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Ausland Das Geräusch für Stille

Global Village: Wie eine Manga-Übersetzerin zwischen Ost und West vermittelt
aus DER SPIEGEL 8/2009

Am Abend, wenn hinter Tokios Wolkenkratzern die Sonne untergeht und in Modena, Norditalien, die Menschen gerade frühstücken, kämpft sich Simona Stanzani durch die Straßen von Akihabara, Tokios Ausgehviertel für Leute, die süchtig sind nach Mangas, nach Comic-Geschichten, gezeichnet mit hastigem Strich, gedruckt auf billigem Papier, die in Japan wöchentlich Millionenauflagen erreichen. Es ist Feierabend und voll auf den Straßen, Neonreklamen blinken von Dächern, Mädchen in sexy Schuluniformen verteilen Flyer für Karaokeschuppen, Jungs hocken in Spielhöllen und ballern.

Simona Stanzani, eine Italienerin, ist gerade erst aufgestanden, hat zwei Espressi getrunken und sich mit Tausenden Japanern in die U-Bahn gedrängt. Sie hat von einem neuen Club gehört, in dem sich Japaner als Helden ihrer Lieblings-Comics verkleiden, Cosplay heißt das und ist eine Art Kostümspiel, sehr beliebt in Japan. Stanzani ist Manga-Übersetzerin, sie braucht Inspiration.

Am Eingang des Clubs stehen zwei Japanerinnen mit Lätzchen und Schürzen und machen auf Dienstmädchen. »Willkommen zu Haus, Herrin«, säuseln sie mit hellem Stimmchen. »Was dürfen wir kredenzen?« Dann knicksen sie artig und bringen Getränke. Es erscheinen Mädchen und Jungs in Manga-Klamotten, sind Lolita, Teufel, Samurai. Werfen Münzen in Jukeboxen, tanzen, kreischen, fotografieren sich mit ihren Handys. Sie träumen sich in fremde Welten. In diesen Welten sitzt niemand in vollgestopften U-Bahnen, erschöpft vom 15-Stunden-Tag. In diesen Welten dürfen Japaner kühn sein und sexy und sie selbst - und sind es natürlich nicht. Sie spielen Rollen, sprechen mit fremden Stimmen, es ist sehr laut hier und verwirrend, man verliert schnell den Überblick.

»Sie toben sich aus, sie lassen Dampf ab«, sagt Stanzani, das müsse man in Japan von Zeit zu Zeit, sonst werde man verrückt. Zu viel Stress am Arbeitsplatz, zu viel Druck von den Familien, noch fleißiger, noch länger zu arbeiten.

Stanzani ist eine der wenigen Ausländer, die japanische Mangas für den westlichen Markt übersetzt. Stanzani hat einen harten Job, es geht nicht um Sprechblasen allein. Es geht darum, Europäern die Eigenarten der japanischen Gesellschaft zu vermitteln. Ihr größter Auftraggeber ist Panini aus Modena, groß geworden mit Klebebildchen von Fußballern, mittlerweile auch spezialisiert auf Mangas. Ihre Fan-Gemeinde lobt sie für ihr Hintergrundwissen und ihr Einfühlungsvermögen.

Stanzani ist Ende 30, ihr genaues Alter verrät sie nicht, das wäre, sagt sie, geschäftsschädigend, der durchschnittliche Manga-Leser sei um die 20, auch in Europa.

Als sie zehn Jahre alt war, sah sie die Zeichentrickserie »Heidi« im italienischen Fernsehen, kulleräugige Wesen mit staunendem Mund, entworfen von dem Japaner Yoichi Kotabe. Dann sah sie den Weltraumroboter »Grendizer«, war wie verzaubert und ist es bis heute. Sie begann, sich in diesen Welten zu Hause zu fühlen, mehr als im wahren Leben, in Bologna, in der Vorstadt.

Mit 15 lernte sie Japanisch, es war Mitte der achtziger Jahre, es gab noch kein World Wide Web. Sie hatte 50 Brieffreunde, sie schrieb auf Englisch, die Japaner antworteten mit Schriftzeichen. Als sie 17 war, nervte sie einen Japanischprofessor an der Universität von Bologna so lange, bis er sie an seinen Seminaren teilnehmen ließ - ohne Abitur.

Seit drei Jahren lebt Stanzani in Tokio. Es war, als sei sie nach Hause gekommen. Wie es anderen Menschen ergeht, wenn sie zum ersten Mal in New York sind und meinen, die Stadt zu kennen, weil sie Filme gesehen haben, die dort spielen.

Sie lebt in einem winzigen Zimmer an einem Kanal, wo im Frühling die Kirschbäume blühen. Bis frühmorgens sitzt sie an ihrem Powerbook und denkt darüber nach, wie man Geräusche übersetzt. Geräusche sind entscheidend in Mangas, das Hin- und Hergesause im Weltall, die Kämpfe, der Lärm der Großstadt, die Gewalt. Meist spricht sie sich die Geräusche laut vor, um sie dann in Buchstaben zu übertragen. Wie mag es auf Italienisch klingen, wenn ein Augapfel gegen eine Wand klatscht? Und wie übersetzt man das japanische Geräusch für Stille?

Zwischendurch poppen auf dem Bildschirm ihres Rechners Fenster auf mit den Nachfragen der Redakteure in Modena. Dreimal gehen die Übersetzungen für die Mangas »Air Gear« und »Bleach« hin und her. Jedes Wortspiel muss stimmen, jeder Fachbegriff aus dem Buddhismus, jede Anspielung auf japanische Kaiser, Kriege, Mafia. 200 Seiten hat eine Manga-Folge im Schnitt, Stanzani sitzt eine Woche daran, oft länger. Um zu überleben im teuren Tokio, muss sie so viel arbeiten wie Japaner, rund um die Uhr.

So kommt es, dass Simona Stanzani ein Manga-Leben führt, sie ist ein Otaku, so nennt man in Japan Hardcore-Fans, die mehr Zeit in virtuellen Welten verbringen als mit anderen Menschen. Manchmal weiß sie nicht, welcher Wochentag ist, ihr einziger Kontakt ist der Pizzabote oder der Kurier, der neue Folgen zum Übersetzen bringt. Manchmal spricht sie mit kiecksiger Stimme, wie die Figuren aus den Trickfilmen, wenn sie sagt, dass sie sich wieder die Augen ausgeheult habe, weil der Held aus dem Manga, das sie gerade übersetzt, getötet worden sei. »In meinem Herzen«, sagt sie, »bin ich immer noch 14.«

Es ist kurz vor Mitternacht, in Modena bei Panini nehmen sie ihren Nachmittagsespresso, Stanzani nimmt die letzte U-Bahn. An ihrem Powerbook werden gleich die Fenster mit den Fragen aufpoppen, Miniröcke werden höher rutschen und Roboter gegen Monster kämpfen. Aber jetzt, kurz vor ihrer Wohnung, biegt sie noch einmal rechts ab. Ein Tempel. Sie verbeugt sich dreimal, schlägt die große Glocke und betet. Es geht um die Gleichzeitigkeit der Welten. Cyber und Buddha, Moderne und Tradition, Yin und Yang. FIONA EHLERS

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