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»Das Ergebnis ist mager«

SPIEGEL Interview mit dem ägyptischen Militärexperten Talaat Mussallam Der ägyptische Generalmajor Talaat Mussallam, 58, früheres Mitglied des Generalstabs der Armee und Autor zahlreicher strategischer Studien, beurteilt die Kriegslage. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

SPIEGEL: Herr General, ist der irakisch-iranische Krieg jetzt am Wendepunkt angelangt?

MUSSALLAM: An einem Wendepunkt ja. Der Iran hat in seinem Angriff auf Basra ungewöhnlich viel Material eingesetzt, ohne daß er viel gewonnen, geschweige denn einen großen Durchbruch erzielt hätte. Die iranischen Verluste im Verlauf der Operation »Kerbela 5« sind sehr hoch, sie haben das iranische Offensivpotential für den Augenblick fast aufgezehrt.

SPIEGEL: Verglichen mit dem Irak verfügt der Iran aber über ein schier unerschöpfliches Menschenreservoir.

MUSSALLAM: Der Iran hat diesmal doppelt so viele Soldaten eingesetzt wie je zuvor, nämlich zehn Divisionen. Im Verhältnis dazu ist das Ergebnis mager.

SPIEGEL: Sind die iranischen Brückenköpfe auf dem irakischen Ufer des Grenzflusses Schatt el-Arab in Ihren Augen kein Erfolg?

MUSSALLAM: Es sind noch keine Brückenköpfe im militärischen Sinn. Nach wie vor liegen die Pontonbrücken in Reichweite der irakischen Haubitzen vom Kaliber 122 Millimeter, so daß die Iraner echte Brückenköpfe nicht aufbauen konnten.

SPIEGEL: Selbst der Irak gibt zu, daß die Iraner einen zehn Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Uferstreifen erobert haben.

MUSSALLAM: Richtig, aber den können die Iraner nicht voll nutzen. Sie können keine schnellen Truppen über den Schatt el-Arab werfen, ohne sich dem Feuer der Iraker auszusetzen, die bisher ganze Truppenverbände aufgerieben haben.

SPIEGEL: Vor einem Jahr gelang es den Iranern, einen richtigen Brückenkopf auf der Halbinsel Fao zu errichten ...

MUSSALLAM: Ja, dort eroberten sie ein größeres Gebiet. Der Brückenkopf war über 15 Kilometer tief und daher außer Reichweite der irakischen Haubitzen. Außerdem ist Fao von Morast und

Marschen umgeben, was eine irakische Gegenoffensive erschwerte.

SPIEGEL: Die Initiative liegt seit Jahren bei den Iranern. Kann man leugnen, daß der Irak in eine militärisch ungünstige Situation geraten ist?

MUSSALLAM: Nein. Dennoch ist der Irak noch ausreichend stark, den Feind durch einen Gegenschlag empfindlich zu schwächen.

SPIEGEL: Dieser Gegenschlag läßt lange auf sich warten ...

MUSSALLAM: Es ist ein Fehler der Iraker, sich an der Position des Verteidigers festzuklammern.

SPIEGEL: Ist das ihr einziger Fehler?

MUSSALLAM: Der Irak hat seine Luftwaffe immer noch nicht voll zum Einsatz gebracht.

SPIEGEL: Oder zu hohe Verluste erlitten? Der Iran hat den Abschuß von 47 irakischen Kampfflugzeugen bekanntgegeben.

MUSSALLAM: Diese Zahlen scheinen mir übertrieben. Fest steht, daß die irakische Luftwaffe, die auf 500 Maschinen zurückgreifen kann, aus mir unbekannten Gründen nicht stark genug in die Kämpfe eingreift. Für falsch halte ich übrigens auch, daß die irakische Luftwaffe während umfassender Bodenoperationen der Truppen iranische Städte bombardiert.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß Basra fallen wird?

MUSSALLAM: Im Augenblick sehe ich diese Gefahr nicht.

SPIEGEL: Wird der Irak noch mehr Hilfe von seinen arabischen Brüdern brauchen?

MUSSALLAM: Unbedingt, damit sich die Iraner keine Siegeshoffnungen mehr machen.

SPIEGEL: Wird die Militärmacht Ägypten eingreifen?

MUSSALLAM: Seine wirtschaftlichen Probleme halten Ägypten davon ab, sich militärisch zu engagieren. Dennoch schließe ich nicht grundsätzlich aus, daß sich Ägypten eines Tages gezwungen sieht, in den Golfkrieg einzugreifen.

SPIEGEL: Wie lange kann dieser nun schon sechsjährige Krieg noch dauern?

MUSSALLAM: Wenn sich auf internationaler Ebene nichts tut, wenn weder die arabischen oder die islamischen Länder dem Irak zu Hilfe kommen noch die Supermächte ein Kriegsende erzwingen, kann der Krieg noch fünf Jahre weitergehen.

SPIEGEL: Warum?

MUSSALLAM: Soviel Zeit braucht der Iran, um die Überlegenheit der Iraker, vor allem bei der Luftwaffe, bei Kampfhubschraubern und Panzern, auszugleichen.

SPIEGEL: Was kommt dann?

MUSSALLAM: Dann kann der Iran den Irak besiegen.

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