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Briefe

Das Gegenteil ist der Fall
aus DER SPIEGEL 8/1997

Das Gegenteil ist der Fall

(Nr. 6/1997, Politisches Buch: Matthias Matussek über Tina Rosenbergs »Die Rache der Geschichte")

In meinem Buch verteidige ich nicht das Stasi-System. Wie auch? Ich beschreibe das System ausführlich für ein amerikanisches Publikum, und ich verurteile es grundsätzlich. Ich versuche den amerikanischen Lesern zu erklären, warum so viele Menschen mit der Stasi zusammengearbeitet haben, und deshalb sprach ich nicht nur mit vielen Dissidenten, sondern auch mit Kollaborateuren. Ich bin dagegen, Kollaborateure für Taten zu bestrafen, die legal waren, als sie begangen wurden. Trotzdem entschuldige ich diese Taten nicht. Was ich verteidige, ist die Gauck-Behörde, eine Errungenschaft, die von jedem Land, das sich vom Totalitarismus löst, übernommen werden sollte. Herr Matussek scheint nicht den geringsten Sinn für Ironie zu besitzen. Ich sprach ironisch, wenn ich sagte, daß es bei der Revolution von 1989 nur um Immobilien ging. Ich sprach ironisch, wenn ich sagte, daß Erich Honecker von seinem Paradies träumte. Ich weiß nicht, wie Matussek auf die Idee kommt, daß Honecker ein Held für mich sei. Im Buch nenne ich ihn den schwersten Verbrecher des Landes. Ich spreche mich dort für seine strafrechtliche Verfolgung aus und bedaure, daß er sich durch seine Krankheit seiner Gefängnisstrafe entziehen konnte. Matussek scheint zu glauben, daß es sich um einen Angriff gegen Deutschland handelt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es handelt sich vielmehr um eine Untersuchung der vielfältigen Möglichkeiten, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen - und zwar in vier Ländern: in der Tschechischen Republik, in der Slowakei, in Polen und in Deutschland.

New York Tina Rosenberg

Die Nach-Shoa-Generation sollte bedenken, daß wir nur die Zukunft beeinflussen können, und genau dort liegt - wenn überhaupt - der Sinn der Toten: daß wir erkennen, warum und wie es zu dem mörderischen Wirken kommt, und daraus Vorsorge treffen können. Dies geht nur mit einer Arbeit, die mit derselben emotionalen Distanz geführt werden muß, die den Sachverständigen auszeichnet, der ungerührt vom Anblick der Leichen die Ursache eines Flugzeugabsturzes zu ergründen versucht; jeder andere Ansatz ist zum Scheitern verurteilt.

Würzburg Armin Götzke

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