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»Das Elend fällt nicht einfach vom Himmel«

SPIEGEL-Redakteur Armin Wertz über die Hungerrevolte auf Haiti *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Cite-Simone, Ovide oder Brooklyn heißen die Slumviertel, ein Gewirr von Holz- oder Blechhütten zwischen dem Hafen von Port-au-Prince und der Avenue Dessalines, in dem sich Tausende Haitianer mühselig durchs Leben wühlen: unterernährt, schmutzig, krank und arbeitslos.

Sie haben kaum zu essen, waschen ihre Kleidung in den Abwässern, denn sauberes Wasser ist zu teuer. Ein paar alte Frauen und einige Kinder streiten sich schreiend um ein Stück Brot.

Immer wieder schauen sie sich ängstlich um - Haiti, Stunden vor der Flucht des Diktators.

Sie fürchteten sich vor den »Tontons Macoutes«, jenen blau uniformierten »Freiwilligen der Nationalen Sicherheit«, die in den 29 Jahren Herrschaft des Duvalier-Clans - zuerst war es »Papa Doc« Francois Duvalier, seit 1971 regierte Sohn Jean-Claude - Tausende Mißliebiger umgebracht haben.

Niemand kümmerte sich um die Not der Haitianer. Die Regierung des »Präsidenten auf Lebenszeit« Jean-Claude Duvalier, 34, kannte kein Wohlfahrtssystem. Die Duvalier-Familie und ihre Freunde verpraßten die wenigen Reichtümer der Insel und die Entwicklungskredite der Weltbank, der USA oder der Bundesrepublik weitgehend für ihren eigenen Bedarf.

Um weiteren Besitz anzuhäufen, war der korrupten Präsidenten-Dynastie jedes Mittel recht: So ließ Baby Docs Frau Michelle, eine schöne Mulattin, deren Vater Vertreter für russische Lada und deren Bruder Vertreter für deutsche BMW war, vor drei Jahren alle Schweine im Land töten. Sie hatten angeblich die Pest.

Im Rahmen eines US-Hilfsprogramms wurde Ersatz geschickt. Diese Tiere ließ sie in einem staatlichen Mastbetrieb unterbringen, so daß Michelle das Monopol für Schweinefleisch in Haiti hatte.

»Das Elend, in dem ihr lebt, ist nicht gottgewollt und fällt nicht einfach vom Himmel. Euer Elend hat Ursachen«, predigte Monsignore Gayot, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, von der Kanzel: »Ihr müßt zeigen, daß ihr mehr Gerechtigkeit wollt.«

Die von Versorgungsproblemen geplagte Departement-Hauptstadt Cap-Haitien war eines der Zentren der regimefeindlichen Revolten, die seit November die Diktatur erschütterten. Bei den ansonsten friedfertigen Haitianern bedurfte es massiver Anstöße, damit sie wenigstens gegen ihre Misere demonstrierten.

Mit dem Ruf »Nieder mit der Armut« zogen die Gläubigen von Cap-Haitien mehrmals durch die Stadt: Bauern in abgewetzten Hosen, barfüßige Arbeitslose aus den Slums und wohlsituierte Bankangestellte im Sonntagsanzug. Selbst zwei Offiziere der Armee, so meldete der katholische Rundfunksender »Radio-Ave Maria«, marschierten mit.

Nachdem Soldaten am 27. Januar den Schneider Christoph Chanel erschossen hatten, als er gerade seine Haustür schließen wollte, versammelten sich die Demonstranten wieder: Hungrig und haßerfüllt wurden sie zum Mob, plünderten Warenlager, brachen Schulen auf in der Hoffnung, dort seien Nahrungsmittel gelagert - an Privatschulen ist Schulspeisung üblich -, und zerstörten Häuser der Tontons Macoutes.

Doch nicht nur in den Städten Saint-Marc, Gonaives, Leogane oder Jeremie, auch auf dem Land rebellierten die Menschen gegen das Duvalier-Regime. Es war keine Rebellen-Armee. Es war keine Ideologie, die das Volk zum Aufruhr trieb, es waren Hunger und Elend.

Die Darbenden, die keine Jobs finden konnten und oftmals die selbstmörderische Passage auf Seelenverkäufern riskierten, um die USA zu erreichen, vegetierten dahin. Zusammengeschlagen von den Milizen des Diktators, unfähig, sich zu organisieren: 75 Prozent der Haitianer leben an der Armutsgrenze, 80 Prozent sind Analphabeten.

Die Intellektuellen emigrierten oder wurden zur Auswanderung gezwungen. Allein über die Kirchensender wie »Radio-Cacique« oder »Radio-Soleil« konnten sie an der Protestbewegung in ihrem Land teilhaben, bis auch die Rundfunk-Stationen vom Regime geschlossen wurden. Die Nachfahren der Sklaven Toussaint Louverture, Jean-Jacques Dessalines und Henri Christophe, die nach 13 Jahren blutiger Kämpfe gegen die Truppen der Französischen Revolution und Napoleons 1804 die erste schwarze Republik der Welt gegründet hatten, existierten zwischen Resignation und Hoffnung, die sich von Gerüchten nährte:

Eine Emigrantenarmee aus den USA, so hieß es noch Stunden vor der Flucht Baby Docs, sei gelandet und liefere den Truppen Duvaliers heftige Gefechte.

Armin Wertz
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