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Das geplante Inferno

Horst Eberhard Richter über die Ursachen des 3. Weltkrieges und das Ende der Menschheit (V) Richters Politfiktion macht den Wahnsinn der Overkill-Rüstung furchterregend deutlich, um eine »konstruktive Reaktion« herauszufordern, nämlich die Einmischung der Massen in die Politik der Mächtigen. Seine Geschichte: Nach der nuklearen Katastrophe rekonstruieren Forscher von einem anderen Stern die Schlußphase irdischen Lebens. Alle Rechte bei Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Der ungekürzte Text ist unter dem Titel »Alle redeten vom Frieden. Versuch einer paradoxen Intervention« (253 Seiten; 24 Mark) erschienen.
aus DER SPIEGEL 43/1981

Professionelle Politiker, Militärs, ehrgeizige Funktionäre von Massenorganisationen, eingefleischte Administratoren, auch hochgescheite Wissenschaftler, sie alle ließen sich von den HERMES-Leuten meist ohne erhebliche Schwierigkeiten lenken -- wie Schauspieler von einem Regisseur.

Selbst mit den sogenannten Friedensforschern hatte HERMES, der Club der Geheimagenten, der das Ende der Menschheit inszenierte, wenig Mühe. Wenn diese Gelehrten etwa ermittelt hatten, daß die Hochrüstung die Möglichkeit eines großen Atomkrieges laufend erhöhte, dann bedeutete für sie dieser Fortschritt an Wissen bereits einen Gewinn. Natürlich lockte es sie auch, Pläne auszurechnen, wie man die Kriegswahrscheinlichkeit verringern könnte. Oder wie man einen Atomkrieg zumindest regional und nach Zahl der »Mega-Toten« begrenzen könnte.

Hatten sie endlich eine gescheite Theorie herausgefunden, welche die Lösung enthielt, konnten sie fortan ruhiger schlafen. Das Wissen, wie man etwas besser machen könne, war das Ziel, für das allein sie ihre Forschungsenergie verbraucht hatten. Ihre Erkenntnis schrieben sie auf Papier. Und nun träumten sie, daß dieses Papier auf irgendeine wundersame Weise Gewaltiges bewegen würde. Aber die Realisierung dieses Traumes gehörte eben nicht mehr zu den Forschungsgegenständen, an denen sie sich abarbeiteten.

Am schwersten berechenbar waren für die HERMES-Regisseure diejenigen Gruppen, die man gewissermaßen als Repräsentanten »seelischer Unschuld« bezeichnen könnte.

Zwar hatte diese Zivilisation der Macht- und Größenideen die Köpfe der Mehrheit total verwirrt und von den Werten und Zielen abgelenkt, die den Menschen eine sinnvolle Lebenserfüllung ermöglicht hätten. Und der diagnostische Nachweis dieser Tatsache war ja auch für HERMES die Rechtfertigung S.196 gewesen, den gigantischen Euthanasieplan auszuführen.

Aber irgendwo glühte in der Tiefe mancher Seelen immer noch ein irrationaler Glaube an die Möglichkeit eines friedlichen, geschwisterlichen Zusammenlebens der Menschen untereinander in dem achtungsvoll zu hütenden Garten der Erde. Diese Seelenkräfte zeigten sich insbesondere bei den unterdrückten Völkern der Dritten Welt, bei Frauen, Kindern, einem Teil der Jugendlichen und einigen älteren Sonderlingen.

Bei HERMES hatte man allerdings große Mühe, sich in diese untergründigen Regungen hineinzuversetzen. Deshalb hatte man an die Psycho-Spezialisten die Aufgabe delegiert, in einem fort repräsentative Befragungen, Tests und Modellexperimente anzustellen, um auch die naiven und unkomplizierten Seelen unter lückenloser Kontrolle zu halten.

Aber diese listigen und manipulationsfreudigen Psychos begriffen eben auch nur das, was ihnen selbst gemäß war. So geschah es, daß man bei HER-MES trotz aller noch so sorgfältigen präventiven Studien von dem Ausmaß der massenpsychologischen Aufwallungen von Atomprotesten und Friedensenthusiasmus ähnlich wie von einem mittleren Erdbeben überrascht wurde.

Erst als solche von der Basis hochschäumenden Initiativen eine deutlichere Gestalt annahmen, konnte man sich daranmachen, ihnen mit Abwehrstrategien zu Leibe zu rücken. Man schickte sich an, entweder die Friedensgruppen selbst zu verwirren, zu spalten und in irgendwelche politischen Sackgassen hineinzuleiten. Oder man verlegte sich darauf, die gesellschaftlichen Gegenkräfte, zumal die standhaften Verfolgungsparanoiker, zu mobilisieren und somit eine indirekte Abwehrstrategie zu verfolgen.

Was der HERMES-Agent »SC« in seinen von uns aufgefundenen Notizen über den Verlauf von Operationen gegen die Erscheinungsformen einer ersten von der Basis ausgehenden Friedensbewegung erzählt, liest sich ähnlich spannend wie der Generalstabsbericht über einen Feldzug.

In England war eine Kampagne gegen die Atomrüstung entstanden. Einige Tausend waren von London zu dem etwa 80 Kilometer entfernten Atomwaffen-Laboratorium Aldermaston gewandert. Die Leute meinten, die Parteien wären außerstande, sich gegen die Atomrüstung zu wehren. Also müßte man von unten, von der Straße aus Druck auf Regierung und Parteien ausüben.

Die Bewegung sprang auf Westdeutschland über, wo schließlich mehr als hunderttausend Atomwaffengegner zu Ostern Protestmärsche abhielten und sich in einer »Kampagne für Abrüstung« vereinigten. Unter dem Einfluß dieser Kampagne führten Arbeiter in mehreren westdeutschen Großbetrieben Warnstreiks durch. Gewerkschaftsführer unterstützten zeitweilig die Bewegung. Man verlangte sogar eine Volksbefragung. Die sozialdemokratische Partei übernahm kurzfristig die Leitvorstellungen der Kampagne. Einen Augenblick schien es, als könnte die Bewegung sturmflutartig alle Dämme einreißen. Und HERMES hatte alle Hände voll zu tun, eine Katastrophe zu verhindern. Aber dann griffen die gut koordinierten Abwehrmaßnahmen. Zugleich kam es zu einer spontanen Gegenbewegung aus den Kreisen der Verfolgungsparanoiker. Wie eine Epidemie, gegen die man im rechten Augenblick Massenimpfungen einsetzt, zerfiel die Kampagne.

Im Club analysierte man diesen Verlauf und seine Bedingungen sorgfältig, um für ähnliche Zwischenfälle in der Zukunft besser gerüstet zu sein. Folgende Bremsfaktoren hatten sich bewährt:

Die Sowjets bedrohten den Westen gerade im passenden Augenblick mit einem politischen Ultimatum. Damit zogen sie einen Teil der Befürchtungen auf sich, die sich zuvor auf die Atomwaffen gerichtet hatten.

Das höchste westdeutsche Gericht untersagte eine vorbereitete Volksbefragung über die Atomrüstung. Es legte das Recht dahingehend aus, daß das Volk selbst über eine solche für sein Überleben entscheidende Grundsatzfrage nicht abstimmen dürfe, sondern die Entscheidung den gewählten Institutionen überlassen müsse.

Gesteuert von der konservativen »christlichen« Partei hatte in Westdeutschland ein systematischer Propagandafeldzug gegen die Atomwaffengegner mit dem Argument eingesetzt, deren Kampagne arbeite direkt dem kommunistischen Weltfeind in die Hände. Ein damals amtierender konservativer Minister erklärte wörtlich, die Kundgebungen der Kampf-dem Atomtod-Kampagne seien »ein Teil des kommunistischen Generalstabsplanes«.

Der sozialdemokratischen Partei winkte die Chance, sich an der Seite der konservativen »christlichen« Partei an der Regierung zu beteiligen. Dazu war es für sie aber erforderlich, sich rasch der Trendwende anzupassen und statt gegen die Bombe gegen die Russen Front zu machen. Die Partei widerrief, was sie noch kurz vorher auf einem großen Parteitag beschlossen und verkündet hatte.

Damals hatte sie strikt verlangt, in Europa eine Zone mit verdünnter Rüstung zu schaffen, aus der alle Fremdtruppen sowie Atom- und Wasserstoffbomben entfernt werden sollten. Jetzt fand sie auf einmal nichts mehr dabei, sich für die Beteiligung der Bundesrepublik an der atomaren Rüstung auszusprechen.

Diese Kehrtwendung eröffnete der Partei den Zugang zur Macht, deren sie sich in den folgenden 20 Jahren erfreuen konnte. Aber sie zahlte dafür einen hohen Preis. Sie beraubte sich der moralischen Triebkräfte, ohne welche sie, als späterhin ihre Macht schwand, nahezu identitäts- und gesichtslos dastand.

Nun saßen die Mitglieder der Friedensbewegung wie in einem Freigehege. Sie konnten sich noch innerhalb eines begrenzten Raumes rühren, aber sie waren streng von allen Machtzentralen abgeschirmt und der argwöhnischen Kontrolle der fanatischen Antikommunisten wie ihrer ehemaligen Sympathisanten aus der Arbeitnehmerpartei ausgesetzt, die sich des Vertrauens ihres neuen rechten Regierungspartners würdig erweisen wollte.

Als ein paar Jahrzehnte später die Friedensbewegung zum zweiten und letzten Mal aufflammte, standen dem Club zwei zusätzliche Abwehrmöglichkeiten zur Verfügung.

Die erste Abwehrmöglichkeit konnte der Club einem Buch des großen deutschen Philosophen Karl Jaspers entnehmen. Dieser hat darauf hingewiesen, daß sich die Atomangst unter Umständen von der Bombe abwenden und sich auf die Kernkraftwerke konzentrieren könnte. Es sei »eine Ablenkung, wenn die angstvolle Erregung auf die Gefahren der friedlichen Erzeugung und Verwendung der Atomenergie gelenkt wird«. Und er sah voraus »Übertreibungen am unrechten Orte und Beruhigung dort, wo die größte Unruhe not tut«. Natürlich wertete HERMES das Verhältnis der beiden Ängste genau umgekehrt. Die Angstableitung auf die S.199 Kernkraftwerke, von denen einige schon errichtet und eine große Anzahl weiterer geplant waren, erwies sich als eine verheißungsvolle Chance zur Dämpfung der neuen Atombomben-Proteste. Die Kernkraftwerk-Ungetüme standen -- im Gegensatz zu den unsichtbar gemachten Atomraketen -augenfällig im Gelände.

Was man sehen und wo man hingehen kann, bietet Angstphantasien und Protestimpulsen natürlich von vornherein wesentlich günstigere Fixierungsmöglichkeiten als eine den Sinnen unzugängliche Tatsache. Überdies war alle paar Wochen von Zwischenfällen in Kernkraftwerken zu hören und zu lesen, während die Atomsprengköpfe anscheinend in absolut sicherer Verwahrung ruhten. Jahrzehntelang war kein Mensch durch eine Atombombe zu Schaden gekommen.

Freilich hatte der Club keine Veranlassung, von sich aus Ängste vor den Kernkraftwerken zu schüren. Denn daß solche Ängste irgendwann auf die Atomrüstung überspringen könnten, mußte einkalkuliert werden. Als aber die ersten Anzeichen einer neuen Friedensbewegung erkennen ließen, daß sich dieses Protestpotential nicht würde unmittelbar ersticken lassen, war die Zeit für die Ablenkungsstrategie reif.

Dabei brauchte man ja den Leuten nichts vorzulügen. Man mußte nur das gerechtfertigte Mißtrauen gegen die Kernkraftwerke gebührend anheizen und die Tatsache, daß dieser Technologie infolge ihrer mangelnden Ausreifung noch wesentliche Unsicherheitsmomente anhafteten, wahrheitsgemäß in jedermanns Bewußtsein einhämmern.

So gelang es zumindest für ein paar Jahre, der Abrüstungsbewegung wesentliche Energien zu entziehen. Millionen konzentrierten ihren Unmut allein auf die Kraftwerke und das ungelöste Entsorgungsproblem. Sie marschierten zu den Orten, wo man sie mit dieser Gefahr bedrohte -- vorbei an Tausenden von versteckten Raketen-Abschußrampen, die eben fürs erste weniger beachtenswert erschienen.

Die Ablenkung auf die Kernkraftwerke war in der Sicht von HERMES eigentlich mehr ein äußerster Notbehelf, ein letzter Schutzwall, um den unmittelbaren Durchbruch der Atomkriegsangst wenigstens noch eine Weile aufzuhalten. Indessen bot sich günstigerweise auch noch ein anderes Ablenkungsobjekt an, auf das sich die eher konservativen Bevölkerungsgruppen vorübergehend fixieren ließen.

Gerade als die Sowjets eine Weile nachließen, ihr Teufelsimage hinreichend zu pflegen (sie unterzeichneten die Schlußakte von Helsinki und machten Abrüstungsvorschläge), hatten sich in Westdeutschland, Italien und Spanien radikale Gruppen auf den Weg des Terrorismus begeben. Terroristische Morde und Attentate häuften sich.

Da sich die meisten Terroristen marxistisch gefärbter Kampfparolen bedienten, war es ein leichtes, sie als eine neue und besonders infame Variante sowjetischer Destruktionsstrategie zu interpretieren: Der Kommunismus habe sich aufgemacht, die Westvölker mit allen Mitteln auch von innen heraus mürbe zu machen und ihre staatlichen Ordnungen zu zerstören. Justiz und ganze Heerscharen von Polizisten kämpften verzweifelt gegen eine kleine unsichtbare Armee, die sich immer wieder aus dem Untergrund auf geheimnisvolle Weise regenerierte und wie ein metastasierender Krebs weiterwucherte.

Millionen Geängstigter, die gerade anfingen, sich über Umweltzerstörung und Overkill-Rüstung Gedanken zu machen, gerieten in Terroristen-Panik. Insbesondere ein Volk wie das deutsche, das nichts so sehr zu erschrecken pflegte wie Unordnung und Bedrohung von Autoritätsstrukturen, bangte vorläufig fast ausschließlich um den Schutz der inneren Sicherheit. So verstellten die Terroristen durch sich selbst den Blick auf die eigentlich größte Gefahr für diese Gesellschaft und die Menschheit schlechthin.

Wenn HERMES den Terrorismus auch nicht direkt unterstützte, so zögerte der Club doch keinen Augenblick, die massenpsychologische Resonanz im Sinne der psychischen Aufrüstung zu fördern und auszubeuten. Das gelang über alle Erwartungen gut bei den Westdeutschen, die versessen darauf S.201 zu sein schienen, ihre antikommunistischen Verfolgungsängste und Haßgefühle an diesem neuen Gegner abreagieren zu können. Dieser bot ihnen ja auch in der Tat ideale Projektionsmöglichkeiten.

Es war ein Feind, der sozusagen unmittelbar vor jedermanns Tür lauerte. Sein Vorgehen war so tückisch, wie man es nur von echtem Teufelswerk erwarten kann. Und indem er speziell hochgeachtete Vaterfiguren des Systems entführte und mordete, bedrohte er den äußeren Halt der Massen, die längst schon keinen echten inneren Halt mehr besaßen.

Aber weder die Kernkraftwerke noch der Terrorismus reichten auf die Dauer als Schutzdämme aus, um die sich verstärkenden Atomkriegsängste der Westeuropäer, zumal der Westdeutschen, in der Schlußphase zu binden. Bedeutende Physiker, Historiker, Generäle, Admiräle, Bischöfe und Philosophen schütteten Öl in das Feuer einer anschwellenden neuen Friedenskampagne.

In Hunderten von Städten rotteten sich -- meist junge -- empörte Leute zusammen. Sie gründeten Bürgerinitiativen, druckten Informationsmaterial, machten Werbung in den Straßen, in Jugendzentren, Sportvereinen, Schulen und Kirchengemeinden. Und dann ergoß sich eine Welle von Demonstrationen über viele Provinzen.

Weil in dieser neuen Protestströmung eine tiefere Verzweiflung und mehr spontane Wut als in der Ostermarsch-Bewegung steckte, verliefen die Demonstrationen natürlich weniger geordnet als damals, oft sogar ziemlich chaotisch. Auf diesen Umstand zielte die Abwehr, in der sich vielerorts Polizei, Justiz und bürgerliche Presse in bewährter Allianz zusammenfanden.

Natürlich wollten die demonstrierenden Aufrüstungs-Gegner ihre Friedensliebe dadurch glaubhaft machen und verbreiten, daß sie ihre Veranstaltungen möglichst sanft und gewaltfrei abwickelten. Um sie unglaubwürdig zu machen, mußte man diese Absicht zu durchkreuzen versuchen.

Ein wirksames Gegenmittel bestand darin, daß man den Demonstranten aufreizende Polizeieinheiten entgegenschickte und durch diese Drohgebärde wenigstens einige der Protestler dazu verführte, die Fassung zu verlieren und aggressiv zu werden. Dann war das Spiel regelmäßig gewonnen. Die Polizei konnte mit ihren Schlagstöcken losprügeln und damit wiederum weitere Demonstrantengruppen in den Kampf verwickeln.

Diese Strategie, den Spieß umzudrehen und die Friedens-Demonstranten als Feinde eben dieses Friedens erscheinen zu lassen, funktionierte eine Weile an zahlreichen Orten. Die Bürger entrüsteten sich statt über die täglich neu produzierten und installierten Massenvernichtungswaffen über einige zerstörte Fensterscheiben. Die Gewalt der Friedensfreunde und der Atomrüstungs-Gegner war es, die man anscheinend vordringlich zu befürchten hatte. Und die politischen Parteien konnten darin wetteifern, sich den Bürgern als Beschützer anzudienen.

Allerdings kam es auch zu Rückschlägen. Die Gruppen der Aufrüstungs-Gegner lernten, sich besser gegen die Randalierer zu schützen, die sich an ihre Bewegung anzuhängen versuchten. In dieser Phase war es hilfreich, Anlässe zu konstruieren, die eine aktive Provokation für die Friedensinitiative darstellten.

Man veranstaltete zum Beispiel Militärparaden, militärische Jubiläums- und Traditionsfeiern oder auch pompöse Massengelöbnisse von Rekruten in aller Öffentlichkeit. Dazu ließ man jeweils stattliche Militäreinheiten auf große Plätze oder in bekannte Sportstadien mitten in den Städten einrücken und führte den Bürgern stundenlange opernhafte Zeremonielle mit Kriegsmusik und pathetischer Selbstbeweihräucherung des Militärs vor.

Nur die Einfältigsten konnte es verwundern, daß die Atomrüstungs-Gegner mit äußerster Erbitterung reagierten. So konnte es wiederum nicht ausbleiben, daß einige bis aufs Blut Gereizte ihre Fassung verloren. Schon lief die Inszenierung wieder genau nach dem vorgesehenen Schema ab.

Da war auf der einen Seite das friedliche, brave Militär -- eine Augenweide für alle Liebhaber der Choreographie ästhetischer Paraden -- und auf der anderen Seite der »chaotische Mob«, »brüllende Langhaarige« mit »wutverzerrten Gesichtern«, »rabiate Vandalen«, ein »ekelerregender Abschaum«, dessen bloßer Anblick jedem halbgesitteten Bürger deutlich machen mußte, mit welcher Seite er sich zu identifizieren hatte.

Selbstverständlich bereitete es nur auf der westlichen Seite Mühe, radikale Pazifisten und alle sonstigen Aufrüstungs-Gegner leidlich in Schach zu halten. Im Osten hatte man sich wohlweislich rechtzeitig gegen die Möglichkeit derartiger Opposition geschützt. Dort war es der herrschenden Staatspartei geglückt, alle Versuche zur Bildung antimilitaristischer Gruppierungen von vornherein zu ersticken.

Gerade als es den Anschein hatte, daß man die neue Welle der westlichen Friedensbewegung ähnlich wie einst die »Ostermarsch-Kampagne« in den Griff bekommen würde, ereignete sich etwas Unerwartetes. Wie von allen guten Geistern verlassen, brachte die Führungsspitze des westlichen Blocks plötzlich das mühsam eingependelte Abschreckungs-Schaukelsystem total durcheinander.

Die neue amerikanische Regierungsmannschaft verkündete unverfroren, sie wolle nicht länger nur »nachrüsten«, sondern eine absolute militärische Überlegenheit herstellen. Mit Hilfe einer Politik der Stärke wollte sie die Sowjets, denen sie alles Böse nachsagte, zurückdrängen. Ohne Scheu trieb der Präsident den Militärhaushalt auf Kosten der Sozialausgaben auf eine phantastische Rekordhöhe. Und mit der Neutronenbombe führte er gegen den Protest der Sowjets sowie der eigenen geängstigten Verbündeten eine neue Waffe von einzigartiger Zerstörungskraft ein.

Niemand konnte das aggressive Moment dieser »Politik der Stärke« verkennen. Und damit trieb man Millionen in die Furcht, die Sowjets würden sich diese Herausforderung nicht gefallen lassen und dem Totgerüstetwerden durch einen eigenen Erstschlag zuvorkommen. Wer immer der westlichen Friedensbewegung gewaltigen Auftrieb geben wollte, der hätte kein besseres Mittel ersinnen können.

Natürlich gab es in Westeuropa genügend starrköpfige Falken, die noch zusätzliches Öl ins Feuer gossen. Endlich konnten sie sich in der altgewohnten Scharfmacher-Rolle präsentieren. Solange ihnen die Sowjets noch nicht den langersehnten Gefallen taten, nach Polen einzumarschieren, schossen sie sich schonungslos auf die westlichen Pazifisten ein. »Entspannung« erklärten sie zum Schimpfwort und »Frieden« zu einer kommunistischen Propaganda-Vokabel.

Der Anlaß war ernst genug, um den Club zu einer außerplanmäßigen Krisensitzung zu bewegen. Natürlich wurden Überlegungen angestellt, ob man die Lawine, die von den Amerikanern S.203 jetzt losgetreten worden war, nicht gleich benutzen sollte, um das Datum des Tages X vorzuverlegen.

Militärspezialisten wiesen darauf hin, daß es ihrer Meinung nach zur Einleitung des großen Countdown noch zu früh sei. Um »Nägel mit Köpfen« zu machen, sollte man zur Sicherheit noch die Sowjets ihre SS-20-Arsenale, ihre Backfire-Geschwader und ihre Atom-U-Boot-Flotte komplettieren und die Amerikaner ihr MX-System und die neue Generation der Marine-Cruise-Missiles fertigstellen lassen.

Die West-Abteilung sollte Washington gefälligst wieder dazu motivieren, ihre Hochrüstung als Nachrüstungs-Notwehr zu tarnen. Außerdem sollten die Amerikaner schleunigst die symbolischen Rüstungskontroll-Gespräche mit den Sowjets wieder aufleben lassen.

Die Mehrheit fand diesen Vorschlag unmittelbar einleuchtend. Nur ein paar forsche Nachwuchsleute aus der Amerika-Abteilung meinten, man solle die Schubkraft des amerikanischen Hochrüstungs-Enthusiasmus voll ausnützen. Da eine Überreaktion der Sowjets zur Zeit eher unwahrscheinlich sei, habe man doch nicht ernstlich zu befürchten, daß es vorzeitig zum großen Knall kommen werde.

Die Chef-Strategen des Clubs und die Verantwortlichen für die psychische Aufrüstung konterten souverän. Es sei töricht, das über Jahrzehnte sorgfältig eingependelte System, das auf der Abschreckungslücken-Theorie basiere, aufs Spiel zu setzen. Nur wenn die Völker beiderseits wieder in dem Glauben bestätigt würden, daß ausschließlich das Rüstungsgleichgewicht den Frieden garantiere, daß sie aber jeweils auf der eigenen Seite einen Rückstand aufzuholen hätten, könnte man eine stetige Selbsteskalation des Systems erwarten.

Die vom Club beschlossene »Beschwichtigungsaktion« wurde koordiniert auf vier Operationsfeldern eingeleitet:

Die amerikanische Administration mußte schleunigst von ihrem Vorrüstungs-Gerede abgebracht werden. Die Club-Mitarbeiter im Weißen Haus und im Pentagon hatten in diesem Sinne verstärkt Suggestionsarbeit zu leisten. Flankierend waren vor allem präsidentenfreundliche Bevölkerungsteile auf Bremskurs zu bringen.

Die westeuropäischen Regierungen mußten gegenüber ihren Völkern so tun, als hätten die amerikanischen Spitzenleute ihr Drohgerede überhaupt nicht ernst gemeint, sondern wünschten sich nichts sehnlicher als rasche Rüstungskontroll-Verhandlungen.

Die »psychischen Aufrüster« mußten die schwindelerregenden eskalierenden Rüstungsvorhaben der Amerikaner als Folge einer unerwarteten gigantischen Überrüstung der Sowjets zu erklären versuchen. Es mußte der Anschein erweckt werden, als habe man -- was natürlich nicht stimmte -- plötzlich im Osten neue furchtbare Waffensysteme entdeckt, die nur durch jene atemberaubenden Rüstungsausgaben wettgemacht werden könnten, die der amerikanische Präsident vorgesehen hatte.

Den sowjetischen Führungsgremien war zu vermitteln, daß die verbalen Kraftakte des amerikanischen Präsidenten und seiner Minister lediglich als publikumswirksames Strohfeuer zu werten seien. Die zweistelligen Inflationsraten und die eine Billion Dollar übersteigenden Staatsschulden der USA würden die Erfüllung der öffentlich verkündeten Rüstungsträume ohnehin nicht zulassen.

Aber so glatt, wie die Technokraten des Clubs sich die Bewerkstelligung der Kurskorrektur vorgestellt hatten, ließ sich der Plan nicht verwirklichen. Der alternde Chef der amerikanischen Administration pochte darauf, den High-Noon-Sheriff weiterspielen zu wollen. Zu lange war er in Hollywood vergleichbaren Heldenrollen vergeblich hinterhergelaufen. Zum High-Noon-Schema gehörte aber die Bestrafung der Verbrecher mit dem Colt.

Allerdings konnte es nicht ausbleiben, daß manche der nach schlichter S.206 Westernart denkenden und agierenden Vertreter der neuen amerikanischen Administration in Dutzende von Fettnäpfchen tappten. In ihrem intuitiven Handlungsstil brachten sie die Dinge, die sie vereinfachen wollten, nur noch mehr durcheinander. Sie irritierten die europäischen und den japanischen Bundesgenossen. Und auch vor dem Gegner gaben sie sich die peinlichsten Blößen.

Kurz: Es kam die Zeit der grauen Experten-Eminenzen, die immer häufiger als eine Art Feuerwehr einspringen mußten, um alle möglichen Pannen der hochrangigen Polit-Dilettanten auszubügeln. Und von da ab konnte auch HERMES wieder leichter mit ordnender Hand eingreifen und die amerikanische Außenpolitik auf einen halbwegs rationalen Kurs zurückbringen.

Da aber war das Mißtrauen, das die Amerikaner mit ihrer »Elefant-im-Porzellanladen-Strategie« unter den Westeuropäern entfacht hatten, nicht mehr zu ersticken. Die vorerst nur in kleineren Vereinen, Gruppen und Grüppchen aufgelebte neue Friedensbewegung war längst zu einem Flächenbrand geworden.

Zu einem Brennpunkt dieser zweiten Friedenskampagne wurde Westdeutschland, das bislang stets weit hinter der Bewegung in Schweden, Holland und Großbritannien hergehinkt war. Hier wurde vor allem das protestantische Kirchenvolk von der aufbrodelnden Protestwelle voll erfaßt. Ein großer Kirchentag, der nach dem Willen seiner Organisatoren unter das Motto »Fürchtet Euch nicht!« gestellt wurde, entglitt der Regie der Veranstalter vollkommen.

Die Masse der über hunderttausend jugendlichen Besucher bestand darauf, daß die gegenwärtige Militarisierung durchaus in höchstem Maße zu fürchten sei und daß man diese Furcht nur durch Beseitigung ihres Grundes, nämlich des furchtbaren atomaren Rüstungswettlaufs, abschaffen könne und müsse.

Die einzige Möglichkeit, mit dieser Friedensbewegung zurechtzukommen, erkannte das Establishment darin, sich defensiv abzuschirmen und den lästigen Gruppen wenigstens den Zugang zu den Schaltstellen der Macht zu versperren. Wer von den Ideen der Friedensbewegung infiziert war oder diese sogar maßgeblich förderte, mußte in den Parteien, in den Verbänden, selbst in der Amtskirche isoliert und jedenfalls von Schlüsselpositionen ferngehalten werden.

Solange der Großteil der bürgerlichen Presse fest in konservativer Hand und die Fernsehverantwortlichen bereit waren, Ausgewogenheit mit Anpassung gleichzusetzen, war nichts verloren. In Westdeutschland, Frankreich und Italien waren selbst Wahlen -- in der Sicht von HERMES -- relativ ungefährlich, da die größeren Parteien insgesamt auf der Nato-Linie operierten und nirgends gewillt waren, mit den Gruppierungen der Atomrüstungs-Gegner zu koalieren.

Was aber würde geschehen, wenn die Massenbewegung mehr und mehr auch in die Betriebe eindringen und in den Gewerkschaften Fuß fassen würde? Wie lange würden die Dämme noch halten?

An diesem Punkt hat SC seinen chronologischen Bericht plötzlich abgebrochen. Erst eine Weile später hat er noch eine Art Nachwort verfaßt. Daraus geht hervor, daß ihn eine schwere Krankheit befallen hatte, von der er sich offenbar nie wieder zu erholen vermochte. Er mußte aus dem HER-MES-Dienst ausscheiden.

Die wenigen Notizblätter aus der Sanatoriumszeit gehen mit keinem Wort auf das weitere politische Geschehen ein. SC läßt erkennen, daß er keinen erheblichen Zweifel an dem weiteren planmäßigen Ablauf des Programms hegte, welche Komplikationen auch immer eintreten könnten.

Aber diese Dinge beschäftigten den Kranken gar nicht mehr ernstlich. Statt dessen stellte er sich die Frage, was für eine Sorte Menschen die HERMES-Oberen eigentlich waren, und er formulierte am Ende ein bestürzendes Bekenntnis, das ich wörtlich zitieren möchte:

»Ich glaube, wir alle sind von einer ähnlichen Verrücktheit befallen wie manche der großen Schachmeister. Wir haben wie kleine Götter unsere Lust daran gehabt, Regierungen, Militärstäbe, Parteien und ganze Volksmassen wie Schachfiguren zu manipulieren. Und wir haben uns mit den großartigen Leistungen unserer Hirne gleichgesetzt. Aber keiner von uns hat je in der eigentlichen Wirklichkeit gelebt. Wir haben vielmehr die Wirklichkeit zu unserem Theater gemacht und uns an den Künsten unserer Regieführung ergötzt.

»Gewiß hatten wir recht damit, daß diese Zivilisation sich durch ihren unbeirrbaren Allmachtswillen zugrunde zu richten anschickte und daß sie nicht gerüstet war, die selbstpräparierte Not durchzustehen. Aber wenn wir uns in der Rolle von Ärzten dünkten, die dieser kranken Zivilisation ein würdiges Ende durch unsere Art der Sterbehilfe verschreiben dürften oder sollten, so hätten wir statt dessen besser getan, gleich selbst die Konsequenz zu ziehen, die wir den anderen verordnet haben.

»Denn inzwischen sehe ich uns und mich zugleich als die schlimmsten Produkte und Vertreter jener Megalomanie, die diese Zivilisation seit Jahrhunderten beherrscht hat. Wir haben den primitiven zynischen Totalitarismus, den der Hitler-Faschismus stümperhaft vorexerziert hat, verfeinert und auf eine vollendete Form gebracht. Wir sind gewissermaßen die personifizierte Entsprechung der Atomwaffenarsenale. Wüßte man von uns (eine Ahnung von unserer Existenz ist sicherlich verbreitet), müßte man uns vergöttern, so wie das deutsche Volk Hitler vergöttert hat.

»Ich begreife, daß ich in dem Moment krank werden mußte, als in mir erste Zweifel aufstiegen. Warum ich erst so spät und speziell in diesem Moment ein Stück der Wahrheit zu begreifen begann, die mich sogleich funktionsunfähig machte, vermag ich nicht eindeutig zu erklären. Aber unmöglich erscheint es mir nicht, daß die gewaltige Friedensbewegung, die ich zuletzt beschrieben habe, in mir den letzten verschütteten Rest jener Gefühle aufgerührt hat, von denen diese Bewegung in Gang gesetzt wurde.

»Ich hatte, als ich mir über mich selbst und über die eigentliche Bedeutung von HERMES klar wurde, zunächst beschlossen, Suizid zu begehen. Jetzt denke ich, ich sollte mein Ende abwarten. Ich will noch versuchen, meine Notizen sicher zu deponieren. Für wen? Wenn ich das wüßte!«

Soweit das Bekenntnis von SC. Über den historischen Ablauf der Schlußphase hat unsere Forschungsgruppe nur noch einen relativ groben Überblick gewinnen können. Jedenfalls ist die Friedensbewegung wieder in sich zusammengebrochen. Wie es HER-MES geplant hatte, inszenierten die sowjetische und die amerikanische Regierung eine Reihe von symbolischen Scheinverhandlungen.

Nach Jahren einer nahezu vollständigen Kommunikationsflaute, in welchen die Staatsmänner der Supermächte einander wie gekränkte Kleinbürger aus dem Wege gegangen waren, schien S.208 man nun wieder auf ein entspannteres Klima hoffen zu dürfen. Die beunruhigten Völker Europas ließen sich weismachen, sie sollten schön brav und still sein, um die Großen nicht bei ihren zaghaften Wiederannäherungsversuchen zu stören.

Wie unverbindlich die Verhandlungsresultate auch immer ausfielen, sie ließen sich doch als wirksame Propagandawaffe gegen die Friedensbewegung verwerten. Die HERMES-Psychologen behielten wieder einmal recht, die prophezeit hatten, daß eine kleine Nachhilfe von oben als Anstoß genügen würde, um bei der großen Mehrheit eine erneute Verdrängung der höchst unangenehmen Atomkriegsangst zu bewirken.

Diese massenhaften Verdrängungsprozesse funktionierten also wiederum wie ein magischer Vorhang, hinter dessen Schutz die Rüstungsindustrien beider Seiten zur Produktion der letzten Generation von Massenvernichtungsarsenalen ansetzen konnten.

Die Sowjets produzierten mit Hochdruck ihre gefürchteten Backfire-Bomber, ihre neuen gewaltigen Atom-U-Boote und die modernen eurotaktischen Systeme SS-21 und SS-22 weiter. Massenweise brachten sie SS20 in Stellungen, die für die Nato-Mittelstreckenraketen unerreichbar waren. Sie verbesserten ihre Killer-Satelliten und bauten die in Amerika ausspionierten Cruise missiles viel schneller nach, als man im Pentagon erwartet hatte.

Aber die Amerikaner hielten in dem Wettrennen mühelos mit. Sie entwickelten Marschflugkörper mit mehr als 2000 Kilometer Reichweite für die Marine und zogen damit vom Eismeer, dem Mittelmeer, dem Persischen Golf und dem Pazifik einen tödlichen Bedrohungsring um die Sowjet-Union. In Utah und Nevada bedeckten sie riesige Areale mit Abschußbunkern für das MX-Raketen-System.

Ein Vielfaches der Pershing II und der Cruise missiles, die der sogenannte Nato-Nachrüstungsbeschluß vorgesehen hatte, wanderten nach Mitteleuropa und Großbritannien. Über 2000 Lance-I- und Hunderte von Lance-II-Raketen ergänzten das Kurzstrecken-Vernichtungspotential der westeuropäischen Streitkräfte.

Daß die Amerikaner sich nicht davon abhalten lassen würden, ihre zunächst nur im eigenen Land gehorteten Neutronenbomben den widerstrebenden europäischen Partnern aufzunötigen, konnte nicht verwundern, nachdem der Präsident die Serienproduktion dieser fürchterlichen Waffe überhaupt freigegeben hatte.

Aber es dauerte nicht lange, bis auch die Sowjets ihre Raketen-Artillerie mit Neutronensprengköpfen zu bestücken vermochten. Eher im Gleichschritt, allerdings unter peinlich gewahrter Diskretion, erweiterten beide Supermächte stetig ihre Depots grauenhafter chemischer und bakteriologischer Massentötungsmittel.

Nachdem die Völker der Nato- und der Warschauer-Pakt-Staaten bereits vor dem letzten Beschleunigungsschub des nuklearen Wettrennens erfahren hatten, daß auf jeden Menschen dieser Länder umgerechnet 60 Tonnen des Sprengstoffes TNT entfielen, scheinen sie nicht mehr fähig gewesen zu sein, gegen die unvorstellbare weitere Steigerung der Bedrohung noch einmal eine nennenswerte Widerstandsbewegung in Gang zu setzen.

Wie Nachtwandler taumelten sie dem Abgrund entgegen, ununterbrochen berieselt von der Beschwichtigungsformel des Abschreckungsgleichgewichtes und der Beteuerung der Unfehlbarkeit der computergesteuerten Warn- und Verteidigungssysteme.

Wer konnte und genügend einfältig war, baute sich immerhin noch einen kleinen Bunker in seinen Garten, und wer viel Geld hatte und sich besonders schlau dünkte, reihte sich in den Nato-Ländern in die geheime Völkerwanderung nach Neuseeland, Australien und den Südseeinseln ein, wo Grundstücksspekulanten einen letzten großen Boom feiern konnten.

Nur zwischen einem raschen oder einem verzögerten, schleichenden Tod bestand noch die Wahl. Und für die zunächst noch Überlebenden, wenn es welche geben würde, würde gelten, was einer der letzten amerikanischen Präsidenten geweissagt hatte: Sie »würden in Verzweiflung leben inmitten der vergifteten Ruinen einer Zivilisation, die Selbstmord begangen hätte«.

Nach unseren Ermittlungen spricht vieles dafür, daß die Auslösung des finalen Infernos auf einer banalen technischen Panne beruhte. Ob dabei HERMES noch seine Hand im Spiele hatte, vermochte unsere Forschungsgruppe nicht mehr zu ermitteln. Jedenfalls erfolgte der erste Raketenschlag ohne Zutun irgendeines verantwortlichen Staatsmannes.

In Minutenschnelle eskalierten programmierte Aktionen und Gegenaktionen. Die Nachrichtenverbindungen brachen zusammen. Offenbar wurde aus Panik heraus auf viele Knöpfe gedrückt, was wiederum verheerende Kettenreaktionen auslöste, bis dann im allgemeinen Chaos nach und nach der gesamte Raketenvorrat in die Luft gejagt wurde.

Wir sind uns klar darüber, daß unsere Forschungen noch wesentliche Fragen offen lassen. Aber wir dürfen hoffen, daß nachfolgende Archäologen-Generationen zumal den Hergang des Schlußaktes noch vollständig aufklären werden. Ob uns indessen die widersprüchliche Mentalität dieser Selbstmord-Gesellschaft je voll begreiflich werden wird, wagt unsere Forschungsgruppe zu bezweifeln.

Ende

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