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ALBANIEN »Das Geld gerecht verteilen«

aus DER SPIEGEL 8/1997

Im ärmsten Land Europas wurde fast das gesamte Volk Opfer von Finanzbetrügern. Die Opposition fordert den Rücktritt der Regierung unter Ministerpräsident Aleksander Meksi, 67.

SPIEGEL: Tägliche Ausschreitungen, mindestens vier Tote, Hunderte Verletzte: Steht Albanien vor einem Bürgerkrieg?

MEKSI: Solange die Oppositionsparteien unter Führung der Sozialisten die Menschen gegen den Staat aufhetzen, ist nichts ausgeschlossen. Wir werden uns nicht erpressen lassen. Wir sind in demokratischen Wahlen an die Macht gekommen; ich sehe keinen Grund zurückzutreten.

SPIEGEL: Viele Familien haben in den vergangenen Wochen ihr gesamtes Vermögen verloren. Trifft nicht auch die Regierung Schuld daran?

MEKSI: Wir haben niemanden aufgefordert, bei diesen Pyramidenspielen mitzumachen. 90 Prozent der Anleger wußten, auf welches Risiko sie sich einließen, daß sie dabei alles verlieren konnten.

SPIEGEL: Auch in anderen Staaten Osteuropas gab es nach der großen Wende 1989 ähnliche Anlagesysteme, doch die Behörden warnten oftmals vor diesem Glücksspiel und schritten ein, wenn die Betrügereien zu offensichtlich wurden.

MEKSI: In Albanien waren weder die Regierung noch das Volk über diese Spekulationen aufgeklärt. Niemand hat daran schuld, und jetzt werden wir alles unternehmen, einen großen Teil des Geldes, das ja noch in den Banktresoren liegt, gerecht zu verteilen.

SPIEGEL: Die Opposition behauptet, die dubiosen Anlagefirmen hätten erst durch Schmiergeldzahlungen Lizenzen von den Behörden bekommen.

MEKSI: Das ist eine böse Unterstellung. Quer durch alle politischen Lager ging die fieberhafte Gier nach schnellem Reichtum.

SPIEGEL: Und wenn der Druck von der Straße noch weiter zunimmt ...

MEKSI: ... dann werde ich meinen Rücktritt einreichen und Neuwahlen innerhalb von zwei Monaten ausschreiben.

SPIEGEL: Mit dem Risiko, daß Sie die Macht an die Sozialisten abgeben müssen?

MEKSI: Diese Gefahr sehe ich nicht, meine Demokratische Partei ist noch immer po-pulär, für unser Volk sind die Sozialisten keine Alternative.

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