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Das Ende des Judenstaats

Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 49/1995

Vor 99 Jahren erschien in Breitensteins Verlagsbuchhandlung Leipzig und Wien eine 86 Seiten dünne Schrift: »Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage« von Theodor Herzl, »Doctor der Rechte«. Den Begriff »Zionismus« gab es schon, und Herzl war nicht der erste jüdische Intellektuelle, der die »Lösung der Judenfrage« nicht den Antisemiten überlassen wollte.

Doch im Gegensatz zu den Schriften von Leon Pinsker ("Autoemanzipation"), Moses Hess ("Rom und Jerusalem") und Nathan Birnbaum ("Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande als Mittel zur Lösung der Judenfrage") zeichnete sich Herzls Entwurf durch einfache Sprache, Anschaulichkeit und Machbarkeit aus. »Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen.«

Alles andere - das war »der Landkauf«, der Bau von »Arbeiterwohnungen«, die Einführung eines Siebenstundentages als »Normalarbeitstag«; Herzl schwebte »eine aristokratische Republik« nach venezianischem Vorbild vor, in der jeder Bürger »seine Sprache, welche die liebe Heimat seiner Gedanken ist«, behalten sollte, denn »wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillett zu verlangen?« Der Judenstaat sollte »ein neutraler« sein, eine »gute moderne Verfassung« und »nur ein Berufsheer« bekommen und auf keinen Fall »am Ende eine Theokratie« werden, denn: »Der Glaube hält uns zusammen, die Wissenschaft macht uns frei.«

Ausgerechnet ein Wiener Kaffeehausliterat, der witzige Feuilletons und schlechte Dramen schrieb, schaffte es, die Idee eines jüdischen Staates in die Welt zu setzen, zu einer Zeit, als die Juden in Osteuropa massenhaft vor Pogromen nach Amerika flohen und die Juden in Westeuropa gerade im Begriff waren, sich zu assimilieren.

Herzls »Judenstaat« war ein naives, rührendes, in mancher Beziehung vergebliches, aber doch prophetisches Werk. Keine seiner Visionen hat sich erfüllt, weder die aristokratische Republik noch die gute moderne Verfassung, bis auf eine: »Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben.« Im Mai 1948, 52 Jahre nach dem Erscheinen des Herzlschen »Judenstaats«, wurde der Staat Israel ausgerufen.

Und wieder ein halbes Jahrhundert später ist der eigentliche Judenstaat am Ende. Aus einem Gemeinwesen, das als ein Rettungsboot gedacht war, wird ein richtiger Dampfer: mit einer Klassengesellschaft an Bord, Regierung und Opposition auf der Kommandobrücke und Fanatikern unter Deck, die das Schiff übernehmen möchten und die Ermordung eines friedenswilligen Ministerpräsidenten gutheißen.

Seit seiner Gründung dient Israel als eine Art Großlabor, in dem alles mögliche studiert werden kann: das Verhalten von Überlebenden einer Katastrophe unter den Bedingungen einer neuen Bedrohung, die Stabilität eines demokratischen Systems im permanenten Kriegszustand, das Zusammenleben von Besatzern und Besetzten, die beide davon überzeugt sind, in Notwehr gegen den jeweils anderen zu handeln. Und schließlich das Funktionieren eines Staates im Schwebezustand: ohne eine geschriebene Verfassung, außerstande, ein paar Grundfragen zu klären wie »Wer ist Jude?« und ob Israel ein jüdischer Staat, ein Staat der Juden oder der Staat seiner Einwohner sein soll.

Ungeklärt ist, ob die jüdische Diaspora für den Notfall ein Asyl unterhält, in dem verfolgte Juden Zuflucht finden, oder ob Israel allein durch die Tatsache seiner Existenz den Juden einen sicheren Verbleib in der Diaspora ermöglicht. Viele Juden arbeiten ihr schlechtes Gewissen gegenüber Israel ab, indem sie für soziale und kulturelle Einrichtungen spenden. Es gibt die Freunde des Hadassa-Hospitals, der Cinemathek, des Philharmonischen Orchesters, der Hebräischen Universität, des Israel-Museums, des Habimah-Theaters - keine dieser Institutionen könnte ohne die Ablaßzahlungen aus der Diaspora existieren. So ist ein System der gegenseitigen Abhängigkeit entstanden. Die Juden der Welt versorgen Israel mit Spenden, Israel bedankt sich, indem es den Juden in der Welt das gute Gefühl vermittelt, etwas für den »jüdischen Staat« zu tun. Doch wehe, wenn Juden in New York, London oder Melbourne mit der Politik Israels, zum Beispiel gegenüber den Palästinensern, nicht einverstanden sind und dies auch laut sagen. Dann werden sie sofort abgemahnt: Wer nicht in Israel lebt und seine Kinder nicht in die Armee schickt, hat kein Recht, sich in israelische Angelegenheiten einzumischen und, schlimmer noch, den Gegnern Israels Argumente zu liefern.

Als Jizchak Schamir noch das Land regierte, pflegte die Regierung »Shows of support« zu organisieren: Tausende von Juden aus aller Welt wurden zu Konferenzen nach Jerusalem eingeladen, wo sie dann der Regierung in blumigen Resolutionen ihre bedingungslose Solidarität versicherten. Für ein paar Tage unter nahöstlicher Sonne, befreit von familiären Bindungen und beruflichen Verpflichtungen, waren sie bereit, jeden Unsinn, der ihnen aufgetischt wurde, als der Weisheit letzten Schluß zu akzeptieren. Es waren Kundgebungen, wie sie sonst nur in den Ostblockstaaten zelebriert wurden, Festivals des politischen Autismus, die von den Israelis, die es besser wußten, mit einer Mischung aus Amüsement und Geringschätzung wahrgenommen wurden.

Es war der Regierung gelungen, sich und ihre Anhänger davon zu überzeugen, daß die besetzten Gebiete eigentlich befreite Gebiete waren und daß das palästinensische Problem ein Problem der Palästinenser und vielleicht noch der Jordanier war. Wer sich für Verhandlungen mit der PLO aussprach, der war entweder ein »jüdischer Selbsthasser«, ein Verräter oder meschugge. Es herrschten Selbstgerechtigkeit, Übermut und Größenwahn.

Das alles ist keine zehn Jahre her und noch nicht ganz vorbei. Und doch ist Israel im Laufe weniger Jahre ein anderes Land geworden, es wandelt sich schneller, als die Soziologen den Wandel analysieren können. Der Judenstaat legt den Kaftan ab und einen Armani-Anzug an. Tel Aviv ist heute schicker, aufregender und urbaner als jede andere Stadt am östlichen Mittelmeer, sogar das verschnarchte heilige Jerusalem mausert sich zu einer Großstadt mit Verkehrsstaus, Shopping-Malls und Cafes, die den Sabbat ignorieren.

Wie sooft sind es Kleinigkeiten, an denen man die Änderungen von Sein und Bewußtsein festmachen kann. Es ist noch nicht lange her, daß in El-Al-Flugzeugen, sobald die israelische Küste in Sicht kam, patriotische Lieder gespielt wurden und die Fluggäste erleichtert aufatmeten, als wären sie einem Pogrom entkommen. Jetzt stürmen sie die Ankunftshalle, um am Duty-free-Schalter die Waren abzuholen, die sie vor der Abreise eingekauft haben. Draußen vor dem Flughafengebäude werden sie von einer grell beleuchteten Abbildung der Klagemauer begrüßt - Werbung für American Express. Die Staatslinie El Al darf zwar immer noch nicht am Sabbat fliegen, doch ihre Maschinen gehen dennoch in die Luft, vermietet an die private Gesellschaft Arkia.

Im Sommer fahren die Autos mit geschlossenen Fenstern, die Klimaanlagen machen's möglich; vor kurzem noch galt das als unbezahlbarer Luxus und ein Zeichen unpatriotischer Schwäche. Auf besonders stark befahrenen Kreuzungen in Jerusalem hat man Schilder aufgestellt, auf denen die Zahl der Menschen zu lesen ist, die in den letzten Monaten an diesen Kreuzungen bei Unfällen verletzt wurden. Auch das ist neu, daß man nicht nur an die Opfer palästinensischer Terroristen erinnert, sondern auch an die der motorisierten Raser.

Und plötzlich stehen an jeder Ecke Telefonkarten-Automaten, die sogar funktionieren. Daß sie nur wenig benutzt werden, liegt daran, daß etwa jeder zweite erwachsene Israeli ein Handy mit sich führt. Was war es früher für ein Abenteuer, wenn man mal telefonieren wollte und keine Telefonmünzen bei sich hatte oder weit und breit kein intaktes Telefon zu finden war.

Die Israelis haben die Freuden des guten Lebens entdeckt. Die Inflation liegt bei lächerlichen 14 Prozent (vor gut zehn Jahren waren es über 400 Prozent), die Arbeitslosigkeit beträgt 8 Prozent, der Schekel ist frei konvertierbar, im Sommer reisen 30 Prozent der Israelis ins Ausland.

Gehörten die Gründerväter, einschließlich Menachem Begin, zu der Generation des postassimilatorischen Zionismus, schleppten sie noch die Erinnerung an die Schrecken der Diaspora mit sich, repräsentieren die Nachrücker wie Jossi Beilin von der Arbeitspartei und Ehud Olmert vom Likud die postzionistische Assimilation. Israel ist für sie ein Land, in dem sie geboren wurden, arbeiten und Steuern zahlen. Die nächste Generation geht mit dem historischen Erbe noch unbefangener um. Will ein Teenager einem anderen klarmachen, daß er spinnt, dann sagt er: »Al tdaber zionut« - rede keinen Zionismus. Bei einer Umfrage unter israelischen Jugendlichen über ihre Idole wurden ein Dutzend Musiker, Sänger und Basketballspieler und nur drei Politiker genannt. Staatsgründer David Ben-Gurion landete auf Platz vier der Beliebtheitsskala, gemeinsam mit dem Popstar Schlomo Arzi.

Und entgegen allen Behauptungen der Massenpsychologen spielt der Holocaust im Bewußtsein des Landes eine weit geringere Rolle als in der Bundesrepublik.

Die Mehrheit der Israelis befürwortet Verhandlungen mit der PLO, und gäbe es keine Terroranschläge, die das Busfahren zu einem unkalkulierbaren Risiko machen, würden sich mehr Israelis mit der Idee eines palästinensischen Gemeinwesens 15 Kilometer östlich von Tel Aviv abfinden können.

Was hat die Israelis, die dem Überleben zuliebe auf vieles im Leben zu verzichten bereit waren, so verändert, was hat sie so positiv korrumpiert?

Es waren drei Ereignisse der letzten Jahre. Erstens der Golfkrieg: Er brachte die Einsicht, daß es nicht in erster Linie Palästinenser sind, die den Bestand Israels bedrohen. Zweitens die Aufnahme der Gespräche mit den Palästinensern: Noch 1991 wurde Abi Natan, der Besitzer des Piratensenders Voice of Peace, zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil er sich mit Jassir Arafat in Tunis getroffen hatte. 1993 tauschten Rabin und Arafat den historischen Händedruck aus, seitdem gehören Treffen mit dem PLO-Chef zur Routine israelischer Politiker, Journalisten und Gewerkschafter. Welchen Sinn hat es gehabt, fragen sich da viele, die Palästinenser mehr als 40 Jahre lang nicht zur Kenntnis zu nehmen, wenn es viel einfacher ist, mit ihnen zu reden?

Die dritte einschneidende Wende: die Einführung des Kabelfernsehens. 1990 wurde mit der Verkabelung begonnen, inzwischen sind über 70 Prozent aller Haushalte an das Kabelnetz angeschlossen. Von Eilat im Süden bis Metulla im Norden können Israelis über 40 Programme empfangen: drei eigene, dazu englische, türkische, französische, deutsche, russische und arabische. Nichts hat die Egozentrik der Gesellschaft heftiger erschüttert als die Entdeckung, daß auch außerhalb Israels eine reale Welt existiert, daß es neben dem Nahostkonflikt noch andere Krisenherde und Sichtweisen gibt.

Die Israelis waren über das Geschehen in der Welt immer gut unterrichtet, nur waren sie gewohnt, alles aus einer sehr spezifischen Perspektive zu betrachten: Ist es gut für uns, oder ist es schlecht für uns? Fing das Fernsehen seine Nachrichtensendung mit einem Auslandsbericht an, bedeutete dies, daß nichts Wichtiges passiert war, es sei denn, Juden oder Israelis waren irgendwie an dem Geschehen beteiligt.

Ben-Gurion soll einmal gemeint haben, Israel werde erst dann ein ganz normaler Staat sein, wenn es in Tel Aviv jüdische Gauner und jüdische Prostituierte gebe. Über diese Stufe der Entwicklung ist das Land längst hinaus. Die Ermordung von Jizchak Rabin könnte als ein definitiver, schrecklicher Beweis der vollendeten Normalität gedeutet werden.

Aber auch das Gegenteil scheint möglich: ein Absturz in den Tribalismus, eine Verweigerung gegenüber der Wirklichkeit zugunsten von Wahnideen, ein Rückfall in die Rolle des ewigen Opfers, in die Lust am Leiden, kurzum: die Rekonstruktion des Ghettos, diesmal mit einer Hymne, einer Flagge und eigener Währung.

Herzl und der Zionismus haben die Juden aus dem Ghetto geholt. Jetzt geht es darum, das Ghetto aus den Juden zu holen. Gelingt das in Israel, dann hätte der Judenstaat seine historische Aufgabe erfüllt. Und würde, vielleicht, ein Staat wie jeder andere. Y

Möglich ist auch der Rückfall in die Rolle des ewigen Opfers, in die Lust am Leiden

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