Zur Ausgabe
Artikel 1 / 103
Nächster Artikel

Das ferne Reich

Ein Imperium wie das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gab es kein zweites Mal, beinahe ein Jahrtausend lang hatte es Bestand. 200 Jahre nach seiner Auflösung wird jetzt in großen Ausstellungen an das erste deutsche Reich erinnert. Die Deutschen verdanken ihm große Kunst, den Föderalismus, aber auch Kriege mit Millionen Toten.
aus DER SPIEGEL 32/2006

Der kaiserliche Herold erregte Aufsehen, als er hoch zu Ross mit seinem reichverzierten Wappenrock durch die Straßen Wiens trabte. Vor der prachtvollen Fassade der Kirche zu den neun Chören der Engel, der damals ältesten Jesuitenkirche der Stadt, ließ er die Fanfare blasen.

Es war der 6. August 1806, und was der Mann bei drückender Hitze im Auftrag von Kaiser Franz II. in die Welt hinausrief, machte Geschichte:

»Wir erklären durch Gegenwärtiges, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reiches gebunden hat, als gelöst ansehen.«

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte annähernd ein Jahrtausend Bestand gehabt. Nun löste der 33. Kaiser -

Franz II. aus dem Hause Habsburg - das Imperium einfach auf.

Der Herold verkündete, dass die Beamten von ihrer Pflicht entbunden seien. Die Reichsinsignien ließ Kaiser Franz in der Schatzkammer der Wiener Hofburg wegschließen: die heilige Lanze, angeblich mit einem Nagel vom Kreuz Christi, das 110 Zentimeter lange Mauritiusschwert oder der aus Harzmasse geformte und mit Goldblech umkleidete Reichsapfel.

Nie wieder sollte jemand die prunkvollen Reichsinsignien als Zeichen der Herrscherwürde entgegennehmen. Die Menschen hörten auf, für Kaiser und Reich zu beten.

Mit der Auflösung des Reiches kam Franz einer Forderung Napoleons nach, des damals mächtigsten Herrschers in Europa. Der Korse wollte Deutschland politisch neu organisieren; das Reich war dabei lästig. Franz II. durfte sich fortan nur noch Kaiser Franz I. von Österreich nennen.

Das Ende des Reiches hatte sich lange abgezeichnet, und doch war es, wie die Mutter Johann Wolfgang von Goethes an ihren Sohn schrieb, »als wenn ein alter Freund sehr kranck ist, die Ärzte geben ihn auf, mann ist versichert, dass er sterben wird und mit all der Gewissheit wird man doch erschüttert wann die Post kommt er ist todt«.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - keine Regierungsform und kein Staat hatte in der deutschen Geschichte länger Bestand. Als das Imperium 962 gegründet wurde, hausten die Menschen noch in Strohkaten; Felle verdeckten im Winter die Fensteröffnungen. Orte wie Wimpfen bei Heidelberg, das hessische Gelnhausen und Burg Trifels in der Pfalz zählten zu den Zentren. Selten wurde jemand älter als 35 Jahre.

Beim Untergang des Reiches 1806 stand Deutschland hingegen bereits am Beginn der Moderne. Dampfkraft trieb in Preußen Spinnmaschinen an, die Menschen wohnten in Hamburg oder Berlin in Mehretagenhäusern

und begeisterten sich schon für Volk und Vaterland.

In den 844 Jahren, sechs Monaten und vier Tagen dazwischen hat das Imperium dieses Land zutiefst geprägt, bis heute.

Im Reich hat sich der moderne deutsche Staat entwickelt, und zwar nicht etwa - wie in Frankreich - als Nationalstaat von oben, sondern in den vielen Mittel- und Kleinstaaten des Reiches. In Gebilden wie den Kurfürstentümern Bayern und Sachsen entstanden zuerst funktionierende Verwaltungen, setzten Landesherren das Gewaltmonopol gegen Raubritter durch, traten stehende Heere an Stelle der Aufgebote. Dass die Deutschen wie wenige andere Völker am Föderalismus hängen - die Wurzeln dafür liegen in der Kleinstaaterei des Heiligen Römischen Reiches.

Dessen besondere Konstruktion ließ ein Land entstehen, in dem die großen christlichen Konfessionen beinahe in gleicher Stärke nebeneinander existieren, unter den EU-Mitgliedern bis heute ein Sonderfall. Es zählt zu den Spätfolgen des Reiches, dass in jeder bayerischen Regierung mindestens ein Protestant vertreten ist (im Augenblick Innenminister Günther Beckstein), dass kein Kanzler es sich leisten kann, nur Katholiken oder Protestanten in sein Kabinett zu rufen.

Damals entstanden Mentalitäten, die - oft unbewusst - fortwirken. Die sprichwörtliche Neigung der Deutschen etwa, alle Lebensumstände zu verrechtlichen, ihre Liebe zum Paragrafen ist wohl auch das Ergebnis jahrhundertealter Erfahrungen mit der Reichsjustiz. Vor dem Reichs-

kammergericht mit Sitz in Speyer und später Wetzlar verklagten sogar Bauern ihren fürstlichen Landesherrn.

Und dann das kulturelle Erbe. Ohne die vielen Fürstenhöfe wäre aus Deutschland nicht das Land der Dichter und Denker geworden. Überall finanzierten Mäzene große Architekten, Musiker und Dichter. Die Herrschaften richteten Museen ein (allein in Thüringen 180) und gründeten Residenztheater, in München und Coburg ebenso wie in Celle oder Weimar. In der Provinz entstanden Kulturlandschaften, die heute Besucher und Bewunderer aus aller Welt anziehen.

Trotz einer solchen Bedeutung ist das sogenannte Alte Reich aus dem öffentlichen Bewusstsein fast vollkommen verschwunden. Daran haben auch gelegentliche Hinweise von Historikern und Politikern nichts geändert, die in dem vielgliedrigen Multikulti-Imperium einen Anknüpfungspunkt für die traditionsarme EU sehen.

Als zu mächtig erwies sich bislang die Erinnerung an das - nach Altem Reich und Wilhelminischem Kaiserreich - selbsternannte »Dritte Reich«, in dem SS-Divisionen »Hohenstaufen« oder »Das Reich« hießen und der Angriff auf die Sowjetunion 1941 unter dem Codenamen »Fall Barbarossa« erfolgte, in Anspielung auf Kaiser Friedrich I. ("Barbarossa"), der im 12. Jahrhundert zum Kreuzzug gegen die »Ungläubigen« aufbrach.

Doch die Zeiten ändern sich, und schon seit einer Weile ist zu beobachten, dass Hitler und der Nationalsozialismus die Erinnerungswelt der Deutschen nicht mehr allein beherrschen.

Da wird verständlich, dass ziemlich genau 200 Jahre nach dem Untergang des Alten Reiches überall in der Bundesrepublik der Versuch zu beobachten ist, das Publikum für die versunkene Welt der Kaiser, Könige und Edelleute zu interessieren. Die Initiative geht von den Museen des Landes aus, die ohne politischen Hintergedanken, wohl aber mit Unbefangenheit und Neugier auf die deutsche Geschichte vor Hitler blicken.

Ob in Berlin oder Magdeburg, Stuttgart oder Wetzlar - in mehr als einem halben Dutzend Ausstellungen wird den Besuchern in den nächsten Wochen und Monaten vor Augen geführt, was 1806 verlorenging, aber auch, wie aus der Konkursmasse des Reiches neue Staaten entstanden, etwa das Königreich Bayern, Vorläufer des heutigen Freistaats.

Die Kuratoren bereiten ein Fest für die Sinne vor. Das Deutsche Historische Museum in Berlin präsentiert ab dem 28. August Preziosen wie die prächtige Bronzebüste des katholischen Grüblers Kaiser Karl V. oder den edlen, goldtauschierten Halbharnisch Rudolfs II., eines Sonderlings, der Magier schätzte und Donnersteine sammelte.

In Magdeburg können Besucher den Codex Manesse anschauen, die umfangreichste Sammlung von Minneliedern der deutschen Sprache mit der berühmten Abbildung von Walther von der Vogelweide (www.dasheiligereich.de).

In Wetzlar hingegen kann man ab Mitte September Allongeperücken und die spanischen Trachten der Richter am Reichskammergericht bestaunen: schwarze Umhänge, reich mit Tressen und Borten besetzt, weiße Spitzenjabots, Zierdegen.

Einen Höhepunkt der Spurensuche bietet Frankfurt am Main. Gleich vier Museen haben sich zusammengetan und führen den Betrachter auf eine Zeitreise in die mittelalterliche Judengasse oder zum Spektakel der Kaiserkrönung an den Originalschauplätzen (www.kaisermacher.de). Viele Besucher, das lässt sich ohne Risiko prophezeien, werden überrascht sein, denn die Exponate der zahlreichen Schauen zeugen vom Aufstieg und Niedergang des

wohl ungewöhnlichsten Imperiums der Weltgeschichte.

Hunderte Staaten oder staatenähnliche Gebilde gehörten dazu, darunter Großmächte wie Brandenburg-Preußen und Österreich, aber auch Mini-Territorien wie die winzige Stadtrepublik Buchhorn in Schwaben mit zeitweilig 800 Einwohnern.

An der Spitze stand der Kaiser, dem Anspruch nach ranghöchster Monarch der Christenheit. Aber für die meisten Untertanen blieb es unerheblich, welche Befehle der Imperator erteilte. In großen Teilen des Reiches hatte der Monarch nichts zu sagen.

Vieles wirkt auf den heutigen Betrachter kurios oder auch sympathisch. Das Heilige Römische Reich war zum Angriffskrieg jahrhundertelang nicht fähig, auch wenn es Schauplatz schrecklicher Gemetzel war. Katholiken und Protestanten trachteten einander mit Schwert und Hellebarde nach dem Leben, und zugleich galt das Reich als Ort der Toleranz. Frauen durften nicht ohne Erlaubnis des Vaters heiraten, aber es gab Herrschaften, die nur Frauen regieren konnten (siehe Seite 52). Bis heute streiten die Historiker, ob das Reich mehr Segen oder Unglück über das Land brachte.

Lag es am Alten Reich, dass die Deutschen ihren Nationalstaat erst 1871 errichteten, deutlich später als viele europäische Nachbarn, wie der Berliner Historiker Heinrich August Winkler glaubt (siehe Seite 56)? Wäre es gar ohne das Erbe des Reiches viel früher gelungen, Freiheit und Demokratie in Deutschland zu verankern?

Oder entstanden damals vielmehr jene Traditionen, die nach 1945 den Aufbau einer der liberalsten Demokratien Europas erst ermöglichten? In keinem Fall wird die Antwort eindeutig ausfallen.

Die Anfänge des Reiches liegen im Dunkel jener Jahrhunderte, als nördlich der Alpen die Zeugnisse römischer Zivilisation, die herrlichen Aquädukte und Paläste, verfielen, nicht einmal die Monarchen lesen und schreiben konnten und in den Urwäldern das Faustrecht herrschte. Damals kamen Adlige der Stämme Sachsen, Alemannen, Bayern, Franken zusammen - alles »eigenständige Völker« (Mediävist Joachim Ehlers) - und wählten den König des ostfränkischen Reiches.

Zunächst hielten sich die Blaublütler an die Karolinger, die Nachfahren Karls des Gro-

ßen. Im 10. Jahrhundert kürten sie allerdings erstmals Männer aus dem Geschlecht der Liudolfinger, später Ottonen genannt. Und die Neuen auf dem Thron versuchten, das Fehlen einer königlichen Abstammung zu kompensieren, indem sie Kaiser Karl den Großen nachahmten.

962 war es so weit: Der Papst in Rom brauchte dringend Hilfe gegen aufmüpfige Lokalfürsten; König Otto I., ein bärtiger Hüne mit rötlich schimmernden Augen, bot Unterstützung an. Im Gegenzug empfing ihn der Heilige Vater »mit wunderbarer Pracht und ungewöhnlichem Aufwand« (Chronist Liutprand von Cremona) und salbte den 49-Jährigen am 2. Februar in der St.-Peters-Basilika zum Kaiser - so wie es gut 160 Jahre zuvor mit Karl dem Großen geschehen war.

Die Macher der beiden Hauptausstellungen zum Jahrestag 1806 in Berlin und Magdeburg sehen in Ottos Krönung den Beginn des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, eine vertretbare Entscheidung.

Denn Otto und die meisten seiner Nachfolger nannten sich fortan Kaiser (von »Caesar« abgeleitet) des Römischen Reiches. Das Siegel zeigt Otto mit dem Reichsapfel in der linken Hand, der den Anspruch auf die Weltherrschaft symbolisieren sollte. Der Adler wurde wie einst in Rom Wappentier der neuen Macht.

Aus heutiger Sicht leuchtet zunächst nicht ein, warum ein Monarch unbedingt Oberhaupt des Imperium Romanum werden wollte, obwohl dieses seit Jahrhunderten nicht mehr existierte. Doch Christen wie Otto glaubten an die Visionen des Propheten Daniel aus dem Alten Testament. Dieser hatte vier Weltreiche vorausgesagt, dann würde

der Antichrist kommen und die Welt untergehen. Nach damaliger Zählung galt das Römische Reich als das vierte Imperium; sein Fortbestand schob also das Jüngste Gericht hinaus und versah den Imperator mit einem heilsgeschichtlichen Auftrag.

Für die Ottonen bedeutete der Kaisertitel einen enormen Prestigezuwachs, für das neue Reich stellte die Kaiserwürde hingegen auch eine Bürde dar.

Denn schon vor der Krönung ließ sich das ostfränkische Territorium, das über die Alpen reichte, kaum kontrollieren. Der Ritt von einem Ende bis zum anderen dauerte über einen Monat. Es gab keine zentrale Verwaltung und keinen Justizapparat, die den Willen des Monarchen durchsetzten. Mit 1000 Mann Hofstaat zog Otto von Pfalz zu Pfalz und hielt selbst Gerichts- und Hoftage ab. Waren die Vorräte aufgebraucht, ging es weiter. Nördlich des Mains tauchte der Monarch so gut wie nie auf.

Und nun kamen auch noch weitere Teile Italiens dazu, das schon damals lockte. Mancher Nachfolger Ottos verbrachte den größten Teil seiner Regierungszeit in südlichen Gefilden. Kein Wunder, dass die deutschen Reichsfürsten immer mächtiger wurden und mit dem Monarchen konkurrierten.

Es waren Weichenstellungen wie die Kaiserkrönung, die Deutschland einen anderen Weg gehen ließen als die europäischen Nachbarn. Die Reichsgründung kettete Papst und Kaiser in besonderer Weise aneinander, denn nur das Christenoberhaupt konnte nach damaligem Verständnis den heiligen Akt der Krönung vollziehen, mit der der deutsche König zum Schutzherren der Christenheit aufstieg.

Doch beide erhoben den Anspruch auf Vorherrschaft, und der Jahrhunderte andauernde Konflikt zwischen dem Amtmann und dem Stellvertreter Gottes schwächte den Kaiser enorm.

Schon die unmittelbaren Nachfolger Ottos waren davon betroffen. Sie hatten sich das Recht vorbehalten, nach Belieben Bischöfe, Reichsäbte und manchmal sogar Päpste zu berufen. Man nannte das Investitur - Einkleidung -, weil der Monarch den Kirchenmann mit dem Amtsornat einkleidete.

Aber 1073 wurde der bedingungslose Reformer und Mönch Hildebrand Papst, er nannte sich Gregor VII. Und der Fundamentalist aus der Toskana zeigte sich fest entschlossen, der Kirche die Weltherrschaft zu sichern. In seiner Briefablage fand sich später ein Papier, das als Dictatus Papae in die Geschichte einging. Ein Auszug:

»Alle Fürsten (dürfen) nur des Papstes Füße küssen

- ihm (ist) erlaubt, Kaiser abzusetzen

- die römische Kirche (ist) niemals in Irrtum verfallen und (wird) nach dem Zeugnis der Schrift niemals irren.«

Besonders folgenreich war der vorvorletzte Absatz:

Nur der Papst allein könne »Bischöfe absetzen und wieder einsetzen«.

Der Konflikt, der unter Gregor ausbrach, nennt sich Investiturstreit, und er zählt zu den Schlüsselereignissen der deutschen Geschichte.

Denn die Kirche hatte die einzige Verwaltung, die funktionierte. Nur dort gab es Leute in größerer Zahl, die lesen und schreiben konnten und zugleich als Reichsfürsten über größere Territorien regierten.

Kein Wunder, dass der König und spätere Kaiser Heinrich IV. darauf bestand, die Kirchendiener selbst auszusuchen: »Ohne die Reichskirche«, so Buchautor Herbert Schmidt-Kaspar, »war Deutschland nicht zu beherrschen.«

Als Heinrich IV., ein treuer Kirchgänger, dem Allmachtsanspruch von Gregor VII. widersprach, griff das Christenoberhaupt zu seiner schärfsten Waffe: der Exkommunikation des Monarchen und damit auch aller, die mit ihm zu tun hatten.

Die Christen des Mittelalters waren von Untergangsvisionen gepeinigte Seelen. Sie glaubten ihren Kirchenvorderen, dass man vor dem Jüngsten Gericht nur dann ewiges Heil erlangte, wenn man ohne schwere

Sünde war, sonst drohte die Hölle. Exkommunizierte konnten nicht ordnungsgemäß Ehen schließen, ihnen wurde die Messe verweigert, sie traten ohne Vergebung den Weg ins Jenseits an.

Unter dem Druck seiner Fürsten und Bischöfe gab Heinrich nach und erklärte, »dass er aufgrund heilsamer Einsicht sein früheres Urteil geändert« habe. Die Adligen räumten ihm ein Jahr Zeit ein, sich mit dem Papst zu vertragen. Andernfalls wollten sie einen neuen Monarchen wählen.

Im Winter 1077 machte sich der König auf den Weg über die Alpen nach Canossa bei Parma, wo ihn der Papst in der Burg einer befreundeten Comtessa erwartete.

Der Gang nach Canossa ist später sprichwörtlich geworden und hat Heinrich traurige Berühmtheit eingebracht: Drei Tage lang ließ Gregor den Monarchen bei Eis und Schnee barfuß und im Büßergewand im Burghof verharren - scheinbar eine Demütigung.

Doch sein eigentliches Ziel, den König zu stürzen, erreichte Gregor nicht. Der Druck, dem sich reuevoll gebenden Monarchen zu verzeihen, war zu groß, er musste den Bann aufheben. Heinrich kehrte nach Deutschland zurück und regierte bis kurz vor seinem Tode.

Der Investiturstreit währte fast 50 Jahre und überdauerte beide Kombattanten. Am Ende einigten sich die Nachfolger Heinrichs und Gregors 1122 auf einen Vertrag, der Wormser Konkordat genannt wird. Es regelte auf komplizierte Weise die Frage, wer Bischöfe ernennen durfte - und war zugleich eine krachende Niederlage für die Kaiser.

Denn die Hoffnungen, das Imperium mit Hilfe loyaler Bischöfe

und Äbte zu regieren, ließen sich damit nicht erfüllen.

Die Kirche nutzte vielmehr fortan jede Gelegenheit, um auf ihren Gütern und Latifundien auch politisch zu herrschen. Schon bald entstanden im Reich Dutzende Kirchenstaaten, darunter so mächtige Gebilde wie die Fürstbistümer Mainz, Trier oder Köln, aber auch kleine Hochstifte - eine Besonderheit in Europa und ein wesentlicher Grund für die innere Zerrissenheit des Reiches.

Die Landkarte des alten Kontinents war damals noch unbestimmt. Viele der heutigen Völker bildeten sich erst, entwickelten eine gemeinsame Sprache und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Urkunden des Reiches waren lateinisch, die Untertanen verständigten sich lieber auf Ober- und Niederdeutsch, Okzitanisch, Alpenromanisch oder Polabisch; im Osten der heutigen Bundesrepublik siedelten damals Slawen (siehe Grafik Seite 59).

Ab wann die deutschen Stämme untereinander ohne Dolmetscher auskamen, ist umstritten. Das Bewusstsein, einer Weltmonarchie anzugehören, scheint nach Ansicht von Experten beim Zusammenwachsen geholfen zu haben. Nach 1100 bezeichnen sich immer mehr Schwaben, Alemannen und Franken gegenüber Fremden als »Diutisce«.

Es war ein Reich ohne Hauptstadt, obwohl zeitweise Speyer gute Chancen hatte, das deutsche Paris zu werden. In der Stadt am Rhein ließen die Kaiser aus dem Haus der Salier - sie regierten seit 1025 - ihre Söhne beisetzen; der Dom wurde dafür extra ausgebaut. In Speyer sollte auch dauerhaft der königliche Schatz aufbewahrt werden: die Reichsinsignien, denen die Zeitgenossen magische Kräfte zusprachen und die lange Zeit auf Burg Trifels lagerten.

Doch die Salier starben 1125 aus, und die Nachfolger - erst ein Süpplingenburger, dann Staufer, später Wittelsbacher, Luxemburger, Habsburger - regierten lieber in Sizilien, Prag oder Worms. Die Kaiser wurden in ihrer Heimat beigesetzt oder dort, wo sie gestorben waren. Und so finden sich Gräber der Monarchen in Palermo und Königslutter, dem englischen Gloucester oder auch dem heute rumänischen Nagyvarad.

Verschiedene Wege der Staatsbildung standen den europäischen Monarchen im Mittelalter offen. In Frankreich etwa verfügten die königlichen Kapetinger zunächst nur über die Ile-de-France um Paris. Sie konsolidierten dort ihre Herrschaft und expandierten von dieser gesicherten Basis aus. Den Anspruch der Päpste auf Oberhoheit beantwortete Paris mit einer weitgehenden Nationalisierung der Kirche.

Demgegenüber hatten die Kaiser ein Handicap, das, so der Hamburger Historiker Sven Tode, aus urgermanischen Zeiten herrührte: Anders als die gekrönten Häupter Englands und Frankreichs verfügten sie nicht über das ganze Land im Reich; die Reichsfürsten besaßen vielmehr eigene Territorien und wirtschaftliche Vorrechte - und waren damit unabhängig.

Insofern hätte es nahegelegen, dass die Kaiser alle Kraft der Innenpolitik widmeten. Doch die Staufer aus Schwaben, seit 1138 auf dem Kaiserthron, wollten lieber Weltpolitik betreiben. Statt Goslar, Quedlinburg, Gandersheim lockten Armenien und der Nahe Osten.

Der von seiner Sendung überzeugte Friedrich I. ließ sich von servilen Dichtern bereits als »Herr der Welt« feiern. Sein Kanzler verspottete andere Monarchen Europas als »reguli« (Kleinkönige). Die kaiserliche Kanzlei fügte dem Titel des Römischen Reiches seit 1157 das Wort »Heilig« hinzu, um den Anspruch auf Gleichberechtigung mit dem Papst zu unterstreichen.

Die Barbarossa-Jahre werden heute gern verklärt. Minnesänger erfreuten ihr Publikum, bei farbenprächtigen Turnieren traten Ritter auf edlen Rossen gegeneinander an. »Hoffieren, tantzen, stechen und durnieren« lautete der Wahlspruch des Adels. Aber die Schattenseiten überwogen.

Friedrich führte brutalstmögliche Kriege gegen die reichen Städte Oberitaliens, um sein Imperium zu finanzieren. Das widerspenstige Mailand ließ er niederbrennen und siedelte die Einwohner an vier verschiedenen Orten neu an, was freilich die Mailänder an einem Wiederaufbau nicht hinderte.

Schon bald erregten die Allmachtsphantasien des Staufers internationalen Widerspruch. »Wer hat denn die Deutschen zu Richtern über die Nationen eingesetzt? Wer hat diesen rohen und gewalttätigen Menschen das Recht gegeben, dass sie nach Willkür einen Herrn über die Häupter der Menschenkinder setzen?«, schimpfte etwa der englische Bischof Johann von Salisbury, als der Kaiser einen ihm genehmen Papst etablieren wollte.

Am Ende musste sich Friedrich den Widersachern im In- und Ausland beugen. 1177 küsste er dem rechtmäßigen Kirchenoberhaupt Alexander III. sogar öffentlich den Fuß.

Sein Enkel Friedrich II., der in Süditalien den damals wohl modernsten Staat

Europas aufbaute, sich aber für das Reich wenig interessierte, schwächte die Krone endgültig.

Die Kaiser verfügten nämlich über besondere Rechte, die sogenannten Regalien: Nur sie durften beispielsweise Silber und Erze abbauen, Münzen prägen, Zölle verhängen. Um seinen Sohn Heinrich als potentiellen Nachfolger durchzusetzen, trat Friedrich II. 1220 und 1231/32 einen wesentlichen Teil seiner wirtschaftlichen Privilegien an die Reichsfürsten ab und verzichtete zu deren Gunsten auch auf Justiz und Gesetzgebung in großen Teilen des Reiches.

Danach war an ein Durchregieren gar nicht mehr zu denken.

Deutschlands Geschichte unterschied sich von nun an wesentlich von der His-

torie anderer Länder, und manche Wissenschaftler sprechen auch deshalb von einem Sonderweg. Aus dem Reich mit seinen mächtigen Stämmen und Geschlechtern bildete sich kein Nationalstaat mit einem machtvollen Regenten an der Spitze.

Während die Kapetinger in Frankreich und die Plantagenets in England die Erbmonarchie etablierten, mussten sich Staufer, Luxemburger oder Wittelsbacher wählen lassen, und ihnen gelang es immer nur für einige Generationen, ihre Sippenmitglieder durchzusetzen. Die zeitweise gut hundert Reichsfürsten wählten lieber unterschiedliche Geschlechter, damit keine Familie zu viel Macht erlangte. Und manchmal kürten sie sogar Gegenkönige.

1356 wurde der Wahlmodus schriftlich zwischen dem Kaiser - es war Karl IV. aus dem Hause Luxemburg - und den wichtigsten Reichsfürsten festgelegt, in der Goldenen Bulle, dem Grundgesetz des Alten Reiches.

Eine der sieben Ausfertigungen liegt in der Privilegienkammer im ehemaligen Karmeliterkloster in Frankfurt am Main, heute Sitz des Instituts für Stadtgeschichte. Der Name der Pergamenturkunde leitet sich von dem Siegel (lateinisch »bulla") her, dieses ist aus Goldblech gefertigt und wurde mit Wachs ausgegossen.

Die 31 Kapitel der Bulle legten fest:

* die Wähler des Königs. Das waren fortan die sieben Kurfürsten ("kur« bedeutet Wahl), also die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, der König von Böhmen, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der Pfalzgraf bei Rhein. Später änderte sich die Zusammensetzung;

* den Wahlort: die Bartholomäuskirche in Frankfurt am Main, im Volksmund Kaiserdom genannt. Man entschied sich für die Messestadt, weil sie über ausreichend Unterkünfte verfügte, zentral lag und einen Ruf als »Versöhnungsort« (Historiker Michael Matthäus) genoss. Mehrfach hatten sich hier deutsche Royalties nach Zwistigkeiten öffentlich ausgesöhnt. Nur in wenigen Fällen wichen die Kurfürsten später auf Augsburg, Regensburg oder Köln aus;

* das Procedere: Starb ein König, sollte der Mainzer Erzbischof innerhalb eines Monats zur Wahl des Nachfolgers laden. Der Entwurf für die Einladungsschreiben findet sich in Kapitel XVIII der Bulle. In der kleinen Wahlkapelle in der Bartholomäuskirche bat der Mainzer Kirchenfürst seine Kollegen der Reihe nach um ihre Meinung; er selbst äußerte sich zum Schluss. War nach 30 Tagen keine Einigung erzielt, sollte das Verfahren beschleunigt werden. Für die Wahlfürsten gab es dann nur noch Wasser und Brot.

Aber so weit ist es nie gekommen. »In der Regel«, so Matthias Kloft vom Frankfurter Dommuseum, »war der Monarch schon vor der Veranstaltung ausgeguckt.«

Die Kaiserkrönung - bis 1530 durch den Papst - fand dann zumeist in Rom statt. Später fielen Kaiser- und Königskrönung in Frankfurt zusammen und erfolgten meist einige Wochen nach der Wahl.

Es waren prächtige Veranstaltungen, die bei solchen Gelegenheiten am Main stattfanden. Die Wächter schlossen die Stadttore; außer den Kurfürsten und ihrem umfangreichen Gefolge - allein der Kölner Erzbischof reiste schon einmal mit

1600 Begleitern und 750 Pferden an - durfte kein Fremder mehr die Stadt betreten. Noch heute zeugen die vielen Fenster in den Fronten der Häuser um den Römerplatz vom Geschäftssinn der Frankfurter, denn sie wurden wegen der guten Sicht auf das Spektakel an Neugierige vermietet.

Die Reichsinsignien wurden ab 1424 in Nürnberg, teilweise auch in Aachen verwahrt; Gesandte beider Städte brachten sie zur Bartholomäuskirche, wo der Erzbischof von Mainz den gewählten Königskandidaten empfing. Nach feierlichem Einzug und Gebeten salbten die Weihbischöfe von Mainz und Köln dem angehenden Monarchen die nackte Brust, den Nacken, Schulterblätter, den rechten Arm. Dann zog sich der Prätendent zurück und legte die königlichen Gewänder an. Die drei erzbischöflichen Kurfürsten setzten ihm gemeinsam die Krone auf.

Später zog der Monarch mit Gefolge zum Römer, in dessen Kaisersaal das Krönungsbankett stattfand.

Goethe hat die Szene in der Frankfurter Innenstadt beobachtet, wie sie sich 1764 bei der Krönung von Joseph II. zutrug. Roter und weißer Wein strömte aus den zwei Schnäbeln des Doppeladlers auf dem Springbrunnen vor dem Rathaus. Glockengeläut kündigte der Menge den Monarchen an, der unter einem reichbestickten, von zwölf Schöffen und Ratsherren getragenen Baldachin einherschritt. Ergriffen notierte der Dichter:

»Wir sehen die irdische Majestät vor Augen, umgeben von allen Symbolen ihrer Macht, aber indem sie sich vor der himmlischen beugt, bringt sie uns die Gemeinschaft beider vor die Sinne.«

Ein ungestümes »Vivat« erscholl aus tausend Kehlen und - wie Goethe glaubte - »gewiss auch aus den Herzen«. Die Goldene

Bulle regelte die Verhältnisse in einem Reich, das von einer uns unbekannten »vormodernen Fremdartigkeit« geprägt war, so die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger**.

12 bis 15 Millionen Menschen lebten dort im Mittelalter, vier Fünftel davon Bauern. Sie siedelten zwischen Dünkirchen und Laibach, zwischen Hamburg und Parma, in Fürstentümern, Grafschaften oder Reichsstädten.

Landkarten mit den Grenzen des Reichs könnten den Eindruck erwecken, es habe sich um einen Flächenstaat gehandelt wie etwa die Bundesrepublik, mit gleichen Rechten und Pflichten für alle Bürger. Doch den Untertanen standen nicht etwa kaiserliche Beamte gegenüber, die einheitliche Steuern einzogen, Recht sprachen oder Strauchdiebe verhafteten.

Sie hatten vielmehr mit mehreren Obrigkeiten klarzukommen: der Kirche, dem Landesherrn, dem Grundherrn, dem Kaiser. Und jeder verlangte Abgaben, jeder sprach sein eigenes Recht.

Das Ergebnis war ein großes Durcheinander. Benachbarte Bauern zahlten unterschiedlich hohe Abgaben, weil sich der Satz auch nach der Wirtschaftskraft desjenigen richtete, dem der Boden gehörte. Die Bestrafung für Mord hing vom Stand des Opfers und dem Wohnort des Täters ab. Brachte ein städtischer Bürger einen Landmann um, konnte es sein, dass er mit einer Geldbuße davonkam. Massakrierte hingegen ein Bauer einen Adligen, musste er aufs Schafott. Zusammengehalten wurde das merkwürdige Gebilde durch wech-

selseitige Treueeide zwischen Reichsfürsten und Kaiser, Rittern und Landesherren, Bauern und Grundherren.

Eine eigentümliche Welt, kleinteilig und vielfältig. Es gab Städte wie Kempten im Allgäu, deren eine Hälfte dem Kaiser unterstand und die andere der gleichnamigen Reichsabtei. Zeitweise kursierten über 500 verschiedene Währungen im Reich.

Solange Geld keine Rolle spielte, weil die Menschen lieber ihre Felle und Pelze direkt gegen Wein oder Salz eintauschten, hielt sich der Unmut über den kleinstaatlichen Wirrwarr in Grenzen, zumal viele Deutsche davon nichts mitbekamen. Man lebte, arbeitete und starb im Umkreis des Geburtsorts.

Doch dann löste sich die Wirtschaftsordnung des Mittelalters auf. Neben den Handwerker trat der Tagelöhner in der arbeitsteilig produzierenden Manufaktur. Bankhäuser entstanden, die Investitionen finanzierten; im 15. Jahrhundert wurden die ersten aktienähnlichen Papiere ausgegeben. Die Städte blühten auf und brachten ein selbstbewusstes Bürgertum hervor, das in Europa seinesgleichen suchte. Denn niemand profitierte vom Reich so sehr wie die Bewohner der freien Reichsstädte, die dem Kaiser unmittelbar unterstanden. Sie gaben sich Gesetze, traten Bündnissen - wie etwa der Hanse - bei und häuften Wohlstand an.

Da störte es zunehmend, dass Adlige ihr (angebliches) Recht mit dem Schwert durchsetzten, Kaufleute überfielen und den Handel behinderten. Etwa der durch Goethe verewigte Götz von Berlichingen, ein schwäbischer Reichsritter, der von sich selbst sagte, er habe allein in eigener Sache 15 »Fehden« (vulgo Kleinkriege) geführt.

1495 trafen die Reichsfürsten in Worms mit dem König und späteren Kaiser Maximilian aus dem Hause Habsburg zusammen, einem Mann, der mittelalterliches Rittertum und aufkommende Renaissance in einer Person verband. Die Männer beschlossen, der störenden Wegelagerei ein Ende zu bereiten. Am 7. August verkündete Maximilian den »Ewigen Landfrieden« - erstmals wurde reichsweit und zeitlich unbegrenzt die Selbstjustiz untersagt. Ein großer Fortschritt, auch wenn es noch Jahrhunderte dauerte, bis das staatliche Gewaltmonopol flächendeckend durchgesetzt werden konnte.

Der sogenannte Reichstag zu Worms war ein gesellschaftliches Großereignis. Die 7000 Wormser mussten die gleiche Anzahl an Delegierten unterbringen, zudem noch 6000 Pferde versorgen. Und die Gäste benahmen sich oft daneben, wie ein Chronist berichtet:

»Es ist allhier zu Worms bey der Nacht nicht gut zu gehen; ist selten eine Nacht, da nicht 3 oder 4 Menschen ermordet werden. Der Kaiser hat einen Profos (für Disziplin zuständiger Offizier -Red.), der hat ueber 100 Menschen ertraenkt, gehangen und ermordet, Es geht hier ganz auf Roemisch zu, mit Morden, Stehlen und schoene Frauen sitzen alle Gassen voll.«

Bei seiner Abreise hinterließ Maximilian den Wormsern einen Berg Schulden und als Pfand seine ungeliebte Gemahlin Bianca Maria Sforza, was die Zeitgenossen nicht verwunderte. Denn die Geldnot des Monarchen mit der großen Nase und der legendären Habsburger Unterlippe sorgte schon damals für Spott. Der italienische Philosoph Niccolo Machiavelli etwa ätzte, selbst wenn man die Blätter aller Pappeln Italiens in Gold verwandele, würde dies nicht ausreichen, um die Bedürfnisse des klammen Regenten zu stillen.

Maximilian interessierte sich wenig für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Ihm ging es vorrangig um die Habsburger Hausmacht inner- und außerhalb des Reiches, die er mit Söldnertruppen und geschickter Heiratspolitik enorm zu mehren vermochte.

Kein Wunder, dass die Habsburger immer wieder zu Königen und später Kaisern gewählt wurden; niemand wollte sich mit ihnen anlegen.

Und sie ließen die Fürsten des Reiches - die Hohenzollern in Brandenburg, die Welfen im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, die Wittelsbacher in Bayern - in Ruhe tun, was sie selbst in den Habsburger Landen auch taten: auf dem eigenen Territorium Vorformen des modernen Staates aufbauen, mit einer halbwegs funktionierenden Verwaltung, überwiegend regelmäßigen Steuereinnahmen und einem Staatsverband, in dem nur der Landesherr etwas zu sagen hatte.

Auf den heutigen Betrachter wirkt die Konstruktion des Reiches in der frühen Neuzeit eigenartig. Die Schweiz und die Niederlande schieden im Laufe der Jahrhunderte aus. Die meisten Reichsbewohner wussten nicht, wo die Außengrenzen verliefen. Sie orientierten sich lieber an Flüssen, Bergen oder den Sprachgrenzen.

Fremde Dynastien mischten mit, weil sie über Besitzungen in deutschen Landen verfügten: etwa die Königin von Schweden als Herzogin von Bremen-Verden, der König von Dänemark als Herzog von Holstein.

Deutsche Dynasten wiederum suchten Macht und Anerkennung jenseits der Grenzen. Der Kurfürst von Brandenburg ließ sich 1701 zum König in Preußen krönen, was außerhalb des Reiches lag; die sächsischen Herzöge herrschten eine Weile über Polen.

1529 standen die Türken erstmals vor Wien, und da die habsburgischen Kaiser Geld für den Krieg brauchten, riefen sie regelmäßig den Reichstag zusammen, um Steuern zu beschließen. Kurfürsten, Fürsten, Bischöfe, Abgesandte der Reichsstädte trafen sich - manchmal jährlich, manchmal nur alle Jahre - für einige Wochen oder Monate in Nürnberg, Augsburg oder Speyer. Später tagte der Reichstag durchgehend im Regensburger »Alten Rathaus«.

Es war kein Parlament, was sich in dem prächtigen Patrizierbau versammelte, sondern eine Mischung aus heutigem Bundesrat und Wiener Kongress. Man beriet über Außenpolitik, aber auch Frieden im Innern, Steuerfragen und Währungsprobleme. Für die Abwehr der Osmanen brachten die Stände enorme Mittel auf, die zur Rettung des Abendlandes wesentlich beitrugen und von einigen Historikern als Beleg für die Funktionstüchtigkeit des Reiches gewertet werden.

Auch sonst kam manches Kluge bei den Beratungen heraus, etwa eine Anti-Monopol-Gesetzgebung, die sich gegen die mächtigen süddeutschen Handelshäuser richtete. Allerdings erlangten die Reichsparagrafen nur Gesetzeskraft, wenn die Rechtslage in den Territorialstaaten dafür Raum ließ, und das war viel zu selten der Fall.

Später sind die Reichsinstitutionen Zielscheibe bösen Spotts gewesen, insbesondere das Reichskammergericht in Wetzlar, über das schon Goethe herzog, der dort einige Monate als Referendar zubracht. 20 000 Prozesse hatten sich zu seiner Zeit angestaut, und nur 60 wurden jährlich bearbeitet.

Das war in der Tat ein Skandal, was sich auch daran erkennen lässt, dass manche Verfahren über ein Jahrhundert dauerten. Richter, Kläger, Anwälte waren dann bei Urteilsverkündung meist schon in der dritten Generation mit dem Fall beschäftigt, und mancher der Beteiligten wird sich vielleicht gewundert haben, wenn er von einer Universität ein Gutachten bekam, dass der Vorgänger 30 Jahre zuvor in Auftrag gegeben hatte - so geschehen in einem Rechtsstreit zwischen der Stadt Essen und der dortigen Reichsabtei.

Doch allein die Tatsache, dass die Menschen gegeneinander prozessierten, werten Historiker als Beitrag zum inneren Frieden. Man schlug sich während des Prozesses nicht mehr die Köpfe ein.

Und gemessen an den Umständen der Zeit waren die Richter erstaunlich professionell und unabhängig. Als etwa der Landesherr und Kardinal von Straßburg im südbadischen Ettenheim die besten Häuser beschlagnahmen und die dort lebenden Juden vertreiben wollte, wandten sich seine Untertanen an das Gericht und bekamen Recht. Und das war kein Einzelfall.

Immer wieder schützte das Gericht die Menschen vor der Willkür der Obrigkeit - mit möglicherweise weitgehenden Folgen. Experten wie der Rechtshistoriker Bernhard Diestelkamp glauben sogar, dass »das spezifisch deutsche Vertrauen auf die Reform von oben« eine Folge der Reichsjustiz sei - und nicht etwa in einem besonderen Untertanengeist der Deutschen wurzele.

War das Heilige Römische Reich Deutscher Nation also ein Segen für die Deutschen? Ein Schutzwall gegen die Menschenschinder auf den Fürstenthronen?

Es gab Zeiten, da sah es danach aus. Nach der Reformation etwa, als die religiösen Leidenschaften hochkochten. Die Kritik des Augustinermönchs Martin Luther an Papst und Kirche 1517 spaltete damals das Land.

Kaiser Karl V., ein Überzeugungstäter wie sein Gegenüber Luther, war und blieb katholisch. Doch manche Landesfürsten nutzten die Chance, die ihnen Luthers Lehre bot. Dem Mönch zufolge hatte die Kirche in der Politik nichts zu suchen. Da lag es nahe, sich das Hab und Gut der vielen kleinen Kirchenstaaten anzueignen. Bald

standen sich beide Seiten feindlich gegenüber. In anderen Ländern Europas mussten religiöse Minderheiten früher oder später weichen: die Juden aus Spanien, die Hugenotten aus Frankreich. Im Reich hingegen einigten sich die Stände im Augsburger Religionsfrieden 1555 darauf, untereinander Frieden zu halten, auch wenn sie Katholiken, Lutheraner oder Reformierte waren. Für Menschen, die seit Jahrhunderten nur die Alternative kannten, Anhänger anderen Glaubens zu bekehren oder zu töten, war das ein geradezu revolutionärer Schritt.

Den Untertanen ließ man freilich lediglich die Wahl, sich dem Bekenntnis des Landesherrn anzuschließen oder auszuwandern: »Wessen Land, dessen Religion«.

Und auch das änderte sich: 1648 verpflichteten sich die Stände, »in Geduld zu ertragen«, wenn Untertanen die Konfession wechselten. Schon bald rühmten ausländische Beobachter das Alte Reich als Ort der Toleranz. Der Philosoph Charles de Montesquieu schwärmte gar von der »Ewigen Republik« in diesen Landen.

Der hohe Preis für solchen Fortschritt wird allerdings leicht übersehen. Schon der Augsburger Religionsfrieden 1555 kam nur zustande, weil Katholiken und Protestanten von den Kriegen untereinander erschöpft waren.

Auch die Vereinbarung von 1648 hatte eine denkbar blutige Vorgeschichte: den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), dem bis zu 10 der wohl 20 Millionen Einwohner des Reiches zum Opfer fielen, ein weit höherer Anteil, als die Deutschen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zu beklagen hatten.

Das Reich als Ganzes hat diesen Krieg nicht geführt, wohl aber seine Mitglieder, die Reichstag und Reichsjustiz völlig lahmlegten. Der Kaiser, die Kurfürsten, Reichsstädte und Grafschaften betrieben gemeinsam mit anderen europäischen Monarchen das Gemetzel.

Glaubens- und Machtfragen spielten ineinander; nordeuropäische Protestanten standen gegen die Katholiken im Süden. Das katholische Frankreich fühlte sich von der Habsburger Herrschaft in Spanien und Österreich bedroht und unterstützte die protestantischen Schweden.

Es war der Tiefpunkt in der nahezu tausendjährigen Geschichte des Imperiums, und zu Recht ist seitdem immer wieder die Frage aufgeworfen worden, ob den Deutschen dieses Urtrauma ihrer Geschichte erspart geblieben wäre, wenn sie damals über einen machtvollen Staat verfügt hätten.

Stattdessen wurden sie zum Hauptopfer des mörderischen Treibens der Landsknechtshorden. 1637 ließ der schlesische Dichter Andreas Gryphius das »verwüstete

Deutschland« klagen: »Wir sind doch nunmehr gantz/ ja mehr als gantz vertorben. Die Kirchen sind vorheert/ die Starcken umbgehawn Die Junckfrawn sind geschänd; vnd wo wir hin nur schawn Jst Fewr/ Pest/ Mord vnd Todt / hier zwischen Schantz vnd Korben Dort zwischen Mawr vnd Stad/ rint allzeit frisches Blutt ...«

Als das Töten mit dem Westfälischen Frieden 1648 ein Ende hatte, begann die wohl sympathischste Zeit des Reiches. Ausgeblutet und geschwächt, präsentierte sich dieses nun als ein vergleichsweise tolerantes und friedliches Staatswesen. Das Reichsheer konnte nur fallweise zusammengerufen werden (etwa zur Abwehr der Türken, die 1683 erneut vor Wien standen), einen zentralen Oberbefehl gab es nicht, auch keinen zentralen Zugriff auf die Kriegskasse. Ein Angriffskrieg ließ sich damit nicht führen.

Es war ein aus Schwäche saturiertes Imperium ohne kolonialen Besitz, wie er Spanier, Belgier oder Briten zu Massenmördern werden ließ. Zugleich ein Reich von Dichtern und Denkern; in den deutschen Kleinstaaten fanden Maler, Literaten, Architekten, Musiker großzügige Auftraggeber und manchen Freiraum.

Herzog Karl Eugen in Stuttgart verbot zwar seinem Untertan Friedrich Schiller das Dichten; aber dieser floh etwa hundert Kilometer nach Mannheim, das zur Kurpfalz gehörte, und konnte dort weiterarbeiten. Der Theaterreformer Johann Christoph Gottsched ging aus Preußen nach Leipzig; Paul Gerhardt, Dichter zahlreicher Kirchenlieder, setzte sich ebenfalls aus Berlin nach Sachsen ab, Johann Gottfried Herder gab seine Stelle als Hofprediger bei Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe auf und zog nach Weimar zur Herzogin Anna Amalia.

Wirtschaftlich allerdings, urteilt der Berliner Historiker Heinz Schilling, vermochte das kleinteilige Reich »nie eine auch nur annähernd vergleichbare« Dynamik zu entwickeln wie die Niederlande, Frankreich, Großbritannien. Auch deshalb verlor das Reich im 18. Jahrhundert immer mehr an Eigengewicht und wurde zum Spielball der europäischen Potentaten, die es für eigene Zwecke zu instrumentalisieren suchten.

Die beiden aufstrebenden deutschen Großmächte Österreich und Preußen brachen bezeichnenderweise das Reichsrecht, wie es ihnen passte. Als 1756 der preußische König Friedrich II. in Sachsen einfiel, wollte ihm der Reichstag in Regensburg eine

Gerichtsvorladung zustellen. Der preußische Gesandte warf den armen Überbrin-

ger der Vorladung die Treppe hinunter mit den Worten: »Was! Er insinuieren?«

Friedrichs Rechtsbruch blieb ohne Folgen.

Das Reich verkam zur bedeutungslosen Hülle. Wenn schon der Kaiser und der beinahe ebenso mächtige preußische König - auch er als Kurfürst von Brandenburg Teil des Reichsverbands - kein Interesse an den Reichsinstitutionen hatten, wer sollte diesen dann zur Durchschlagskraft verhelfen?

Napoleon musste 50 Jahre später keine großen Kräfte aufbringen, um das morsch gewordene Imperium zusammenkrachen zu lassen.

Nach Siegen über Preußen und zuletzt Österreich erzwang er 1801 die Abtretung der linksrheinischen Gebiete des Reichs.

Die betroffenen Reichsstände sollten mit Territorien östlich des Rheins entschädigt werden. Eine gigantische Umstrukturierung in Deutschland war die Folge. Gut 100 der über 300 Staaten oder staatenähnlichen Minigebilde des Reiches wurden aufgelöst.

Wenige Jahre später lockte Napoleon die deutschen Klein- und Mittelstaaten mit Königskronen (für Bayern und Württemberg) oder der Aufwertung zum Großherzogtum (für Baden, Hessen-Darmstadt und andere) oder drohte mit seiner Grande Armée. Am 12. Juli 1806 sagten sich die großen Reichsstände im Süden und Westen vom deutschen Kaiser los und schlossen sich zum Rheinbund unter Führung Napoleons zusammen. Der Empereur war endgültig zum Herrscher über Deutschland aufgestiegen, das Rest-Reich nur noch eine Farce.

Einige Wochen danach legte Franz II. die Kaiserkrone nieder.

Nahm damit das deutsche Verhängnis seinen Lauf? Wäre alles anders gekommen, wenn unsere Vorfahren das Reich machtvoll verteidigt hätten?

Die Trauer hielt sich jedenfalls in engen Grenzen, und je weiter die Zeit voranschritt, umso weniger wusste man mit dem Alten Reich etwas anzufangen.

In der sich bald ausbreitenden nationalen Hybris sprach manches gegen das vergangene Imperium: dass niemand begeistert für die Kaiserkrone gestorben war (wie später Millionen für »Führer« und Vaterland), dass die Ahnen mit anderen Völkern friedlich in einem Staat gelebt hatten, dass man keine Angriffskriege geführt hatte.

Statt das eigentlich Moderne des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu übernehmen und auszubauen, klammerten sich die Deutschen an den mittelalterlichen Mythos, der von ihrer Überlegenheit in Europa handelt und mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun hat.

Die Folgen sind bekannt.

KLAUS WIEGREFE

* Oben: Skulpturen am Magdeburger Dom aus dem 13. Jahrhundert; rechts: 1764 in der Bartholomäuskirche in Frankfurt am Main; Gemälde Johann Dallingers von Dalling aus demselben Jahr. * Gemälde von Joseph Kreutzinger, um 1805. * Kolorierter Kupferstich von Christian Siedentopf, 1847. * Miniatur aus dem Codex Manesse, entstanden zwischen 1305 und 1340. * Gemälde von Pieter Snayers, 1620. * Gemälde von Johann Tischbein, 1786/87. ** Barbara Stollberg-Rilinger: »Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation«. Verlag C. H. Beck, München; 136 Seiten; 7,90 Euro. * Gemälde von Jacques-Louis David, 1801.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 103
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.