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Das Ende des Despoten

Als Überlebenskünstler, der den Amerikanern die Stirn bot, konnte Saddam Hussein sein Ansehen in der arabischen Welt trotz mörderischer Verbrechen und bitterer Niederlagen behaupten. Jetzt zerbarst der Mythos - durch den Verrat eines Getreuen.
Von Hans Hoyng, Olaf Ihlau, Siegesmund von Ilsemann und Gerhard Spörl
aus DER SPIEGEL 52/2003

Die »Sonne Babylons« reckte genau in dem Augenblick die Hände aus dem Erdloch, als die Entdecker seines Verlieses schon eine Handgranate in das Versteck werfen wollten. Einen Moment später erschien das nur zu bekannte Haupt des »Nachfolgers von König Nebukadnezar II.« im gleißenden Licht der Stablampen seiner Häscher, das lange, noch immer schwarze Haar verfilzt, die Stirn verletzt, der grau melierte Bart verdreckt.

Gut ging es ihm wahrlich nicht, dem »wiedererschienenen Saladin«, dem »Erwählten«, der die arabische Nation beim nächsten Sturm auf Jerusalem anführen wollte. Zwei US-Soldaten mussten dem »Vater zweier junger Löwen« unter die Arme greifen, damit der einst stattliche Mann aus dem engen Einstieg zu seinem Erdloch klettern konnte. Einige Augenblicke darauf fand sich »al-Kaid al-Daruri«, der unersetzliche Führer, wie sich der Raïs von Bagdad ohne falsche Bescheidenheit zu nennen pflegte, auf dem Boden wieder, die Hände an den Daumen gefesselt und den Kopf mit Sackleinen verhüllt.

Welch eine Demütigung.

18 Stunden später öffnete sich im Westflügel des Weißen Hauses eine mit goldenen Leisten verzierte Tür, und hinaus trat George W. Bush, gemessenen Schrittes, um Bändigung der Gesichtsmuskeln und Gefühle bemüht. Der Präsident, dem sonst der zusammengekniffene Mund so schnell zu schadenfrohem Grinsen entgleitet, trat mit ernster Miene an das Stehpult, das Sternenbanner und die Präsidentenfahne hinter sich, und verkündete, ganz Staatsmann und ganz Demut: »Gestern, am 13. Dezember, um 20.30 Uhr irakischer Zeit, haben Streitkräfte der Vereinigten Staaten Saddam Hussein gefangen genommen.« Der Texaner, der die Jagd auf den Diktator von Bagdad immer auch als seine persönliche Sache verstanden hatte - »Der hat versucht, meinen Daddy umzubringen« -, verstieg sich diesmal nicht in sein gewohntes Pathos. Drei Minuten lang begründete er, warum dieser Tag ein »Tag der Hoffnung« sei, und warnte, dass im Irak das »Ende der Gewalt« noch nicht gekommen sei. Dann verschwand er wieder durch die Seitentür.

Welch ein Triumph.

Der heruntergekommene Erdschrat dagegen hatte nicht den Eindruck gemacht, als wäre er noch der Kopf des Aufstandes gegen die Besatzungsmacht. Das Lehmloch war kein Kommandostand, Saddam Hussein besaß nicht einmal ein Handy, und die beiden Getreuen, die mit ihm in Haft gerieten, kutschierten ihn offenbar von Versteck zu Versteck.

Die Tonbänder, die Saddam in den 249 Tagen seiner Flucht in die Welt sandte, hatten die Stärke des einstigen Machthabers offenbar nur noch vorgetäuscht. Zuletzt jedenfalls war er nicht mehr das, was er seinen Anhängern geschworen hatte - ein Kämpfer gegen die Kreuzzügler aus dem Westen; jemand, der inmitten seiner Getreuen noch im Untergang den Widerstand selbst organisiert und notfalls den Märtyrertod nicht scheut, den er bei seinen Söhnen als nachahmenswertes Vorbild so gepriesen hatte.

Zum Schluss beschäftigte ihn offenbar nur noch die Flucht - 24 Stunden am Tag. Da musste es reichen, dass sein bloßes Überleben die Aufständischen befeuerte. Und in der Tat: Sein Mythos schien ja mit jedem fehlgeschlagenen Versuch, ihn zu fangen oder zu töten, ins Unermessliche zu wachsen: Saddam, der Gerissene, der Überlebenskünstler, den tumben Amerikanern seit mindestens 13 Jahren allemal einen Schritt voraus.

So hat sich Saddam im ganzen Nahen Osten einen Ruf wie Donnerhall erworben. Dass er der einzigen Supermacht auf Erden in zwei Kriegen die Stirn bot, machte auf die an Gewalt und Blutvergießen gewöhnte Region oft mehr Eindruck als sein mörderischer, menschenverachtender Machterhalt.

Gerade deshalb muss sein ruhmloses Ende auf unverbrüchliche Anhänger im Irak und im gesamten arabischen Raum so niederschmetternd wirken. Kein letztes Gefecht mit der Kalaschnikow wie bei seinen beiden Söhnen im Juli in Mossul, kein Selbstrichten mit der Pistole, die er bei seiner Festnahme im Hosenbund trug, keine Kompromisslosigkeit, als es um ihn selbst geht. Stattdessen lässt sich der gefürchtete Diktator aus seinem Verlies ziehen und erklärt seinen Häschern in einem nahöstlich akzentuierten Englisch - und in grotesker Verkennung seiner Lage: »Mein Name ist Saddam Hussein. Ich bin der Präsident des Irak und zu Verhandlungen bereit.« Ein bisschen königlicher Hochmut noch im Moment der Selbstaufgabe, das war''s.

War''s das? Die Weltmacht Amerika macht sich keine Illusionen darüber, dass den Aufständischen jetzt die Luft ausgehen könnte. Ihnen mag der Patron fehlen, aber sie sind ja ohnehin schon eine Weile ohne seine Anweisungen ausgekommen. Vielleicht ändert sich auf mittlere Sicht das Gesicht dieses Widerstands, wohl kaum aber die Anzahl und Wucht der Anschläge. Damit dürften auch künftig US-Soldaten sterben, was die Rechtfertigung des Krieges in den Augen vieler Amerikaner fragwürdig erscheinen lässt.

Auch über die Frage, wer Saddam verurteilen darf - und wozu -, droht ein Streit mit vielen Facetten. Die USA möchten ihn wohl am liebsten selbst richten, der irakische Regierungsrat besteht auf dem Gerichtsort Bagdad. Uno-Generalsekretär Kofi Annan würde einen internationalen Gerichtshof bevorzugen und ist gegen die Todesstrafe, Bush genau umgekehrt.

Neun Monate lang machten US-Soldaten Jagd auf Saddam, seit über zwei Jahren sind sie hinter Osama Bin Laden her, fast ebenso lange fahnden FBI-Agenten nach dem Anthrax-Mörder im eigenen Land - da ist die Genugtuung über wenigstens einen überfälligen Erfolg natürlich groß. Denn mächtig nagt der Selbstzweifel an der Supermacht, dass sie zwar Kriege gewinnen, aber »das Geschäft nicht zu Ende bringen kann«, wie Präsident Bush das nennt - das Unvermögen, für Stabilität zu sorgen, weil die Gegenspieler so schwer zu fassen sind. Das Protokoll der aufwendigsten Menschenjagd der Geschichte und des Falls des Tyrannen:

19. März, Washington D. C., Weißes Haus

Amerikas Truppen sind längst aufmarschiert, der Krieg ist fest beschlossen, da wirft die CIA zwei Tage vor dem geplanten G-Day, an dem ein »go« von Präsident George W. Bush den Krieg beginnen soll, den monatelang vorbereiteten Angriffsplan über den Haufen: »Zuverlässige Quellen« hätten den genauen Aufenthaltsort Saddam Husseins gemeldet, berichtet CIA-Chef George Tenet seinem Präsidenten. Der Diktator verstecke sich in einem Gebäudekomplex mit Namen Dura in einem Vorort von Bagdad. Wenn man sofort zuschlage, böte sich die Möglichkeit, den Krieg zu beenden, ehe er begonnen habe.

Der Kommandierende General Tommy Franks nennt einen Zeitpunkt, bis zu dem er eine Entscheidung braucht, um den geheimen Schlupfwinkel des Diktators noch zeitgerecht zu treffen. Drei Minuten vor Ablauf dieser Frist befiehlt Bush: »Let''s do it.«

20. März, Bagdad

Fünfeinhalb Stunden nach Ablauf eines letzten Ultimatums, um 5.34 Uhr Ortszeit, eröffnen 40 Marschflugkörper und die Bomben zweier Tarnkappenflugzeuge vom Typ F-117 die bewaffnete Jagd auf den Despoten - mit einem Misserfolg.

Nur drei Stunden nach dem so genannten Enthauptungsschlag tritt ein etwas fahrig wirkender Saddam im Fernsehen auf und verspricht seinem Volk den Endsieg. Wieder und wieder werden die Amerikaner im Verlauf des Krieges versuchen, durch die gezielte Tötung ihres Hauptgegners den Krieg zu beenden.

Bei insgesamt 50 angeblichen Präzisionsschlägen gegen Saddam und seine wichtigsten Helfershelfer zielen sie dabei meist auf Koordinaten, die sie aus abgehörten Telefonaten der Gesuchten ermittelt haben. Doch anders als beim Gebrauch von Handys in westlichen Städten sind im Irak Ortsbestimmungen nur mit einer Abweichung von bestenfalls 100 Metern möglich - viel zu unpräzise für Waffen, deren Zielpunkte auf den Meter genau eingestellt werden müssen. Die Angriffe verfehlen ausnahmslos die anvisierten Spitzenleute des Regimes. »Viele hundert Opfer unter der Zivilbevölkerung hätten vermieden werden können«, rügt Kenneth Roth, Direktor der New Yorker Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, den ungenauen Einsatz der zielgenauen Waffen bei der Kopfjagd auf Saddam.

9. April, Bagdad

Die Schlussphase des Krieges hat begonnen. Stoßtrupps der Amerikaner haben bereits Bagdads internationalen Flughafen und Teile des verwüsteten Regierungsviertels am Westufer des Tigris besetzt. Das Saddam-Regime ist implodiert, die Republikanische Garde, paramilitärische Fedajin und Milizen der Baath-Partei sind verschwunden.

Plötzlich, die Szene wird später von Abu-Dhabi-TV gezeigt, taucht Saddam, Sohn Kussei an seiner Seite, im Nordwesten Bagdads auf. Auf dem Platz vor der Abu-Hanifa-Moschee, einem religiösen Zentrum der irakischen Sunniten, präsentiert sich der Raïs lässig einer Schar zum Jubeln abgestellter Leibwächter und erstaunter Anhänger. Erstaunt deshalb, weil im Hintergrund schwere Rauchschwaden von US-Bombardements zu sehen sind. Aber Saddam, 65, spaziert einfach so durch die Stadt.

»Ich kämpfe Seite an Seite mit euch«, verspricht er der Gruppe, die sich um ihn drängt. Dann zieht der Trupp zur Tigris-Brücke, an der ein riesiges Saddam-Poster steht. »Vergesst den nicht«, ruft der Diktator, auf das Poster zeigend, seinen Anhängern zu und verschwindet in einem Mercedes.

Der fährt ihn zu einer Villa im Nobelviertel Mansur, wo Saddam seine zweite Frau Samira Schahbandar mit dem gemeinsamen Sohn Ali, 21, einquartiert hat. »Er war niedergeschlagen und traurig«, teilt die ehemalige Lehrerin nach ihrer Flucht in den Libanon der »Sunday Times« mit, »er führte mich in ein Zimmer und weinte. Er wusste, dass er verraten worden war.« Bald danach bringen Saddams Leibwächter Samira in einem alten Pritschenwagen und Ali mit einem Taxi zur syrischen Grenze.

Das Auftauchen vor der Moschee war Saddams letzter Show-Auftritt. Tage später, dann allerdings in Zivilkleidung, verlässt der Despot mit seiner engsten Entourage die Hauptstadt. Er setzt sich ab nach Norden, ins Herzland seiner Getreuen im Dreieck zwischen Bagdad, Falludscha und Tikrit, wo die Sunniten mit konservativen Stammesstrukturen dominieren. Hier hat Saddam ein Netz von Verstecken vorbereitet, das ihm erlaubt, während der nächsten Monate wie ein Dschinn, ein böser Geist, durch das Land zu irrlichtern.

11. April, US-Hauptquartier in Doha

General Vincent Brooks präsentiert der Weltöffentlichkeit Washingtons jüngste Fahndungswaffe für die Jagd auf Saddam - das »Deck of Death": ein Kartenspiel des Todes, dessen 52 Blätter je ein Gesicht, den Namen und die Funktion der insgesamt 55 meistgesuchten Mitglieder aus Saddams Herrschafts-Clique zeigen. Das in der Truppe weit verteilte Pokerspiel, schon bald eines der beliebtesten Souvenirs aus Bagdad, solle helfen, hofft Brooks, dass die Untergetauchten »verfolgt, verhaftet oder getötet« werden.

Viele der Funktionäre, besonders die aus dem Kartenspiel des Todes, werden sich für die Verbrechen des Regimes vor einem Sondertribunal verantworten müssen. Vor allem aber die Kerntruppe um Saddam Hussein und seine beiden Söhne Udai, 38, und Kussei, 36, vom State Department »das dreckige Dutzend« genannt, »tot oder lebendig« zu fassen (Bush) wird zur wichtigsten Aufgabe der Sieger.

14. April, Tikrit

Nun fällt auch die letzte Bastion des zusammengebrochenen Regimes - Saddams stark befestigte Heimatstadt Tikrit. Die Erstürmung der Stadt haben sich die US-Truppen bis zum Schluss aufgehoben. Hier, fürchten die US-Militärs, könnte es zu jenen blutigen Abwehrkämpfen kommen, die es weder im südlichen Basra noch beim Fall der Hauptstadt Bagdad, noch bei der Eroberung des Nordirak gegeben hat. »Die Regime-Vertreter, die es nicht außer Landes schafften, haben sich nach Tikrit abgesetzt«, verkündet Brigadegeneral John Kelly nach der ergebnislosen Suche in der Hauptstadt. Später werden gefangen genommene Leibwächter berichten, dass Saddam sich noch eine ganze Woche nach Bagdads Besetzung durch die Amerikaner dort aufgehalten habe.

In einem Netz von unterirdischen Bunkern und kilometerlangen Tunneln, geschützt von bis an die Zähne bewaffneten Einheiten seiner Republikanischen Spezialgarde, soll Saddam nun in Tikrit den Widerstand gegen die Invasoren organisieren, glauben seine Jäger. Doch auch in der Heimat von Saddam stoßen die Amerikaner kaum auf Widerstand. Die unterirdischen Befestigungsanlagen sind leer. Vom einstigen Staatschef fehlt jede Spur.

Nun setzt sich die Task Force 20, ein Greifkommando, gebildet aus Elitesoldaten der Navy Seals, Spezialisten der hoch geheimen Delta Force und Agenten der CIA, auf die Fährte des Despoten. Ausgerüstet mit Hubschraubern voll modernster Spähtechnik, mit unbemannten Kampfdrohnen vom Typ Predator, welche die Bilder aus ihren Einsatzorten in Echtzeit an die Fahnder weiterleiten, sollen die Greiftrupps blitzschnell zuschlagen, wann immer sie einen Hinweis auf Saddams Verbleib erhalten. Nahezu unbeschränkte Bestechungsgelder stehen den Saddam-Jägern ebenso zur Verfügung wie vorrangiger Zugriff auf Spionage-Flugzeuge und -Satelliten.

Diese direkt dem Oberkommando des Central Command in Tampa, Florida, unterstellte Sondereinheit kann viele Erfolge aufweisen, nur eben nicht den so dringend gewünschten. Unter anderen geraten die Biowaffen-Expertinnen Huda Salih Ammasch ("Dr. Anthrax") und Rihab Raschid Taha ("Dr. Virus") in die Hände der Undercover-Fahnder. Saddam Hussein kommen sie nicht einmal nahe.

19. April, Bagdad

Zehn Tage nach dem Fall der irakischen Hauptstadt: Die ersten Topleute des Regimes sind gefasst. In der Nacht zum Karfreitag fällt der ehemalige Erdölminister Samir Abd al-Asis al-Nadschim den Kurden in die Hände. Tags zuvor hatten die Amerikaner den einstigen Geheimdienstchef Barsan Ibrahim Hassan erwischt, einen Halbbruder Saddams, der sich vornehmlich als Geldwäscher für das Regime hervorgetan hat. General Amir al-Saadi, der mit einer Hamburgerin verheiratete Organisator von Saddams Waffenprogrammen, stellt sich selbst. Doch von dem Diktator fehlt seit seinem spektakulären Auftritt am 9. April jede Spur.

Vergebens fahnden amerikanische DNA-Spezialisten vor allem an zwei Orten, an denen Saddam mit Präzisionsluftangriffen ausgeschaltet werden sollte, nach organischen Spuren, in denen sich womöglich Erbgut des Gesuchten finden ließe.

Am selben Tag sendet der arabische Nachrichtensender al-Dschasira Bilder aus einer unscheinbaren Dreizimmerwohnung im Norden der Hauptstadt. Ein Schreibtisch mit einer dahinter drapierten irakischen Fahne ist sichtbar. Das erinnert an den Fernsehauftritt des Staatschefs, der nur drei Stunden nach dem Enthauptungsschlag vom 20. März ausgestrahlt worden war. Der lange Tisch mit der Plastikdecke und zehn weißen Gartenstühlen aus Kunststoff scheint dem zu entsprechen, an dem Saddam seine Söhne und andere Getreue noch zwei Wochen nach Kriegsbeginn vor Kameraobjektiven versammelt hatte. Eine Irakerin erkennt auf den Bildern »meine Vorhänge": Sie hatte ihr Apartment an einen Regime-Anhänger vermietet.

Fast scheint es, der Diktator hätte in einer Mietwohnung überlebt, während die 130 000 US-Soldaten im ganzen Land Bunker und Paläste, Landsitze und Wochenendhäuser des Saddam-Clans in Schutt und Asche legten, in denen der Diktator, der angeblich keine zwei Nächte im selben Haus verbrachte, Unterschlupf gefunden haben könnte.

21. April, Grenze zu Syrien

In einem Wüstenkaff unweit der syrischen Grenze trifft Saddam zum letzten Mal seine zweite Frau Samira. Er erscheint in einem kleinen Auto und trägt Beduinenkluft, in der Samira ihn kaum erkennt. »Frag nicht, was aus mir wird, ich will euch in Sicherheit wissen«, sagt Saddam und gibt ihr eine Tasche mit, in der fünf Millionen Dollar stecken, sowie eine Metallbox mit zehn Kilo Goldbarren, »falls ihr wirklich in Not seid«. Dann ergreift er Samiras Hand, legt sie an sein Herz und sagt, es werde schon alles gut gehen.

1. Mai, US-Flugzeugträger »Abraham Lincoln« vor San Diego, Kalifornien

»Die Hauptkampfhandlungen sind beendet«, erklärt ein triumphierender Präsident Bush unter dem Jubel der vieltausendköpfig an Deck des Trägers angetretenen Besatzung. »Mission accomplished«, Auftrag ausgeführt, prangt in großen Lettern hinter dem Oberbefehlshaber an der Brücke des schwimmenden Luftstützpunktes. Dass Saddam Hussein und nahezu alle wichtigen Schergen seines Regimes weiterhin auf freiem Fuß sind, scheint zu diesem Zeitpunkt weder Bush noch seine Militärs ernsthaft zu stören. Widerstand wird im Zweistromland bislang nur sporadisch geleistet. Dafür wird eine andere Suche immer wichtiger: Bis heute finden die Amerikaner nicht die geringste Spur jenes Arsenals chemischer und biologischer Massenvernichtungswaffen, deren Existenz den Krieg begründet und die Bush zur Bedrohung für die ganze Menschheit erklärt hatte. Washington entscheidet: Ab sofort wird die Suche nach Saddams Vernichtungspotenzial intensiviert.

7. Mai, Redaktionsvertretung Nahost des

»Sydney Morning Herald«

Zwei Männer übergeben einem Reporter des australischen Blattes ein Tonband mit einer knapp viertelstündigen Ansprache Saddams, das erste Lebenszeichen seit seinem letzten Auftritt in der Öffentlichkeit am 9. April. Bis dahin war nur ein angeblich von ihm verfasster Brief in der arabischsprachigen Zeitung »al-Kuds al-Arabi« aufgetaucht. Auf dem Band fordert die unverkennbare Stimme Saddams zur Vertreibung der Amerikaner auf und dankt für den angeblichen öffentlichen Jubel zu seinem Geburtstag am 28. April. Er spreche aus dem Irak, versichert der Raïs seinen Getreuen.

18. Juni, im Sunniten-Dreieck zwischen Bagdad, Tikrit und Falludscha

Endlich ein dicker Fang: Das Karo-Ass im Kartenspiel des Todes, Abid Hamid Mahmud, ist gefasst, der Privatsekretär des Präsidenten und für einige Beobachter zweitwichtigster Mann des Regimes noch vor den Saddam-Söhnen. So nah wie er stand keiner dem Diktator. Er kontrollierte den Zugang zu Saddam und sorgte dafür, dass dessen Befehle ausgeführt wurden. Selten hatte sich Saddam in der Vergangenheit öffentlich ohne diesen Vertrauten gezeigt. Wie ein Schatten war Mahmud stets seinem Herrn gefolgt. Wer, wenn nicht er, würde von den Plänen wissen, die der Tyrann für den Fall seiner - kaum zu bezweifelnden - militärischen Niederlage geschmiedet hatte?

Doch auch Mahmud kann oder will den Weg zum Unterschlupf des Gestürzten nicht weisen. Aber womöglich lenken Andeutungen dieses Vertrauten die Aufmerksamkeit der Fahnder zwei Tage später auf die syrisch-irakische Grenzregion.

18. Juni, nahe der irakisch-syrischen Grenze

Mit einem wahren Raketenhagel versuchen Kommandos der Task Force 20, einen Konvoi von Geländewagen zu stoppen, der sich mit hoher Geschwindigkeit der syrischen Grenze nähert. Es ist eine hochbrisante Operation, denn in den Fahrzeugen vermuten die Amerikaner Saddam Hussein oder seine Söhne Udai und Kussei. In wilder Fahrt verfolgen die Häscher die Verdächtigen sogar über die Grenze und liefern sich ein Feuergefecht mit syrischen Grenzposten, von denen fünf verletzt zurückbleiben. Die Regierung in Damaskus legt nur verhaltenen Protest ein. Syriens Präsident Baschar al-Assad spürt den Druck aus Washington. Sein Land gehört zu den so genannten Schurkenstaaten. Hardliner der US-Administration geben Syrien offen als nächstes Interventionsziel aus.

Doch in den Trümmern der Fluchtfahrzeuge findet sich keine Spur der Gesuchten. Schon wieder waren die Jäger einer falschen Fährte gefolgt.

3. Juli, US-Hauptquartier in Bagdad

Die Besatzungsmächte setzen Kopfprämien auf die Gesuchten aus: 25 Millionen Dollar soll es für Hinweise geben, die zur Ergreifung Saddams führen, 15 Millionen für jeden seiner beiden Söhne.

Doch nur einen Tag später verspottet der Untergetauchte seine Verfolger in einer neuen Radiobotschaft: »Mit einer Gruppe irakischer Führer halte ich mich nach wie vor im Irak auf«, behauptet die Stimme, die von US-Geheimdienstlern später als die Saddams identifiziert wird.

Der Diktator neigt noch immer zu Selbstüberschätzung, droht den Amerikanern mit weiteren Anschlägen. »O Brüder und Schwestern, ich bringe euch gute Nachrichten«, schwärmt er: »Zellen und Brigaden für den Heiligen Krieg haben sich gebildet.« Und als Erklärung für den raschen Zusammenbruch seines Regimes setzt er hinzu: »Wir haben unsere Regierungsmacht aufgegeben, nie aber werden wir unsere Prinzipien opfern und uns ergeben.«

Anfang Juli, im Raum Tikrit

Erstmals gerät ein Mann ins Fahndungsraster, den die Häscher später als Offizier von Saddams Sondergeheimdienst identifizieren. Ihm werden besonders enge Beziehungen zum Staatschef nachgesagt. Doch obwohl die auf dem weiträumigen Gelände des US-Hauptquartiers in Bagdad arbeitende Geheimdienstzentrale der Task Force im Laufe der nächsten Wochen immer mehr über diese mögliche Schlüsselfigur herausfindet, wollen die Amerikaner den Namen nicht preisgeben. Auch später sprechen sie nur von dem »Mann mit beträchtlichem Taillenumfang«. Es gelingt dem Gesuchten, sich mehreren Zugriffen zu entwinden. Doch noch wird dem Saddam-Schergen nicht jene zentrale Bedeutung zugemessen, die er ein knappes Vierteljahr später erhalten soll. Die Greiftrupps widmen sich wieder ihren ursprünglichen Zielen.

Es folgt eine ganze Serie von vergeblichen Einsätzen gegen Spitzenleute und vor allem gegen Saddam Hussein. Im Weißen Haus, aber auch bei Paul Bremer, dem amerikanischen Prokonsul für den Irak, wächst die Frustration über die ergebnislose Fahndung. Sie bindet Kräfte, die anderswo dringend gebraucht werden. Längst hat sich herausgestellt, dass die Pentagon-Planer zu wenig Truppen für den Nachkriegs-Irak vorgesehen hatten. Die US-Soldaten können nicht alles gleichzeitig: Öl-Pipelines und Förderanlagen vor Attentaten schützen, dem sich langsam organisierenden Widerstand im Sunniten-Dreieck entgegentreten und im übrigen Land die Ruhe bewahren. Als Saddams Spur zu erkalten scheint, wird die Task Force 20 auch zur Suche nach den ebenfalls unauffindbaren Massenvernichtungswaffen des Diktators abkommandiert und später vom Central Command aufgelöst.

22. Juli, Mossul

Saddam Husseins Söhne Kussei und Udai, Nummer zwei und drei auf der Liste der Meistgesuchten, sterben mit zwei Begleitern bei einem fünfstündigen Feuergefecht mit 200 Fallschirmjägern der 101. Airborne Division im nordirakischen Mossul.

Die Saddam-Söhne wurden offenbar verraten von Scheich Nawaf al-Saidan, dem Besitzer der Villa, in der sie sich 23 Tage lang verstecken konnten. Der Geschäftsmann gehört zum gleichen Stammesclan wie Saddams Familie, dem der Bu-Nassir in Tikrit.

Bei den Toten werden mehrere Flaschen Kölnischwasser, Schmerz- und Viagra-Tabletten, ein Kondom und zwei Damenhandtaschen gefunden. Außerdem Geld in mehreren Währungen im Gesamtwert von etwa hundert Millionen Dollar. Um Zweifel daran auszuräumen, dass die weithin verhassten Saddam-Erben wirklich tot sind, stellen die US-Militärs ihre einigermaßen zusammengeflickten Leichen auf dem Bagdader Flughafen zur Schau.

23. Juli, Dubai, TV-Sender al-Arabija

Auf einem bereits am 20. Juli, also vor dem Tod seiner Söhne aufgenommenen Tonband, appelliert der flüchtige Diktator erneut aus seinem Versteck an das Ehrgefühl der Iraker und erinnert sie an ihren »Schwur gegenüber der Nation«. Jeder müsse jetzt zu den Waffen greifen und die Amerikaner bekämpfen. Denen werde es nicht gelingen, das Land unter Kontrolle zu bringen. Bereits am 11. April habe er die Neuorganisation seiner Baath-Partei begonnen, behauptet Saddam. Auch von den irakischen Streitkräften und der Republikanischen Garde, die angesichts der vor-

rückenden Alliierten vielerorts einfach im Untergrund verschwanden, werde es bald neue Nachrichten geben.

Ende Juli, Kommandozentrale der 4. US-Infanteriedivision in Tikrit

General Raymond Odierno hat anscheinend noch weniger Glück als Haare auf seinem blank polierten Kopf.

Erst dümpeln Waffen und Ausrüstung seiner 4. Infanteriedivision, die kampfstärkste der US-Streitkräfte, wochenlang vor der türkischen Küste, weil Ankara den Durchmarsch amerikanischer Truppen an die geplante Nordfront im irakischen Kurdistan verbietet. Statt eines womöglich kriegsentscheidenden Vorstoßes gen Süden Richtung Bagdad nehmen Odiernos Panzer und Geschütze dann den langen Seeweg ins ferne Kuweit, während die Kameraden des Generals bereits in Eilmärschen nach Bagdad vordringen.

Nun, nach Kriegsende, ist der legendären Vierten der gefährlichste Besatzungsraum in ganz Irak zugewiesen worden, das Sunniten-Dreieck - in dem Saddam traditionell seine treuesten Gefolgsleute rekrutierte. Mit ihnen besetzte er alle Schalthebel der Macht. Über 500-mal rücken Odiernos Greiftrupps aus - mal auf Grund konkreter Hinweise, mal in der Hoffnung, einen Zufallstreffer zu landen.

Doch zunächst reiht sich Fehlschlag an Fehlschlag. Die wirklich dicken Fische aus dem »Kartenspiel des Todes« gehen meist anderswo ins Netz. Nach einer wochenlangen Jagd auf das Phantom dämmert es Odierno: Für den Fang Saddams reicht die Fahndung nach den 55 Meistgesuchten nicht. Eine andere Strategie muss her.

Jetzt fordert der General eine neue Liste an: Nicht mehr die Mächtigsten des Regimes will er ins Visier nehmen, sondern all jene, die dem Diktator besonders nahe standen.

Die Spezialisten der US-Geheimdienste vertiefen sich erneut in ihre Unterlagen. Schon vor dem Krieg haben sie Akten über 2000 Personen angelegt, die sie zu Führungsfiguren des Regimes rechnen. Nun suchen sie nach Menschen, die dem Despoten, der stets Verrat und Mordanschläge fürchtete, besonders vertraut gewesen sein müssen. Der Leibkoch, der Chauffeur, andere Bedienstete des täglichen Lebens gelten als die wahrscheinlichsten Helfer des Flüchtigen.

Nur wenige dieser Getreuen, wie Saddams Privatsekretär Abid Hamid Mahmud al-Tikriti oder die Mitglieder seiner persönlichen Leibwache, tauchen in den alten Suchlisten oder gar im Kartenspiel auf. Deswegen malen sich Odierno und seine Mitarbeiter nun riesige Diagramme, in denen jeder verzeichnet ist, der ständige Beziehungen zu Saddam unterhielt - sei es auf Grund von Blutsverwandtschaft, Beruf oder Stammesbanden. Heraus kommt, so Odierno, das Organogramm »einer Art Mafia-Gruppe«, die sich eher »am Zugang zum Mann an der Spitze und nicht so sehr nach offiziellem Rang« ordnet.

Sofort zeigen sich Erfolge: In Dutzenden von Razzien rund um Tikrit nehmen die Amerikaner 175 Personen fest, die als Anhänger des abgewrackten Regimes gelten. Nach dem Tod der Söhne, so ein US-Sprecher, gebe es nun »wesentlich mehr Hinweise« von irakischer Seite. Odierno glaubt sich seinem wichtigsten Opfer ganz nah: »Wir kreisen ihn ein.«

27. Juli, drei Gehöfte in der Nähe von Tikrit

Der heiße Tipp eines festgenommenen Leibwächters führt Suchkommandos auf drei Gehöfte nahe der Heimatstadt Saddams - wenige Kilometer von der Stelle entfernt, wo der Despot Monate später gefangen wird. Doch Saddam ist wieder einmal entwischt. Die Gegend ist ein Lieblingsfluchtpunkt des Diktators. Auch nach dem missratenen Attentat auf den irakischen Diktator Abd al-Karim Kassim 1959 zog sich Saddam hierher zurück. In der Mythologie seines Regimes ist die Stelle als al-Maabar, der Übergang, bekannt, weil er sich damals seinen Verfolgern entziehen konnte, indem er durch den Tigris schwamm. »Nur um Stunden« sei ihnen der Meistgesuchte diesmal entwischt, erklärt Washingtons Vize-Außenminister Richard Armitage, »die Schlinge um seinen Hals zieht sich zusammen«.

Die US-Jäger warten keineswegs bloß passiv auf Hinweise aus Saddams Umfeld. Sie errichten Straßensperren, um mögliche Bewegungen der Gesuchten zu behindern; sie platzieren elektronische Lauschgeräte in Kellern und Häusern dicht bei vermuteten Verstecken Saddams; sie bewegen sich im Schutz der Nacht, damit ihre Opfer nicht vorzeitig gewarnt werden. Doch es hilft nichts: Saddam bleibt unauffindbar.

29. Juli, Dubai, TV-Sender al-Arabija

Ungeachtet der Hatz meldet sich der Ex-Diktator erneut mit einer Tonbandbotschaft aus seinem Versteck. Seine Söhne seien »als Märtyrer des Himmels gestorben«, lässt er in einem Kampfaufruf das irakische Volk wissen: »Vor euch betrauere ich den Tod von Udai und Kussei und derer, die mit ihnen starben. Ihr seid der Stolz dieser Nation. Amerika wird besiegt werden.« Schwülstig spricht er von sich in der dritten Person: »Selbst wenn Saddam Hussein außer Udai und Kussei noch 100 weitere Söhne besäße, würde er sie auf denselben Pfad schicken.«

Aus dem Untergrund meldet sich auch Saddams einstiger Vizepräsident Issat Ibrahim al-Duri, 1991 nach dem Golfkrieg Hauptverantwortlicher für die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands mit Tausenden Toten. Der angeblich an Leukämie leidende Ibrahim, 61, für die Amerikaner einer der Hauptorganisatoren des Widerstands, schwört »den ungläubigen Kolonisatoren, Verrätern und Renegaten« ewige Rache für den Tod der Märtyrer Kussei und Udai. Der stets etwas beschränkt wirkende Ibrahim stammt aus dem kleinen Ort Dur, bei dem man Saddam später aufspüren wird.

Auch ein weiterer langjähriger Leibwächter Saddams, Adnan Abid al-Muslit, geht den Fahndern an diesem Tag ins Netz. Er war erst kurz vor dem Krieg aus dem Ruhestand reaktiviert worden und wehrt sich bei der Festnahme heftig. »Wir haben unsere wichtigste Zielperson bekommen«, erklärt Bataillonskommandeur Oberstleutnant Steve Russell.

31. Juli, Amman

Die beiden ältesten Töchter des Despoten, Raghad, 36, und Rana, 34, treffen mit ihren neun Kindern in Jordanien ein, wo ihnen König Abdullah II. Zuflucht in einem Palast im Osten Ammans gewährt. Ihre Mutter, Saddams erste Frau und Cousine Sadschida, wird in Syrien vermutet, der Verbleib der jüngsten Tochter Hala, 31, ist unklar.

In einem Interview schwärmen Rana und Raghad von ihrem »zärtlichen Vater«, der »ein großes Herz« besitze. Dass er ihre Männer hatte umbringen lassen - die beiden hatten ihre Kenntnisse über Massenvernichtungswaffen an die Amerikaner weitergegeben -, konnte der Liebe der Töchter keinen Abbruch tun.

1. August, New York, ABC News

Der amerikanische Sender bringt Neues über Saddam: Ein hochrangiger Pentagon-Militär habe berichtet, Saddam sei mehrfach gesichtet worden. Sein Äußeres sei stark verändert, er trage lange dunkle Haare und einen grauen Vollbart. Zudem habe er deutlich Gewicht verloren. Wo der Gejagte aufgetaucht sein soll, deutete der Offizier ebenfalls an: »Sie werden festgestellt haben, dass eine Menge US-Truppen um Tikrit herum im Einsatz sind.«

Anfang August, US-Hauptquartier in Bagdad

Eine Folge der lautstarken und anhaltenden Zweifel an der Identität der toten Saddam-Söhne ist der Plan »HVT 1«. Die Abkürzung steht für »high-value target number 1«. Die kürzelsüchtigen US-Militärs bezeichnen ihren Erzfeind schlicht als Hochwertziel Nr. 1. Der Plan soll garantieren, dass die Gefangennahme oder der Tod des Diktators schnellstmöglich öffentlich verkündet und bewiesen wird - so schnell und überzeugend, dass weder Zeit noch Spielraum für Legenden bleiben.

Über Monate basteln die Experten an zwei konkreten Strategien - eine für den Todesfall, die zweite für die Festnahme Saddams. Wichtigster Punkt der Überlegungen: Weil sie nach jahrzehntelanger Desinformation durch das Regime zutiefst misstrauisch gegenüber allen offiziellen Erklärungen geworden ist, wird die irakische Öffentlichkeit noch am ehesten Videobildern glauben.

Doch ehe die Amerikaner Fernsehbild er verbreiten können, müssen sie absolut sicher sein, dass wirklich der Gesuchte und nicht einer seiner Doppelgänger ins Netz gegangen ist. Spezialisten der Greifkommandos werden ausgestattet mit DNA-Proben und einer genauen Beschreibung wichtiger, unveränderlicher Kennzeichen Saddams. Die Soldaten erhalten ein Bild des Flüchtigen und auch ein Foto der kleinen Tätowierung an seiner Hand. Mit diesen Hilfsmitteln sollen sie binnen Stunden ein sicheres Ergebnis vorlegen.

Berücksichtigt werden soll auch ein ganz besonderer Wunsch von Präsident Bush. Obwohl Saddam wahrscheinlich von den Besatzungstruppen gefasst werden würde, soll ein Iraker die »Nachricht unter das Volk bringen«. Die Wahl fällt auf Dschalal Talabani, den Chef der Patriotischen Union Kurdistans . In der Tat wird er es sein, der am 14. Dezember gegen Mittag als Erster den großen Fang bekannt macht.

14. August, Tikrit

Die Amerikaner verstärken die Suche im Raum Tikrit. Fast alle Analysen der Aufklärung, aber auch schlichter Menschenverstand deuten darauf hin, dass sich der gestürzte Präsident in der Region verbergen müsse, die seine Machtbasis gewesen ist. »Sein Bewegungsspielraum wird immer geringer«, sagt Oberst James Hickey von der 1. Brigade der 4. Infanteriedivision in Tikrit, »wir werden ihn früher oder später kriegen.«

Andere Stimmen halten dagegen. Die Amerikaner würden Saddam nie in Tikrit, sondern »irgendwo bei Bagdad« fangen, prophezeit Tikrits neuer Bürgermeister Scheich Nadschi Dschabara al-Dschaburi. Der abgetauchte Despot werde sich sicher nicht in einer Gegend verstecken, aus der er zwar stamme, vor der er sich aber auch hüten müsste, sagt der 63-jährige Sunnit. Mitglieder seines Stammes beispielsweise hatten 1993 einen gescheiterten Militärputsch angeführt. Die engste Familiensippe Saddams zählt nach Dschaburis Angaben »kaum mehr als etwa 300 Mitglieder«.

Unweit des US-Stützpunkts, auf einem staubigen Hügel, liegt der Friedhof mit den Gräbern des Saddam-Clans. Er wird von Fallschirmjägern der 101. Airborne Division bewacht.

18. August, Mossul

Aufgespürt vom kurdischen Geheimdienst, wird in Mossul Taha Jassin Ramadan, 65, sistiert, Saddams Stellvertreter und faktisch die Nummer zwei des alten Regimes. Der General, der sich als Beduine verkleidet im Schutz seines Schabak-Stammes in Kurdistan sicher wähnte, lässt sich ohne Gegenwehr festnehmen.

Unmittelbar vor Kriegsbeginn hatte Ramadan den Amerikanern Guerilla-Aktionen und den Einsatz Tausender Selbstmordattentäter angekündigt: »Das sind unsere neuen Waffen, das wird ein Flächenbrand in der ganzen Region.«

Drei Tage später wird bekannt, dass Saddams Vetter Ali Hassan al-Madschid, 65, mit seinen Bodyguards aufgegriffen wurde. »Chemie-Ali« kommandierte 1988 den Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha mit über 5000 Toten.

31. August, Mossul, Nordirak

US-Einheiten durchkämmen ein ganzes Stadtviertel. Wiederholt soll Saddam Hussein sich hier in wechselnder Verkleidung gezeigt haben. Unter den sunnitischen Stämmen, die zwischen Mossul und der syrischen Grenze leben, besitzt er viele Anhänger. Die Stadt selbst stellte im Vergleich zu allen anderen Metropolen des Irak unverhältnismäßig viele Offiziere. Am Nordrand der Stadt steht einer von Saddams prächtigsten Palästen. In dessen Umgebung waren Saddams Söhne fünf Wochen zuvor gestellt worden. Doch vom Vater finden die Fahnder mal wieder keine Spur.

Anfang September, überall im Irak

Das Bild des Mannes, dessen Statuen die Besatzungstruppen nach der Eroberung des Landes tausendfach zerstört haben, hängen die neuen Verwalter des Zweistromlands nun wieder auf. Es prangt auf 130 000 Fahndungsplakaten. 400 000 Flugblätter mit dem Konterfei des Diktators und den bereits durchgekreuzten Bildern seiner Söhne werden in den kommenden Wochen unter die Leute gebracht. Die Amerikaner loben noch einmal die 25 Millionen Dollar Kopfgeld auf Saddam aus.

17. September, Dubai, TV-Sender al-Arabija

Wieder taucht ein Saddam-Tonband auf: Der Flüchtling mahnt seine Landsleute zum Widerstand. Nun sind die US-Fahnder die ständigen Aufrufe aus dem Untergrund leid. Sie bauen ein Netz auf, das sie über die geheimnisvollen Boten, welche die Tonbänder bei al-Dschasira in Katar, aber auch beim Sender al-Arabija in Dubai abliefern, zurück zu deren Auftraggebern und schließlich zu HVT 1 führen soll. Doch als habe Saddam Zugang zu den geheimsten Plänen seiner Gegner, verstummt nun die Stimme des Gejagten. Erst am 16. November meldet der untergetauchte Tyrann sich zurück - und liefert damit womöglich wertvolle Hinweise auf seine Helfer.

Kurdenführer Dschalal Talabani behauptet, Saddam sei in den Außenbezirken von Kirkuk gesehen worden. Er habe Unterschlupf gefunden bei sunnitischen Arabern, die er einst nach der Vertreibung von Kurden hier angesiedelt habe.

Der Ex-Präsident habe sein Aussehen verändert und wechsele ständig das Quartier, aber der kurdische Geheimdienst sei ihm auf den Fersen. Flugs produzieren die Amerikaner neue Phantombilder des Gejagten - mit und ohne Bart, in alter Fülle oder ein wenig schlanker, grau oder mit gefärbten Haaren.

Oktober, im Großraum Tikrit

Die Fahndung gemäß der neuen Taktik von General Odierno läuft auf Hochtouren. Immer häufiger werden bei Suchaktionen nun Funktionäre und Regime-Getreue mit vergleichsweise niederen Rängen festgesetzt. Über sie wollen die Fahnder Einblick gewinnen in die innere Struktur des Widerstands: Wer hält Kontakt zu wem, wie werden Nachrichten übermittelt, wo sind die Geldquellen, wer kennt Waffenverstecke. Es ist ein großes, Zeit raubendes Puzzle, das in der Geheimdienstzentrale in Bagdad langsam vervollständigt wird. Noch ist nicht sicher, ob mit den letzten Steinchen wirklich der Zugang zum lange gesuchten Diktator erkennbar wird.

31. Oktober, Audscha, etwa sieben Kilometer südlich von Tikrit

In einer scheinbar ziellosen Machtdemonstration riegelt die 4. Division den Geburtsort Saddams mit Stacheldraht ab. Zwar wird der Untergetauchte hier nicht wirklich vermutet. Aber wer auch immer

künftig den Ort betreten oder verlassen will, muss sich registrieren lassen. »Einen Einsatz zum Schutz der Bevölkerung« nennt Bataillonskommandeur Steve Russell das Unternehmen Audscha. In Wahrheit hoffen die Amerikaner jedoch, die geheimen Kontakte zwischen den abgetauchten Führungskadern und ihren willigsten Gefolgsleuten aus ihren Heimatstämmen unterbrechen zu können. Die Aktion ist Teil der neuen Strategie, die den Druck auf das Umfeld von Saddam massiv verstärken soll. Das Einreißen von Gebäuden, in denen ertappte Widerständler leben, gehört ebenso dazu wie die Sippenhaft für Freunde und Familienangehörige. Die veränderte Taktik basiert auf Erfahrungen der Israelis in ihrem Kampf gegen aufständische Palästinenser.

Anfang November, Washington D. C., Pentagon

An der Heimatfront macht der Verteidigungsminister Druck. In einer Rede in Washington betont Donald Rumsfeld: »Saddam Hussein zu fangen oder zu töten wäre äußerst wichtig. Dass er noch lebt, ist wenig hilfreich. Wir müssen ihn fangen, und wir werden ihn fangen.«

Im US-Hauptquartier in Bagdad sehen die Greiftrupps keine Möglichkeiten mehr, die Jagd noch zu intensivieren. »24 Stunden täglich, 7 Tage in der Woche« seien seine Soldaten auf der Suche, protestiert ein Kommandeur.

8. November, Ramadi

Gleich zweimal erhält die Stadt westlich von Bagdad, ein Zentrum des sunnitischen Widerstands, an diesem Tag offenbar ranghohen Besuch. Der Oberkommandierende des U. S. Central Command, General John Abizaid, dem auch die Truppen im Irak unterstehen, versammelt Stammesälteste und Bürgermeister der Provinz Anbar und warnt vor weiterer Opposition gegen die Besatzungstruppen. Amerika werde »hart zurückschlagen«, droht der General den Würdenträgern, »wir haben die Fähigkeit und die Mittel dazu«.

Zur gleichen Zeit hält aber auch Washingtons ärgster Feind angeblich in der Stadt Hof: Mit Dutzenden Parteikadern soll er bei einem Mahl zum traditionellen abendlichen Fastenbrechen im Ramadan den Fortgang des Widerstands gegen die Amerikaner besprochen haben. Ein Stammesführer, der sich Abu Mohammed nennt, behauptet gar, Saddam besuche regelmäßig Familien von Anhängern in der Gegend, »weil er von den Menschen in diesem Teil des Landes nichts zu fürchten hat«.

16. November, Dubai, Fernsehsender al-Arabija

In den Nachrichten wird eine Botschaft Saddams ausgestrahlt, die offenbar vor Beginn des Ramadan in der letzten Oktober-Woche aufgenommen worden war. Die heilige Fastenzeit werde »ein Monat der Siege« werden, verspricht der Entmachtete. Sogar »freie Wahlen« verheißt der langjährige Diktator seiner unterdrückten Nation. Zynisch lässt er ein wenig Selbstkritik anklingen: »Das Volk soll seine Führer aus dem Kreis derjenigen wählen, die ihm viele Jahre treu gedient haben, auch wenn sie einige Fehler gemacht haben.«

Saddams Drohung wird wahr, der November entwickelt sich zum blutigsten Monat seit Kriegsbeginn. 81 US-Soldaten sterben. Die Zahlen der getöteten und verletzten Iraker registriert niemand.

Mitte November, US-Hauptquartier in Bagdad

Mittlerweile haben sich 40 der 55 Meistgesuchten auf den amerikanischen Fahndungslisten im immer engmaschigeren Netz der Suchtrupps verfangen. Doch der Diktator bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Sein Mythos wächst und mit ihm bei vielen die Angst vor einer Rückkehr des Tyrannen an die Macht.

Meldungen der Alliierten, der Gesuchte sei ihnen mal wieder um Stunden entwischt, werden immer skeptischer aufgenommen.

Kurdenführer Dschalal Talabani behauptet, seine Leute erhielten immer öfter Hinweise über den Aufenthaltsort des entmachteten Diktators - doch leider immer »ein bis zwei Tage« zu spät. Das reicht bei weitem nicht aus für die Jagd nach einem Mann, der nach Geheimdiensterkenntnissen seinen Aufenthaltsort angeblich »alle drei bis vier Stunden« wechselt.

Zweite Hälfte November, Washington D. C., Pentagon

Frustriert von den wachsenden Verlusten im Guerilla-Krieg und der erfolglosen Suche nach Saddam, beschließt Washington einen weiteren dramatischen Kurswechsel im Irak: Die Task Force 121 wird erstmals öffentlich bekannt. Wie schon in der Task Force 20 bilden Spezialisten aus den Eliteeinheiten der Streitkräfte und Spezialagenten der CIA den Kern der Truppe. Techniker vom streng geheimen Abhördienst NSA stoßen dazu, ebenso biologisch-medizinisch geschultes Personal, das vor Ort DNA-Spuren auswerten kann. Alles, was an Hochtechnologie verfügbar ist, wird dem Sonderkommando zugänglich gemacht.

Nur der Auftrag ist ein anderer: Es geht um gezielte Tötung. Mit allen Mitteln sollen die Drahtzieher der Revolte im Zweistromland aufgespürt werden. Und wer ins Netz geht, wird ausgeschaltet. Das Tötungsprogramm, das Saddam Hussein ausdrücklich einschließt, ist ein Sieg von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der von Anfang an massiv auf die Arbeit seiner Special Forces gesetzt hatte.

Diesmal versichert sich der Pentagon-Chef besonders erfahrener Helfer. Israelische Berater trainieren US-Kommandoeinheiten auf ihrem Heimatstützpunkt in Fort Bragg, North Carolina. Kritiker fürchten ein Bekanntwerden des Programms. Schon immer haben viele Araber eine angebliche amerikanisch-israelische Verschwörung für den Krieg gegen den Irak verantwortlich gemacht.

Mit aggressiver Taktik und Waffengewalt soll das Killerkommando Jagd machen auf den Kreis von Saddam-Getreuen, die offensichtlich den Aufruhr steuern. »107-Zentimeter-Hosenbündler« nennen die Militärs die Schar dieser gesetzten, wohlgenährten Herren, die überwiegend mittlere Funktionärsränge im Saddam-Regime bekleideten. Nach dem Vorbild der israelischen Jagd auf Drahtzieher des palästinensischen Terrors will Task Force 121 die Verschwörer, einen nach dem anderen, aus dem Weg räumen.

Für ihr wichtigstes Ziel finden die Kommandos der Task Force 121 sogar ein neues Kürzel: Für sie ist Saddam Hussein DL 1 - die Nummer 1 auf der Dark List, der Todes-Liste.

4. Dezember, Tikrit, Kommandozentrale der 1. Brigade der 4. Infanteriedivision

Der dickleibige Geheimdienstler, den Task Force 20 bereits im Juli fangen wollte, gerät nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit der US-Fahnder: Der Mann weiß etwas über den Verbleib von Saddam, davon ist Oberst James Hickey mittlerweile felsenfest überzeugt. Der 43-jährige Hickey, der auch in der größten Sommerhitze stets in Wildlederstiefeln herumgelaufen war und der seine cremefarbenen Handschuhe offenbar nur zum Schlafen ablegt, führt die erste Brigade der 4. Division.

Als Sitz seines Hauptquartiers hat der Oberst einen Saddam-Palast, sieben Kilometer südlich von Saddams Heimatort Tikrit, gewählt. Seine Soldaten unterstützen die Task Force 121 bei ihrer Jagd im Raum Tikrit. Nacht für Nacht setzen sie ihre Suche fort. Oder aber sie schlagen am Mittag zu, wenn die meisten Iraker ein Nickerchen halten.

Wiederholt schickt Hickey seine Männer an diesem Tag aus, um den dicken Geheimdienstler zu fassen, der seit Juli im Visier der Amerikaner aufgetaucht ist. Dreimal entkommt er - manchmal nur um Minuten. Die GIs fassen jedoch einige Helfershelfer und durch deren Informationen am nächsten Tag in Samarra weitere Unterstützer mit fast zwei Millionen Dollar in bar. Doch der gesuchte Geheimdienstler entkommt abermals. Schlimmer noch, seine Spur scheint sich zu verlieren.

Freitag, 12. Dezember, Bagdad

Wieder machen sich US-Soldaten zu einer ihrer überfallartigen Hausdurchsuchungen auf, die so oft mit einem Fehlschlag enden oder nur kleine Fische einbringen. Die Iraker hassen die Mitglieder der Sondereinheiten dafür, weil sie ins Private eindringen und sogar Frauen zu Verhören abführen. Doch an diesem Tag fällt dem Trupp der Task Force 121 endlich »der Dicke« in die Hände. Es dauert ein paar Stunden, bis den Amerikanern dämmert, wer ihnen da ins Netz gegangen ist - der Mann, der Saddam ans Messer liefern kann und wird.

Der Verräter sei ein »wohlbeleibter Mann mittleren Alters«, ursprünglich aus den mittleren Rängen jener Sonder-Geheimdienstler, die Saddams Sohn Udai befehligte. Er stamme »aus einer sehr prominenten Familie« aus Abu Adschil, einem abgelegenen Nest nördlich von Tikrit, erzählt Oberst Hickey. Er sei eine Schlüsselfigur für den Aufstand, eine Art Finanzier.

13. Dezember, Tikrit

Um 10.50 Uhr morgens fliegen sie den beleibten Gefangenen nach Tikrit in die Kommandozentrale der 4. Infanteriedivision. Geheimdienstagenten verhören ihn bis in den späten Nachmittag hinein. Sie hätten ihn für eine tatkräftige Zusammenarbeit gewonnen, sagt Oberst Hickey hinterher leicht gewunden.

Der Gefangene gibt zunächst vage Hinweise, wo Saddam Hussein sich versteckt halten könnte: vielleicht irgendwo in der Umgebung eines Bauernhauses, umgeben vom flachen, fruchtbaren Land am Tigris, wo reiche Obstgärten und Palmenhaine gedeihen. Dann gibt er klarere Auskünfte über zwei Bauernhäuser in Dur, einem Dorf 15 Kilometer südlich von Tikrit. Das Gelände kennen die amerikanischen Soldaten schon, sie haben es erst zwei Wochen zuvor ergebnislos durchkämmt.

Die Operation, die zur Ergreifung oder Ermordung von HVT 1 führen soll, heißt »Red Dawn« - »Morgenröte« - nach einem Hollywood-Streifen, nicht etwa nach der Tageszeit. Gemeint ist damit auch der Anbruch besserer Tage im Irak, sobald der Überlebenskünstler erst gefangen ist. Sie beginnt beim Einbruch der kalten Winternacht und fällt der 1. Brigade der 4. Division zu, die Oberst Hickey befehligt. Irakische Streitkräfte oder Polizisten sind nicht dabei. Die ultimative Trophäe behalten sich die Amerikaner doch lieber selbst vor.

13. Dezember, Dur

Gegen 18 Uhr rücken 600 Soldaten mit Panzerfahrzeugen und »Apache«-Hubschraubern aus Tikrit aus. Den plaudernden Gefangenen nehmen sie sicherheitshalber mit. Um 19 Uhr sammelt sich die kleine Streitmacht bei einem alten Kornspeicher nördlich von Dur. Kampfeinheiten bewachen das westliche Ufer des Tigris, auf dem verdächtige Boote ankern. Die »Apache«-Hubschrauber bleiben für den Fall der Fälle zurück. Hunderte weitere Soldaten stehen nahebei in Reserve.

Kurz vor 20 Uhr geht der Strom im ganzen Dorf plötzlich aus. Es ist jetzt in eine mondlose Dunkelheit getaucht. Die »Operation Morgenröte«, der ultimative Versuch, Saddam Hussein tot oder lebend zu fangen, hat begonnen.

Die GIs riegeln das Gelände weiträumig ab, zwei Dutzend Soldaten der Task Force 121 durchsuchen zuerst ergebnislos die beiden Bauernhäuser, dann umzingeln sie eine nahe gelegene Lehmhütte und stürmen sie. Auf der Kommode neben dem Bett in der zweieinhalb mal vier Meter kleinen Behausung stapelt sich klassische arabische Dichtkunst ("Disziplin«, »Sünde") neben Dostojewskis »Schuld und Sühne« und einem Buch über Traumdeutung. In der Kommode steht ein Paar billige Schuhe. Daneben liegen drei neue, unausgepackte Boxershorts und zwei T-Shirts.

Auf den beiden rostigen Betten türmen sich dicke, plüschige Decken. Oben auf dem kleinen Kühlschrank liegen ein Stück Seife der Marke Palmolive, eine Flasche Shampoo, eine Tube Feuchtigkeitscreme und ein Deo. Daneben ein Honigtopf, Schokoriegel, eine Fliegenpatsche und eine Konservendose mit Birnen.

Im noch kleineren Raum nebenan stehen eine Spüle und ein Herd. Ein hilfreicher Geist hat wohl kürzlich eingekauft: Gurken, Karotten, Äpfel, Kiwis, Fladenbrot, Orangenmarmelade, Dosenfleisch, Lipton-Tee.

Irgendjemand hält sich hier auf und war eben noch da. Aber wo ist er jetzt, oder ist Saddam den Amerikanern schon wieder entwischt? Vor einem Schafstall in der Nähe der Lehmhütte steht ein orangeweißes Taxi. Zwei Männer fallen den Soldaten in die Hände, als sie vom Gelände fliehen wollen. Der eine ist der Koch, der andere der Chauffeur Saddams. Aber wo ist Saddam selbst? Wieder wird der Dicke befragt, und nun sagt er, der flüchtige Diktator verstecke sich wahrscheinlich in einem unterirdischen Verlies neben der Hütte. Es ist 20.15 Uhr.

Die Öffnung ins Erdloch verdeckt ein Teppich, den aufgehäufter Dreck, Geröll und Ziegelsteinbrocken unverdächtig machen sollen. Die Abdeckung zum Schacht darunter ist aus Styropor. Ein paar Soldaten umringen die schmale Einstiegsluke, in die sich eigentlich ein über 1,80 Meter großer, ausladender Mann wie Saddam kaum hineinzwängen kann. Sie halten ihre Waffen und Handgranaten bereit und rechnen mit einem Gefecht, wer immer auch dort unten sein mag. Grelle Stablampen erhellen die Fundstelle.

Es ist exakt 20.26 Uhr, als Saddam dort unten in seiner T-förmigen Grabkammer die Hände hebt, anstatt seine Pistole oder eine der beiden Kalaschnikows abzufeuern. Er wirkt abgerissen, verhärmt und scheint orientierungslos zu sein. Er sieht aus wie ein Mann, der wochenlang auf der Flucht war und jetzt irgendwie auch erleichtert ist, dass es vorbei ist. Neben der Pistole trägt er ein Messer, eine Box enthält 750 000 Dollar in Hundert-Dollar-Noten. Nachdem er sich zu erkennen gegeben hat, antwortet einer der Soldaten ihm sarkastisch: »Präsident Bush schickt seine Grüße.«

Oberst Hickey ruft Generalmajor Raymond Odierno, den Kommandeur der 4. Infanteriedivision, an: »Wir haben HVT 1 gefangen.« - »Wirklich?«, fragt der ungläubig zurück. Um 5.15 Uhr amerikanischer Zeit weckt Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mit ihrem Anruf den Präsidenten. Amerikas Triumph nimmt seinen Lauf.

Neben der Lehmhütte, die zum letzten Unterschlupf des Flüchtigen werden sollte, lehnt eine Leiter an der Wand. Sollte Saddam dort hinaufgeklettert sein, hätte er den Tigris aufwärts seinen alten Tikriter Palast, einen der opulentesten von allen, sehen können.

So aber sitzt er schnell in einem amerikanischem Helikopter auf dem Weg nach Bagdad. Der abgesetzte Diktator, der stets den Anschein erweckt hatte, dass er den Freitod oder die letzte große Schlacht der Demütigung vorzieht, in die Hände des »Sohnes der Viper«, wie er George W. Bush nannte, zu fallen, hat sich kampflos dem Feind aus zwei Kriegen ausgeliefert. »Er ließ sich wie eine Ratte fangen«, sagt Generalmajor Odierno.

Sonntag, 14. Dezember, Bagdad

Als besondere Demütigung lassen sich die Amerikaner von seinem ehemaligen Vertrauten, dem langjährigen Außenminis-ter Tarik Asis, bestätigen, dass es sich bei dem Gefangenen wirklich um den gesuchten Diktator handelt. Dann untersucht ein kahl geschorener Militärarzt, dessen Name geheim bleibt, den Wiederaufgetauchten.

Im Mund, den Saddam auf Kommando ganz gehorsam öffnet, sucht der Mediziner nach einer Giftkapsel, mit der sich der Erzfeind womöglich noch seinen Häschern entziehen könnte. In den struppigen Haaren sucht er nach weitaus Profanerem - Läusen.

Dann wird er vier Mitgliedern des irakischen Regierungsrats gezeigt, und sogleich kehrt etwas Leben in den bis dahin willenlosen Häftling zurück: Über die drei Schiiten der Abordnung spricht er voller Verachtung, den Sunniten Adnan Patschatschi, der vor seiner Machtergreifung Außenminister gewesen war, fragt er: »Was machst du bei diesen Leuten?«

An unbekanntem Ort, vermutlich aber im Irak, wird Saddam dann Agenten der CIA übergeben, die ihn seither verhören.

15. Dezember, Bagdad

Paul Bremer hat Recht behalten. Wie sein Präsident hatte auch er gewarnt, sich von der Verhaftung Saddams ein rasches Ende der Gewalt zu versprechen. Schon früh am Morgen zerstörte eine Autobombe die Polizeiwache von Husseinija, nördlich von Bagdad. Eine halbe Stunde später explodiert ein weiterer Sprengsatz vor einem Polizeiposten in der Hauptstadt. Der Vize-Innenminister Ahmed Kadhim Ibrahim machte Anhänger Saddams verantwortlich: »Sie versuchen, ihren feigen Führer zu rächen.« Aber die Festnahme Saddams hat auch weitere Erfolge mit sich gebracht. Im Versteck am Tigris fanden US-Fahnder Papiere, die sich als Sitzungsprotokolle von Organisatoren des Widerstands entpuppten. Sie gaben Einblick in die Arbeit von 14 heimlich operierenden Untergrundzellen. Schon bald nach der Verhaftung konnten die Amerikaner drei führende irakische Generäle aufgreifen, die Anschläge angeordnet haben sollen.

HANS HOYNG, OLAF IHLAU, SIEGESMUND VON ILSEMANN, GERHARD SPÖRL

* Am 9. April.* In den Trümmern einer irakischen Fahrzeugkolonne nahe dersyrischen Grenze am 22. Juni.* Bei einer vom Fernsehsender al-Arabija ausgestrahltenAnsprache zum Fastenmonat Ramadan am 16. November.

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