Zur Ausgabe
Artikel 21 / 50

SCHACHT Das Hängen geht anders rum

aus DER SPIEGEL 38/1950

In Lüneburgs Gymnastikkränzchen zeigte sich Frau Riege letzte Woche sehr verärgert. Die Journalisten im Logenhaus konnten ihr gar nicht gefallen. »Was die nur immer gegen uns haben. Wir wollen doch nur, daß er in Fünf kommt«.

»Wir« war Ehemann Arnold Riege, Direktor der Landeskrankenhilfe. Unter »er« lief selbstverständlich Hjalmar Schacht, den von letzten NS-Belastungen zu befreien, Ehemann Arnold beizusitzen berufen war.

Mit Ehefrau Rieges deutlichem Vorweg-Urteil war eigentlich Schachts Lüneburger Entnazifizierungsbescheid (Gruppe V) schon gefällt. Es stimmte genau mit dem vorlauten Versehens-Ausspruch des Beisitzerkollegen August Sewald überein, der nach Schachts heftigen Schlußworten ein an den Pressetischen noch deutlich vernehmbares »Sehr richtig!« nicht verdrücken konnte. Beruflich richtet sich August Sewald als Taxenbesitzer nach der Parole »Augen auf im Straßenverkehr« Während der Vormittagssitzungen des Schacht-Prozesses machte er häufiger von dem gesetzlich verbrieften Vorrecht des Richters Gebrauch, sich mit geschlossenen Augen konzentrieren zu dürfen.

Beisaßen weiter der Klempnermeister Louis Schmidt aus der Altstadt, der Rektor Karl Heine, bis 1933 Heeresfachschullehrer, und der Kaufmann Hartzig. Ihn hatte die SPD noch in letzter Minute vom Schacht-Beisitz »zurückziehen« wollen, weil er aus der Partei ausgetreten war. Sie hatte keinen Erfolg damit.

Vorsaß Landgerichtsrat Rudolf Skrodski. Sein Name wird regelmäßig falsch geschrieben und falsch gedruckt. Er ärgert sich entsprechend darüber. Nach dem ersten Weltkrieg amtete, wie die Personalstelle beim Landgericht Lüneburg weiß, der königlichpreußische Richter Skrodski weiter im polnisch gewordenen Konitz. Die Option für Polen rettete ihm auch sein Landgütchen. Nach 1939 gemeindete ihn die großdeutsche Wehrmacht wieder ein. Das geschah damals volksgruppenweise.

Vor dem Spruch beschenkte der Oeffentliche Kläger, Senatspräsident a. D. Becker aus Göttingen, die sechs Schacht-Richter noch mit dem ehrenvollen Titel »kühne Schwimmer«. Ihre Berufung zu dem hohen Säuberungsamt sei nämlich der Beweis dafür, daß sie auch früher schon gegen den Strom geschwommen seien.

Der Zuhörerraum murrte leise.

Später murrte Vorsitzender Skrodski: Er verbat sich das Lesen im Zuschauerraum. Ein Journalist beschwerte sich. Ihm blieb es erlaubt: »Aber nur die Schacht-Berichte Ihrer Kollegen!«

Beim zweiten Verfahrens-Zwischenfall begnügte sich Vorsitzender Skrodski nicht mit dem Murren. Er handelte. In der 11-Uhr-Verhandlungspause am 2. September war der zuhörende Zahnarzt Dr. Ließ mit Beisitzer-Rektor Heine im Treppenhaus ins Gespräch gekommen. Dabei konnte es sich der Zahnarzt nicht verkneifen, mit deutlicher Blickwendung zu konstatieren: »Ich habe bei den Nürnberger Prozessen bereits gesagt: Die Welt ist rund und dreht sich, und das Hängen geht noch mal anders rum.«

Kaum war die Verhandlung wieder eröffnet, warf Beisitzer Heine das Ließ-Wort in die Debatte. Der Ausschuß fühlte sich offensichtlich bedroht. Vorsitzender Skrodski fragte bei dem wieder im Zuhörerraum sitzenden Zahnarzt rück. Ließ: »Das ist mein Recht zur Kritik.« Skrodski: »Hundert Mark Ordnungsstrafe!«

Dr. Ließ will nicht bezahlen. Er hat nicht während der Verhandlung wörtlich geschossen, er tat es auch nicht im Sitzungssaal. Von Ungebühr vor Gericht könne also nicht die Rede sein: »Ich darf doch wohl noch sachlich feststellen, daß üblicherweise nach den Methoden der letzten Jahrzehnte bei einem politischen Wechsel die politischen Gegner rücksichtslos bestraft wurden. Stimmt das etwa nicht?«

Bei der Regierung am Ochsenmarkt rechnete Oberinspektor Koppermann die ganze Zeit über an den Kosten des Schacht-Verfahrens. Einen Spar-Punkt konnte er sofort verbuchen: Zeugen waren nicht geladen worden. Sonst wäre es noch teurer geworden.

Oeffentlicher Kläger Becker bezog neun Monate lang für Schacht ein Gehalt von 760 DM, das macht zusammen 6840 DM. Sein Gehilfe, Herr von Schönfels, arbeitete 11 Monate am Schacht. Weil er aber während dieser Zeit noch andere. Dinge zu erledigen hatte, kann sein 840-DM-Gehalt nur drei Monate voll und die übrige Zeit nur halb für Schacht angerechnet werden. Das macht 5880 DM.

Zwei Monate weilte Württembergs Oeffentlicher Kläger Ketterer in Lüneburg. Für 1400 DM. Dann wurde dankend auf seine Sachkenntnis und Mitwirkung verzichtet.

Für den Vorsitzenden Skrodski müssen, da er vom 1. März bis Ende September ausschließlich für Schacht freigestellt war, und sein Gehalt von der Regierung übernommen wurde, 5715,50 DM aufgeschrieben werden. Hinzu kommt eine Monatspauschale von 100 DM an Stelle von Sitzungsgeldern und eine Monatspauschale von 100 DM als Aufwandsentschädigung. Beide. Pauschalen zusammen: 1400 DM.

Billiger waren die fünf Beisitzer. Für jede Tagung, die einschließlich der Pause über vier Stunden dauerte, bekamen sie 15 DM. In summa: 1275 DM.

Die Saalmiete schätzt Koppermann auf 140 DM. Für die sonstigen Kosten, als da sind Aktentransporte, Reisen von und nach Hannover und die Honorare für Schreibkräfte und den Protokollführer, setzt Koppermann noch einmal 500 DM ein.

Als er dann den Schlußstrich zog, standen runde 23150,50 DM auf der Rechnung. Sollten die Beisitzer, soweit sie selbständig sind, sich noch ihre Verdienstausfälle ersetzen lassen wollen, kommt noch einiges hinzu.

Hjalmar Schacht zahlt die Mindestgebühr für Entlastete: 20 DM.

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 50
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.