Zur Ausgabe
Artikel 20 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GLEICHBERECHTIGUNG Das Ende der Generation Lila

Die SPD hat die Frauenbewegung für tot erklärt. Kanzler Schröder sieht in der Familie die Keimzelle des Staates und die Arbeitsreserve für den Standort Deutschland. Auch unter den jungen Frauen des linken Flügels spielt der Feminismus keine Rolle mehr.
Von Ralf Beste und Petra Bornhöft
aus DER SPIEGEL 32/2001

Auf feministischen Zuspruch warteten die SPD-Frauen vergebens, als sie ihrer Frauenministerin aus Berlin lauschten. Anderthalb Stunden redete Christine Bergmann am Montag vergangener Woche über »Kinder, Küche und Beruf« und diskutierte mit den 60 meist weiblichen Gästen im niedersächsischen Alfeld an der Leine über fehlendes Mittagessen in Kindergärten und schlechte Weiterbildungsmöglichkeiten im Erziehungsurlaub.

Dann riss Waltraud Friedemann, Unterbezirkschefin der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), der Geduldsfaden: Das Scheitern des Gleichstellungsgesetzes Anfang Juli, klagte die Endvierzigerin, die neben ihr sitzende Ministerin fest im Blick, sei für Frauenrechtlerinnen in der Provinz nicht gerade ein ermutigendes Signal aus der Hauptstadt.

Bergmann wurde verlegen. Das Gesetz sei eben »im Moment politisch nicht durchsetzbar«. Aber wenn auf Grund der freiwilligen Vereinbarung mit der Wirtschaft, Frauen in Führungspositionen zu hieven, »nüscht passiert«, berlinerte sie, dann werde die Bundesregierung sicherlich noch mal energisch zulangen.

Denn für alle Fälle schlummere das Gesetz ja noch in der Schublade, beteuerte die

Ministerin mit ausgebreiteten Armen: »Ich hab''s ja.«

Die Genossinnen hörten es mit Skepsis. Zwar betonen auch andere Sozialdemokratinnen derzeit gern, wie wachsam sie die Fortschritte beim Aufstieg von Frauen in die Chefetagen der Privatwirtschaft begleiteten. »Mit Argusaugen« wachten die SPD-Frauen darüber, behauptet Karin Junker, Bundesvorsitzende der ASF, »ob und wann der Hammer des Gesetzes fallen muss«.

Doch wann der Hammer fällt, bestimmen die Frauenrechtlerinnen in der rotgrünen Bundesregierung zusehends weniger. In SPD und Regierung beerdigt Parteichef und Kanzler Gerhard Schröder den überkommenen Feminismus und ersetzt ihn durch eine ökonomisch und machtstrategisch motivierte Familienpolitik. Stritt die Sozialdemokratie früher um mehr Rechte für die Frauen in einer Männergesellschaft, so sorgen sich die Macher der neuen Mitte heute darum, wie Frauen künftig mehr Kinder kriegen und zugleich mehr arbeiten können - und dafür sind Gleichstellungsgarantien weniger wichtig als Ganztagskindergärten.

So radikal die Trendwende ist, so glatt geht sie über die Bühne. Bei SPD und Grünen hat die Förderung der Familien Konjunktur, die alten Forderungen nach Beteiligung der Frauen an der Macht werden leiser. Denn der Kurswechsel von der Frauen- zur Familienpolitik greift eine breite gesellschaftliche Stimmung auf.

Zelebrieren wollen die SPD-Planer im Willy-Brandt-Haus diesen Kurswechsel beim Nürnberger Parteitag im November. SPD-Vizechefin Renate Schmidt gerät jetzt schon schier aus dem Häuschen, wenn sie über ihren familienpolitischen Leitantrag für Nürnberg redet. »Ich habe die Quadratur des Kreises vollbracht«, lobt sie sich. Sie habe eine »nicht konservative Familienpolitik formuliert, ohne sozialdemokratische Grundwerte aufzugeben«. Die neue Einsicht der SPD beschreibt sie so: »Die Familie ist die Keimzelle des Staates.«

Früher hätte Feministinnen der Antragstext die Haare zu Berge getrieben. Familien werden als »gesellschaftliche Leistungsträger« apostrophiert, die »Kernfamilie« wird als Hort der Stabilität gepriesen. Vorbei sind die Zeiten, als die Familie als patriarchalisch galt - und als der Ort, wo die Frau noch immer am verlässlichsten zum Weibchen degradiert wurde. In der »Lebenspraxis«, heißt es im Antrag, »dominiert das überholte Rollenmuster«.

Mit der programmatischen Wiederbelebung der Kleinfamilie liegt die Schröder-SPD im Trend. Trotz hoher Scheidungsraten wächst die deutliche Mehrheit der Kinder in Deutschland noch immer in klassischen Kleinfamilien mit zwei Elternteilen auf. Jugendstudien ergeben zudem, dass junge Menschen sich wieder zunehmend ein Leben mit Familie und Kindern wünschen. Nachdem die SPD im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf die Einführung von Ganztagsschulen versprochen hatte, verzeichnete sie bei jungen Wählerinnen unter 25 Jahren einen deutlichen Stimmenzuwachs.

Um Popularität allein geht es den Planern im Berliner Willy-Brandt-Haus freilich nicht. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so ihre Analyse, werde mehr und mehr zur ökonomischen Schlüsselfrage. Eine Projektgruppe des Parteivorstands untersuchte die Auswirkung der sinkenden Geburtenrate auf die Zahl der Erwerbstätigen. Fazit: »Junge Frauen wollen mehr arbeiten und werden mehr arbeiten als ihre Mütter« - und müssten dabei idealerweise auch noch mehr Kinder kriegen. Denn bei »steigender Erwerbsbeteiligung mit Anstieg der Geburtenziffern auf 1,7 Kinder je Frau bis 2020«, errechneten die Genossen, stünden dem Markt im Jahr 2050 immerhin 4,6 Millionen mehr Arbeitskräfte zur Verfügung.

Bevölkerungspolitik gilt bei Sozialdemokraten keineswegs mehr als verpönt. »Diese Debatte ist notwendig und legitim«, schreiben Familienministerin Bergmann und Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig über die Frage der Geburtenrate. »Wir müssen deutlich machen, dass wir ohne Kinder alt aussehen«, fordert munter Renate Schmidt.

Verglichen mit solchen Fragen hält der Berliner Familiensoziologe Hans Bertram den Kampf um die »Machtverteilung« zwischen Mann und Frau für ziemlich überholt. Heutzutage gehe es ganz simpel um Zeit. Bertram, der in der SPD-Projektgruppe maßgeblich mitgewirkt hat, hat nachgewiesen, dass Alleinverdiener sich schwer tun, eine ganze Familie zu ernähren. Also müssten beide Elternteile schon aus rein ökonomischen Erwägungen arbeiten. Wie aber gleichzeitig Kinder erziehen? Da das Zeitproblem zusehends durch den Verzicht auf Kinder gelöst werde, sei »aus dem privaten Konflikt ein gesellschaftlicher geworden«, sagt Bertram.

Die Zusammenhänge zwischen Familie und Ökonomie hat auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber erkannt. Nur hat der CSU-Chef derzeit Mühe, seinen konservativen Anhängern zu erklären, dass Bayerns Kinder im Interesse der Frauenerwerbstätigkeit jetzt doch an staatlichen Ganztagsschulen erzogen werden müssen - und nicht wie ehedem im Schoß der Kleinfamilie. Aus einer internen Meinungsumfrage im Frühjahr erfuhr die SPD-Führung, dass ihre Partei bei der Kompetenz in Familienfragen deutlich vor der Union liege.

Ob sie auf ihrem neuen Kurs auch die eigene Parteibasis mitnimmt, hat die SPD-Zentrale schon mal getestet. So erschien im vergangenen März im SPD-Organ »Vorwärts« - mit Billigung der Parteiführung - ein Artikel mit dem provokanten ersten Satz: »Die deutsche Frauenbewegung ist tot.« Kaum eine Frau bekenne sich heute noch zum Feminismus der siebziger Jahre, behauptete Autorin Gabriele Bruns, Mitarbeiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die »Töchter der Generation Lila«, spottete die 33-Jährige, wollten mit dem »politischen Erbe ihrer Mütter« nichts mehr zu tun haben. Die Reaktion der Leser war eindeutig - sie blieb praktisch aus.

Ganz anders war die Resonanz auf eine »Vorwärts«-Titelgeschichte drei Monate später, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf behandelte. Die Genossinnen und Genossen waren begeistert über das Comeback der Familie: »Als SPD-Frau«, schrieb Elke Zach aus Langenhagen, »traute man sich ja einige Zeit gar nicht mehr zu sagen, dass man (frau) wegen der Kindererziehung zu Hause bleibt.«

Auch erfahrene Frauenpolitikerinnen haben die Zeichen verstanden und geben sich resigniert. Heide Pfarr, Ex-SPD-Landesministerin in Berlin und Hessen, seufzt, dass mit den SPD-Frauen in der Bundestagsfraktion »null anzufangen« sei. Und Kerstin Müller, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, riet ihren Parteifreundinnen schon im Juni, beim Gleichstellungsgesetz erst gar nicht zu fordern, »was nicht durchkommt«.

Dabei schien der Feminismus mit der rot-grünen Regierungsübernahme 1998 am Ziel. Vorkämpferinnen der Frauenquote, wie Heidemarie Wieczorek-Zeul und Herta Däubler-Gmelin, übernahmen Fachressorts im Kabinett Schröder. Die neue Bundesregierung sendete - etwa mit dem Gesetzentwurf zum Schutz der Frauen vor Gewalt in der Ehe - emanzipationspolitische Signale aus.

Doch spätestens mit dem Stopp des Gleichstellungsgesetzes im Juli hat Schröder die Grenzen des frauenpolitischen Aktivismus markiert. Nach dem Betriebsverfassungsgesetz werde es eine weitere Regulierung zu Lasten der Unternehmen nicht geben, signalisierte der Kanzler.

In der SPD-Programmdebatte spielen die Feministinnen ebenfalls keine große Rolle mehr. »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden«, hieß es noch im Berliner Grundsatzprogramm der SPD von 1989.

Als Rudolf Scharping, Chef der SPD-Kommission für ein neues Grundsatzprogramm, vergangene Woche in Berlin einen ausführlichen Vortrag über den Stand der Programmdiskussion hielt, kamen Worte wie »Frau« oder »Geschlecht« nicht vor.

Auch die grünen Frauen kämpfen Rückzugsgefechte. Schon seit Monaten wogt der innerparteiliche Streit um das Verhältnis von Frauen- und Familienpolitik. Eine einflussreiche Gruppe jüngerer Abgeordneter fordert, das Leben mit Kindern neben der Umweltpolitik zum zentralen Motiv grüner Politik zu machen; vor allem die älteren Semester leisten gegen diesen Kurswechsel Widerstand.

Was Feministinnen für rückwärts gewandt halten, regt die Jüngeren längst nicht mehr auf. Sie sei »keineswegs bestürzt« darüber, dass sich ein »Paradigmenwechsel in der Frauenpolitik andeutet«, erklärt die SPD-Linke Andrea Nahles, 31. Das sei ohnehin »kein Hauptschlachtfeld für Linke«. Ziele wie die Gleichstellung der Frau blieben dabei sicherlich irgendwie bestehen.

Kinder und Karriere zu kombinieren gehörte immer zum Repertoire von Frauenrechtlerinnen - doch war diese Forderung stets nur ein Teilaspekt des Kampfes um gleiche Rechte und die Hälfte der Macht.

»Wir sind für die Quote«, rief Inge Wettig-Danielmeier, damals Chefin der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, 1988 beim Parteitag in Münster, »weil wir nicht wollen, dass unsere Töchter die gleichen Niederlagen hinnehmen müssen wie wir.« Heute klagt Wettig-Danielmeier, 64, mittlerweile Schatzmeisterin der Partei: »Die jungen Frauen merken manchmal gar nicht, dass sie unter veränderten Regeln arbeiten.«

Meist sind es die älteren Frauen, die die Renaissance des Familienbegriffs als Anschlag auf ihre politische Lebensleistung begreifen. »Ich lasse mir keinen demografischen Schuldkomplex einreden«, schimpft die - kinderlose - Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, 46. »Wir wollen uns nicht auf die Frage reduzieren lassen, wie wir mehr Kinder bekommen und gleichzeitig die Lücken auf dem Arbeitsmarkt ausfüllen können.«

Letzte Zweifel daran, dass der Feminismus in Deutschland ein Akzeptanzproblem bekommen hat, beseitigte das Fernsehduell zwischen der Emanzen-Eminenz Alice Schwarzer, 58, und dem TV-Sternchen Verona Feldbusch, 33. »Das Modell Tusse wird uns auch noch als der letzte Schrei präsentiert«, schimpfte Schwarzer und lästerte über Feldbuschs angebliche Silikonbrüste. Doch Presse und Öffentlichkeit stellten überwiegend fest, dass die scheinbar dumme Tusse Feldbusch sich gut geschlagen habe.

Das fand übrigens auch Gerhard Schröders wichtigste Frauenpolitikerin. Kanzlergattin Doris, 38, entwickelt mit Blick auf die »clevere Jungunternehmerin« Feldbusch sogar ein gewisses Wir-Gefühl. »Vielleicht, weil wir mit einer gewissen Selbstverständlichkeit das machen, was wir wollen«, sagt sie. Das sei »sicher auch eine Generationenfrage«. RALF BESTE,

PETRA BORNHÖFT

* Am 17. September vergangenen Jahres auf einem Kinderfest inHannover.

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.