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DAS GLÜCK MIT LINDA

Es wurde gesagt, Charlie sei ein skrupelloser Verführer, ein Rosputin. In Wahrheit hat er nur die Mädchen aufgehoben, die man hatte fallenlassen. Paul Fitzgerald, Verteidiger
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 32/1970

Jeder hat es mit jedem getrieben. Alle waren nackt. Es war, als ob alle eins wären, Männer und Frauen, alle durcheinander, jeder und jede mit jeder und jedem: es spielte keine Rolle, wer grade neben, über, unter einem war.

Staatsanwalt Vincent Bugliosi, denn die Geschworenen sollen es nicht nur schmecken, sondern daran schlucken bis zum Brechreiz, setzt nach, als könnte vielleicht doch noch irgendwer im Saal vermuten, es sei hier von Kuchenbacken mit Sandförmchen die Rede: »Ist es zu Geschlechtsverkehr gekommen?«

Die Zeugin Linda Kasabian, sie trägt ein rot-weißes Dirndl mit roter Schürze, und links und rechts von ihrem Gesicht schwippen zierlich Zöpfchen hervor, während sie auf dem ledergepolsterten Zeugenstuhl, einem Drehstuhl, ein wenig hin, ein wenig her schwingt: »Davon rede ich ja die ganze Zeit.«

Und jetzt erst, Staatsanwalt Bugliosi versteht sein Geschäft, er hat seine Frage mit einem ungreifbaren Zögern vor der Wendung für »Geschlechtsverkehr« gestellt, mit einem Zögern, während dessen Sekundenbruchteil man Mister Bugliosi in einer quergestreiften, bis zur Wade reichenden Badehose und auf einem wenigstens fünfzig Meter hohen Felsen über dem Pazifik vor dem Sprung in die Brandung zögern sah: jetzt erst geht ein Ruck, der Ruck, jener Ruck durch die Anwesenden.

Jeder mit jedem, alle nackt und gleichgültig, wer gerade über einem war: was soll das Gerede? Das sagt nichts, das rührt Vorstellungen nur auf, die Sache muß im Lichtkegel eines Scheinwerfers sichtbar werden, ein Wort, das Wort muß her, nichts hat sich abgespielt, solange das Wort nicht gefallen ist.« Geschlechtsverkehr« -- davon hat die Zeugin die ganze Zeit geredet. Das war es. Das ist es. Und nun kann endlich auch ein Ruck, der Ruck, jener Ruck durch die Anwesenden gehen.

In diesem Land schreiben Wallace, Sutton, Robbins und die. Susann ihre Bestseller. Wie Fred es mit Kate macht und wie Cindy kam, als Perry ihr das Massagegerät erklärte, mit dem er sie zum sechzehnten Geburtstag beschenkt hatte, ist in Legionen von Taschenbüchern nachzulesen, die pro 100 Straßenmetern downtown mindestens an einer Stelle angeboten werden. Doch in den meisten US-Bürgern, die diese und andere Produkte neuerer Freizügigkeit genießen, die etwa den Vibrator in Penisform -- in Weiß natürlich, aber auf Wunsch auch ebenholzfarbig -- neben der Kasse des redlichen Drugstore so gelassen betrachten und kaufen wie die Lockenwickler und die Erdnüsse, die ihn garnieren, ist ein schluchzender Puritaner verborgen. Und der redet sich ein, es geschähe nicht, was geschieht, und was er tut, das würde er niemals tun.

Es gibt Amerikaner, die glauben nicht nur an My Lai nicht: die halten sogar die Mondlandung für eine Propagandamasche, weil ein solcher Griff und Schritt in Gottes Kosmos die Wurzeln ihrer Weltvorstellung verwirren würde. Der Manson-Prozeß hat am Freitag vorletzter Woche begonnen, nach einer Schlacht um die Benennung der Jury-Mitglieder, die nicht enden wollte, die an die 150 Kandidaten verschliß. Nun ist es soweit, man hat schon gemeint, es würde nie mehr soweit kommen -- und nun tut man, als sei soeben, in diesem Augenblick und unter dem heitersten Himmel ein Vulkan explodiert.

Mit einer Flut von Veröffentlichungen ist die Realität des Manson-Falles verdrängt worden. Man hat die Ermordung Sharon Tates, der schönen, jungen, ein Baby erwartenden Actrice so total erzählt, gedruckt, gefilmt und gesendet -- daß sie schließlich so unwirklich war, wie Jacqueline Susanns »Tal der Puppen« (in dem Sharon ja auch mitgespielt hatte, und das erleichterte ihre Entrückung; das Bemühen, aus dem ganzen Greuel eine Bilderfolge zu machen, denn Bilder sind ja »nur« Bilder).

Doch das ist jetzt der Prozeß, im achten Stock der Hall of Justice, einem Moabiter Kriminalgericht in Kalifornien, einer erlesenen Scheußlichkeit mit Aircondition und einer- Batterie mächtiger Fahrstühle, die von uniformierten, auf barstuhlähnlichen Hockern kauernden Negerinnen bedient werden. Ein uniformierter Neger befiehlt mit dem Klappern einer Kastagnette den dunklen Fahrerinnen die Abfahrt zum Acheron Im achten Stock hinauf.

Der Prozeß gegen »Charles Manson und seine Bande« hat begonnen, und er ist natürlich schon jetzt der »Prozeß des Jahres«, wenn nicht gar der »des Jahrhunderts«, man darf da nicht kleinlich sein. Die Mehrheit der Amerikaner erwartet einen Prozeß, der eine Wucherung entfernt; einen Prozeß also, der die Dinge, die nun einmal zu erörtern sein werden, in jener Sphäre des Phantastischen, Unglaubhaften und Unwirklichen beläßt, in die hinein man sie erzählt, gedruckt, gefilmt und gesendet hat. Nicht einmal wie ein böser Traum, sondern wie die schlechte Inszenierung eines unmäßig forcierten, übertreibenden, kurzum völlig unglaubhaften Stückes soll alles vorüberziehen,

Der amerikanische Strafprozeß in seinem gegenwärtigen Zustand gibt der amerikanischen Mehrheit, die das und nichts anderes wünscht, die vollkommene Chance, den Mahnungen, den Warnungen und sogar den Drohungen zu entrinnen, von denen der Fall Manson birst. Dieser in seiner brutalen Verworrenheit so gezielte Angriff auf das Selbstverständnis einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft kann mit den Mitteln und Praktiken des Strafprozesses mühelos abgeblockt werden.

Der amerikanische Strafprozeß ist heute eine perfekte Waffe gegen die Erkenntnisse, die sich gelegentlich von Kapitalverbrechen anbieten. Staatsanwalt Bugliosi ist denn auch glücklich, »mit Linda zusammenzuarbeiten«. Doch sein Glück mit Linda, der als Kronzeugin der Anklage eine weitgehende Straffreiheit in Aussicht gestellt wurde -- ist ein Glück, das der Beobachter der amerikanischen Szene nicht teilen kann.

Linda Kasabian, 21, Mutter von zwei Kindern, eines hat sie nach ihrer Verhaftung geboren, befindet sich in jenem privilegierten Zustand, der allen Konventionen Hohn spricht. Sie kann andere belasten -- und geht dafür frei aus, was ihre eigene Belastung angeht. Sie spielt eine Rolle, und wie sie diese spielt. Man mißtraut sogar ihren Tränen, dem minutenlangen Schluchzen, mit dem sie in Los Angeles in der vergangenen Woche nicht wenige rührte.

Denn diese Tränen und dieses Schluchzen sind einträglich. Natürlich geht Linda Kasabian als Kronzeugin auch auf manche Pein ein: auf das Kreuzverhör durch die sechs Verteidiger der vier Angeklagten, das am Donnerstag vergangener Woche begonnen hat.

So ein Kreuzverhör ist fraglos eine Tortur, die Patrone, die Staatsanwälte mögen ihrer stärksten Waffe noch so emsig beispringen, indem sie die Zulässigkeit von Fragen beanstanden. Doch hinter dieser Tortur winkt die Freiheit, während auf die von der Kronzeugin belasteten Angeklagten möglicherweise die Gaskammer wartet. Das ist ein gutes Medikament gegegen die Quälerei des Kreuzverhörs. Da sitzt nun die junge Frau mit den Zöpfchen und beschreibt ein für die Anklage wichtiges Asservat aus dem Kopf: Doch wann hat sie dieses Asservat, eine Brieftasche, tatsächlich gesehen? Als Manson es ihr nach dem Mord an den La Biancas zum Wegwerfen gab -- oder unter den Fittichen der Anklage?

Die Institution Kronzeuge dient dem Ziel, eine Verurteilung zu erreichen. Der Preis, der für eine Verurteilung derart gezahlt wird, ist sehr hoch. Es ist nicht nötig, darüber zu streiten, oh und wieweit der Preis zu rechtfertigen ist. Denn in jedem Fall wird für diesen Preis die Möglichkeit einer Aufklärung geopfert, die zu Lehren führen könnte, wie sie gelegentlich von Strafsachen zu gewinnen sind.

So kann es für Staatsanwalt Bugliosi auch auf die intensivste Weise ohne jede Bedeutung sein, ob Linda Kasabian LSD genommen hat. Mit Sicherheit, wenn er nächstens einen Rauschgifthändler anklagt, wird LSD das Grab der Menschheit für Mister Bugliosi sein. Und so muß Verteidiger Paul Fitzgerald aus Linda Kasabian herausfragen, daß sie an die fünfzigmal während vier Jahren in den Regionen mit der Droge auf Reisen war, in denen man zwischen Wachen und Traum schwebt. Die Staatsanwälte werden ihre Kronzeugin, nachdem diese die Verteidiger überstanden hat, erneut aufrufen. Und dann werden sie sich von Linda Kasabian natürlich versichern lassen, daß ihr Wesen und ihre Wahrnehmungsfähigkeit durch fünfzig Trips keinen Schaden genommen haben. Schäden nach LSD sind für die Anklage erst wieder gelegentlich eines Rauschgifthändlerprozesses bedeutsam.

Da allerdings gerät man nun in einem Detail des US-Strafprozesses -- in seiner verlogenen Realität -- an jene Unwirklichkeit und Unaufrichtigkeit, gegen die Manson seinen verrückten, tollwütigen Angriff gerichtet hat. Der Manson-Prozeß, der zwischen drei bis fünf Monate dauern dürfte, hat erst begonnen, und vorerst ist nicht mehr geschehen, als daß Linda Kasabian in Tränen und schluchzend erzählt hat, was bislang, nur ohne die Tränen und das Schluchzen, zu lesen, zu hören und zu sehen war. Obmann der Jury ist ein pensionierter Sheriff jenseits der siebzig. Die Jury, so will es der amerikanische Glaube, ist unbefangen, obwohl keinem ihrer Mitglieder auch nur eine Einzelheit des Falles Manson unbekannt bleiben konnte, die den Mitgliedern der Jury jetzt dennoch zum erstenmal bekannt wird.

Mittags und abends wird die Jury ins Ambassador gebracht, wo Robert Kennedy ermordet wurde und wo man sie einschließt, als gäbe es noch die Unbefangenheit dieser Jury, weil es diese nun einmal zu geben hat. Wie Sharon schrie, wie das Blut strömte: dem muß man die Jury jetzt wirklich ungestört überlassen. Schließlich sind die Mitglieder der Jury diesen Eindrücken seit August 1969 ständig ausgesetzt gewesen. Doch der US-Strafprozeß ist als Inbegriff der Fairneß ein Stück des Bodens, auf dem die Staaten leben.

Fern von Los Angeles, in Texas, widersetzt sich Charles Watson, ehemals am College ein Star in jeder Hinsicht, seiner Auslieferung nach Kalifornien, da ihm dort kein fairer Prozeß gemacht werden würde. Charles Watson, der im Haus Sharon Tates und bei den La Biancas Anführer und vor allem Ausführender gewesen sein soll auf Geheiß Mansons, nutzt ein besonders eindrucksvolles Entgegenkommen des amerikanischen Strafverfahrens aus. Seine Auslieferung wird fleißig beschlossen, und immer wieder steht ihm ein Einspruch gegen den Beschluß zu. Was verdient nun tatsächlich die Bezeichnung »fair« oder »liberal« oder »Rechtsgarantie«?

Verteidiger Fitzgerald hat während der Publikations- und Redeschlacht, die dem Prozeß wie üblich voranging und während derer sich Anklage und Verteidigung unter beiderseitiger Berufung auf die Gerechtigkeit malträtierten, wie weiland die Helden vor dem Kampf, etwas sehr Richtiges gesagt: daß Manson, der ohne eine andere Chance als die zum Angriff aus der Gosse kam, kein Rasputin war und Mädchenfäller, sondern ein Bursche, der aufhob. was man hatte fallen lassen. Linda Kasabian, im Kreuzverhör, ergänzt die Darstellung der »Jeder-hat-es-mit-jedem-getrieben«-Szene. Sie hat es mit Leslie, mit Tex, mit Snake und zuletzt auch noch mit Clem getan.

Es war »Geschlechtsverkehr«, was geschah, und so geht wieder der Ruck durch die Anwesenden und durch die Dame in der Jury im besonderen, die ihre weißen Handschuhe noch nicht einmal abgelegt hat. Bei Wallace, Sutton, Robbins und der Susann las sich ähnliches so unglaubhaft schön. Wie ist es nur möglich, daß all das tatsächlich passiert sein soll, worüber hier verhandelt wird.

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