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OSTEUROPA / ENTHÜLLUNGEN Das finnische Wunder

aus DER SPIEGEL 15/1958

Der sozialdemokratische Publizist Arvo Tuominen, Finne und ehemaliges Mitglied des Moskauer Zentralbüros der verblichenen Kommunistischen Internationale, hat jüngst eines der größten Geheimnisse des Kalten Krieges enträtselt. Kreml-Kenner Tuominen weiß schlüssig nachzuweisen, warum Stalin im Frühjahr 1948 seine offenkundige Absicht fallen ließ, Finnland in eine kommunistische Volksdemokratie zu verwandeln.

Am 21. Februar 1948 hatten die Kommunistische Partei und die KP-gelenkte Staatspolizei der Tschechoslowakei das demokratische Regime in Prag beiseitegefegt. In derselben Woche sandte Josef Stalin der finnischen Regierung einen Brief, in dem viele Finnen den Auftakt zur Eingliederung ihres Landes in den Ostblock erblickten.

Stalin forderte die Finnen auf, eine Regierungsdelegation nach Moskau zu entsenden, um einen Beistandspakt mit der UdSSR zu unterschreiben. Das Stalin -Schreiben wurde von so heftigen sowjetischen Presseattacken gegen die »Herrschaft der Kriegshetzer in Finnland« begleitet, daß man im Westen dem freien Land kaum noch eine Chance gab.

Als sich die finnischen Delegierten jedoch am 22. März am Moskauer Verhandlungstisch niederließen, schoben ihnen die sowjetischen Unterhändler einen Vertragsentwurf zu, den jeder Finne ruhigen Gewissens unterschreiben konnte. Die Frage drängte sich auf: Was konnte in der Zeit zwischen dem Staatsstreich in Prag und dem 22. März den Sinneswandel Stalins bewirkt haben?

Westliche Beobachter begnügten sich damals mit einer naheliegenden Erklärung für das »finnische Wunder«, wie sie es nannten: Stalin habe Finnland aus Rücksicht auf die skandinavischen Staaten geschont, deren Regierungschefs bereits energisch gegen den Prager Fenstersturz protestiert hatten

Der ehemalige Kommunist Arvo Tuominen aber enthüllt jetzt in seinen Memoiren, daß Finnland im Frühjahr 1948 von einem Manne gerettet wurde, den Stalin mit der Inszenierung eines kommunistischen Putsches in Helsinki beauftragt hatte: von dem damaligen kommunistischen Innenminister Yrjö Leino

Der schweigsam-mürrische Kommunist Leino war jahrelang in der Sowjet-Union geschult worden und galt als der erste Mann der finnischen KP. Er war mit Hertta Kuusinen verheiratet, der braunhaarigen Tochter des finnischen KP-Gründers Wilhelm Otto Kuusinen, die er während seines sowjetischen Exils einem anderen Genossen abgejagt hatte

Der Landwirt Leino und die Sprachlehrerin Hertta Kuusinen kehrten vor dem zweiten Weltkrieg nach Finnland zurück und wurden bald darauf wegen staatsfeindlicher Umtriebe eingekerkert. Nach der Kapitulation Finnlands übte das Ehepaar Leino-Kuusinen den größten politischen Einfluß im Land der tausend Seen aus: Leino als Minister in der Regierung, Hertta als kommunistische Fraktionschefin im Parlament.

Seit dem Sommer 1945 baute Leino als finnischer Innenminister eine Staatspolizei auf, deren Führung er mit Moskauerprobten Kommunisten durchsetzte. Sie sollte sich im Frühjahr 1948 bewähren: Leino erhielt - wie Memoirenschreiber Tuominen berichtet - aus Moskau Order, einen Putsch gegen die Regierung vorzubereiten. Leinos Polizisten sollten die Gewalt an sich reißen, um die in Moskau weilenden Minister der kommunistisch linksbürgerlichen Regierung Finnlands zu zwingen, der Eingliederung des Landes in den Ostblock zuzustimmen

Indes, als der Kommunist Leino die Vorbereitungen zum Putsch abgeschlossen hatte, überfielen den Finnen Leino patriotische Bedenken. Bevor er das Flugzeug nach Moskau bestieg, ließ er sich bei dem Oberbefehlshaber der finnischen Wehrmacht, General Sihvo, melden und entdeckte ihm die Putschpläne des Kremls. Der General, ebenfalls nach Moskau zitiert, alarmierte sofort die Truppen und ließ die Quartiere der kommunistischen Staatspolizei umstellen. Unter dem Vorwand, er sei plötzlich erkrankt, blieb General Sihvo der Moskauer Sitzung fern.

Als in Moskau ruchbar wurde, daß die Putschpläne verraten seien, blies Stalin die Finnland-Aktion ab. Die finnischen Minister konnten die sowjetische Metropole ungehindert wieder verlassen, im Besitze eines Vertrages, der immerhin zuließ, daß die finnischen Antikommunisten bereits einige Monate später die Staatspolizei auflösten und die Kommunisten aus der Regierung ausbooteten

Yrjö Leino freilich bezahlte seinen Verrat mit dem Ende seiner Karriere und seiner Ehe. Im Mai 1948 wurde er aus der Regierung gejagt, kurz darauf aus dem Politbüro der Kommunistischen Partei entfernt. Im August 1950 ließ sich Hertta Kuusinen von ihrem Manne scheiden, da der ehemalige Innenminister - wie die linientreue Hertta begründete - »der unausstehlichen Trunksucht« verfallen sei.

Die Öffentlichkeit hat niemals erfahren, ob Yrjö Leino seine Indiskretion bereut hat. Seit Jahren ist der Mann, der Finnland vor Josef Stalin rettete, in den finnischen Wäldern untergetaucht.

Kommunistischer Ex-Minister Leino

Im Wald verschwunden

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