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KARRIEREN Das Experiment

Horst Seehofer war politisch schon fast am Ende, jetzt sieht er die Chance, neuer CSU-Chef zu werden. Sein Einsatz ist hoch, er riskiert Gesundheit, den Frieden in seiner Partei, den Rest seiner Privatsphäre. Er schwankt zwischen Angriffslust und Verzagtheit. Von René Pfister
aus DER SPIEGEL 6/2007

Es ist stickig, furchtbar stickig im Sitzungssaal 35.4, auf den Tischen stehen halbleere Wasserflaschen aus Plastik und Tassen mit eingetrockneten Kaffeerändern, es ist Montagabend kurz nach sechs, und die Debatte dauert schon siebeneinhalb Stunden. Von der Decke strahlt weißes Neonlicht.

Horst Seehofer sitzt zurückgelehnt auf seinem Bürostuhl, er ist der Vorsitzende des Brüsseler Agrarministerrats. An seinem linken Ohr baumelt ein Kopfhörer, aus dem sanft die Stimme eines Übersetzers dringt. Sie hat schon von Maisüberkapazitäten in Ungarn berichtet und einheitlichen Betriebsprämien für Obstbauern, jetzt geht es um Tagesordnungspunkt 15674/06: ein Einfuhrverbot für Katzenfelle. Seehofer nimmt einen Zettel, kritzelt ein paar Worte drauf und schiebt ihn seinen Leuten zu. »Solche Sitzungen sind eine Folter«, steht da.

Seehofer hält es nicht mehr aus. Er ist seit 14 Monaten Landwirtschaftsminister, es ist ein Amt, das ihm von Anfang an zu klein war, er trägt es wie einen Anzug, der an allen Nähten spannt. Im Kanzleramt tagt an diesem Abend der Koalitionsausschuss, es geht um die großen Themen, Arbeitsmarktreform und Gesundheit; Horst Seehofer ist nicht dabei, er muss sich in Brüssel darüber Gedanken machen, warum Mais-Silos in Ungarn überquellen.

Vor drei Wochen erhob sich die CSU gegen Parteichef Edmund Stoiber, und seither sieht Seehofer die Chance, der Ausschließlichkeit seines Ministeramts zu entkommen. In seinen kämpferischen Momenten ist er entschlossen, nach dem CSU-Vorsitz zu greifen, er will sich dann nicht aufhalten lassen, nicht von den Enthüllungen über sein Privatleben, nicht von den Funktionären im CSU-Präsidium, schon gar nicht von seinem Rivalen Erwin Huber. In den nachdenklichen Momenten ist er zögerlich, er denkt an sich und sein Seelenheil.

In den letzten Tagen aber siegte der Machtmensch Seehofer über das Sensibelchen Seehofer. Die CSU steht vor einem Machtkampf, wie sie ihn noch nicht gesehen hat, einem, bei dem sich alle gegenseitig Fairness versprechen und jeder mit Verrat und Intrigen rechnet. Seehofer tritt an als Politiker neuen Typs. Er steht mitten im Schlachtgetümmel und möchte gleichzeitig vom Ekel der Basis über das Hauen und Stechen um die Posten profitieren.

Seehofer will Chef der konservativsten deutschen Volkspartei werden in einem Moment, wo die Zeitungen über seine Affäre mit einer Bundestagsmitarbeiterin schreiben. Jede neue Enthüllung kann seine politische Karriere beenden. Es ist, als begänne er den Wettlauf um den CSU-Vorsitz mit einem Rucksack voll Nitroglyzerin auf dem Rücken.

Noch vor sechs Wochen musste sich Seehofer keine Sorgen um den CSU-Vorsitz

machen, schon im vergangenen Jahr hatte er mit Edmund Stoiber im Vertrauen darüber gesprochen, wie ein Übergang organisiert werden könne, irgendwann nach 2010. Es wäre wohl auf ihn zugelaufen, schließlich ist er mit Abstand der beliebteste Politiker der CSU.

Dann begannen die Verhältnisse zu tanzen, es ergab sich die Gelegenheit, dass Günther Beckstein und Huber das Stoiber-Erbe untereinander aufteilen konnten, ohne Seehofer zu beteiligen. Sie packten zu. Niemand aus der Parteiführung ging ernsthaft dazwischen, weil jeder sich schon einmal über den Egomanen Seehofer geärgert hatte.

Das CSU-Präsidium war zufrieden, die CSU-Landtagsfraktion sowieso, nicht mal seine eigenen Leute in der Berliner Landesgruppe mochten für ihn kämpfen. Huber rief ihn auf dem Handy an und stellte ihn vor vollendete Tatsachen. »Wir haben uns entschieden und bieten dir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit an«, sagte er kühl.

Seehofer rächte sich auf seine Weise. Er meldete umgehend seinen Anspruch auf den Parteivorsitz an, er richtete Beckstein und Huber aus, sie veranstalteten einen »Intrigantenstadl«. Landesgruppenchef Peter Ramsauer, der ihn erst als Kandidat ins Gespräch gebracht hatte und sich dann in der entscheidenden Sitzung nicht vehement für ihn einsetzte, erhielt eine SMS, die vor Ironie nur so strotzte: »Danke. Hoffentlich gibt es noch ein Gewissen. MfG, Horst.«

Seehofer wagt ein halsbrecherisches Experiment, er will den Chefposten einer Partei erobern, vorbei an allen Funktionären und Gremien, nur getragen von der Sympathie der einfachen CSU-Mitglieder. Er will die Basisdemokratie einführen in einer Partei, die an Kampfabstimmungen über den Parteivorsitz nicht gewöhnt ist. Wenn er Erfolg hat, dann sitzt er einem Parteipräsidium gegenüber, das ihn lieber auf dem politischen Gottesacker sähe, als auf dem Stuhl des Chefs.

Die Politik hatte Seehofer vor fünf Jahren fast ins Grab geschubst, er war Mitglied in Stoibers Wahlkampfteam, und wegen seiner Termine ignorierte er eine akute Herzmuskelentzündung. Er fragte erst den Arzt, als er vor Atemnot nicht mehr laufen konnte. Hätte er noch ein paar Stunden gewartet, wäre er tot gewesen.

Nach seiner Genesung ließ sich Seehofer mit raspelkurzen Haaren und ausgemergeltem Körper fotografieren. Er sprach über die Gier der Politiker nach Anerkennung und den mörderischen Termindruck. Er kündigte an, künftig alles anders zu machen, er redete wie ein trockener Alkoholiker. Über Zeitungsporträts stand: »Der Geläuterte«.

»So, ein Bier trinken wir noch«, sagt Seehofer. Er winkt den Kellner herbei und zeigt auf seine leere Flasche Carlsberg, es ist Montagabend um kurz vor zwölf, es ist laut, die Gäste blasen blaue Rauchwolken in die enge Wirtsstube einer Brüsseler Brasserie. Seehofer hat einen Arbeitstag von geschätzten 14 Stunden hinter sich, um kurz nach neun hat er noch ein halbes Hähnchen verdrückt. Er führt jetzt wieder das Leben eines Herzinfarkt-Kandidaten.

Hat er Angst, wieder auf der Intensivstation zu landen? Seehofer hält kurz inne. Nein, sagt er, er sei mit sich völlig im Reinen, er gehe regelmäßig zum Arzt und lasse sich Blut abnehmen. »Es ist erstaunlich, was man heutzutage alles an einem Blutbild ablesen kann.« Dann wendet er sich wieder dem eigentlichen Thema des Abends zu, seinem Kampf um den CSU-Vorsitz.

Horst Seehofer hat die erstaunliche Fähigkeit, sich an seine jeweilige Lebenssituation anzupassen wie eine Echse, die die Farbe des Steins annimmt, auf dem sie gerade sitzt. Er ist 57 Jahre alt, es ist seine letzte Möglichkeit, ganz nach oben zu kommen. Mit dem Parteivorsitz stünden Seehofer auf kurz oder lang auch andere Spitzenposten offen, er könnte sich gut vorstellen, ins Finanzministerium einzurücken.

Es gibt viele Politiker, die sehr wandelbar sind in ihren Einstellungen, wahrscheinlich kann man ihnen das nicht einmal vorwerfen. Sie möchten gewählt werden, und allzu große Prinzipienfestigkeit ist dabei nicht hilfreich. Auch Horst Seehofer beherrscht viele Rollen, und fast alle wirken authentisch, er ist einer der wenigen echten Populisten der deutschen Politik. Es gibt 614 Abgeordnete im Bundestag, es gibt dort eine Menge Beamte der Demokratie, aber nur noch wenige Politiker, die die Menschen wirklich interessieren.

Seehofer vermag in sich Widersprüche zu vereinen, die anderen Politikern sofort zum Verhängnis würden, er spielt an einem Tag den Reformer und am nächsten Tag den Hüter des Sozialstaats, ohne dass es seine Glaubwürdigkeit spürbar beschädigte. Er kann heute das loyale Regierungsmitglied mimen und am nächsten Tag mit harschen Worten auf Politiker schimpfen, die sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen. Das macht ihn populär und interessant, aber auch ein bisschen unheimlich.

Am Dienstagmorgen schlendert Seehofer in den Frühstücksraum seines Brüsseler Hotels, dort sitzen schon seine Pressesprecherin und sein Staatssekretär Gert Lindemann. »Wissen Sie, dass heute ein historischer Tag ist?« Die Runde blickt verdutzt auf. »Heute wird in den Fraktionen über die Gesundheitsreform abgestimmt!« Dann lacht Seehofer laut auf. Es war ein Witz, natürlich, jeder am Tisch weiß, für wie verkorkst er das Reformwerk hält.

Zehn Minuten später steht Seehofer auf, setzt sich mit dem Journalisten einer Nachrichtenagentur an den Nebentisch und diktierte ihm ein kurzes Interview in den Block. Um 11.26 Uhr läuft es über die Ticker: »Seehofer lobt Gesundheitsreform«.

1993 musste Seehofer als junger Gesundheitsminister zum Deutschen Ärztetag, er hatte gerade Reformen im Gesundheitswesen in Angriff genommen. Als er vor der Dresdner Semperoper aus seinem Dienstwagen stieg, schlug ihm Ablehnung entgegen. Seehofer ging ans Rednerpult, er schmeichelte den Ärzten und sprach von der Verantwortung fürs große Ganze. Am Ende drängte ein Mediziner ans Mikrofon und rief in den Saal. »Wir haben gerade den nächsten Bundeskanzler gehört.«

In der CSU-Spitze haben sie Angst vor Seehofers Fähigkeiten, er ist beliebt und völlig unberechenbar, das ist eine für Funktionäre unangenehme Mischung. Es bedeutet, dass er sich nicht disziplinieren lässt, er ist der Einzige im engsten Führungszirkel der Partei, der seit Jahren ohne Seilschaften auskommt. Seehofer kann mit wohligem Schauer erzählen, wie ihm im CSU-Vorstand stumme Aggression entgegenschlägt, wenn er den Raum betritt.

Wie, um Himmels willen, will er Chef dieser Truppe werden?

Seehofer überlegt lange, dann spricht er von Gerhard Schröder. Seehofer hat genau beobachtet, wie Schröder groß wurde im Konflikt mit der SPD, wie er vom damaligen Parteichef Rudolf Scharping gefeuert

wurde als wirtschaftspolitischer Sprecher wegen allzu großer Renitenz und am Ende doch den Sprung nach ganz oben schaffte. Das hat ihm sehr imponiert.

Seehofer macht sich die Parteienverdrossenheit der Bürger zunutze, indem er gegen das System aufbegehrt, ohne es zu verlassen. Er ist seit über zwei Jahrzehnten CSU-Spitzenpolitiker, er sitzt in allen wichtigen Gremien der Partei, jetzt will er sogar an die Spitze rücken, aber trotzdem tut er so, als gäbe es keinen schärferen Kritiker der verkrusteten Verhältnisse als ihn selbst.

Natürlich braucht jede Partei auch Dissidenten, aber wenn die Methode Seehofer überhandnimmt, dann sind Parteien nicht mehr funktionsfähig, weil sie nur noch aus politischen Ich-AGs bestehen. Parteien werden von Widerspruch vorangetrieben, aber ihr Kitt heißt Loyalität. Wenn sich jeder gegen die eigene Partei profiliert, nur um sein eigenes Gewicht zu erhöhen, gerät das System ins Wanken.

In zweieinhalb Wochen ist Seehofer zum ersten Mal seit Jahren wieder zu Gast beim Politischen Aschermittwoch der CSU in Passau. Er wird keine Rede halten können wie sein Konkurrent Huber, der das Recht dazu hat als CSU-Bezirksvorsitzender von Niederbayern. Aber es werden sich genügend Mikrofone finden, die Seehofer entgegenwachsen, sobald er seinen Fuß in die Dreiländerhalle setzt.

Im Moment ist nicht erkennbar, wie sich Seehofer und Huber noch gütlich einigen können. Es kursieren Szenarien dafür in der CSU, etwa dass Huber in Berlin Wirtschaftsminister Michael Glos ablöst und Seehofer Parteichef wird. Beide hätten damit an Macht und Einfluss gewonnen. Aber Glos ist zu wichtig in der CSU, als dass man ihn einfach beiseiteschieben könnte.

Seehofer weiß, dass die Schlacht noch lange nicht zu seinen Gunsten entschieden ist, bislang sind seine Umfragewerte vielversprechend, 41 Prozent der CSU-Anhänger glauben, dass er der beste Parteivorsitzende wäre, von Huber glauben das nur 30 Prozent. Aber Seehofer hat eine wunde Stelle.

»Ja«, sagt er, »meine Privatangelegenheit«.

Er geht bemerkenswert gelassen mit ihr um. Vor ein paar Tagen gab er einen Empfang auf der Grünen Woche, Hände reckten sich ihm entgegen, plötzlich kam eine Frau von einem schwäbischen Volksmusikverein auf ihn zu, sie trug Dirndl mit beachtlichem Ausschnitt, Fotoapparate blitzten, die Situation war ein wenig verfänglich, aber Seehofer scherzte: »Verkaufen S' die Bilder net an die Zeitung«, und alle lachten.

Aber die Angelegenheit lässt sich nicht so einfach wegscherzen. Seehofer hat eine

Geliebte in Berlin, eine gescheite und hübsche Frau von 32 Jahren. Sie ist schwanger. Er hat aber auch eine Frau und drei Kinder in Ingolstadt. Das allein würde jeden Ehemann in arge Nöte stürzen, für einen Ehemann, der CSU-Vorsitzender werden will, ist es vieles, auch eine Tragödie, vor allem aber eine Situation, die kaum beherrschbar ist. Es geht um Gefühle, seine, die der beiden Frauen und die von 170 000 CSU-Mitgliedern.

Gerade ließ der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke ausrichten, dass »Politiker Vorbilder sein sollten, wenn es um den hohen Wert von Ehe und Familie geht«. Es ist derselbe Gregor Maria Hanke, der Seehofer immer einen Ort der Ruhe bot, als er noch Abt des Klosters Plankstetten war.

Seehofer hatte nie etwas dagegen, wenn er als prinzipientreuer Katholik erschien; als er im vergangenen Herbst Israel besuchte, machte er einen Abstecher an den See Genezareth und las persönlich aus der Bergpredigt vor. Neben ihm standen zwei Abteilungsleiter aus dem Ministerium, zwei Journalisten - und seine Gattin Karin.

Nun will er sich mit ihr aussöhnen. Sie wolle nicht, dass er seine politischen Ambitionen aufgibt, auch seine älteren Kinder sähen das so, sagte Seehofer zu Vertrauten. Doch das ist nur die eine Hälfte der Angelegenheit. Eine öffentliche Affäre lässt sich nur dann friedlich beilegen, wenn alle Beteiligten dazu willens sind, auch seine Berliner Freundin.

Seehofer muss daran arbeiten, außerhalb des Scheinwerferlichts. Er braucht dafür noch Zeit.

* Am 25. Januar in Brüssel * Am 28. Januar auf der Kölner Süßwarenmesse mit der Hostess eines Lebkuchen-Herstellers.

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