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»Das geht an das Mark«

Von Stephan M. Müller
aus DER SPIEGEL 26/1992

SPIEGEL: Herr Bischof, haben Sie den Auftritt des Kirchenkritikers Eugen Drewermann auf dem Katholikentag selbst beobachtet, oder haben Sie ihn beobachten lassen?

LEHMANN: Anders als für den SPIEGEL war für mich der Auftritt Drewermanns nicht das zentrale Ereignis des Katholikentags. Ich hatte andere Termine, aber ich habe mir auf dem Bildschirm so viel von dem Disput zwischen Frau Laurien und Drewermann angesehen, daß ich mir eine Meinung bilden konnte.

SPIEGEL: Ist Drewermann als ein Bruder in Christo oder als Ketzer aufgetreten?

LEHMANN: Zu einem »Ketzer« haben Sie ihn erklärt, sonst hat niemand ihn so bezeichnet.

SPIEGEL: Ist er für die katholische Kirche kein Ketzer, wenn sie ihn doch wegen falscher Lehre vom Katheder, von Kanzel und Altar verbannt hat?

LEHMANN: Ich will mit Ihnen über Ihren Sprachgebrauch nicht streiten. Aber in einigen zentralen Fragen weicht er von der Lehre der Kirche ab. Zum Auftritt _(* Werner Harenberg und Manfred Müller im ) _(Mainzer Bischofshaus. ) Drewermanns in Karlsruhe: Nichts Neues, manches muß man aufarbeiten, leider wieder nur Negatives über die Kirche, trotz der Bemühungen von Frau Laurien kein echter Dialog.

SPIEGEL: Hätten Sie auch so gehandelt wie der Paderborner Erzbischof Degenhardt, der Drewermann das Predigen und Lehren verboten hat?

LEHMANN: In der Sache selbst eindeutig ja, in der Form hat jeder seinen Stil.

SPIEGEL: Das Echo auf das Berufsverbot für Drewermann war in fast allen Medien negativ. Würde die Kirche trotzdem gegen einen anderen Theologen wieder so vorgehen, wenn er sich so äußerte wie Drewermann?

LEHMANN: Um der Wahrheit und der Klarheit willen dürfen die Bischöfe notfalls auch vor einem Verbot nicht zurückschrecken. Die Menschen der Kirche haben einen Anspruch darauf, von den Bischöfen verbindlich zu erfahren, worin der Glaube der Kirche besteht. Einiges im Umgang miteinander hat sich ja geändert. Es gibt viele Gespräche, nicht nur die rote Karte. Es geht aber immer auch darum, daß ein Theologe seinem Auftrag treu bleiben muß.

SPIEGEL: Herr Bischof, in einer Umfrage, die der SPIEGEL vorige Woche veröffentlicht hat, wurde nicht nur nach dem Glauben, sondern auch nach dem Kirchgang und nach der inneren Verbundenheit der Gläubigen mit der Kirche gefragt. Fast in gleichem Maße wie die Zahl derjenigen, die noch das glauben, was die Kirche lehrt, hat sich auch die Zahl der Kirchgänger vermindert und die Zahl derjenigen, die sich noch mit der Kirche verbunden fühlen.

LEHMANN: Es bedrückt mich, daß so viele Menschen der Kirche den Rücken kehren. Mich bedrückt auch ein weiteres Ergebnis der Umfrage in gleichem Maße: Für sehr viele ist der Glaube im Alltag ihres Lebens nichtssagend geworden. Das sind Dinge, die an das Mark eines jeden Seelsorgers gehen.

SPIEGEL: Meinen Sie denn, daß der Trend, der die Kirchen leert und den Glauben schwinden läßt, doch noch aufgehalten oder sogar umgekehrt werden kann?

LEHMANN: Ob dieser Trend der Säkularisierung wirklich irreversibel, also nicht umkehrbar ist, wie die Religionssoziologen lange Zeit meinten, ist nicht mehr so sicher. Aber es wäre eine Illusion zu glauben, der Haupttrend der Entwicklung lasse sich völlig umkehren und wir dürften auf die Wiederkehr früherer Zeiten hoffen.

Der Kirche ist nicht verheißen, daß sie im Blick auf die Bevölkerung eines Landes die Mehrheit als Christen gewinnt und behält. Es ist ihr nur verheißen, daß sie im ganzen nicht untergeht. Die Weltkirche ist größer. Vielleicht sind wir Deutschen dekadent wie manche Völker in der Geschichte.

SPIEGEL: Ist die Kirche frei von Schuld, daß es ihr so schlecht geht, was den Glauben, den Kirchgang und die Verbundenheit ihrer Mitglieder betrifft?

LEHMANN: Die Kirche kann sich nicht wie ein Unternehmen verhalten, das sein Angebot ändert, wenn die Nachfrage nachläßt. Sicher, ich will die Wahrheit so verkündigen, daß ich möglichst viele erreiche. Aber wenn mir das nicht gelingt, darf ich nicht an der Wahrheit herummodellieren, bis ich sie so platt habe, daß sie jeder akzeptieren kann.

SPIEGEL: Können Sie sich die Kirche auf Dauer als Minderheit vorstellen?

LEHMANN: Es ist viel besser, wir sind eine schlagkräftige Minderheit, als daß wir eine lahme Mehrheit sind. Wenn die katholische Kirche eventuell kleiner wird und nur noch eine Minderheit zu ihr gehört, kann sie mehr leuchten, als wenn sie viele hat, die ihr Zeugnis abschwächen.

SPIEGEL: Daß 12 Prozent der Bundesbürger den Glauben an Gott verloren haben, ist noch gravierender als der Rückgang von 14 Prozent, die nicht mehr an die Jungfrauengeburt glauben. Machen Sie da auch einen Unterschied?

LEHMANN: Gewiß. Aber typisch für den SPIEGEL ist, daß er dieses für die Kirchen bittere Ergebnis noch übertreibt. Auf der Titelseite Ihres letzten Heftes steht »Was glauben die Deutschen?« und gleichsam die Antwort: »Abschied von Gott«. Wer das sieht, muß annehmen, alle Deutschen seien gottlos geworden. Wer dann den Artikel liest, stellt fest, daß es gar nicht so ist: 56 Prozent glauben an Gott, weitere 17 Prozent an ein höheres Wesen - was immer dies genauer heißen mag.

SPIEGEL: An Gott glauben 56 Prozent; daß er allmächtig ist, nehmen nur 38 Prozent an. In die heutige Welt voller Leiden und Schäden paßt für die meisten Deutschen die Vorstellung nicht, es gebe einen Allmächtigen, der dies ändern könnte, aber nicht tut. Meinen Sie, daß Sie diese Menschen noch mit Argumenten erreichen können?

LEHMANN: Ja, aber nicht mit zwei, drei Sätzen. Ich wäre ein schlechter Bischof, würde ich resignieren und meinen, ich müßte Menschen verlorengeben, die ich nicht mehr erreichen kann.

SPIEGEL: Viele Katholiken stehen ganz am Rande ihrer Kirche, elf Prozent wollen sicher oder wahrscheinlich austreten.

LEHMANN: Dies haben schon viele behauptet, auch Prominente. Wir müssen _(* »Gruppe der Verdammten« aus dem ) _("Jüngsten Gericht« von Hans Memling (15. ) _(Jahrhundert) aus der Danziger ) _(Marienkirche. ) uns ihren Fragen und Zweifeln stellen. Dies geschieht viel zuwenig. Sie haben selbst geschrieben, daß am Ende nicht so viele die Kirche verlassen werden. Aber es ist schmerzlich, daß schon so viele ausgetreten sind und sicher noch manche austreten werden.

SPIEGEL: Eine Mehrheit von 82 Prozent der Deutschen meint, man könne Christ sein, ohne einer Kirche anzugehören. Widerspricht diese Meinung der katholischen Lehre, außerhalb der Kirche gebe es kein Heil?

LEHMANN: Dieser mißverständliche Leitsatz hat eine lange Geschichte, und er steht in ungeheurer Spannung zu einem anderen, der genauso gilt: »Außerhalb der Kirche gibt es Gnade.« Ich bin als Theologe stolz, daß die Kirche im Lauf ihrer langen Geschichte trotz aller ihrer Fehler diese Spannung zwischen Exklusivität und Offenheit aufrechterhalten hat.

SPIEGEL: Gefährdet ein Katholik, der aus der Kirche austritt, sein Seelenheil?

LEHMANN: Weil die Kirche heilsnotwendig ist, begibt er sich in eine viel stärkere Gefährdung seines Heils. Das ist, allgemein gesprochen, völlig klar. Aber ich kann damit noch nicht über den einzelnen den Stab brechen. Ich bin nicht der liebe Gott, und ich halte nicht das Jüngste Gericht.

SPIEGEL: Wer austritt, gefährde sein Heil stärker, sagen Sie. Und wenn er es verliert?

LEHMANN: Sie wollen auf die Hölle hinaus.

SPIEGEL: Entweder Heil oder Hölle, so steht es doch in den Katechismen.

LEHMANN: Von der Hölle ist seriös nicht mehr zu sagen als dies: Es ist eine totale, unaufhebbare Vereinsamung des Menschen, der Verlust jeglicher Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen.

SPIEGEL: Kann man katholischer Christ sein, ohne an die Hölle zu glauben?

LEHMANN: Nein. Denn wo es Heil gibt, gibt es auch Heilsverlust.

SPIEGEL: Zu den eindeutigsten Ergebnissen der Umfrage zählt, daß der Papst bei den Deutschen erheblich an Sympathie und Autorität verloren hat. In welchen Punkten denken Sie anders als der Papst?

LEHMANN: Ein katholischer Bischof wäre schlecht beraten, sich vom Papst zu trennen.

SPIEGEL: Wer würde das erwarten?

LEHMANN: Ein Bischof würde das in den Augen der Öffentlichkeit schon dann tun, wenn er auch nur auf die geringste Distanz ginge. Die öffentliche Meinung fordert zwar immer Pluralität, schlachtet aber jeden kleinen Spalt Verschiedenheit sofort erbarmungslos aus.

SPIEGEL: Stehen die Bischöfe also nicht in hundertprozentiger Übereinstimmung mit dem Papst?

LEHMANN: Ich kann die Redeweise von den »hundert Prozent« absolut nicht leiden. Sie riecht nach Absolutismus und Totalitarismus; einen solchen Gehorsam schulde ich nur Gott. Ich lasse zwar überhaupt keinen Zweifel daran aufkommen, daß ich dem Papst als dem Oberhaupt unserer Kirche voll und ganz in all dem folge, was er heute von der Kirche wirklich verbindlich fordert. Aber es kann keine sogenannte hundertprozentige Identifikation in allem und jedem geben.

Ich habe in vielen Gesprächen mit Johannes Paul II. zunehmend die Erfahrung gemacht, daß man mit ihm frei und unbefangen alle Fragen erörtern kann. Der Papst fragt die Bischöfe nach vielem, wie wir dieses oder jenes beurteilen. Und er lernt jeden Tag hinzu.

SPIEGEL: Davon ist nichts zu spüren. Können Sie uns ein Beispiel dafür nennen, daß der Papst in irgendeinem Punkt heute anders denkt als früher?

LEHMANN: Ein Sinneswandel im üblichen Sinne ist gewiß nicht auffällig. Grundsatztreue ist in unserer Welt einiges wert. Der Papst ist aber immer gut für Überraschungen, auch in Gesten und Symbolen.

SPIEGEL: Können Sie uns vielleicht doch ein Beispiel nennen, worin Sie anders denken als Johannes Paul II.?

LEHMANN: Es wäre nicht angebracht, wenn ich mich darüber in diesem Gespräch auslassen würde. Aber einiges will ich schon sagen. Der Papst kann sich in Personalentscheidungen vielleicht auch mal irren. Ich bin nicht mit allen Bischofsernennungen glücklich, die außerhalb unseres Landes geschehen sind.

SPIEGEL: Sie spielen auf die Ernennungen sehr konservativer Bischöfe in Österreich und der Schweiz an?

LEHMANN: Ja, ich möchte aber darauf nicht näher eingehen. Es sind und bleiben meine Kollegen. Für unser Land bin ich zufrieden.

SPIEGEL: Geben Sie uns noch ein anderes Beispiel?

LEHMANN: Trotz grundsätzlicher Zustimmung setze ich bei der Beurteilung der westlichen Welt aufgrund meiner Erfahrungen etwas andere Akzente als der Papst, zum Beispiel im Urteil über den Pluralismus der Werte und Lebensformen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß der Papst in Deutschland so unpopulär geworden ist?

LEHMANN: Als Johannes Paul II. 1978 sein Amt angetreten hatte und auch bei seinem ersten Deutschlandbesuch im Jahre 1980, gab es eine Begeisterung für diesen ersten nichtitalienischen, polnischen Papst, daß ich mich damals erschrocken fragte, ob diese Begeisterung je durchzuhalten ist.

SPIEGEL: Der Papst ist bei den katholischen Kirchgängern heute nicht beliebter als Kanzler Kohl bei den CDU/CSU-Wählern.

LEHMANN: Solche Vergleiche sind nicht die Stärke, sondern eine Schwäche des SPIEGEL.

SPIEGEL: So weltlich ist der SPIEGEL nun mal.

LEHMANN: Warum ist der Papst nicht populär? Er muß sich in einer Reihe von Punkten gegen den Zeitgeist stellen. Er ist weithin zu einem Zeichen des Widerspruchs geworden, zum Teil auch in der Kirche.

SPIEGEL: Für den heutigen Papst trifft noch weit mehr das zu, was der Züricher Sozialpsychologe Gerhard Schmidtchen über dessen Vorgänger Paul VI. geschrieben hat: »Die Autorität des Papstes, die man normalerweise dem Faktor Glaubensfragen zuordnen würde, ist eindeutig in den Faktor Sexualität eingegliedert.«

Das liegt vor allem daran, daß er den Frauen die Pille verbietet, aber auch an der nicht endenden Diskussion darüber, ob es beim Zölibat, der Ehelosigkeit der Priester, bleiben soll.

LEHMANN: Das hat Schmidtchen richtig beobachtet. Diese weitverbreitete Fehleinschätzung schadet nicht nur dem Ansehen des Papstes, sie trägt auch dazu bei, daß ein falsches Bild von Kirche und Katholischsein entsteht, als ob beides in erster Linie zum Beispiel durch das Pillen- und Kondomverbot gekennzeichnet sei. Dies ist natürlich eine große Beschwer.

SPIEGEL: Wollen Sie, können Sie etwas dagegen tun?

LEHMANN: Sicher. Aber ich muß auch deutlich sagen: Es ist nicht ganz zufällig, daß hier die Knackpunkte liegen. Der Papst ist beispielsweise vielen auch deshalb ein Ärgernis, weil er die unwiderrufliche Treue in der Ehe zur Mitte des Evangeliums zählt. Das muß er tun, sonst würde er dem Evangelium und der an ihm orientierten Überlieferung der Kirche untreu.

SPIEGEL: Bei vielen katholischen Theologen ist zu lesen, zum Verbot der Pille und zum Beharren auf dem Zölibat zwinge den Papst kein Wort Jesu, kein Dogma. Er könnte den Frauen die Pille, den Priestern die Ehe erlauben, ohne daß der katholische Glaube tangiert würde.

LEHMANN: Das mag abstrakt so sein. Aber ich bin dennoch überzeugt, daß der Papst recht daran tut, am Zölibat festzuhalten, vor der Pille zu warnen und auf die Treue in der Ehe abzuheben. Die Kirche bejaht ja die Familienplanung und eine verantwortete Elternschaft, also das Prinzip, daß die Eltern über die Zahl ihrer Kinder und den Zeitpunkt ihrer Geburt bestimmen können.

SPIEGEL: Aber der Papst verweigert ihnen die Mittel, die sie brauchen, um dies zu tun. Würde sein Pillenverbot beachtet, würden noch weit mehr Kinder in der Dritten Welt nur geboren, um zu verhungern.

LEHMANN: Die meisten Kinder werden geboren, wo es nicht um die Pille geht und wo die katholische Kirche eine verschwindende Minderheit ist, zum Beispiel in China und Indien. Der Papst redet im übrigen anders, als es dem vorherrschenden Bild in der Öffentlichkeit entspricht, auch und gerade über das Recht auf verantwortete Elternschaft.

SPIEGEL: Hat er irgendwo und irgendwann die Enzyklika Humanae vitae auch nur relativiert, mit der sein Vorgänger Paul VI. die Pille verbot?

LEHMANN: Das hat er nicht getan. Er hat sie nur anders begründet. Der Papst muß nicht für die Pille sein, weil die Mehrheit unserer europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften für die Pille ist. So konformistisch ist die Kirche eben nicht. Es geht um Dinge, die wir verlernt und vergessen haben, zum Beispiel mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Radikale Feministinnen in den USA sind gegen die Pille, weil diese die Frau noch mehr den Männern ausliefere. Ich wünsche mir eine nach allen Seiten offene und ehrliche Diskussion in der Kirche und draußen.

SPIEGEL: Die meisten deutschen Katholiken und sogar die meisten regelmäßigen Kirchgänger sind dafür, daß Priester heiraten dürfen, und befürworten darüber hinaus die Zulassung von Frauen im Priesteramt. Schließen Sie aus, daß in 10 oder 20 Jahren diese Wünsche verwirklicht werden?

LEHMANN: Ich bin kein Prophet. Vieles ist in der Tat letztlich offen. Aber ich will nicht so tun, als ob sich dies alles bald ändert. Vor allem will ich keine falschen Hoffnungen wecken.

SPIEGEL: Stört es Sie, daß die Katholiken als besonders konservativ gelten?

LEHMANN: Konservativ zu sein ist für mich kein Schimpfwort. Es kommt immer darauf an, woran man festhält. Es würde mich nur stören, wenn der typische Katholik so konservativ wäre, daß er sich dem Neuen aus Prinzip verschließt.

SPIEGEL: Dazu neigt er.

LEHMANN: Vom Evangelium her hat das Christentum eigentlich eine starke explosive Kraft. Ich muß freilich zugeben, daß davon heute oft wenig zu spüren ist.

SPIEGEL: Widersprechen Sie, wenn die katholischen Bischöfe als besonders konservative Gruppe bezeichnet werden?

LEHMANN: Wir wirken vielleicht manchmal so. Aber das nehmen wir in Kauf, weil wir eine unserer Aufgaben darin sehen, solche Werte und Grundhaltungen zu verteidigen, auf die zu verzichten ein Schaden für die Gesellschaft wäre.

SPIEGEL: Wir möchten Ihnen eine Frage vorlesen, die Emnid den 3000 Beteiligten der Untersuchung gestellt hat: »Finden Sie es gut, oder finden Sie es schlecht, oder ist es Ihnen egal, daß die heutige Jugend über sexuelle Dinge anders denkt als die ältere Generation und daß ihre Beziehungen untereinander lockerer sind als früher?« Wie würden Sie antworten?

LEHMANN: Egal ist es mir auf keinen Fall. Aber ich kann nicht einfach sagen, ich fände das gut oder schlecht.

SPIEGEL: 65 Prozent der Deutschen finden es gut, schlecht 17 Prozent. Warum gehören Sie nicht zu der Mehrheit?

LEHMANN: Ich wehre mich gegen eine Neutralisierung des Bereichs Sexualität gegenüber jedem ethischen Anspruch. Die Befangenheit von früher darf nicht in eine solche Unbefangenheit umschlagen, daß ganz entscheidende Werte unter die Räder kommen.

SPIEGEL: Welche?

LEHMANN: Die Jugend hat verlernt, eine gewisse Zeit zu warten, bis sich Sexualität in intimer Vereinigung erfüllt. Das ist so gut wie unbekannt geworden.

SPIEGEL: Sie bedauern, daß vorehelicher Geschlechtsverkehr die Regel, das Warten auf die Ehe die seltene Ausnahme geworden ist?

LEHMANN: Ja. Ich bleibe ganz entschieden dabei, daß es intime Beziehungen erst in der Ehe geben soll. Ich weiß, daß man das nicht erzwingen kann. Ich muß in unendlicher Geduld versuchen, jungen Menschen im Gespräch diesen Wert nahezubringen. Diese Aufgabe darf in der Jugendarbeit nicht fehlen.

SPIEGEL: Herr Bischof, in dieser Woche entscheidet der Bundestag über die Neuregelung des Paragraphen 218. Vor einiger Zeit wurde der Fall eines irischen Mädchens weltweit erörtert, das als Minderjährige nach einer Vergewaltigung schwanger wurde. Halten Sie in einem solchen Fall eine Abtreibung für erlaubt?

LEHMANN: Das Mädchen ist sehr schnell in die Fangarme der Politik und der Auseinandersetzung um die Abtreibung geraten.

SPIEGEL: Können Sie den Fall nicht nach den wenigen Angaben beurteilen, die wir eben gemacht haben?

LEHMANN: Man muß alles tun, um dem Mädchen zu ermöglichen, das Kind auszutragen. Ich verkenne nicht die extreme Belastung einer solchen Situation. Aber ich kann auch in diesem Fall nicht zur Tötung eines ungeborenen Kindes raten.

SPIEGEL: Wer bestimmt in dieser Debatte, was christlich ist? Die protestantischen Hamburger Hauptpastoren haben den Anspruch des Kölner Kardinals Joachim Meisner scharf kritisiert, die katholische Kirche sei dazu berufen.

LEHMANN: Was christlich ist, bestimmen vor allem das Zeugnis der Heiligen Schrift und die große kirchliche Überlieferung.

SPIEGEL: Auf welche Stelle des Neuen Testaments können Sie sich berufen, um die Fristenregelung für unchristlich zu erklären?

LEHMANN: Es geht nicht um einzelne Stellen. Jede Tötung widerspricht dem Geist des Neuen Testaments. Sehr frühe christliche Schriften verbieten ausdrücklich die Abtreibung. Es war eine Selbstverständlichkeit von Anfang an.

SPIEGEL: Halten Sie es für angemessen, wenn katholische Bischöfe den Schwangerschaftsabbruch pauschal als Mord bezeichnen?

LEHMANN: Ich rede nicht so. Aber wenn Sie Worte von anderen Bischöfen kritisieren wollen, sitzen Sie im Glashaus. Was der Herausgeber des SPIEGEL, Herr Augstein, in dieser Auseinandersetzung gegen die katholische Kirche und gegen einzelne Bischöfe, auch gegen mich, geschrieben hat, stellt vieles in den Schatten, was sonst zu Papier gebracht worden ist. Und das will in dieser Diffamierungskampagne viel heißen.

SPIEGEL: Was steckt hinter Ihrer Ankündigung, auf die sich Augsteins Angriff bezog, die Kirche werde sich aus dem Beratungssystem zurückziehen?

LEHMANN: Wir sind nicht bereit, uns an einem System zu beteiligen, das die Beratung zur Farce macht und die Beratungsstellen dazu degradiert, eine Bescheinigung auszustellen, die eine wesentliche Voraussetzung für die straffreie Tötung des Ungeborenen darstellt. Es bleibt keine reelle Möglichkeit, die Frau ernsthaft so zu beraten, daß sie dem ungeborenen Kind wirklich eine Chance gibt. Das Lebensrecht eines wehrlosen Menschenwesens wird mit Füßen getreten.

SPIEGEL: Wollen Sie mit dem Auszug Ihrer Beratungsstellen Fakten schaffen, die das Bundesverfassungsgericht zwingen sollen, die Fristenregelung für verfassungswidrig zu erklären?

LEHMANN: Inwiefern?

SPIEGEL: Das Urteil des Gerichts von 1975 kann man so verstehen, eine andere als die Indikationenregelung setze voraus, daß »die Gesamtheit der dem Schutz des ungeborenen Lebens dienenden Maßnahmen« ausreichen müßten. Das könnte man bezweifeln, wenn Ihre 290 Stellen ausziehen und damit das System sprengen.

LEHMANN: Uns bleibt keine andere Wahl.

SPIEGEL: Kardinal Meisner hat der CDU empfohlen, das C in ihrem Namen zu streichen, wenn es ihr nicht gelinge, die Fristenregelung zu verhindern. Ist es Sache des Kardinals, darüber zu befinden?

LEHMANN: Ich werde keinem Kardinal und keinem Bischof verbieten zu sagen, was er für notwendig hält.

SPIEGEL: Und was halten Sie von der Drohung des Kardinals, wenn sich die CDU anders verhalte, als er es sich vorstelle, müsse man daran denken, eine neue Partei zu gründen? Da kann er doch nur an eine katholische Partei wie das Zentrum gedacht haben, das es in der Weimarer Republik und nach 1945 gab.

LEHMANN: Er hat dies mehr als Frage gestellt.

SPIEGEL: Das Fragezeichen ändert da nicht viel. Ist dies der Gedanke eines einzelnen, oder denken die katholischen Bischöfe insgesamt an eine neue Partei?

LEHMANN: Unsere Parteienlandschaft ist in vielfacher Bewegung, vielleicht partiell auch in Auflösung begriffen. Von kirchlicher Seite existieren aber keine Pläne für eine neue Partei.

Ich selber bin nicht dafür, daß eine Zentrumspartei gegründet wird, weil ich eine gemeinsame christliche Partei für eine große Errungenschaft halte, die wir nicht preisgeben dürfen. Dies war und ist ein Glücksfall für unser konfessionell gespaltenes Land.

SPIEGEL: Also denken Sie in dem Punkt anders als der Kölner Kardinal.

LEHMANN: Auch ich habe einige Probleme mit der CDU. Die Bedenken bestehen darin, daß das christliche Element außer in einem abstrakten Programm im politischen Handeln oft wenig sichtbar ist.

SPIEGEL: Die neue Zentrumspartei ist die spinnerte Idee eines Kardinals?

LEHMANN: Ich kann sie mir nicht vorstellen. Aber warum soll es eigentlich von vornherein ausgeschlossen sein, daß es eine neue Partei mit einem sehr deutlichen christlichen Profil gibt?

SPIEGEL: Mit einem katholischen Profil.

LEHMANN: Diese Partei mit einem christlichen Profil könnte einen respektablen Prozentsatz Wählerstimmen auf sich vereinen und genauso Zünglein an der Waage spielen wie andere Parteien auch. Aber über die Bildung neuer Parteien entscheidet der Wähler. Da wollen wir uns als Kirchenleitung nicht hineinmengen.

SPIEGEL: Herr Bischof, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Karl Lehmann *

ist als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Nachfolger der Kardinäle Joseph Frings, Julius Döpfner und Joseph Höffner. Nach Studienjahren in Freiburg und Rom promovierte der gebürtige Schwabe zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Martin Heidegger und zum Dr. theol. mit dem Thema Auferstehung. Nach vier Assistentenjahren bei dem renommierten katholischen Theologen Karl Rahner war Lehmann, 56, Dogmatikprofessor in Mainz und in Freiburg, bis er 1983 Bischof von Mainz wurde.

[Grafiktext]

__41_ Kirchen: Jeder neunte Katholik erwägt Austritt

_____ Kirchen: Katholiken je nach Kirchgang

_____ Meinungsforschung: Gibt es eine Hölle?

[GrafiktextEnde]

* Werner Harenberg und Manfred Müller im Mainzer Bischofshaus.* »Gruppe der Verdammten« aus dem »Jüngsten Gericht« von HansMemling (15. Jahrhundert) aus der Danziger Marienkirche.

W. Harenberg
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