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Japan Das Erdbeben spielte russisches Roulette

Von Tiziano Terzani
aus DER SPIEGEL 5/1995

Arme Japaner: Sie weinen nicht, sie jammern nicht, sie verzweifeln nicht. So sind sie erzogen. Sie scharren in den Trümmern, verbrennen ihre Toten und besichtigen mit ausdruckslosem Gesicht ihre eingestürzten Häuser. Als fühlten sie nichts, als wollten sie auch im vorbeigehenden Beobachter kein Gefühl, kein Mitgefühl erwecken.

Kobes Einwohner haben die schlimmste Katastrophe seit dem Krieg erlebt. Aber es fließen nur wenige Tränen, es erhebt sich kein Schrei, nicht einmal ein Schrei des Zorns über die verspätete und oft nutzlose Hilfe. Überall herrscht diszipliniertes, eisiges Schweigen.

Es ist nicht leicht, nach Kobe zu gelangen. Für den Superschnellzug aus Tokio ist Osaka neuerdings Endstation. Die Brücken sind zusammengekracht, und die Autobahn, die hoch über den vielstöckigen Häusern verlief, liegt wie ein totes Tier auf der Flanke. Ihre betonierten Pfeiler, so dick, daß sechs Männer sie kaum umfassen können, sind wie Streichhölzer geknickt.

Am schnellsten kommt man jetzt nach Kobe über das Meer. Die »Sylphide«, eigentlich ein kleiner Luxusdampfer, pendelt ununterbrochen über die Bucht von Osaka, beladen mit Menschen, die Verwandten und Freunden Verpflegung bringen. Niemand an Bord spricht über das Unglück, niemand tauscht Erlebnisse oder leidvolle Erfahrungen aus. Als das Schiff in den Hafen einläuft, starren alle Augen auf die verlassene Mole, auf die verbogenen Kräne, die Container, die wie Bauklötze eines Spielzeugkastens zu Hunderten auf den aufgebrochenen und zerklüfteten Flächen liegen. Das unheimliche Schweigen wird nur durchbrochen durch die schrillen Schreie der Möwen.

Der Landgang ist wie eine Reise in eine andere Zeit, in der sich der Mensch seiner unendlichen Verwundbarkeit noch bewußt war. Hochhäuser aus Stahl und Glas liegen darnieder, als wären sie aus Papier gebaut gewesen. Andere stehen noch, aber gefährlich schief; wiederum andere sind um mehrere Stockwerke in sich zusammengesackt. Manche Hochhäuser sehen aus wie Betrunkene, die versuchen, sich gegenseitig zu stützen.

Der Asphalt ist voller Beulen und Spalten, Kantsteine sind zerkrümelt wie Zucker. Es gibt Stadtteile, die vollkommen eingeebnet wurden; in anderen sind die Häuser auf der einen Straßenseite eingestürzt, die auf der anderen stehengeblieben. In manchen Blocks liegen einige Gebäude in Schutt, während an anderen nicht einmal ein Riß zu sehen ist, als hätte das Erdbeben russisches Roulette gespielt.

»Wir leben! Ruft an unter der Nummer . . .« oder: »Mutter ist tot. Bin untergekommen bei . . .«, steht auf handgeschriebenen Zetteln, die unter ein Stuhlbein geklemmt worden sind.

Kobe hatte rund anderthalb Millionen Einwohner. Viele sind geflohen. Die Dagebliebenen kampieren in Schulen, öffentlichen Gebäuden oder Zelten. Tagelang ist die Stadt ohne Elektrizität, ohne Gas und Wasser geblieben, das Leben schien auf eine elementare, mittelalterliche Daseinsform zurückgeworfen. Die Menschen in diesem Land voll futuristischem Spielkram, wo selbst Toiletten wie Pilotenkabinen aussehen und Heizkörper per Computerstimme an das Nachfüllen von Petroleum gemahnen, mußten sich auf der Straße an zerbrochenen Wasserleitungen waschen und nachts an Feuern erwärmen, die mit Holz aus den Ruinen angefacht wurden.

Viele Opfer hätten gerettet werden können, wenn die Hilfsaktionen schneller und effektiver angelaufen wären. In Nagata, einem der am schwersten getroffenen Stadtviertel, kamen die ersten Feuerwehrwagen viele Stunden nach dem Erdbeben, die ersten Ärzte gar erst einen Tag danach an.

Die Rettungsmannschaften waren schlecht ausgerüstet. Es fehlten Suchgeräte, die auf Körperwärme unter Trümmerbergen reagieren oder das Scharren und Klopfen eines Verschütteten registrieren. Die japanische Industrie, die die Erde mit ihrer Elektronik überschwemmt, hat von diesen Apparaten für den eigenen Zivilschutz nur wenige zur Verfügung gestellt.

Womöglich wollten die Japaner sich eine Demütigung ersparen, als sie angebotene Hilfe aus dem Ausland zuerst ablehnten und dann nur halbherzig zuließen. Französische und schweizerische Rettungsmannschaften wurden zu Orten geführt, wo die Trümmer bereits mit Bulldozern abgetragen worden waren.

Jedem ist klar, daß die Behörden ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren, aber der Protest ist dünn. »Gegen Erdbeben, Blitz und deinen eigenen Vater kommst du nicht an«, sagt ein japanisches Sprichwort. Das Volk fügt sich in seine Abhängigkeit von den oberen Instanzen mit dem gleichen Fatalismus, mit dem es eine Naturkatastrophe hinnimmt.

Japaner werden von frühester Jugend an gedrillt, sich gemäß der Rolle zu verhalten, die ihnen zugeteilt ist. Individualismus hat keinen Platz in einem System, dessen oberste pädagogische Maxime nach wie vor heißt: »Der Nagel, der herausragt, wird eingehämmert.« Innerhalb eines Regelsystems mit festgelegten Plänen und Zielen sind jedem Japaner seine Pflichten und Verantwortungen bekannt. Doch das Erdbeben von Kobe fügte sich nicht in die vorgesehenen Schemata und Verhaltensnormen. Es gab keinen Notstandsplan, die herrschende Einstellung verhinderte Improvisation. Die Beamten blieben in ihrem Rollenverständnis gefangen; keiner wollte eine Entscheidung treffen, während Tausende auf Hilfe warteten.

Als sich die schwerfällige Bürokratie nach zwei Tagen endlich aufgerafft hatte, rollten Soldaten, Feuerwehrleute und Polizisten mit blitzblank geputzten Fahrzeugen ein, die Uniformen frisch gebügelt, mit Atemschutzmasken vor dem Mund und Armbinden, die ihre Rollen beschrieben. Doch sie brachten den Menschen oft nicht viel mehr als eine Schüppe, um die Trümmer von den Bürgersteigen zu schaufeln. Was fehlte, waren Behelfsunterkünfte für die Obdachlosen und Feldhospitäler für die Verletzten. Nur ein paar tragbare Toiletten stellten die Helfer in die öffentlichen Parks.

Die wenigsten schienen die Dringlichkeit der Lage wirklich begriffen zu haben. Soldaten warteten oft tatenlos auf Befehle oder fegten die Zigarettenstummel vor ihren Zelten weg, statt nach Verschütteten zu graben. Wohl wurde das Erdbeben zum nationalen Drama: Die Fernsehkanäle stellten ihre Unterhaltungsprogramme ein und sendeten Dauerreportagen aus Kobe. Doch die Nation wirkte in keiner Weise geschockt, nicht unmittelbar Betroffene standen oft gleichgültig neben dem Unglück ihrer Mitbürger.

Jahrhundertelang haben die Japaner mit Naturkatastrophen auf ihren von Erdbeben geschüttelten Inseln gelebt, im Schatten von Vulkanen, die immer wieder ausbrechen. Die Vorstellung, daß das Leben ein flüchtiger Augenblick ist, hat sich tief in ihre Seele gegraben, sie hat Ethik und Ästhetik bestimmt sowie die gleichmütige Einstellung zum Tod.

Es ist auch dies Gefühl, auf unsicherem Grund zu leben, das zu ihrer Fügsamkeit beiträgt, das sie bereitwillig schuften und dem einzigen Gott opfern läßt, den sie kennen: Japan.

Kobe war tagelang sich selbst überlassen. Auf den Straßen standen Autos, Motorräder und Fahrräder, die keinen Besitzer mehr hatten. Aus zerborstenen Schaufenstern quoll Ware aller Art. Doch niemand hat geplündert oder gestohlen. Im Stadtviertel Nagata lagen vor einer eingestürzten Fabrik große Haufen eleganter weißer Sportschuhe. Wie viele Obdachlose trugen nur Pantoffeln - aber keiner rührte die Schuhe an, die im strömenden Regen verrotteten.

Diese Disziplin, die es den Japanern verbietet, festgelegte Regeln zu brechen oder ihre Gefühle zu offenbaren, macht sie zu imponierend widerstandsfähigen Menschen.

Bei allem Fatalismus ergeben sie sich nicht so leicht in ein widriges Schicksal. Manche sprechen bereits von der »großartigen Gelegenheit«, Kobe noch moderner und rationeller wiederaufzubauen. Immerhin blieben viele Gebäude - wie das Rathaus - völlig unversehrt; deren Strukturen werden nun untersucht und kopiert: Anleitung für einen neuen Versuch, die Natur mittels Technik zu zähmen.

Auf der Rückfahrt nach Osaka über verstopfte Landstraßen ist japanischer Kampfgeist schon wieder am Werk. Arbeiter reparieren Telefonkabel, Stromleitungen und Masten. Jeder trägt Uniform und einen Helm in der Farbe, die seine Funktion definiert.

Das Erdbeben von Kobe und seine Opfer sind bereits zu Nummern in einer Statistik geworden. Hartnäckig und von keinem Zweifel berührt, sind die Japaner entschlossen, sich dem brüllenden Ungeheuer, das sich im Inneren ihrer Erde verbirgt, immer wieder zu stellen. Y

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