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NORDAFRIKA / IFNI Das Ende einer Legende

aus DER SPIEGEL 50/1957

Bis zur vorletzten Novemberwoche wiegten sich die Spanier in dem Glauben, als einzige Kolonialmacht in Nordafrika nicht durch den Freiheitsdurst arabischer Nationalisten gefährdet zu sein. An der Affäre von Ifni ist dieser Glaube zerborsten.

Nicht ohne Schadenfreude hatte man im autoritären Madrid beobachtet, wie schlecht es den Franzosen überall in Nordafrika erging und wie schmählich sie dabei ihre demokratisch-liberalen Prinzipien verrieten. Francos Falange-Diplomaten machten sich einen politischen Spaß daraus, die arabischen Aufständischen auf französischem Gebiet mit gelegentlichem »Kss-kss« noch zu ermuntern.

Spaniens handfeste Nebenabsicht war dabei, sich nach französisch-arabischen Eklats den im Prinzip antikolonialistischen Amerikanern als Besitzer eines »Sesam öffne dich« zu dem Schatz arabischen Wohlwollens anzubieten. Spanien schien die Kunst zu beherrschen, Freund der eigenen kolonialen Untertanen zu sein.

Doch schon der Endkampf um die Unabhängigkeit Marokkos Anfang 1956 hatte die Madrider Legende angebohrt. Damals erwies sich zum erstenmal, daß Bomben arabischer Nationalisten nicht nur gegen französische, sondern auch gegen spanische Kolonialherren losgehen.

Im Frühjahr 1956 schaltete die französische Marokko-Politik plötzlich auf einen

liberalen Kurs um und brachte damit die Spanier in Verlegenheit, die nicht damit gerechnet hatten, daß Frankreich jemals den Marokkanern die Unabhängigkeit zugestehen würde. Einen Augenblick zögerte Franco, ob er den Arabern Spanisch-Marokkos konzedieren sollte, was Frankreich seinen Marokkanern bereits in einem Abkommen mit dem Sultan in Rabat zugebilligt hatte: die Unabhängigkeit.

Das Zögern Francos putschte die marokkanischen Nationalisten zu Bombenanschlägen und Angriffen gegen die spanischen Kolonialbeholden auf. Es kam zu blutigen Unruhen. Der spanisch Staatschef räumte dann zwar eiligst auch seiner Zone die Unabhängigkeit ein, aber das Mißtrauen der arabischen Nationalisten war ein für allemal geweckt.

Es entzündete sich vor allem an der Tatsache, daß Spanien nicht allen Kolonialbesitz an das nun souveräne Königreich Marokko zurückgegeben hatte. Die Spanier behielten die nordmarokkanischen Hafenstädte Ceuta und Melilla und weigerten sich zunächst auch, die im Südwesten Marokkos liegende Enklave Ifni seit 1860 spanischer Besitz - herauszurücken (siehe Karte).

Offenbar wollte Franco den an sich völlig, wertlosen Wüstenstreifen von Ifni als Faustpfand für die bevorstehenden Wirtschafts-Verhandlungen mit Marokko benutzen. Es ging den Spaniern um eine wirtschaftliche Vorzugsstellung in Marokko, wie der Sultan in Rabat, der spätere König Mohammed V., auch Frankreich die wirtschaftliche Vormachtstellung in Marokko hatte einräumen müssen.

Tatsächlich ließ Madrid im Sommer dieses Jahres durchblicken, daß es zur Rückgabe Ifnis unter gewissen Bedingungen bereit sei. Im Juli schlossen Spanien und Marokko einen Vertrag, in dem sich Marokko verpflichtete, die spanischen Guthaben im ehemaligen Spanisch-Marokko zu übernehmen und mit einem Betrag in Höhe von rund 350 Millionen Mark abzugelten. Spanien wollte dafür Uni »zu gegebener Zeit« an Marokko abtreten; Verhandlungen darüber sollten bald beginnen. Doch die marokkanischen Nationalisten setzten ihre Regierung unter Druck und verlangten, Spanien müsse zur sofortigen Rückgabe von Ifni gezwungen werden. Bald genügte den Nationalisten der Anspruch auf Ifni nicht mehr. Sie forderten schließlich auch noch die eisenerzfündigen Nordgebiete der spanischen Kolonie Rio de Oro im Süden von Ifni. Diese Gebiete liegen am Westrand der Sahara, auf die der begehrliche Blick der marokkanischen Nationalisten gerichtet ist, seit man dort Lager wertvoller Mineralien gefunden hat und sogar Öl vermutet.

Schon im April zeigte der Führer der nationalen Unabhängigkeitspartei (Istiqlal), Allal el-Fassi, einem Korrespondenten des britischen »Daily Express« eine Landkarte, auf der alle Gebiete zwischen Tanger und dem Senegal-Fluß für Marokko reklamiert wurden. Kurz darauf forderte Fassi von König Mohammed V., er solle Spanien ersuchen, Ifni und den nördlichen Teil der Kolonie Rio de Oro herauszugeben.

Der maßvolle König mußte einwilligen, weil hinter Fassi die »Marokkanische Befreiungs-Armee« steht, eine Partisanen-Gruppe aus der Zeit des marokkanischen Unabhängigkeitskampfes, die - obwohl offiziell aufgelöst - als ein Staat im Staate die Randgebiete des Königreiches beherrscht.

Als der spanische Außenminister Castiella am 15. September nach Tanger kam, um über die Zukunft Ifnis zu verhandeln, konfrontierten ihn die marokkanischen Diplomaten mit der Forderung, auch Teile von Rio de Oro abzutreten. Der Außenminister erklärte, diese neue Forderung Marokkos sei ein Bruch des Juli-Vertrages. Mit der brüsken Feststellung, man könne sich vor den Schranken des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag wiedertreffen, verließ Castiella die Konferenz.

Inzwischen bereiteten sich die Führer der »Marokkanischen Befreiungs-Armee« darauf vor, mit Gewalt zu erreichen, was auf diplomatischem Wege mißlungen war. Die spanische Kolonialpolizei bekam von den Vorbereitungen Wind. Sie verhaftete vorsorglich 90 Marokkaner, die im Verdacht standen, Mitglieder der Befreiungs -Armee zu sein. Sieben Rebellen wurden von den Spaniern nach einer Sträflingsinsel deportiert.

Doch die Feldherren der Befreiungs-Armee ließen sich durch solche Maßnahmen nicht von dem geplanten Gewaltstreich gegen Ifni abhalten. Sie warteten lediglich ab, bis König Mohammed seine Reise in die Vereinigten Staaten angetreten hatte. Der Monarch hatte noch nicht amerikanischen Böden betreten, da gaben die Unterführer der Befreiungs-Armee das Signal zum Aufstand.

In den Morgenstunden des 23. November schlichen sich die Heckenschützen der Befreiungs-Armee in die Stadt Sidi Ifni, umstellten die Außenforts der spanischen Garnison und eröffneten unter dem Ju-Ju-Geschrei der arabischen Weiber von Ifni das Feuer auf die Legionäre Francos. Die Eroberung der Stadt gelang zwar nicht restlos, aber in den ersten Kampftagen waren die marokkanischen Rebellen im Vorteil.

Doch dann führten die Spanier frische Fallschirmtruppen zum Entsatz der eingeschlossenen Garnison heran. Beide Seiten verbreiteten enthusiastische Siegesmeldungen, obwohl das Kriegsglück in den folgenden Tagen hin und her schwankte. Offenbar ist es den Fallschirmjägern Francos noch nicht gelungen, dem beleidigten Stolz der Spanier volle Genugtuung zu bereiten.

Mindestens aber endete in dem Piff-Paff der Affäre von Ifni ein alter Traum der Madrider Politiker: der Mythus von der ewigen spanisch-arabischen Freundschaft.

Marokkos König Mohammed: In der Ferne das Ju-Ju-Geschrei der Weiber

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