergrundtruppen wie Irgun, Haganah und Palmach wurden in die regulären Kampfverbände der israelischen Armee Zahal integriert. Die Zahl der israelischen Soldaten wuchs, je länger der Krieg dauerte. Standen im Mai 1948 noch 15 000 Mann regulärer israelischer Einheiten den rund 23 000 arabischen Soldaten gegenüber, so waren es Ende desselben Jahres rund 100 000 Juden.

Entscheidend für den Ausgang des Krieges war jedoch die politische Verfassung der Kampfparteien. Die Araber hatten sich untereinander zerstritten, einen funktionierenden militärischen Oberbefehl gab es nicht. Die israelische Armee war eine Bürgerarmee, in der Drill und Disziplin nicht als das Wichtigste galten. Statt dessen setzten die Israelis, wie in den späteren Kriegen auch, auf »Flexibilität, Überraschungseffekte und Erfindergeist« (Herzog).

Am Ende hatte der Judenstaat nicht nur den Angriff der arabischen Armeen abgewehrt, sondern sein eigenes Staatsgebiet erheblich erweitert. Statt der im Uno-Teilungsplan vorgesehenen 56,4 Prozent Palästinas besaßen sie nun 77,4 Prozent des Territoriums einschließlich Neu-Jerusalems im Westen der Stadt - aber sie hatten auch 6000 Tote zu beklagen, ein Prozent der jüdischen Bevölkerung. Transjordanien annektierte damals das Westjordanland mit Ost-Jerusalem und nennt sich seitdem Jordanien.

Der militärische Triumph machte die Israelis blind für die Tragödie der Palästinenser. Deren Besitz im offiziellen Wert von 336 Millionen Dollar wurde von den Israelis beschlagnahmt. Mehr als 60 Prozent der Staatsfläche Israels hatten vor 1948 arabischen Besitzern gehört. Diese Erblast birgt bis heute enorme Sprengkraft, weil viele Palästinenser auf einem »Rückkehrrecht« beharren.

Die Niederlage von 1948/49 wurde zum arabischen Trauma. Da kam 1954 in Ägypten ein charismatischer Führer an die Macht, der die arabische Welt von der Bevormundung durch den »westlichen Imperialismus« befreien wollte: Gamal Abd el-Nasser, ein glühender Panarabist, der sich als Speerspitze im Kampf zur Vernichtung Israels verstand. Er gewann - mitten im Kalten Krieg der Supermächte - die UdSSR zum Bündnispartner.

Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien stieß er vor den Kopf, indem er kurzerhand den Suezkanal verstaatlichte, den bis dahin die Briten verwaltet hatten. Im Roten Meer ließ Nasser im September 1955 die Straße von Tiran blockieren und sperrte damit den Israelis den Zugang zum Hafen von Eilat. Er unterstützte zudem palästinensische Terrorkommandos, die aus dem ägyptisch verwalteten Gaza-Streifen gegen Israel operierten. Als dann auch noch Jordanien dem schon bestehenden ägyptisch-syrischen Militärpakt beitrat, schlug Israel zu - gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien. Aus der Suez-Krise wurde der Suez-Krieg.

395 israelische Fallschirmjäger sprangen in einer gewagten Operation am Mitla-Paß auf dem Zentralsinai ab, 250 Kilometer von Israel, aber nur 72 Kilometer vom Suezkanal entfernt. Zwei Stunden zuvor hatten vier israelische »Mustang«-Maschinen aus dem Zweiten Weltkrieg in einer »haarsträubenden Aktion« (Herzog) die ägyptischen Nachrichtenverbindungen gekappt, indem sie mit ihren Propellern und Tragflächen etliche Telefonleitungen zerschnitten, die die ägyptischen Kommandozentralen auf dem Sinai miteinander verbanden.

Mit starken Panzereinheiten brach sodann der einäugige Generalstabschef Mosche Dajan den ägyptischen Bodentruppen auf dem Sinai das Rückgrat. Gleichzeitig hatten Franzosen und Briten begonnen, von Flugzeugträgern und Stützpunkten im Mittelmeer aus Ziele in Ägypten anzugreifen. Fallschirmjäger landeten in der Nähe der ägyptischen Stadt Port Said und besetzten Port Fuad. Britische und französische Flugzeuge bombardierten ägyptische Luftstützpunkte. So konnte Israels Armee auf dem Sinai von ägyptischen Luftangriffen nicht entscheidend behindert werden. Die ägyptische Armee brachte nicht einmal mehr einen geordneten Rückzug zustande. Am 5. November war der Krieg auf dem Sinai vorüber. 4000 Ägypter ließen dort ihr Leben, die israelische Armee hatte 171 Tote zu beklagen und stand am Suezkanal.

Doch trotz des glänzenden militärischen Sieges hieß der politische Sieger des Krieges von 1956 schließlich Nasser. Die Sowjetunion und die USA, beide um eine Begrenzung und baldige Beendigung des Konflikts bemüht, zwangen Israel wie auch Frankreich und England ultimativ zum Rückzug. Auf dem Sinai wurden Uno-Truppen stationiert, die USA gaben eine Garantie für die Passage israelischer Schiffe durch die Straße von Tiran.

Genau diese Garantien fegte Nasser hinweg, als er sich wieder stark genug fühlte, erneut einen Konflikt mit den Israelis zu riskieren. Er hatte seit 1962 mit bis zu 70 000 Mann in einen Bürgerkrieg im Jemen eingegriffen, aber konnte keine Erfolge vorweisen und brauchte nun, um seinen Ruf als Panarabisten-Führer zu wahren, dringend Erfolge. Auch innenpolitisch war er unter Druck geraten: Weil amerikanische Getreidelieferungen ausblieben und die Sowjetunion nicht schnell genug Ersatz liefern konnte, drohten Brotunruhen in Kairo.

In einer Art Befreiungsschlag blockierte der Ägypter wieder die Straße von Tiran und wies die Uno an, ihre Truppen vom Sinai abzuziehen - und prompt erhielt der »Pharao vom Nil« den erhofften rauschenden Beifall der arabischen Welt: Über 5100 Kilometer, von Bagdad bis Casablanca, stimmten fast 80 Millionen Araber in den Kriegsruf gegen die 2,5 Millionen Israelis ein.

Algeriens Präsident Boumedienne offerierte Truppen, Libyens König Idris drohte, selbst Pakistans Staatschef Ajub Khan solidarisierte sich mit dem Ägypter. Der als sicher hingestellte Sieg beflügelte schließlich noch Jordaniens König Hussein, auf Nassers Seite zu treten - der Fehler seines Lebens, denn der Jordanier verlor den besten Teil seines Staatsgebiets.

Durch einen verheerenden Präventivschlag entschieden die Israelis den Krieg in den ersten drei Stunden. Nach einem raffinierten Plan vernichteten sie am 5. Juni 1967 ohne Kriegserklärung 309 der 340 Kampfflugzeuge der Ägypter. Die ägyptische Armee floh in Richtung Suezkanal, rund 15 000 arabische Soldaten, Ägypter, Syrer und Jordanier, fielen, die Israelis hatten bei Feuereinstellung 777 Tote zu beklagen.

Von diesem militärischen Desaster sollte sich der »Raïs« (Führer) Nasser nicht mehr erholen. Er starb, rund drei Jahre später, als gebrochener Mann. Seine panarabische Idee hatte sich als Fata Morgana erwiesen.

Zu tief war die Demütigung der Araber, als daß ihre Führer die Chance eines Angebots erkannt hätten, das ihnen israelische Militärs und Politiker bald nach dem Krieg machten: Für einen umfassenden Friedensschluß mit den arabischen Ländern wollten sie sich von eroberten Gebieten auf dem Sinai, dem Jordanwestufer und an der syrischen Grenze zurückziehen. Mit ihrem dreifachen Nein antworteten die arabischen Staats- und Regierungschefs, ihrer Übermacht sicher, auf ihrer Gipfelkonferenz von Khartum: Nein zum Frieden mit Israel, Nein zur Anerkennung Israels, Nein zu Verhandlungen mit Israel.

Als der Uno-Sicherheitsrat am 22. November 1967 mit seiner berühmten Resolution 242 den israelischen Truppenrückzug von den besetzten Territorien forderte, war schon alles zu spät: Nun wollten die Israelis das eroberte Land weder zeitweilig noch ganz hergeben. Fanatische Nationalisten und religiöse Zeloten reklamieren seitdem das besetzte Territorium als das den Juden von Gott versprochene Heilige Land für sich.

Seit 1967 ist Israel Besatzungsmacht im Nahen Osten. Seine Armee wird nun überwiegend zur Niederhaltung des Widerstandes eines anderen Volkes eingesetzt - »der Häßliche Israeli war geboren«, schreibt der Historiker Michael Wolffsohn. Rund 170 000 Israelis leben heute in etwa 170 Wehrsiedlungen auf palästinensischem Gebiet.

Fast ebenso folgenschwer wie das Festhalten am eroberten Land war die sorglose Sicherheit, in der sich die Israelis nach dem grandiosen Sieg im Sechstagekrieg

* 1994 in Tel Aviv; in dem zerstörten Bus starben 22 Menschen.

wiegten. In »den kommenden zehn Jahren« werde »gewiß kein Großkrieg« mit den arabischen Nachbarn ausbrechen, erklärte Mosche Dajan, der Kriegsheld von 1956 und 1967, als Verteidigungsminister Israels im Sommer 1973. Eine »Selbstzufriedenheit, die aus einer Mischung von Arroganz und Mißachtung des Feindes bestand«, so Militärhistoriker Jehuda Wallach, hatte die Israelis eingeschläfert.

So waren sie schlecht vorbereitet, als am 6. Oktober 1973 gegen 14 Uhr ein neuer Krieg begann: An zwei Fronten gleichzeitig griffen die Araber an. Die ägyptische Armee überquerte den Suezkanal an mehr als 50 Stellen und setzte sich auf der Sinai-Halbinsel fest. Syrische Panzerbataillone durchbrachen die israelischen Stellungen auf den Golanhöhen und besetzten den strategisch wichtigen Berg Hermon.

Die Araber hatten den Krieg am höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur, begonnen - einem Tag, an dem in Israel damals nur die Synagogen geöffnet waren. Allein mit Mühe und gefährlicher Verzögerung gelang es der israelischen Armee, den Überraschungsangriff zu kontern. Binnen 24 Stunden verlor sie große Teile ihrer Panzer, dem kleinen Land drohten die Waffen auszugehen.

Doch eine Woche nach Kriegsbeginn setzten massive Lieferungen der Amerikaner ein. Sie schickten Kampfjets und Panzer, fast stündlich landeten die riesigen Hercules- und Galaxy-Transporter, um Ersatzteile, Raketen, Geschütze und jede Menge Munition zu entladen. Eine Woche später hatten die Israelis auch diesen Krieg für sich entschieden. Israelische Flugzeuge und Artillerie bedrohten die syrische Hauptstadt Damaskus, israelische Panzerdivisionen standen auf dem Westufer des Suezkanals - und hatten die 3. Ägyptische Armee am Ostufer des Kanals eingekesselt.

Ägyptens Staatschef Anwar el-Sadat bot einen Waffenstillstand an. Seinem Verbündeten, dem syrischen Regierungschef Assad, telegrafierte er: »Ich kann vor der Geschichte eine nochmalige Vernichtung unserer Streitkräfte nicht verantworten«, und riet ihm ebenfalls zum Waffenstillstand. Unter amerikanischem Druck mußten die Israelis die eingeschlossene 3. ägyptische Armee ziehen lassen.

Sadat hatte, anders als Nasser 1967, sein Gesicht gewahrt. So konnte er es sich leisten, die politische Erstarrung aufzubrechen, die nach dem Sechstagekrieg jegliche Verständigung unmöglich gemacht hatte. Die Supermächte, so sein Kalkül, sollten Israel zum Rückzug aus den besetzten Gebieten bewegen, die es 1967 erobert hatte. Der Erfolg gab ihm recht: 1979 schloß Sadat als erster arabischer Machthaber Frieden mit Israel und bekam dafür den Sinai mit den wertvollen Ölfeldern von Abu Rudeis zurück.

Die arabischen Länder zeigten sich nach dem Jom-Kippur-Krieg so geeint wie nie - erstmals setzten sie ihr Öl als Waffe ein, schockten den Westen und brachten so ihr politisches Gewicht international zur Geltung. Eine der Folgen: Die PLO, bis dahin eine verfemte Terrororganisation, wurde als offizielle Vertretung der Palästinenser anerkannt und vielerorts hofiert. Jassir Arafat trat 1974, mit Pistole im Halfter, vor der Uno-Vollversammlung in New York auf.

Tief saß - und sitzt - der Schock bei den Israelis darüber, daß Geheimdienste, Militärs und Politiker die tödliche Bedrohung des Staates im Oktober 1973 nicht erkannt hatten. Die europäisch orientierte, links und sozialdemokratisch ausgerichtete Elite des Landes, die den Staat aufgebaut hatte, war diskreditiert, ein politisches Erdbeben die Folge. Kriegsheld Dajan trat als Verteidigungsminister zurück, Regierungschefin Golda Meïr, erfahrene und kampferprobte Ikone der Arbeitspartei, klappte ein letztes Mal am Kabinettstisch ihr schwarzes Handtäschchen zusammen und verließ gedemütigt am 11. April 1974 ihr Amt.

Wurde der Jom-Kippur-Krieg zum Trauma Israels, so war der nächste - und vorerst letzte - Waffengang ein Desaster: der Libanon-Feldzug von 1982.

»Frieden für Galiläa« hieß die irreführend bezeichnete Operation, zu dem am 6. Juni 1982 Zehntausende israelischer Soldaten in den Libanon einmarschierten. Das israelische Kabinett hatte beschlossen, die PLO, die im Libanon einige tausend Mann unter Waffen hielt, ein für allemal auszuschalten.

Der Libanon, in dem die PLO seit ihrer Vertreibung aus Jordanien verstärkt einen blutigen Bürgerkrieg mit den Christenmilizen ausfocht, war längst kein souverän handlungsfähiger Staat mehr. Die Syrer hatten sich praktisch als Besatzungsmacht eingenistet - sie sehen den Libanon als Teil von »Groß-Syrien« an -, und die PLO unterhielt in Beirut ihr militärisches Hauptquartier.

Wenige Tage nach dem Einmarsch der Israelis war der Süden des vormals blühenden Libanon ein großer Schutthaufen, irrten verängstigte Menschen durch die Ruinen ihrer Häuser in Tyrus und Sidon. Monatelang belagerten die Israelis den Westen Beiruts, in dem sich die PLO verschanzt hatte, die einst schönste Stadt des Nahen Ostens fiel in Schutt und Asche. Bei den Kampfhandlungen kamen über 10 000 Zivilisten um - weit mehr als in den vier vorangegangenen Nahost-Kriegen zusammen.

Der Feldzug rief weltweiten Protest hervor, vor allem, weil die Israelis erstmals eindeutig einen Angriffskrieg geführt hatten.

Mitten im Feldzug - Trauma aller Generäle - begannen israelische Soldaten, offen über den Sinn des Krieges zu diskutieren. Und erstmals verweigerte ein Großteil der Bevölkerung der Armee die zivile Rückendeckung während noch laufender Kampfhandlungen. Im September 1982 strömten in Tel Aviv 400 000 Menschen unter Friedensparolen zu der bis dahin größten Demonstration des Landes zusammen. Sie forderten den Rücktritt Begins und vor allem den des Verteidigungsministers Ariel Scharon, den sie den »Minister des Todes« nannten.

Zum Aufschrei wurde der Protest nach zwei Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila in Beirut. Libanesische Falangisten, radikale christliche Milizen, die mit den Israelis kooperierten, hatten vom 16. bis zum 18. September bis zu 2000 palästinensische Zivilisten niedergemacht, die meisten davon Frauen, Alte und Kinder.

Wie schon nach dem Jom-Kippur-Krieg untersuchte auch nach dem Libanon- Abenteuer eine staatliche Kommission Versäumnisse und Verfehlungen israelischer Politiker und Militärs. Verteidigungsminister Scharon mußte aus dem Amt scheiden, belastet durch die Mitverantwortung für Sabra und Schatila. Regierungschef Begin wurde offiziell getadelt und zerbrach daran - persönlich und politisch.

Das militärische Kriegsziel, Vernichtung der PLO, war noch nicht einmal erreicht worden: Unter internationalem Schutz durfte die PLO Beirut verlassen, richtete ihr Hauptquartier später in Tunis ein und dachte nicht daran, den Kampf verloren zu geben.

Die innenpolitische Entwicklung Israels hemmte einen Ausgleich mit den Palästinensern noch zusätzlich. Seit 1984 haben sowohl die linke Arbeitspartei als auch der rechte Likud-Block eindeutige Parlamentsmehrheiten verfehlt. Zunehmend sind sie auf kleine religiöse Parteien angewiesen, denen das israelische Wahlrecht dank einer moderaten 1,5-Prozent-Sperrklausel den Einzug in die Knesset ermöglicht. Sie vertreten die Interessen orthodoxer Juden und radikaler Siedler, die die Herausgabe des noch immer weitgehend besetzten Westjordanlands mit dem Verweis auf die Tora kategorisch ablehnen.

Dabei begriffen sogar israelische Militärs Ende der achtziger Jahre schnell, daß ihren kampfgewohnten Soldaten gegen die im Dezember 1987 losgebrochene Intifada (arabisch: »abschütteln") vorwiegend jugendlicher steinewerfender Palästinenser auch der Prügelbefehl des damaligen Verteidigungsministers Rabin - »Brecht ihnen die Knochen« - nicht helfen konnte.

Denn ihnen traten mit der islamistischen Hamas und der Gruppe »Islamischer Dschihad« Feinde entgegen, deren Selbstmordkommandos nicht mehr zu

* Spürhund in einem zerstörten Tel Aviver Haus nach einem irakischen Angriff während des Golfkriegs 1991.

kontrollieren waren. Daran war die israelische Führung wohl nicht ganz schuldlos: Um die PLO zu neutralisieren, hatte sie die Gründung der Hamas sogar unterstützt.

Als aus dem Verteidigungsminister Rabin 1992 der Premier der Arbeitspartei geworden war, ergriff er eine überraschende Friedensinitiative. In 14 Sitzungen erarbeiteten seine Leute mit palästinensischen Unterhändlern im neutralen Norwegen den Plan für eine »vorübergehende Selbstverwaltung« der Palästinenser im Westjordanland und im Gaza-Streifen - ein Rahmenabkommen über den schrittweisen Abzug der Israelis aus dem größten Teil des Besatzungsgebiets.

Am 1. Juli 1994, ein dreiviertel Jahr nach der Unterzeichnung des Autonomieabkommens mit Rabin und dem amerikanischen Präsidenten Clinton im Rosengarten des Weißen Hauses, überquerte Arafat in einer gepanzerten Mercedes-Limousine bei Rafah die Grenze zwischen Ägypten und dem teilautonomen Gaza-Streifen: nicht als Fatah-Kämpfer, sondern als designiertes Staatsoberhaupt.

Der Beginn des langersehnten Friedens im Gelobten Land? Wohl kaum. Zwar erreichte Rabin nach 46 Jahren Kriegszustand auch noch einen formellen Friedensschluß mit König Hussein von Jordanien. Doch dann streckten den Friedensnobelpreisträger drei Kugeln eines radikalen Israeli nieder.

Weiterhin halten israelische Truppen den Südlibanon und die syrischen Golanhöhen als Sicherheitszonen besetzt, und unverdrossen baut auch Likud-Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die jüdischen Sied-lungen westlich des Jordan, Haupthindernis für eine dauerhafte Verständigung, weiter aus - für 24 000 Siedler seit seinem Amtsantritt vor fast drei Jahren. Und entgegen dem unter amerikanischem Druck geschlossenen Abkommen von Wye erfand er immer neue Bedingungen für einen Abzug, auch nachdem die PLO alle Passagen über eine Zerstörung Israels aus ihrer Charta gestrichen hatte. Noch nicht einmal 40 Prozent des Westjordanlands stehen heute unter autonomer - also nicht voll souveräner - Verwaltung der Palästinenser.

Ein Grund für Netanjahus Kompromißlosigkeit, so heißt es unter Politikern und Journalisten in Israel, ist einer seiner engsten Berater: Vater Benzion Netanjahu. Der 88jährige Geschichtsprofessor spricht nur von Arabern - »ein palästinensisches Volk gibt es nicht«.

Jürgen Hogrefe, 49, war von 1994 bis 1998 SPIEGEL-Korrespondent in Israel.

[Grafiktext]

Krieg und Frieden in Israel 1882 bis 1904 Pogrome lösen die erste Flucht ("Alija") von osteuropäischen Juden nach Palästina aus; in insgesamt fünf Einwanderungswellen erreichen bis 1939 etwa 370000 Juden das Gelobte Land 1897 Erster Zionistenkongreß in Basel; Theodor Herzl fordert eine jüdische Heimstätte in Palästina, damals Teil des Osmani- schen Reiches 1909 Die ständig wachsende jüdische Siedlung am Mittelmeer erhält den Namen Tel Aviv 1917 Britische Balfour-Deklaration verspricht Juden eine Heimstätte in Palästina 1920 Haganah (Verteidigung), die militärische Untergrund- organisation der jüdischen Siedler, wird aufgestellt 1922 Großbritannien erhält vom Völkerbund das Mandat über Palästina 1929/36 Aufstände der Palästinenser gegen die jüdischen Einwanderer 1939 Weißbuch der Briten beschränkt die jüdische Zuwanderung auf 75000 Menschen in den folgenden fünf Jahren 1942 Wannsee-Konferenz von Nazi-Führern über »Endlösung der Judenfrage« 1947 Uno-Vollversammlung stimmt am 29. November einem Teilungsplan für Palästina zu 1948 Großbritannien gibt Mandat ab, Proklamation des Staa- tes Israel am 14. Mai; am selben Tag de facto Anerkennung durch die USA, vier Tage später de jure Anerkennung durch die Sowjetunion 1948/49 Erster arabisch-israelischer Krieg: Angriff Ägyptens, Jordaniens, des Irak, Syriens und des Libanon; die Israelis be- halten mehr Land, als der Teilungsplan ihnen zusprach, etwa 700000 Palästinenser flüchten oder werden vertrieben 1956 Ägyptens Staatschef Nasser verstaatlicht den Suez- kanal; anschließende Offensive Israels unter Beteiligung Groß- britanniens und Frankreichs bis zum Suezkanal, Rückzug erst auf amerikanischen und sowjetischen Druck 1964 Gründung der Palästinensischen Befreiungs- organisation (PLO) 1967 Sechs-Tage-Krieg: Israel erobert Westjordan- land, Gaza-Streifen, Sinai-Halbinsel, Golanhöhen und Ost-Jerusalem; Verteidigungsminister Mosche Dajan und Generalstabschef Jizchak Rabin an der Klagemauer 1970 »Schwarzer September": König Husseins Armee greift die ihm gefährlich gewordenen PLO-Verbände in Jordanien an, etwa 20 000 Palästinenser werden getötet 1972 Während der Olympiade in München überfallen palästinensische Terroristen die israelische Mannschaft 1973 Oktober-Krieg: Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens, Israel büßt den Mythos der Unbesiegbarkeit ein; sechs Monate später tritt Premier Golda Meïr zurück 1974 Jassir Arafat spricht erstmals vor der Uno-Vollversammlung 1977 Ägyptens Präsident Sadat redet vor der Knesset in Jerusalem 1978 Gipfeltreffen von Camp David zwischen Begin, Sadat und Carter 1979 Israelisch-ägyptischer Separatfrieden: Israel gibt schrittweise den Sinai an Ägypten zurück 1980 Israel annektiert Ost-Jerusalem 1982 Fünfter arabisch-israelischer Krieg: Israelische Inva- sion des Libanon bis Beirut; israelische Armee greift beim Massaker an Palästinensern in den libanesischen Flücht- lingslagern Sabra und Schatila nicht ein 1987 Intifada: Palästinenser beginnen Aufstand in den besetzten Gebieten 1991 Golfkrieg um Kuweit, irakische Raketen treffen Israel 1993 Unterzeichnung eines Interimsabkommens für die Autonomie der Palästinenser; Handschlag zwischen Rabin und Arafat vor dem Weißen Haus 1994 Israel und die PLO unterzeichnen ein Abkommen über die Autonomie im Gaza-Streifen und in Jericho (Oslo I); der Israeli Baruch Goldstein erschießt 29 Muslime in Hebron; ein Hamas-Anschlag in Tel Aviv fordert 22 Tote; Friedensabkommen zwischen Israel und Jordanien 1995 Rabin und Arafat unterzeichnen Abkommen über das Westjordanland (Oslo II); Ermordung Rabins am 4. November in Tel Aviv durch jüdischen Extremisten 1997 Ahmed Jassin, Mitbegründer der Hamas, wird trotz lebenslanger Freiheitsstrafe nach acht Jahren von Israel freigelassen 1998 Wye-Abkommen zwischen Israel und »Palästina«, Israels Premier Benjamin Netanjahu verzögert die Ausführung durch immer neue Bedingungen 1999 Arafat kündigt an, einen palästinensischen Staat auszurufen; am 17. Mai israelische Parlaments- und Premierministerwahl

[GrafiktextEnde]

* David Ben-Gurion 1948 vor dem Porträt Theodor Herzls.* 1994 in Tel Aviv; in dem zerstörten Bus starben 22 Menschen.* Spürhund in einem zerstörten Tel Aviver Haus nach einemirakischen Angriff während des Golfkriegs 1991.

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.