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RUDOLF AUGSTEIN Das Europa der Schatten

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 36/1987

Honecker kommt. Man tritt für ihn ins Gewehr. Gleichzeitig registriert man in Salzgitter seine - denn seine sind es - »Verbrechen« an der Staatsgrenze, die eine solche nach westdeutschem Verständnis doch nicht sein darf.

Dies ist nicht die einzige politische Schizophrenie auf Erden, aber doch eine besonders bemerkenswerte. Wir stärken den zweiten deutschen Staat, den uns angliedern zu wollen wir doch vorgeben.

Dies ist ohne Zweifel eine richtige Politik. Aber richtige Politik kann es, ohne politischen Untergrund und ohne längerfristige Perspektiven, nicht geben.

Hier ist es nicht nur die CDU/CSU - die ja immer und ohnehin -, die sich und uns was vormacht. Vom anderen Ende her spinnt nun auch die SPD. Sie beruft sich zusammen mit der SED »auf das humanistische Erbe Europas«. Man möchte Radio Schleswig-Holstein anstellen.

Wenn wir für möglich halten, daß Bismarck (wie vor ihm übrigens Napoleon) dem »humanistischen Erbe Europas« zuviel geraubt, zuviel zugemutet habe: Wie soll es uns dann freuen, daß Honeckers Verhältnis zu Stalin, so schrieb es Oskar Lafontaine, »bis weit in die fünfziger Jahre ungetrübt war«, was nicht stimmt, er hatte gar kein »trübbares Verhältnis«, und Stalin starb am 5. März 1953. Oh, Oskar, Oskar!

Das Bismarck-Reich ist dahin. Es kann, nach dem Verlust Ostelbiens, nicht wiederkommen. Aber um die verbliebenen Reste des Bismarck-Reiches geht es.

Wie kann man statuieren, was die SPD sehr sichtbar gegen den Willen ihres Vorsitzenden (Hans-Jochen Vogel) betreibt, das Bismarck-Reich dürfe nicht wiederkehren? Wenn SED und SPD sich in einem nahe sind, dann doch wohl in dem Selbstbetrug, man könne die Geschichte voraussehen, sie gewisserweise »nageln«.

Rückblickend darf man auch anerkennen, daß Bismarcks Fehler einerseits die dieses einen Mannes, überwiegend aber die seines Staates Preußen, wenn nicht seiner deutschen Nation waren. Und immer noch haben sich die Menschen in Bismarcks Reich, das auf den Untergang hin programmiert war, wohler gefühlt als im SED-Staat Erich Honeckers.

Ist es ein Vorteil, daß Honecker früher mehr Kommunist als Deutscher war und heute eher umgekehrt? Ja, natürlich. Sollen wir in ihm den Mauerbauer sehen? Ja, natürlich, er hatte (und hat) keine andere Wahl. Lösen sich die Bindungen in Ost und West? Das scheint doch, alles in allem, nur vordergründig so.

An der europäischen Perspektive freilich fehlt es. Sie führt ins Irreale, gänzlich Verlogene. Die Welt, die Heinrich Mann beschwörend und überzeugt 1932 an die Wand malte, »den Bundesstaat Deutschland-Frankreich": Es hätte ihn schon damals, auch ohne Hitler, ohne Deutschnationale, ohne katholisches Zentrum, es hätte ihn allein aus französischer Sicht nicht geben können.

Das hat sich ja inzwischen gezeigt. Frankreich, der Erfinder des Nationalstaats, würde auch dann eine Neuvereinigung der Bismarckschen Restmasse keinesfalls zulassen (unterstützt nicht nur von Polen), wenn es dabei nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen hätte.

Sollte ein Moskauer Generalsekretär die DDR ohne Bedingungen räumen - es wäre Frankreich nicht recht. Sollte er die Bedingung daran knüpfen, Restdeutschland dürfe keine Atomwaffen besitzen - es wäre Frankreich nicht recht.

Sollte er das neu vereinigte Restdeutschland aus der Nato (die Frankreich de facto verlassen hat) und aus der EG (wo es die meisten Vorteile bezieht, wenn auch nicht auf unsere Kosten) herauslösen wollen - es wäre Frankreich nicht recht.

Warum nicht? Zwei Gründe: Deutschland ist von Frankreich schon finnlandisiert worden, es dient, wie zu Zeiten Richelieus, Frankreich als Glacis. Zweitens: Frankreich hat 1870 und 1914 die wirtschaftliche Übermacht eines damals noch bevölkerungsstärkeren Industrie-Deutschland erlebt. Wenn schon Italien wirtschaftlich zu Frankreich aufgeschlossen hat: Ein neu vereinigtes Restdeutschland, den Frieden stiftend wie auch immer, kann Frankreich aus seinem Denken und seiner Geschichte, aus seiner Ökonomie heraus, nicht hinnehmen.

Berechtigt, unberechtigt? Jedenfalls erkennbar, begründbar. Honecker, ein Pfahl, ein Pfählchen gegen die Neuvereinigung? Als solcher ist er in Paris willkommener als in Bonn.

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